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Berichte

Packend und überzeugend

Tanzplattform Deutschland in Dresden · Von Alexandra Karabelas

Die Tanzplattform Deutschland muss ein Leuchtturmprojekt werden, ähnlich wie das auch finanziell besser ausgestattete Berliner Theatertreffen, forderte Bertram Müller. Er war als Leiter des Tanzhauses NRW in Düsseldorf einer der Co-Veranstalter der zehnten Tanzplattform Deutschland, die in diesem Jahr in Dresden stattgefunden hat. Es war das Schlusswort nach einer kleinen Diskussion im Kreis jener Leute, die sich in Deutschland seit Jahrzehnten um das Feld des zeitgenössischen Tanzes kümmern, es für seine Choreografen und Tänzer bestellen und sich dabei auch selbst einen Namen gemacht haben.

 

Zum Gespräch eingeladen hatte der Dachverband Tanz Deutschland, der, wie Geschäftsführer Michael Freund erklärte, die einzelnen Anliegen zur Situation des Tanzes in Deutschland bündeln und auf einer überregionalen Ebene kommunizieren und damit dringlich machen möchte. Eines davon: Soll sich die Biennale „Tanzplattform Deutschland“ mit ihrer Konzentration auf den zeitgenössischen Tanz gegenüber den Stadt- und Staatstheatern öffnen? Und wenn ja, wie könnte jener unter gänzlich anderen Bedingungen, Möglichkeiten und Zwängen produzierte Tanz mit den Spielformen und Herkünften des freien, finanziell immer weitaus ärmeren zeitgenössischen Tanzes auf einer zukünftigen Tanzplattform Deutschland zusammengehen?

Der offene, in den zahlreich vorgetragenen Positionen sich widersprechende Ausgang der Diskussion, bei der neben Müller die Stellvertretende Intendantin des Staatsballetts Berlin, Christiane Theobald, und Bettina Milz, Co-Veranstalterin der Tanzplattform 2006, auf dem Podium saßen, spiegelte die alten und aktuellen Herausforderungen, denen sich das Format der Tanzplattform stellt: zuvörderst und immer noch die notwendige Stärkung der freien zeitgenössischen Tanzszene durch ihre Sichtbarmachung und Vermittlung. Wie unnötig oder besser: wie präzise etwaige künstlerische Positionen aus dem Feld der Stadt- und Staatstheater für die eigenen Ziele kuratiert werden müssen, trat vor diesem Hintergrund noch stärker ins Bewusstsein.

Wie und was also war die Tanzplattform Deutschland 2012? Kurzum, in erster Linie ein Showcase, ein Branchentreffen, bei dem zehn per Jury ausgewählte, repräsentative und international überzeugende Positionen Tanzkunstkäufern aus der ganzen Welt im berühmten Festspielhaus Hellerau vorgestellt wurden. Angereist waren über 450 Veranstalter, sahen sich mit einem insgesamt knapp 7.000 Besucher umfassenden Publikum um, sprachen die eine und andere Einladung für die allesamt tourneetauglichen Stücke aus und bestimmten auf diese Weise bei den meisten Choreografen über deren künftigen Bedeutungszuwachs mit.

Um sie zu locken, waren neben Choreografen wie beispielsweise Christoph Winkler, Antonia Baehr, Laurent Chétouane, Anna Konjetzky, Sebastian Matthias oder Malou Airaudo mit dem Ensemble „Renegade“ vier Blockbuster gesetzt: Constanza Macras mit ihrem Ensemble „Dorky Park“, Sasha Waltz, Meg Stuart und William Forsythe. Was unter dem Gesichtspunkt der Vermarktung aufging, erwies sich in programmatischer und künstlerischer Hinsicht teilweise als problematisch. So blieben die Bravo-Rufe bei Macras globalisierter Oberflächenkratzarbeit „Berlin Elsewhere“ wegen zu starker Episodenhaftigkeit und einem qualitativ wenig differenzierten Tanz aus. Waltz´ Performance war ungünstigerweise direkt vor Forsythes Premiere mit dem Ballett der Semperoper terminiert, so dass die Leute in Scharen wegliefen – zum Teil erleichtert, weil Waltz‘ Konzept, ihre Museumsarbeiten im bürgerlichen Kontext der Stadttheatersituation neu zu formulieren, nicht aufging und schlicht stellenweise unter anderem wegen der dort zu oft gesehenen Formensprache und den teilweise arg strapazierenden zeitgenössischen Kompositionen langweilte. Einzig Forsythe bestand die Prüfung durch die Wild Card, was jedoch bei seinem grenzenlosen und prägnanten Kunstdenken nicht verwunderte und darüber hinaus wieder einmal mehr begeisterte.

Allein schon deswegen war die zehnte Tanzplattform Deutschland kein Best Off, wie Jurorin Carmen Mehnert behauptete. Hinzu kommt: Trotz einer in weiten Teilen überzeugenden Künstlerauswahl hatten es die Netzwerke zwischen München, Hamburg und Berlin auch diesmal zu einer beschämenden Unterrepräsentation von Choreografen aus Deutschlands Süden kommen lassen. Die meisten eingeladenen Vertreter arbeiten in Berlin, Hamburg und NRW, deckungsgleich ist die geografische Verteilung der insgesamt knapp sechzig im Programmbuch vorgestellten Choreografen. Dadurch verliert das mögliche Spektrum an Weite und reduziert den repräsentativen Anspruch, auch wenn dies zu einem guten Teil durch eine durchdachte Programmauswahl inklusive einem zusätzlichen Pitching kompensiert werden konnte, bei dem sich zehn weitere Choreografinnen wie beispielsweise Stephanie Thiersch, Zufit Simon oder Silke Z. vorstellen durften. Ästhetisch ließen sich grob zwei Bereiche unterscheiden: Jene Choreografen, die, wie Chétouane, Konjetzy, Airaudo oder Winkler, ihr Werk über die Kommunikationsmedien eines empfindenden Körpers, einer sprechenden Bewegungsphrase und einer Sinn stiftenden Choreografie gebaren. Grandios in diesem Zusammenhang: Christoph Winklers packendes Tanzdrama „Baader – Choreografie einer Radikalisierung“, Mailou Airaudos Werk „Irgendwo“ für das ungewöhnliche Ensemble Renegade, das zeitgenössischen Tanz und HipHop mischt, und Anna Konjetzkys nahe gehendes Künstlerinnenbekenntnis „Abdrücke“. Überzeugend avantgardistisch: Chétouanes gelungener Versuch einer Rückgewinnung des Pathos in „Horizon(s)“. Tanz erscheint bei ihm wieder, anknüpfend an die Ideen der Pioniere der Tanzmoderne, als ganzheitliche Darstellung des homo sapiens ludens, der sich schlicht hingibt. So echt im Spiel hat man das zuletzt nicht oft auf der Tanzbühne gesehen.

Ihnen gegenüber die Gruppe jener Grenzgänger wie Antonia Baehr, Sebastian Matthias oder die Mitglieder das Choreografenkollektivs Ioannis Mandafounis, Fabrice Mazliah und May Zarhy, die „Cover Up“ präsentierten. Sie unternehmen ihre künstlerischen Forschungsreisen unter den Aspekten von Choreografie als Organisation und Struktur und Bewegung als Mechanismus. Ihr Verdienst ist es, auf eigene Weise die Grenzen von Tanz sichtbar zu machen.

Was können wir besser machen, fragten die Veranstalter das Publikum zum Schluss der Tanzplattform? Eine Antwort kam schnell: noch mehr Choreografen in das Pitching aufnehmen und die regionalen Tanzszenen stärker berücksichtigen. Man wird sehen, welche Akzente Amelie Deuflhard, die die nächste Tanzplattform 2014 in Hamburg ausrichten darf, setzen wird.

Alexandra Karabelas


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