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Theater für die Friedensstadt

Über den Start des neuen Intendanten in Osnabrück · Von Christian Tepe

Als Ralf Waldschmidt im August 2011 seine erste Intendanz am Theater Osnabrück antrat, fand er fast ideale Arbeitsbedingungen vor. Das gut aufgestellte Haus genießt überregionales Ansehen, ist bei den Bürgern populär und von den Kommunalpolitikern wohlgelitten. Es war Holger Schultze, der mit einer extrem offensiven Marketing-Strategie und einer hohen Schlagzahl an spektakulären Events das Stadttheater seit 2005 in die medialen Aufmerksamkeitszonen katapultiert hatte, so dass sich die Osnabrücker bald verwundert die Augen rieben. Bei der Suche nach einem Nachfolger für den so überaus erfolgreichen Holger Schultze war man deshalb sehr gut beraten, nicht nach einer Art Dublette Ausschau zu halten, sondern mit Ralf Waldschmidt einem Theatermann von ganz anderem Naturell die Intendanz anzutragen. Waldschmidt und sein Team erobern die Stadt nicht allein durch die öffentliche Omnipräsenz des Theaters wie bei dem bereits von Schultze begründeten Festival „Spieltriebe“, sondern sie öffnen umgekehrt gezielt auch das Theater für die komplexe Geschichte der Stadt des Westfälischen Friedens. Das ist in dieser Konsequenz neu und hat mit der Premiere von Karl Amadeus Hartmanns selten gespielter Oper „Simplicius Simplicissimus“ bereits erste Früchte getragen.

Jesse Hanse, Erik Spruijt, Chris Bauer und Mallika Baumann in Nanine Linnings Tanzproduktion „Cry Love“. Foto: Kalle Kuikkaniemi.

Jesse Hanse, Erik Spruijt, Chris Bauer und Mallika Baumann in Nanine Linnings Tanzproduktion „Cry Love“. Foto: Kalle Kuikkaniemi.

Die aktuelle Saison ist jedoch im Tanz- und Musiktheater insgesamt noch als eine Phase des behutsamen Übergangs zu charakterisieren. Für den Tanz kommt die große Zäsur erst im Sommer 2012, wenn die derzeitige Chefchoreografin Nanine Linning Holger Schultze nach Heidelberg folgt und dann Mauro de Candia als neuer künstlerischer Leiter, unterstützt von der renommierten Bremer Tanzexpertin Patricia Stöckemann, der Osnabrücker Compagnie wohl ein völlig neues Gepräge verleihen wird. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Nanine Linning die Tanzsparte in Osnabrück nach einer durchwachsenen Phase unter ihrem Vorgänger Marco Santi gerettet hat. Und man kann ihr dieses Verdienst nicht hoch genug anrechnen, unbesehen der streitbaren Ästhetik ihrer durchaus unverwechselbaren Schöpfungen wie zum Beispiel „Cry Love“, einer als „Linning-Klassiker“ apostrophierten Produktion, die im Winter am Theater Osnabrück der großen und enthusiastischen Fangemeinde der Niederländerin präsentiert wurde.

Tänzer wie Schlachtvieh

Das neue Tanzteam: Mauro de Candia

Das neue Tanzteam: Mauro de Candia ...

„Cry Love“ beginnt mit einem obskuren Experiment, wenn die Zuschauer auf dem Weg zu ihren Plätzen über die Bühne umgeleitet werden, wo die Tänzer und Tänzerinnen wie Schlachtvieh kopfüber vom Schnürboden herabbaumeln, dabei teils heftig strampeln und stöhnen, teils regungslos verharren. In scheuer Ehrfurcht vor der hehren Kunstaktion wandeln die nolens volens zu Voyeuren mutierten Zuschauer unter den Körpern einher; niemand wagt es, Einhalt zu gebieten oder den bisweilen ausgestreckten Arm eines der Tänzer zu ergreifen. Es ist fast unmöglich, einfach schauend vorüberzugehen – und doch tut genau das jeder: ein beklemmendes Szenario. Sobald die Distanz der Guckkastenbühne wiederhergestellt ist, folgt im zweiten Teil ein typischer Danse animale à la Linning, bei dem der emotionale Aktionsradius der in tierähnlichen Bewegungsfiguren gefangenen Geschöpfe sich im Wesentlichen auf Balz, Aggression, Ritualkampf und Angst-attacken beschränkt, bis am Ende die Tänzer abermals kopfüber hängen, dabei jetzt aber wie Kadaver wirken. Eine seltsam seelenlose Kälte prägt auch das gleichwohl intensive Duett im Zentrum des Stücks. Die von der Minimal Music angehauchte Tonspur sowie besonders die großformatigen Videoeinspielungen, welche die Körper der Tänzer wie im Stand der Verwesung als Mischung aus Lebendigem und Totem inszenieren, machen aus dem Tanzstück einen psychedelischen Trip der ästhetisch überhöhten Nivellierung des Menschlichen.

und Patricia Stöckemann. Foto: Uwe Lewandowski

und Patricia Stöckemann. Foto: Uwe Lewandowski

Dabei wartet Linning mit beinahe allem auf, was aktuell als Komponenten zeitgenössischer Bühnentanzkunst diskutiert wird, so die Verschmelzung von Video, Rauminstallation, Musik und Tanz, so die Absage an alle psychischen Ausdruckswerte zugunsten eines Kultes reiner Körperunmittelbarkeit, so das Spiel mit voyeuristischen Elementen und die Zurschaustellung ekel erregender Körperzustände. Aber was einmal das Zeug zum Skandal gehabt hätte, ist heute purer Konformismus, ein letzter Abhub des postmodernen Menschenbildes. „Cry Love“ wirft auch die Frage auf, ob die Zukunft des Tanzes tatsächlich in einer Anbiederung an den Multimedia-Hype liegt oder ob darin nicht einfach nur das Menschliche der tänzerischen Eigenaussage verschwindet. Wie dem auch sei, Osnabrücks künftiger Chefchoreograf Mauro de Candia steht vor einer großen Herausforderung, die Herzen der eingefleischten Linning-Fans mit seinen bisher eher dem modernen Ballett entwachsenen Arbeiten zu erobern. Was die künstlerische Weiterentwicklung der Tanzsparte betrifft, so eröffnet Waldschmidts Entscheidung für den insbesondere von Stephan Thoss geprägten Italiener de Candia in jedem Fall neue stilis-tische und geistige Perspektiven.

Aufwühlender „Simplicius“

Marie-Christine Haase in der Titelpartei von Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissismus“. Foto: Jörg Landsberg

Marie-Christine Haase in der Titelpartei von Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissismus“. Foto: Jörg Landsberg

Zwischen Kontinuität und Erneuerung steht in Osnabrück derzeit auch die Oper. Sie verliert mit dem nach Mainz gewechselten Generalmusikdirektor Hermann Bäumer (ihm folgt der junge Andreas Hotz) eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten in der Geschichte dieses Stadttheaters. Mit einer stattlichen Reihe von Uraufführungen hat sich Bäumer speziell für die Förderung der Oper des 21. Jahrhunderts eingesetzt. Im Januar verabschiedete er sich vom Osnabrücker Orchestergraben in der aufwühlenden Neuproduktion von Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ mit einer erneut ingeniösen, von profunder Werkkenntnis und dramatischem Gespür zeugenden Dirigentenleistung. Eine echte Entdeckung ist die Sängerdarstellerin Marie-Christine Haase; anrührend in der natürlichen Seelenaussprache entfaltet sie mit Humor und visionärer Fantasie den Simplicius aus einer Fülle von Gebärden und mimischen Reaktionen, die stets mit den vokalen Nuancen im Einklang stehen. In der zweiten Hauptrolle beeindrucken der von Holger Krause exzellent einstudierte Herrenchor und Extrachor durch ein breites Ausdrucksspektrum, das sich vom stählernen Sprechgesang bis hin zu wortlosen Trauervokalisen spannt und so nicht allein die geschichtliche Atmosphäre des Dreißigjährigen Krieges erlebbar macht, sondern zugleich auch an die Entstehungsjahre der Oper zu Beginn der Nazi- Barbarei gemahnt. Es war die verborgene dramaturgische Idee Hartmanns, die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges mit dem nationalsozialistischen Deutschland zu überblenden. Regisseur Jochen Biganzoli erweitert das zu einer monumentalen Zeitreise, die noch zur Ouvertüre wie einst Peter Konwitschnys „Lohengrin“ im Wilhelminischen Klassenzimmer ihren Ausgang nimmt.

Über die drei Bilder der Oper verwandelt sich dieses zuerst in ein Gefilde aus Grimmelshausens 17. Jahrhundert, dann in die unwirtliche Zufluchtsstätte eines Verfolgten des totalitären Zeitalters und schließlich in ein modernes Militärlager. Hier wird der Krieg als frivoler TV-Rausch der Extraklasse gefeiert. Doch soll man sich vom medialen Schein nicht täuschen lassen. Wenn der Regisseur in Abweichung vom Libretto zuletzt auch noch den Simplicius dahinschlachten lässt, raubt das dem Stück jede Hoffnung. Für Biganzoli triumphieren die Henker über ihre Opfer endgültig. Hartmann verstand seine Oper noch als eine „Gegenaktion“, Krieg und Tod sollten nicht das allerletzte Wort behalten, Simplicius soll überleben. Aber wer genau auf die Musik hört, ortet eine melancholische Tiefenschicht, die Biganzoli mit seinem pessimistischen Schluss nun auch auf der Bühne kenntlich macht. Selbst wer mit solch einer Interpretation hadert, wird durch sie ins Nachdenken gezogen, über die verzweifelte Lage des Menschen, über die vielen Masken des Krieges und nicht zuletzt über den großen Humanisten Hartmann, und dies alles kann nur für die Produktion sprechen. Mit der Ansetzung von „Simplicius Simplicissimus“ hat Ralf Waldschmidt der Friedensstadt Osnabrück seine Referenz erwiesen und mit der Verpflichtung von Jochen Biganzoli und Andreas Wilkens (Bühne und Kostüme) eine Werkdeutung ermöglicht, von der jetzt schon gesagt werden darf, dass sie ihren Platz in der Inszenierungsgeschichte dieser Oper haben wird.

Christian Tepe

 

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