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Berichte

Neue Facetten der Mehrdeutigkeit

Dreizehn Chöre singen die „Sinfonie der Tausend“ · Von Horst Hollmann

Wer heute Aufsehen erregen will, muss oft die Mittel der Provokation oder der Ekstase einsetzen. Doch Gustav Mahler hat Provokation nicht mehr nötig. Und seiner oft verkannten achten Sinfonie Es-Dur mit Ekstase beizukommen, ist wohl auch kein zeitgemäßes Mittel mehr. Oldenburg erregt mit diesem Riesenwerk auf seine Art Aufmerksamkeit und erntet jubelnde Zustimmung. Generalmusikdirektor Roger Epple sowie 550 Sänger und Instrumentalisten realisieren Mahlers „Opus Summum” zwar mit großen Gefühlen bei stringenter Ordnung, aber vor allem mit spürbarer Entdeckerlust. Die „Sinfonie der Tausend” nimmt mit einer in diesem Zwitter von Kantate und Sinfonie nicht immer gehörten Vielschichtigkeit gefangen.

„Kammermusikalisch“ besetzt:  „Sinfonie der Tausend“. Foto: Piet Meyer

„Kammermusikalisch“ besetzt: „Sinfonie der Tausend“. Foto: Piet Meyer

Im Verhältnis zu den tausend Mitwirkenden bei der Uraufführung 1910 und gar 1.300 Musikern vor einigen Jahren in Duisburg beschränkt sich das ehrgeizige Projekt der Metropolregion Nordwest fast auf „kammermusikalische” Dimensionen. Die maßvolle Besetzung bei den fünf Konzerten in Oldenburg (zweimal), Cloppenburg, Wilhelmshaven und Bremerhaven ist durchaus Programm. Roger Epple und der in Bremerhaven dirigierende Stephan Tetzlaff haben ihr Konzept auf Klarheit statt auf schiere Wucht angelegt.

Das „Veni Creator Spiritus” bricht zwar herein wie eine Flutwelle. Aber die Deiche halten gegen alle hochschlagenden Wogen und spritzende Gischt. Das Oldenburgische Staatsorchester, vereinigt mit dem Städtischen Orchester Bremerhaven, nimmt somit etwa der Doppelfuge die akademische Trockenheit. Auch zusammen mit den Chormassen bleibt die lineare Struktur erkennbar. Überhaupt sind Passagen selten, in denen die Klanggewalt die thematische Fortspinnung und die kontrapunktische Deutlichkeit erstickt.

Wie sensibel die beiden Orchester zusammenwirken, zeigt sich in der Adagio-Einleitung des zweiten Teils, der Schlussszene aus Goethes „Faust II”. Da entsteht eine metaphysische Landschaft, deren Weite man erahnen, aber nicht mehr messen kann. Mahler, in diesem von ihm selbst am höchsten geschätzten Opus oft eindimensional in seiner jubelnden Es-Dur-Zuversicht, gewinnt hier neue Facetten der Vielschichtigkeit, des Mehrdeutigen. Die hier freigelegte Sensibilität und Zerrissenheit bekommt dem Werk gut. Das rückt die Banalitäten in den Hintergrund, die sich in den romantischen Versatzstücken breit machen – etwa in Bläserchorälen, deren aufgesetzte Feierlichkeit schon 1910 überholt war, oder in abgenutzten Effekten wie Harfenplirren, Flötentrillern und Geigenwogen bei Engelsmusiken. Einen „Erdenrest zu tragen peinlich” hat auch dieser Mahler.

Der sängerische Teil hält mit dem instrumentalen jederzeit mit. Wie die acht Solisten, die Mitglieder von 13 Chören und die Orchestermusiker ineinandergreifen, zählt zu den Höhepunkten dieses Konzertabends. Es gibt kaum verwischte Einsätze, dafür aber eine bezwingende Biegsamkeit noch im Fortissimo und immer wieder leichtfüßiges Schreiten mit festem Aufsetzen.

Die Chorsänger zu aktivieren und sie am Ende zusammenzuführen, zählte zu den logistischen Herausforderungen. Neben den professionellen Theaterchören aus Oldenburg und Bremerhaven und ihren Extrachören hatten sich Jugendchöre, kirchliche Singgemeinschaften und auch schulische Gruppen aus dem ganzen Umland an die zeitaufwändige Arbeit getraut. Für Motivation hatte schon früh Roger Epple gesorgt. „Es war einer meiner ersten tiefen Eindrücke im Oldenburger Land, dass es hier hervorragende Chöre gibt”, bekannte er bald nach seiner Wahl zum Generalmusikdirektor. „Das Mahler-Projekt ist auch als große Wertschätzung dieses Kulturgutes zu sehen.“

Unter der Oberaufsicht und zu Vorgaben von Oldenburgs Chordirektor Thomas Bönisch waren die Sänger zunächst in „Heimarbeit” mit den eigenen Chorleitern die Partitur angegangen. In der Woche vor den Aufführungen griff dann der ganze Apparat ineinander. Zugrunde gelegt, dass Mahler vor der Uraufführung sieben Monate des Probens viel zu wenig schienen, nötigt eine solch kurze Spanne höchste Bewunderung ab.

Alles fügt sich dann glücklich zusammen, besonders auch die Solisten aus dem Oldenburger Opernensemble und Gäste. Keine Spur von einer Schlacht konkurrierender Stimmen, vielmehr ein selbstbewusstes, aber jeweils persönlich geprägtes Miteinander. Die technischen Grundlagen eines nie aufgeweichten Legatogesangs sind allen eigen: den Sopranistinnen Erika Sunnegardh, Inga-Britt Andersson und Angela Davis, den Altistinnen Linda Sommerhage und Jordanka Milkova, dem Tenor Roman Sadnik, dem Bariton Peter Felix Bauer und dem Bass Derrick Ballard. Sie setzten die Partiturvorgaben genau um, nach denen etwa der „Tenor nicht auffallen” soll, oder dass oft zu „verhaltenem Ausdruck” aufgefordert wird.

Mahler hat in einer Zeit, in der eine verblendete Gesellschaft auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zusteuerte, aus tiefstem Herzen sein hohes Lied menschlicher Schöpfungskraft und Liebe gesungen. Diese Beschwörung des Heiligen hat im Nordwesten wohl niemanden unter den gut 5.000 Zuhörern unberührt gelassen.

Horst Hollmann

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