Zur Startseite


 

 
Zur Startseite von Oper & Tanz
Aktuelles Heft
Archiv & Suche
Stellenmarkt
Oper & Tanz abonnieren
Ihr Kontakt zu Oper und Tanz
Kontakt aufnehmen
Impressum
Datenschutzerklärung

Website der VdO


 

Aktuelle Ausgabe

Editorial

Kulturpolitik
Brennpunkte
Zur Situation deutscher Theater und Orchester
Zu Besuch im Luxuskino
Oper für Kinder und Jugendliche in Hannover
Künstlerisches Multi-Tasking
Der Choreografen-Beruf am Beispiel von Anna Holter


Tänzer im Berufsverband
Vorbehalte und Vorteile einer Mitgliedschaft – Gespräche mit Lisa-Maree Cullum, Vincent Loermans und Stefan Moser
Keine moralische Anstalt
Das Tanzprojekt „Gravity“ in Wien

Opernchor
Die wesentliche Energie auf der Bühne
Peter Konwitschny über die Opernchöre
Innovation oder Geräuschproduktion?
Chorspezialisten über die zeitgenössische Oper ::: Antworten von Thomas Bönisch und Balkis Mele und Heinrich Bröckerhoff

Berichte
Leuchtendes Chor-Espressivo
Schönbergs „Moses und Aron“ in Düsseldorf
Verschiedene Stationen des Leidens
James MacMillans „Johannes-Passion“ in Berlin
Zwischen Rache, Liebe, Dienerschaft
„Tristan und Isolde“ in Köln

VdO-Nachrichten
Nachrichten
Neues Leitungsteam bei der VdO – Tarifsituation Vergütung – II. Symposium der VdO zum Thema TanzTransition“ – Wir gratulieren


Dramatisch, sinnlich, komisch
Jo Ann Endicott „Warten auf Pina – Aufzeichnungen einer Tänzerin“
Funktionen des Komischen
Musiktheater als Chance. Peter Konwitschny inszeniert

Service
Schlagzeilen
Namen und Fakten
Stellenmarkt
Spielpläne 2008/2009
Festspielvorschau

 

Berichte

Leuchtendes Chor-Espressivo

Schönbergs „Moses und Aron“ in Düsseldorf · Von Christian Tepe

Wie vielen Opernschöpfungen des 20. Jahrhunderts hat man nicht das Etikett einer Anti-Oper aufgeklebt? Doch im Vergleich zu den Stücken Kurt Weills oder Mauricio Kagels kommt wohl allein Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ dieses Prädikat zu Recht zu. Wenn Schönberg die philosophische Frage, wie denn der reine Gottesgedanke unverfälscht vermittelt werden kann, durch die sinnliche Kunstform der Oper darzustellen trachtet, zieht das eine unauflösbare Diskrepanz zwischen Inhalt und Form nach sich. Jeder Regisseur, der sich an das Werk heranwagt, wird an dieser Problematik Schiffbruch erleiden müssen. Die Frage ist nur: wie?

 
Wolfgang Schmidt (Aron), Michael Ebbecke (Moses), Solisten, Chor und Extra-Chor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Eduard Straub
 

Wolfgang Schmidt (Aron), Michael Ebbecke (Moses), Solisten, Chor und Extra-Chor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Eduard Straub

 

Wo der Wille zum Wagnis und der Mut zum Scheitern gesucht sind, haben sich Regisseur Christof Nel und sein Bühnenbildner Roland Aeschlimann in ihrer Düsseldorfer Neuinszenierung dafür entschieden, die theologischen Klippen des Stückes bequem zu umschiffen, indem sie Schönbergs religiöses Bekenntniswerk zu einem Volksdrama vereinfacht und verweltlicht haben. Die Ereignisse um den Auszug ins gelobte Land zerlaufen in vagen und konturlosen Traumbildern. In der Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit der Traumvorgänge mit ihren geheimnisvollen Wesensspaltungen und Metamorphosen erscheint zwar auf abstrakte Weise der Rätselcharakter des Werkes. Doch was Nel in dieser an sich klug gewählten Form erzählt, ist nur die weltimmanente Tragödie der menschlichen Kultur als ziellose ewige Wiederkehr von Revolte, Anarchie und Aufbruch.

Aeschlimanns klaustrophobe Bühnenarchitektur mit aufwändiger Wendeltreppe ins Nirgendwo suggeriert eine resignative Atmosphäre zeitloser Verlassenheit und Abgeschiedenheit, auf die der Strahl des Gottesgedankens, wenn überhaupt, nur als matte Illusion trifft. Alles geschieht wie in Trance, selbst der Tanz um das Goldene Kalb ist von jeder Erinnerung an Obsessives, Wildes und Ekstatisches gereinigt. Mitleidsvoll liebkost die Menge einige der Kultopfer und auch Aron ehrt sie mit zärtlicher Trauer. Den Tod des als sympathischen Philanthropen porträtierten Hohepriesters zieht Nel aus dem von Schönberg nicht mehr komponierten dritten Aufzug in die letzte Szene des zweiaktigen Opernfragments vor, so dass Moses’ berühmter Verzweiflungsausbruch „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“ nun auf den toten Bruder zielt, den ihm die Stimme aus dem Dornbusch einst als Mittler des abstrakten Gottesgedankens zugewiesen hatte. Diese Lösung des Schlusses ist charakteristisch für Nels humanistische Reduktion der theologischen Thematik. Wer aber ist Moses? Wer hat ihn geschickt? Darüber übt sich Nel in Diskretion.

Einen starken Gegensatz zum schwachen Puls der Inszenierung bildet die lebendig fließende musikalische Ausdeutung unter Wen-Pin Chien am Pult der Düsseldorfer Symphoniker. Wer noch immer behaupten sollte, dass die Musik der Zwölftonoper „Moses und Aron“ nicht wirklich berührt, wird durch Chiens Dirigat Lügen gestraft. Da ist kein einziger Ton, der keinen Ausdruck besitzt. Gewissenhaft fächert Chien die monumentale Riesenpartitur auf, koordiniert präzise die Gesangs-, Sprech- und Instrumentalstimmen, nimmt Rücksicht auf die Sänger, ohne das Orchester zu schwächen. Das Ergebnis ist eine Klangevidenz von hoher Prägnanz und Tonschönheit.

Mit der Chorpartie dokumentiert Schönberg eindrucksvoll, wie weit die Aussagekraft eines Opernchores noch über die Möglichkeiten einer großen Solopartie hinaus gesteigert werden kann. Auf dem Fundament einer sicheren Intonationsreinheit hat Chordirektor Gerhard Michalski den Chor und Extra-Chor der Deutschen Oper am Rhein zu disziplinierter rhythmischer Schlagkraft und einer fein nuancierten Dynamik angeleitet. Noch die vertracktesten polyphonen Zaubereien kulminieren in einem leuchtenden Espressivo, das bei aller Ausdrucksmacht, zumal im Schönberg’schen Sprachdeklamato, sich nicht gegenüber dem musikalischen Kontext verselbständigt. Die Partie des Moses hat Schönberg fast durchgängig als Sprechstimme fixiert. Bravourös meistert Michael Ebbecke den diffizilen Balanceakt, die vom Komponisten bezeichneten Tonhöhen in eine Sprechmelodie umzuwandeln, ohne dabei unmerklich in sonoren Wohlklang überzugleiten. Letzterer bleibt die vokale Signatur Arons, die Wolfgang Schmidt mit seinem schlanken, geschmeidigen Tenor nachzeichnet.

So kann man der dezenten Inszenierung wenigstens zugute halten, dass sie die Kontemplation über den Formenreichtum und die Schönheit der Komposition nicht durch ein hybrides Regiespektakel erschwert hat. Der musikalische Gedanke blieb an diesem Abend gleichsam rein und bei sich. Aus dem Opernfragment wurde beinahe wieder ein Oratorium.

Christian Tepe


startseite aktuelle ausgabe archiv/suche abo-service kontakt zurück top

© by Oper & Tanz 2000 ff. webgestaltung: ConBrio Verlagsgesellschaft & Martin Hufner