Zur Startseite


 

 
Zur Startseite von Oper & Tanz
Aktuelles Heft
Archiv & Suche
Stellenmarkt
Oper & Tanz abonnieren
Ihr Kontakt zu Oper und Tanz
Kontakt aufnehmen
Impressum
Datenschutzerklärung

Website der VdO


Schwerpunkt: Operette

Konkurrenz für die Kaffeekantate

Daniel Behles Operette „Hopfen und Malz“

Von Ralf-Thomas Lindner

„Bier. Mein Vater trank gern Bier. Vielleicht manchmal auch zu viel.“ Aus diesem ersten Gedanken lässt der Tenor und Komponist Daniel Behle die Tradition der Operette wieder auferstehen. Nach der Uraufführung im Januar am Erzgebirgischen Theater Annaberg-Buchholz folgte nur drei Monate später die Inszenierung am Theater Neubrandenburg-Neustrelitz. Behle gelingt die Wiedererweckung einer totgeglaubten Gattung und bietet dem Publikum eine musikalisch humorvolle und unterhaltsame Annäherung an ein beliebtes Getränk. Johann Sebastian Bachs Kaffeekantate hat Konkurrenz bekommen! In seiner eigenen Werkliste, die er in „E-Musik“ und „U-Musik“ untergliedert, fehlt Daniel Behles neuestes Werk, die Operette „Hopfen und Malz“ (noch). Wahrscheinlich ist die Homepage nicht auf dem neuesten Stand – oder: Behle weiß einfach nicht, wo diese Operette genau hingehört. E oder U? Denn irgendwo dazwischen ist ihm ein großer kompositorischer Wurf gelungen, der die totgeglaubte Operette am Beginn des 21. Jahrhunderts wieder hoffähig macht.

Den Meersumern ist es gelungen, das ultimative Bier zu brauen: Freibier, das „nie versiegt“. Foto: TOG/Theresa Lange

Den Meersumern ist es gelungen, das ultimative Bier zu brauen: Freibier, das „nie versiegt“. Foto: TOG/Theresa Lange

Der Plot dieser vielleicht ersten „norddeutschen“ Operette ist eigentlich einfach, wenn er sich gelegentlich auch in Nebensträngen verläuft und dort humorvoll versandet: Beim jährlichen Bierbrauwettbewerb, der zwischen den Ortschaften Meersum und Ölsum ausgetragen wird, gewinnt seit Jahren Horst Flens aus Ölsum. Da der Meersumer Max Fisch keinen Geschmackssinn mehr hat, ist ein erhoffter Sieg Meersums unwahrscheinlich. Die ehrgeizige Letty aus Meersum will den Sieg mit einer List erlangen und wendet sich an den Mönch Theophil, der im protestantischen Norden auf der Jagd nach Sünden ist. Letty beichtet ihm ihre Sünden und erhält dafür im Gegenzug ein geheimes Bierrezept aus dem Kloster Santo Demento. Eine nächtliche Brauaktion gelingt, nachdem man auch den wichtigsten Punkt des Rezeptes erfüllen kann und einen durchreisenden Jakobspilger als den „sagenhaften Anzapfer“, eine „Person ohne Sünde“, rekrutiert.

Es folgen einige verwirrende Liebes- und Familiengeschichten, die durch den (übermäßigen) Genuss des Bieres die gelösten Zungen zutage fördern. Beim Wettbewerb wird klar, dass dem Meersumer Bier eine magische Wirkung innewohnt: Es löst die Zunge und kehrt Verborgenes nach außen. Nachdem alle reichlich von dem „nie versiegenden“ Freibier getrunken haben, erscheint Mama Cervisia und mahnt, zurückhaltend im Bierkonsum zu sein. Happy End mit unerwarteter Familienzusammenführung und einer neuen Liebe. Alle versprechen, zukünftig „Maß“ zu halten.

Behle gehört zu den wenigen Komponisten, die sich zu ihrem Werk in humorvoller, aber durchaus treffender Weise äußern mögen. Zu „Hopfen und Malz“ sagt er: „Ich bin ein großer Richard-Strauss-Liebhaber. Ich denke, das hört man. Strauss litt, böse gesagt, unter einer Art ‚Instrumentations-ADHS‘. Da ist wirklich jeder Takt, jede Zählzeit höchst kunstvoll instrumentiert. Unterschiedlichst bunt klingend, selbst beim unwichtigsten Rezitativ. Alles läuft wie an einer Perlenkette in einem oft aberwitzigen Tempo ab, dass man dem Ganzen beim ersten Hören oft nur mit offenem Mund folgen kann. Diesen kunstvollen Schalck zu benutzen, die Farbigkeit zu erhalten und gleichwohl nicht gar zu epigonal im tonalen Kontext zu klingen: Dieses Ziel habe ich verfolgt. Modulationen und Übergänge langweilen. Lass ich sie halt weg! Gedankensprünge und verschiedene harmonische Zentren direkt aneinandersetzen – ohne Vorwarnung. 2022 sind wir in der Wahrnehmung Schnelligkeit gewohnt. Kein Musical! Also Jazzharmonik möglichst vermeiden. Wenn Swing, dann eher bei Benatzky nachschauen. Vieles leistet die sinfonische Besetzung. Operette muss klingen wie Operette. Es braucht gute Melodien, die im Ohr bleiben. Es ist in erster Linie Unterhaltungsmusik. Aber sie kann noch mehr als das. Sie darf berühren, sie darf ernst sein, sie darf wahrhaftig sein.“

Unterhaltung pur, 2½ Stunden, mit unüberschaubar vielem Witz, Humor und Klamauk – aber nie rutscht es in platte Komik oder Blödelei ab. Ist sie einerseits ein Abbild unserer schnelllebigen und hektischen Zeit, so weiß sie an den entscheidenden Stellen des Lebens innezuhalten und zum Nachdenken, Miterleben und Freuen anzuregen – und sie ist durch und durch positiv, zukunftsgerichtet und mutmachend, immer wieder den Aufbruch ins Neue zu wagen. Eine totgeglaubte Gattung, der wieder Leben eingehaucht wurde. Ein Komponist, auf dessen nächste Stücke man nur schwer warten kann.

startseite aktuelle ausgabe archiv/suche abo-service kontakt zurück top

© by Oper & Tanz 2000 ff. webgestaltung: ConBrio Verlagsgesellschaft & Martin Hufner