Zur Startseite


 

 
Zur Startseite von Oper & Tanz
Aktuelles Heft
Archiv & Suche
Stellenmarkt
Oper & Tanz abonnieren
Ihr Kontakt zu Oper und Tanz
Kontakt aufnehmen
Impressum
Datenschutzerklärung

Website der VdO


 

Aktuelle Ausgabe

Editorial

Kulturpolitik
Die Schillertheater-„Ehe“ wurde aufgelöst
Max Fuchs ist neuer Vorsitzender des Deutschen Kulturrates
Zum Tod von Giuseppe Sinopoli

Portrait
Mainz: Musikleben im Umbruch zwischen Provinz und Metropole
Wilfried Hiller wurde sechzig

Berichte
Ring-Projekt in Meiningen
Peter Ruzickas „Celan“ in Dresden
Ein Abend des Bayerischen Staatsballetts
„Effi Briest“ – Uraufführung in Bonn

Rezensionen
Verdi-Aufnahmen (Teil 1)
The New Grove Dictionary of Music & Musicians

Service
VdO-Nachrichten
Alles, was Recht ist
Schlagzeilen
Namen und Fakten
Oper und Tanz im TV
Stellenmarkt

 

Berichte

Gelungener Kraftakt

Ring-Projekt in Meiningen · Von Stephan Hoffmann

Ein kleines Theater mit großer Geschichte: Ebenso wie das Wagner-Festspielhaus in Bayreuth entstand das Theater Meiningen in den Siebziger-jahren des 19. Jahrhunderts und wurde für seine künstlerische Qualität schnell über die Grenzen des soeben gegründeten Deutschen Reiches hinaus bekannt. Hans von Bülow dirigierte hier, Richard Strauss und auch Max Reger. Und nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit besann es sich bald auf seine traditionsreiche Vergangenheit. Über den jüngsten „Coup“ des ambitionierten Hauses, medial bereits in der Vorberichterstattung reichlich ausgeschlachtet, berichtet Stephan Hoffmann.

   

Brünnhilde und Siegfried. Foto: Burkhard Fritz

 

Einmal, ein einziges Mal, soll es das schon gegeben haben: 1876, bei der Uraufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Seitdem hat kein Theater der Welt mehr gewagt, die vier Werke der Tetralogie an vier aufeinander folgenden Abenden herauszubringen – bis jetzt, bis zur „Ring“-Produktion des Meininger Theaters, das keineswegs zu den großen und besonders potenten Häusern zählt: Es hat einen recht überschaubaren Jahresetat von etwa 30 Millionen Mark und ist in einer Kleinstadt mit knapp 25.000 Einwohnern angesiedelt. Christine Mielitz, Regisseurin und Intendantin in Meiningen seit 1988, hat sich den Riesenkraftakt vorgenommen und mehr als zwei Jahre lang geprobt; das war auch nötig, denn für nahezu alle Sänger war dies die erste Begegnung mit dem „Ring“, auch für Kirill Petrenko, den Dirigenten und musikalischen Chef in Meiningen. Er hat es gleich mit zwei Orchestern zu tun, mit dem aus Meiningen und mit der benachbarten Thüringischen Philharmonie aus Gotha-Suhl; denn für ein Orchester allein, ganz besonders für die viel beschäftigten Bläser, wäre ein „Ring“ ohne Pause einfach nicht zu schaffen.

Petrenko hat seit dem Beginn der „Ring“-Arbeit im Januar 1999 die unglaubliche Zahl von 150 Proben in die Orchesterarbeit investiert, und die haben sich hörbar gelohnt. Natürlich sind die beiden Orchester nicht die Berliner Philharmoniker, natürlich muss man musikalisch gewisse Abstriche machen – aber diese Abstriche sind erstaunlich geringfügig. Die Musiker spielten weit oberhalb ihrer gewohnten Leistung, vor allem die Bläser wären mühelos auch in anderen Orchestergräben vorstellbar, das hatte rein gar nichts von einem wackligen Provinzorchester. Überhaupt scheint dieser „Ring“ Adrenalinstöße ungeahnter Größenordnung auszulösen. In Meiningen wurde eine reduzierte Orchesterfassung für etwa 65 Musiker gespielt, mehr passen einfach nicht in den Orchestergraben; doch was sich wie ein Mangel anhört, erwies sich als Tugend: Petrenko musizierte mit forschen Tempi, mit großer Klangsinnlichkeit und vor allem wunderbar kammermusikalisch, und das bedeutet: er überdeckte die Sänger nie, er ließ ihnen Raum, auch für sonst kaum mögliche Piani. Alle Sänger waren übrigens doppelt besetzt – niemand wollte das Risiko eingehen, dass wegen eines indisponierten Akteurs eine Vorstellung hätte ausfallen müssen.

Die Sänger bedankten sich mit geradezu mustergültiger Textverständlichkeit und mit Leistungen, die jeden Vergleich aushalten. Es ist immer ein wenig unfair, aus einem weitgehend ausgeglichenen Ensemble einzelne Namen herauszugreifen; aber Jürgen Müller als himmelstürmender Jung-Siegfried, Franz Hawlata als absolut souveräner Wotan und die beiden wunderbaren Brünnhilden Ursula Prem und Anne Gasteen waren dann doch noch einmal eine Klasse für sich.

Wagners Tetralogie bedeutet für jedes Theater eine Anstrengung bis zum Äußersten, die Produktion in Meiningen aber ist noch einmal eine eigene Kategorie. „Am Rande des Größenwahns“ betitelte der „Spiegel“ seinen Vorbericht über das musiktheatralische Jahrhundert-Unternehmen. Doch was da auf der Meininger Bühne zu sehen war, erweckte mitnichten den Eindruck von Größenwahn. Christine Mielitz hatte sich mit dem österreichischen Maler, Bildhauer und Querdenker Alfred Hrdlicka einen besonders prominenten Bühnenbildner gesucht, und sie war keineswegs immer mit ihm einer Meinung – überraschenderweise sehr zum Nutzen dieser höchst lebendigen, vielseitigen Produktion. Hrdlickas Bühnenbild betonte nämlich den politischen Aspekt der Tetralogie, Christine Mielitz stellte dagegen die persönlichen Tragödien der göttlichen Familiengeschichte in den Mittelpunkt. Der Göttersitz Walhall zum Beispiel ist ein Zwischending aus Burgruine und den Revolutionsbarrikaden von 1848; die Rheintöchter treten zunächst gar nicht in menschlicher Form in Erscheinung, sondern ausschließlich als Objekt männlicher Begierde: als Puppen, die selber aus purem Gold und außerdem mit einer Unzahl von Busen, Schenkeln und Popos ausgestattet sind: Symbole für Geld und gleichzeitig Symbol für Liebe. Die beiden Riesen Fasolt und Fafner sind zum einen endlich einmal wirklich riesenhaft, zum anderen tragen sie die Züge Ludwigs II. und Wagners. Nach eigenem Bekunden mag Hrdlicka Wagner überhaupt nicht – aber immer noch mehr als einen König, deshalb darf Fafner-Wagner Fasolt-Ludwig umbringen und eine Zeit lang in Drachengestalt den Nibelungenhort bewachen.

   

Siegfried und die Rheintöchter in der „Götterdämmerung“. Foto: Burkhard Fritz

 

Politische Anspielungen dieser Art gab es zuhauf, vergnüglich anzusehen sind sie allemal. Dafür sind die Beziehungs-Nuancen des ersten Walküren-Aktes mit einer ganz unironischen Intensität ausinszeniert, wie man sie selten zu sehen bekommt: Worüber auch immer das Zwillings- und Liebespaar Siegmund und Sieglinde spricht – die Gesten, Blicke und Bewegungen sagen immer nur: Ich will dich. Im „Siegfried“ erleben wir mit, wie ein regressionsgefährdeter Jung-Siegfried im Gitterbettchen liegt – er wirft das Möbelstück später in die Flammen, mit denen er das Schwert Nothung schmiedet. Indem er den Drachen tötet, reift Siegfried endgültig zum Mann und reißt sich seine Kinderklamotten vom Leib. Das ist alles sehr schlüssig, sehr nachvollziehbar; und weil es so geschickt umgesetzt ist, auch sehr kurzweilig – da war an größeren und höher dotierten Häusern nun wirklich schon Ermüdenderes und weniger Schlüssiges zu sehen. Und zu diesen größeren Häusern zählt auch ausdrücklich das nahe gelegene Festspielhaus in Bayreuth.

Im Lauf der vier Abende verstärkte sich allerdings auch eine Tendenz, die von Anfang an zu beobachten war: Die Inszenierungen wurden immer sparsamer, die Bühne immer requisitenloser, die Kostüme immer heutiger. Die dadurch angestrebte Verdichtung und Aktualisierung erreichte Frau Mielitz nicht immer; wenn etwa ganze Szenen der „Götterdämmerung“ vor dem Vorhang spielen, ist das wohl doch ein allzu minimalistischer Ansatz, der dem ungeheueren Werk nur zum Teil gerecht zu werden vermag. Aber auch, wo sie an ihren selbstgesteckten Zielen scheiterte, tat Christine Mielitz das, was die Personenführung angeht, auf hohem handwerklichen Niveau. Selbst im Scheitern ist dieser „Ring“ großes Musiktheater. Wenn das Opernprovinz sein sollte, dann bitte mehr davon.

Stephan Hoffmann

startseite aktuelle ausgabe archiv/suche abo-service kontakt zurück top

© by Oper & Tanz 2000 ff. webgestaltung: ConBrio Verlagsgesellschaft & Martin Hufner