Nun also eine wissenschaftliche Konferenz über editorische Aspekte von neuen Operetten-Editionen, über ihr „performatives Potential“, über „Bewertungskriterien im Wandel“. Das Tagungsprogramm machte dreierlei deutlich: dass erstens nicht viele Literatur- und Musikwissenschaftler sich überhaupt auf Fragen zur Gattung einlassen mögen; und wenn doch, dann nähern sie sich ihr anekdotisch; in ironischer Rückschau („Meine Tante Ella schenkte mir meine erste Schallplatte“ – Axel Brüggemann) oder in moralischer oder stilistischer Apologetik. Dass zweitens – trotz ständiger Beteuerungen der Anwesenden – das Genre „mausetot“ ist (so der Chef des kleinen Labels cpo, Burkhard Schmilgun), und wie zur Bestätigung weder Gesangs- noch Musikwissenschaftsstudenten der ansässigen Universität oder Musikhochschule, geschweige denn Gäste auswärtiger Institute zur Konferenz erschienen waren. Und dass – drittens und vielleicht schlimmstens – offenbar Uneinigkeit darüber herrscht, welchen Weg die Operette einschlagen sollte, um in Zukunft nicht als bloße „Cashcow der Stadttheater“ (Brüggemann) zu enden oder gar völlig von den Spielplänen zu verschwinden. Sollte sie sich ihrer kleineren, quickeren Schwester, dem Musical, annähern oder von ihr harsch abgrenzen; aktuelle Stoffe und zeittypischere Stilistiken oder Kaiserreichseligkeit bedienen?
Sollte sie sich die Tagesaktualität, die herbe kabarettistische Säure, die anzüglichen Couplets der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zum Vorbild nehmen und Politisches, zwischenmenschlich Biederes aufs Korn? Oder sollten die Häuser, die heute noch Operette spielen, jeglichen inszenatorischen Anspruch fahren lassen und heiter die Bedürfnisse der 70plus-Generation bedienen? Oder doch lieber historisch-kritisches Archivieren der wichtigsten Marksteine des Genres auf Tonträger, auf den typischen Instrumenten der Entstehungszeit, wie es Label-Chef Schmilgun empfiehlt? Unklarheit, krasse Widersprüche, für eine Tagung ungewöhnlich heftige Streitgespräche bis zur letzten Konferenzminute. Wenig überzeugende Beispiele
Wüsste man nun nicht um die gewissenhaften Bemühungen des am Dresdner Haus angestellten Mediendramaturgen Uwe Schneider und seines Regie-Kollegen André Meyer, im Schulterschluss mit dem Dirigenten Ernst Theis der Dresdner Staatsoperette den Nimbus des etwas verlotterten und gern auch mal verklemmt-verruchten Vorstadt-Kabaretts zu nehmen und endlich Anschluss an die internationale Forschungslandschaft zu finden – man müsste schier verzweifeln angesichts der drei Repertoire-Stücke, die in Leuben während der Tagung zu sehen waren. Zuerst war da ein „Rössl“ in humorloser Epigonalität (die Bühne: ein Karussell), mit schenkelklatscherischer Bussi-Romantik und doch ohne wenigstens einen leisen Funken Erotik; gefolgt von einer biederen „Périchole“, in der das Haus sich selbst und seine leeren Taschen bühnenbildnerisch verarbeitet; und gekrönt von einer holprigen „Candide“, von einem sängerisch offenbar indisponierten Protagonisten, der wie eine Marionette über die leere Bühne stolperte und sich von einem selbstmitleidigen Voltaire (traurig-verbittert: der zu DDR-Zeiten so pointenscharfe Kabarettist Peter Ensikat) seine eigene Geschichte erzählen ließ.
Die Staatsoperette Dresden selbst, so musste der Besucher der Konferenz diesen drei Abenden entnehmen, zerreibt sich hier unter Schmerzen zwischen Leitbildern, die sich diametral entgegenstehen: der Publikumsnähe und dem Kunstanspruch. Wohl gräbt man mit Lust Wiederentdeckungen aus, plant europäische Erstaufführungen und spielt das „Rössl“ aus dem originalen, jüngst in Zagreb wiederentdeckten Notenmaterial, das für die monumentalen Aufführungen im Großen Berliner Schauspielhaus eingerichtet war. Und muss dann doch den Orchestersatz, der für 200 Musiker (!) gedacht ist, für den kleinen Graben wieder an allen Ecken und Enden zusammenkürzen. Das Ergebnis: eine mitnichten frechere, eher dickere Fassung, die die Sänger zwingt, mit Microports aufzutreten. Oder das groß angekündigte Auftragswerk im letzten Jahr, mit dem die Operette jubelnd ins neue Haus in der Innenstadt einzuziehen gedachte (bis die Stadt die Planungen – wieder einmal! – über den Haufen warf). „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ heißt das Stück, das die künstlerische Ästhetik der zwanziger, dreißiger Jahre plump kolportiert, ohne die Leichtigkeit, den Witz oder den Charme des UFA-Films gleichen Titels auch nur im mindesten zu erreichen. Ausblick und DämpferWie ein tosendes Erdbeben, wie ein erfrischender Sommersturm wirkten da die eingangs gesprochenen Worte des vom gar nicht so fernen Hellerauer Hügel hinuntergestiegenen Festspielhaus-Intendanten Dieter Jaenicke. Der bekannte ehrlich, seine Operettenkenntnisse gingen über eine „Fledermaus“ und eine „Lustige Witwe“, an der er seinerzeit als Jugendlicher so gar nichts Lustiges gefunden habe, kaum hinaus. Und äußerte doch Substantielles über eine mögliche Operette der Zukunft, die – im Gegensatz zu heute – jedenfalls gezwungen wäre, „uns etwas über uns zu erzählen“.
Jaenicke fragte, ob für das heutige Operettenpublikum nicht eher das Vertraute, Bekannte, Amüsante, die leichte Unterhaltung, als das Bedürfnis nach kritischer Reflexion der Geistes-, Sozial-, Politik- und Gesellschaftsgeschichte eine Rolle spielten. Zur gegenseitigen Inspiration lud der Intendant den Kollegen Wolfgang Schaller ein, bot einen „innerstädtischen kulturellen Brückenschlag“ an zwischen dem Hellerauer Festspielhaus und der Staatsoperette. Leider ging Dieter Jaenicke dann früher und erlebte nicht, wie der nachfolgende Referent unterbrochen wurde von einem Publikum in rosa Hemden, cremefarbenen Sakkos und mit bunten Fliegen unterm Kinn. Das enterte nämlich das „Fledermaus“-Restaurant pünktlich fünfundsiebzig Minuten vor Vorstellungsbeginn, besetzte noch den letzten freien Platz und machte sogleich unmissverständlich klar, es wolle jetzt hier zu Abend essen. Ein Schauspiel, aber auch ein ziemlicher Dämpfer für diejenigen, die steif und fest behaupten, das Genre Operette habe den Generationswechsel fest im Blick und werbe um immer neue Publikumsschichten. Die Realität belehrt die, die genau hinschauen, zur Zeit eines Besseren. Martin Morgenstern |
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