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Zwischen Himmel und Förde

Der Opernchor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters

Wer denkt bei „Flensburg“ nicht zuerst an die Punkte, die hier im Bundeskraftfahrtamt verwaltet werden? Etwas weniger bekannt sein dürfte die Europa-Universität oder die seit 1907 bestehende Marineschule. Und dann gab es in Flensburg – sicherlich auch nicht allen bekannt – eine Unternehmerin, die es zu Ruhm gebracht hat: Beate Uhse. Erst recht dürfte es viele überraschen, dass es in der aktuell etwa 86.000 Einwohner zählenden Stadt eine Theatertradition gibt, die sich bis ins Jahr 1450 zurückverfolgen lässt. Das heutige Stadttheater wurde im Jahr 1894 eröffnet. „Zwischen Himmel und Förde“, so lautet ein Werbeslogan der Stadt Flensburg. Die tatsächlich hohe Lebensqualität im äußersten Norden Schleswig-Holsteins ist sicher mit dafür verantwortlich, dass die Fluktuation im Opernchor des Landestheaters auffallend niedrig ist. Wer einmal hier gestrandet ist, der bleibt in der Regel. Das gilt auch für die Chordirektoren. Bernd Stepputtis, der 2008 von Berlin an die Förde kam, ist nach Raimund Heusch seit fast 30 Jahren erst der zweite Chef des Ensembles.

Damen des Opernchors des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters in „Carmen“. Foto: Landestheater

Damen des Opernchors des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters in „Carmen“. Foto: Landestheater

Die „Schleswig-Holsteinische Landestheater und Sinfonieorchester GmbH“ wurde 1974 gegründet, als die Städte Flensburg, Schleswig und Rendsburg ihre eigenständigen Häuser nicht mehr finanzieren konnten. Das Musiktheater samt Orchester und Ballett ist seither in Flensburg beheimatet. Nachdem das Schleswiger Theater Ende 2014 wegen Einsturzgefahr abgerissen wurde, hat das Schauspiel seit dieser Spielzeit seinen Produktionsstandort in Rendsburg. Hier ist jetzt auch der Sitz der GmbH, der Intendanz und der Verwaltung. Das finanzielle Rückgrat garantieren im Wesentlichen 20 Städte und Kreise als Gesellschafter der GmbH. Mehr als 300 Beschäftigte arbeiten dafür, dass sich im Laufe der Spielzeit der Vorhang zu gut 600 Veranstaltungen hebt. Seit seiner Gründung gilt das Landestheater als Erfolgsmodell. Es garantiert dafür, dass das Bundesland Schleswig-Holstein in der Fläche mit allem, was ein Mehrspartentheater bieten kann, auf hohem Niveau versorgt wird. Das ändert leider nichts an der Tatsache, dass den Beschäftigten regelmäßig rauer Wind entgegenbläst und das Schiff immer wieder mal zu kentern droht. Zuletzt hieß es in der Spielzeit 2009/2010 aus den Reihen der Politik, dass das Landestheater in dieser Form nur noch zwei Spielzeiten bestehen könne und ab 2012 massive Einsparungen und Personalabbau nötig sein würden. Alle Mitarbeiter des Theaters wurden in dieser Zeit aktiv, um den Rückhalt des Landestheaters in der Bevölkerung zu mobilisieren. Der Opernchor hat sich dabei in zahlreichen Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und öffentlichen Konzerten besonders engagiert und damit in der Gesellschaft die Erkenntnis verstärkt, dass ein Nichtfortbestehen ihres Landestheaters in der gegenwärtigen Form einen großen Verlust für Schleswig-Holstein bedeuten würde. Seit dem Amtsantritt von Peter Grisebach als Intendant zur Spielzeit 2010 herrscht relative Ruhe, aber vor dem nächsten Sturm ist niemand sicher…

Damen des Opernchors des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters in „Die Csárdásfürstin“. Foto: Landestheater

Damen des Opernchors des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters in „Die Csárdásfürstin“. Foto: Landestheater

An diese Situation haben sich die 23 Mitglieder des Opernchores gewöhnt. Wir sind fest entschlossen, uns von Ebbe und Flut der (Kultur-)Politik nicht beeinflussen zu lassen und wollen unbeirrbar durch Qualität punkten. Das wird honoriert: „Der Chor ist eine Instanz“, kann man im Flensburger Tageblatt lesen, und als Reaktion auf die „Carmen“-Premiere zur Eröffnung der Spielzeit schreibt die dänische Zeitung: „Der Chor brachte eine Glanzleistung (…), eine reine Freude für Aug und Ohr.“ Die Flensburger Theaterfreunde greifen als Zeichen ihrer Verbundenheit mit ihrem Opernchor tief in die Tasche, um die Renovierung des Chorsaals zu ermöglichen. Das alles motiviert und lässt für die Zukunft hoffen.

Neben den Klassikern der Oper und Operette und den gängigen Musicals stehen auch immer wieder Werke abseits des Repertoires auf dem Spielplan: „Raskolnikoff“ (Sutermeister), „Preußisches Märchen“ (Blacher) oder „Cardillac“ (Hindemith). Seit dem Amtsantritt von Bernd Stepputtis ist der Opernchor zudem regelmäßig mit einem Chorkonzert im Rahmen der Sinfoniekonzerte vertreten. Die „Requiem“-Vertonungen von Verdi und Britten, „Quattro pezzi sacri“, ebenfalls von Verdi, Wagners „Liebesmahl der Apostel“, Beethovens „Christus am Ölberg“ und Mahlers „Auferstehungs-Sinfonie“ standen bisher auf dem Programm. Das nächste Projekt ist Orffs „Carmina Burana“. Bei diesen Konzerten kann der Chor durch die Zusammenarbeit mit dem eigenen Extrachor und dem der Hamburgischen Staatsoper sowie dem Schleswig-Holsteinischen Konzertchor bei Bedarf auf eine Größe von bis zu 120 Sängerinnen und Sängern vergrößert werden. Diese „Großprojekte“ empfinden wir musikalisch, aber auch menschlich als Bereicherung. Aber mit gleichem Engagement widmen wir uns auch den Songs der „Comedian Harmonists“ oder dem einschlägigen Repertoire, das bei den jährlichen „Proms“-Konzerten auf dem Programm steht.

Die Flensburger Theaterfreunde greifen als Zeichen ihrer Verbundenheit mit dem Opernchor tief in die Tasche, um die Renovierung des Chorsaals zu ermöglichen. Das lässt für die Zukunft hoffen.

Die 10 Damen und 13 Herren des Opernchores stammen aus 7 Nationen und bringen ihren eigenen kulturellen und vor allem musikalischen Background mit. Was uns dabei trotz aller Unterschiede immer verbindet, ist unser gemeinsamer Wille Kunst zu schaffen und das Verständnis darum, dass für eine gelingende Arbeit freundschaftlicher Umgang und kollegiales Miteinander mitentscheidend sind. Dabei feiern wir innerhalb unserer „Chorfamilie“ nicht nur künstlerische Erfolge miteinander, sondern nehmen auch Anteil an den Ereignissen des Privatlebens. Und wenn mal bei jemandem Not am Mann ist, finden sich im Kollegenkreis immer helfende Hände.

Freundschaftlicher Umgang und kollegiales Miteinander. Foto: Landestheater

Freundschaftlicher Umgang und kollegiales Miteinander. Foto: Landestheater

Die professionelle Qualifikation unseres Chores ist hoch. Neben der selbstverständlichen sängerischen Ausbildung können viele Chormitglieder noch weitere künstlerische Qualifikationen und Talente in die Waagschale werfen. Neben einem Multiinstrumentalisten finden sich in unseren Reihen ausgebildete Chorleiter und Absoluthörer, Mitglieder mit besonderem tänzerischen Hintergrund und solche mit vertiefter schauspielerischer Erfahrung. Diese Fähigkeiten stellen wir in den verschiedensten Zusammenhängen gern in den Dienst der Kunst. So wird der Kinderchor des Landestheaters von einem Chormitglied geleitet, im Rahmen der „Montagssoireen“ gestalten einzelne Sänger Liederabende, in Musical und Operette werden die Tänzer unter uns in den Vordergrund gerückt, und in den verschiedensten Solorollen stellen wir immer wieder unsere darstellerische und sängerische Bandbreite unter Beweis.

Auch wenn wir – was ja die eigentliche Chorarbeit ist – als Gruppe agieren, sind uns die besonderen szenischen Anforderungen einer kleinen Bühne mit ihrer geringen Distanz zum Publikum stets präsent. Uns ist bewusst, dass jeder kleine Fehler dem Publikum ins Auge springt. Oft sieht man deshalb, wie Kollegen vor Vorstellungen auf den Fluren des Theaters Tanzschritte wiederholen oder gemeinsam Texte durchgehen.

Trotz der überwiegenden Kollegialität und guten Atmosphäre in der Chorgruppe und des gemeinsamen Engagements in unserer Arbeit gibt es auch Punkte, an denen wir uns selbst in mehr Disziplin üben könnten. Störungen im Probenprozess begegnen wir mit fairer und sachlicher Kritik. In der Pause kann dann wieder zusammen gelacht werden, getreu der Maxime, die eine Kollegin einmal an die Bühnentür gepinnt hat: „All drama must remain on stage.“

So leben wir unseren Theateralltag zwischen Himmel und Förde wie sonst überall auch – nur mit besserer Luft.

Eva Eiter, Bernd Stepputtis und Lucian Cristiniuc

 

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