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Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ am Staatstheater Nürnberg und Aribert Reimanns „Ein Traumspiel“ am Theater Hof

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Berichte

Schade um die Menschen

Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ am Staatstheater Nürnberg und Aribert Reimanns „Ein Traumspiel“ am Theater Hof

Die Bühne des Nürnberger Staatstheaters ist weitgehend leer. Nur im Hintergrund lauert eine Schlagzeug-Batterie auf ihren Einsatz. Regisseur Peter Konwitschny will mit seiner Inszenierung Bernd Alois Zimmermanns epochales Werk „Die Soldaten“ auf seine Essenz reduzieren. Mit schlichten, aus dem Schnürboden herabgelassenen Elementen deutet er die schnell wechselnden Interieurs an. Diese Reduktion tut den kammerspielartigen Begegnungen gut. Die Personenbeziehungen arbeitet Konwitschny mit großer Schärfe und einer Spur satirischem Witz heraus. In seiner heutigen Lesart sind aus den vom System entmenschlichten Soldaten Banker und Angestellte im mittleren Management geworden. Was dem Regisseur als verallgemeinernde Schärfung vorschwebte, entpuppt sich jedoch als weitgehend zahnlose Aktualisierung. Von der Brutalität und Übergriffigkeit des durch Zimmermanns musikalische Härte radikalisierten Originals von Jakob Michael Reinhold Lenz bleibt nur die frauenverachtende Sprache übrig.

So gräbt sich von den ersten drei Akten vor allem jene Sturm-Szene ins Gedächtnis ein, die Marie, Tochter des Galanteriewarenhändlers Wesener, bei Konwitschny im Freien verbringt. Das bedeutet hier so viel, dass zusätzlich zum rückwärtigen Instrumentenpodium zwei weitere von rechts und links hereinfahren: Die von Susanne Elmark überragend gesungene Marie taucht ein ins Schlagzeuggewitter.

„Die Soldaten“ in Nürnberg. Sharon Kempton (Gräfin de la Roche), Martin Platz (Der junge Graf). Foto: Ludwig Olah

„Die Soldaten“ in Nürnberg. Sharon Kempton (Gräfin de la Roche), Martin Platz (Der junge Graf). Foto: Ludwig Olah

Genau hier werden wir am Ende selbst stehen. Denn wie angekündigt erlebt das Publikum den vierten Akt auf der Bühne stehend. Dieser beginnt bei Zimmermann mit einer zweiten jener Simultanszenen, für die seine Oper berühmt wurde. Hatte Konwitschny die erste, kleiner dimensionierte Raum-Zeit-Überlagerung noch als einen Traum von Maries Verlobtem Stolzius gedeutet, in dem am Ende in Maries Bett alle bis auf ihn selbst tot sind, wählt er nun einen anderen Weg. Er verzichtet auf die szenische Darstellung und die dafür vorgesehenen Video- und Klangzuspielungen und will die Zuhörer stattdessen mitten hinein begeben in das, was Zimmermann als „Hinabschießen in die Zeitspirale“ bezeichnete.

Zur Orientierung lässt Konwitschny den Text vorab von den Sängern verlesen. Was dieser bewussten Desillusionierung folgt, ist dann allerdings eine unfreiwillige. Denn die Klangwirkung des per Lautsprecher übertragenen organisierten Chaos’ verpufft in ihrer undifferenzierten Lautheit weitgehend.

„Die Soldaten“ in Nürnberg. Susanne Elmark (Marie), Helena Köhne (Weseners alte Mutter), Uwe Stickert (Desportes), Leila Pfister (Stolzius‘ Mutter), Jochen Kupfer (Stolzius). Foto: Ludwig Olah

„Die Soldaten“ in Nürnberg. Susanne Elmark (Marie), Helena Köhne (Weseners alte Mutter), Uwe Stickert (Desportes), Leila Pfister (Stolzius‘ Mutter), Jochen Kupfer (Stolzius). Foto: Ludwig Olah

Nun öffnet sich der eiserne Vorhang zum Bühnenraum, und nachdem wir verfolgt haben, wie Stolzius (warm und differenziert: Jochen Kupfer) in der Loge Desportes (der mörderischen Tenorlage spottend: Uwe Stickert) und sich selbst vergiftet, findet die finale Szene mit der bettelnden, von ihrem Vater (hervorragend Tilmann Rönnebeck) nicht erkannten Prostituierten Marie dann mitten unter den Zuschauern auf der Bühne und damit für viele weitgehend unsichtbar statt. An Stelle von Zimmermanns finaler „Schrei-Klang“-Zuspielung samt Atombombenzündung verebbt mit den Trommelschlägen ein EKG-gleicher Rhythmus zur Nulllinie.

Bis auf die tumultuösen Massenszenen, in denen die Durchhörbarkeit an ihre Grenzen gerät, agiert das Staatsorchester unter der souverän koordinierenden Leitung von Marcus Bosch ausgezeichnet und der von Tarmo Vaask einstudierte Chor ist szenisch wie sängerisch stets auf der Höhe des insgesamt beeindruckend bewältigten Ausnahmewerks.

Zeitgleich ging am Theater Hof die Premiere einer weiteren 1965 uraufgeführten Oper über die Bühne: „Ein Traumspiel“, jenes Werk, mit dem der damals 29-jährige Aribert Reimann als Opernkomponist debütierte. Beiden Werken ist überdies gemeinsam, dass sie auf ein Theaterstück zurückgehen und dass Michael Gielen nach den „Soldaten“ auch das „Traumspiel“ aus der Taufe hob (als Einspringer). Hier enden die Parallelen aber, denn August Strindbergs symbolistisch aufgeladenes, wohl auch überladenes Drama könnte stilistisch kaum weiter von der Lenzschen Vorlage entfernt sein.

Trotz der beherzten Straffung, die Librettistin Carla Henius dem Original angedeihen ließ, ist der Inhalt kaum in einigen Sätzen zu umreißen. Deshalb nur so viel: Der Gott Indra schickt seine Tochter auf die Erde, um zu erfahren, wie es der leidenden Menschheit dort ergeht. Von der Beobachterrolle wechselt diese bald in die einer Mitleidenden und verlässt die Erde am Ende, ohne dort für Erlösung aus der fundamentalen Sinnkrise gesorgt zu haben. Die Handlung folgt dem Titel entsprechend der Logik eines Traumes, kreist immer wieder um sich selbst und gebiert manch absurd-surrealistische Konstellation: ein wachsendes Schloss, ein Advokat, der anstelle des Lorbeerkranzes der Doktorwürde eine Dornenkrone verpasst bekommt, und vor allem jene ominöse Tür, hinter der die Menschen die Antwort auf die Frage nach dem Sinn ihres Daseins erhoffen.

„Ein Traumspiel“ mit James Tolksdorf (Der Advokat), Karsten Jesgarz (Der Offizier). Foto: H. Dietz

„Ein Traumspiel“ mit James Tolksdorf (Der Advokat), Karsten Jesgarz (Der Offizier). Foto: H. Dietz

Regisseur Lothar Krause entschied sich für eine an Gemälden Magrittes angelehnte, dezent surreale Märchenwelt. Ihr prägnantes optisches Element bilden fahrende Wolkentüren in verschiedenen Größen. Sie erlauben rasche Szenenwechsel bei gleichbleibender Atmosphäre und beweisen in der Fingalsgrotte, violett angestrahlt, Mut zum symbolistischen Kitsch. Gerade für diesen Ort, der Indra als riesige Klangmuschel dient, um die Klagen der Menschheit hören zu können, hätte man sich ein prägnanteres Bild vorstellen können. Bei ihrem zweiten Besuch ist Agnes – so nennt sich die Göttertochter auf der Erde – dort nach einer gescheiterten Beziehung zum Advokaten mit einem Dichter unterwegs. Als Alter Ego Strindbergs hat dieser das Geschehen die ganze Zeit über immer wieder stumm begleitet. In sein unbegleitetes Solo, das in ein Duett mit Agnes übergeht, mündet nach der Pause Reimanns gelungenster musiktheatraler Bogen. Dieser spannt sich von einem vibrierenden Ensemble am „Strand der Schande“ über die traumverlorenen Bläsersoli des folgenden Zwischenspiels bis zur „schönen Bucht“, wo die „unglückliche Edith“ in herzzerreißenden Vokalisen ihr Schicksal beklagt. Yvonne Prentki macht das herausragend, wie überhaupt das Ensemble die anspruchsvolle Partitur glänzend meistert. Es ist dem Hofer Theater hoch anzurechnen, dass es das nach seiner Uraufführung erst einmal wiederaufgeführte Werk erneut zur Diskussion stellt – eine mehr als beachtliche Talentprobe des künftigen Opernmeisters Reimann.

Gerade im ersten Teil macht er es den Sängern mit viel Dauer-
espressivo in Gesang und Orchester nicht leicht, doch allen voran die praktisch permanent beschäftigte Franziska Rabl als Indras Tochter schafft mit ihrem kontrollierten Mezzotimbre eine beeindruckende vokale Präsenz. Die zentralen Männerrollen sind mit Karsten Jesgarz (Offizier), James Tolksdorf (Advokat) und Marek Reichert (Dichter) kompetent besetzt, Laura Louisa Lietzmann (Mutter/Viktoria) und Stefanie Rhaue (Pförtnerin) lassen das hohe Sopran- beziehungsweise das Altregister über den Orchesterwogen erstrahlen. Claudio Novati hat den Opernchor bestens eingestellt, die Männer verleihen im Vorspiel vom Balkon aus dem Gott Indra eine kollektive Stimme. Die weitgehend sattelfesten Hofer Symphoniker lassen unter Walter Gugerbauer die feinen Klangmischungen vor allem in den Zwischenspielen wunderbar aufleuchten.

Am Ende wird die ominöse Sinn-Tür endlich geöffnet; dahinter findet sich – das Nichts. „Es ist schade um die Menschen“: Dieser lapidare Kommentar, den Agnes mehrfach ausseufzt, bildet das Motto von Strindbergs und Reimanns Traumvision. Es könnte – und hier kreuzen sich die Wege der beiden Komponisten wieder – auch über Zimmermanns „Soldaten“ stehen.

Juan Martin Koch

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