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Kulturpolitik

Auf ein Wort mit Stephan Märki,
Intendant des Staatstheaters Cottbus

Im Gespräch mit Barbara Haack und Gerrit Wedel

Der Schweizer Stephan Märki studierte in München Schauspiel und Regie und war dort 1985 Gründer des Teamtheaters sowie langjähriger Sprecher der freien Szene. Von 1993 bis 1997 folgte ein Engagement als Intendant des Hans Otto Theaters Potsdam. Im Jahr 1999 wurde er als Generalintendant an das Deutsche Nationaltheater und Staatskapelle (DNT) in Weimar berufen, das unter seiner Leitung als Dreispartenhaus bewahrt und 2012 zum Thüringischen Staatstheater erhoben wurde. Nach zwölf Jahren in Weimar wechselte Stephan Märki nach Bern. Von 2012 bis 2018 war er erster Intendant von Konzert Theater Bern. Seit August 2020 ist er Intendant des Staatstheaters Cottbus. Hier hat er zudem die Operndirektion inne und ist Mitglied des Vorstands der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt/Oder.

Oper & Tanz: Sie sind seit August 2020 Intendant am Staatstheater Cottbus, aber bisher ein Intendant fast ohne Aufführungsmöglichkeiten. Wie wollten Sie ursprünglich in Ihre erste Spielzeit starten – und wie war die grausame Realität?

Stephan Märki im Zuschauerraum des Großen Hauses des Staatstheaters Cottbus. Foto: Marlies Kross

Stephan Märki im Zuschauerraum des Großen Hauses des Staatstheaters Cottbus. Foto: Marlies Kross

Stephan Märki: Wir hatten natürlich einen sehr ambitionierten Spielplan, der in Cottbus und darüber hinaus wirken sollte und dies vielleicht auch irgendwann kann, wenn wir dürfen. Unser Eröffnungswochenende konnte zum Glück gerade noch stattfinden und war politisch-ästhetisch so vielfältig und in der Oper musikalisch auf einem Niveau, wie wir es uns erhofft hatten. Aber ein Spielplan besteht natürlich nicht nur aus drei oder vier Stücken. Verbindungslinien in einer Gesamtplanung, langfristiges Arbeiten mit den Ensembles und wiederkehrenden Gästen, eine gemeinsame Arbeit an einem Hausprofil, die Verständigung über die Sache der Kunst: Das geht jetzt alles erst einmal nicht mehr. Wir haben bis Weihnachten geprobt, auch große Choropern wie „Mazeppa“ und „Carmen“, aber seit über zwei Monaten ruht alles, bis auf die Verantwortlichen hinter den Kulissen. Jetzt versuchen wir, ganz vorsichtig wieder zu beginnen.

O&T: Das inhaltliche Motto der Spielzeit lautete „Grenzenlose Identität“. Was haben Sie darunter verstanden? Wie wollten Sie das umsetzen?

Märki: Da sind wir bei der Frage: Für wen macht man in Cottbus Theater, für Bewohner oder für auswärtige Touristen, für das Stammpublikum oder für ein zukünftiges? Wo ist der Fluchtpunkt? Ich denke, alle, die Theater machen, haben die Quadratur des Kreises im Blick. Künstlerische Arbeit hat immer etwas mit Utopien zu tun. Wir stellen uns bei unseren Produktionen die Frage nach dem jeweiligen Bezug, räumlich, zeitlich, künstlerisch, zu den Themen, die gerade in einer politisch so virulenten Gegend wie der Lausitz anstehen. Wenn ich also sage, dass ich Theater für alle machen möchte, dann ist diese Aussage genauso unpräzise wie exakt. Natürlich möchte ich in erster Linie für Cottbus und die Cottbuser Region Theater machen. Das beinhaltet aber, dass das Theater gerade nicht regional gebunden bleibt. Wir möchten deshalb zum Beispiel Regiehandschriften wie die von Andrea Moses und Armin Petras zeigen, weil sie ihre künstlerische Arbeit dezidiert politisch verstehen und den Blick von innen nach außen richten. Wir arbeiten aber auch mit internationalen Regie-Teams, um den Blick von außen nach innen zu richten. Wir möchten ins Bewusstsein rücken, wie sehr die Lausitz von der Unbeständigkeit geprägt ist, wie viele Brüche und Verwerfungen sie bewältigt und produktiv gewendet hat und wie offen sie sich heute auch europäischen Diskussionen gegenüber zeigt.

O&T: Wenn Sie von der Lausitz sprechen, spielt auch die sorbische Kultur eine Rolle?

Das Große Haus am Schillerplatz. Foto: Marlies Kross

Das Große Haus am Schillerplatz. Foto: Marlies Kross

Märki: Ja. Es gibt allerdings ein Theater, das Sorbische Nationalensemble in Bautzen, das sich ausschließlich damit beschäftigt und bei uns regelmäßig gastiert. Bis jetzt haben wir das Sorbische noch nicht explizit zum Thema gemacht. Diese Nachbarschaft – die Lausitz erstreckt sich ja über mehrere Länder, sowohl innerhalb der Bundesrepublik als auch über angrenzende Länder – provoziert uns, uns auch über die Grenzen hinaus zu bewegen. Der Blick nach Polen ist für uns zum Beispiel besonders interessant.

O&T: Gibt es darüber hinaus Partnerschaften mit polnischen Theatern oder Kultureinrichtungen?

Märki: Das versuchen wir, sowohl mit unserer Partnerstadt Zielona Góra als auch mit Wrocław wollen wir kooperieren. Das ist jetzt alles ins Stocken geraten. Eigentlich möchte man nach der Pandemie noch einmal mit einem ganz anderen Spielplan reagieren. Auf der anderen Seite möchten wir vertragstreu bleiben und die Verabredungen einhalten. Deswegen wird der künftige Spielplan davon geprägt sein, was wir unter den bestehenden Bedingungen überhaupt machen können.

«Man sollte langsam wieder anfangen. Ein Künstler ist ja ein besonderes Wesen, das die Bühne und das Handwerk braucht.»

O&T: Cottbus und die Region sind Orte, an denen sich immer wieder rechte Strömungen bemerkbar machen oder auch rechte Gewalt. Ist das ein Thema für Sie, begegnen Sie dem mit Ihrem Programm?

Das Große Haus am Schillerplatz erstrahlte am bundesweiten Aktionstag „Theater und Orchester“ in der Signalfarbe Rot (30. Nov. 2020). Foto: Marlies Kross

Das Große Haus am Schillerplatz erstrahlte am bundesweiten Aktionstag „Theater und Orchester“ in der Signalfarbe Rot (30. Nov. 2020). Foto: Marlies Kross

Märki: Kunst ist für mich immer politisch. Kunst ist eine Form menschlichen Tuns, die sich mit grundsätzlichen Fragen des Lebens auseinandersetzt. Wenn sie sich nicht gegen das menschliche Wesen richten will, muss Kunst in ihrem tiefsten Inneren gegen jede Form von Ablehnung und Abgrenzung sein. Das ist nicht nur die Aufgabe des Theaters, sondern vielmehr seine Voraussetzung. Es gibt verschiedene Formen von rechten Strömungen: Wo fängt der Extremismus an? Es gibt Menschen, die nicht mehr erreichbar sind. Aber wenn Sie die 20 Prozent AfD-Wähler ansprechen, dann glaube ich, dass viele von ihnen noch erreichbar sind. Warum wählen sie AfD? Diese Frage anzugehen, finde ich erstrebenswert. Unser Hausautor Armin Petras hat zum Beispiel Ines Geipels durchaus umstrittenes biografisches Sachbuch „Umkämpfte Zone“ für die Bühne adaptiert und inszeniert. Darin setzt sich Geipel mit den Gewalterfahrungen auseinander, die sie selbst in ihrer Familie erfahren hat, und stellt sie in einen direkten Generationszusammenhang der verschiedenen deutschen totalitären Systeme. Petras hat das für die Bühne spektakulär verdichtet. Das war ein erster Schritt dahin. Zum anderen tragen wir mit Formaten wie den „Brandenburgischen Gesprächen“, die wir zusammen mit rbbKultur und der Lausitzer Rundschau veranstalten, den Diskurs auf die Bühne und von der Bühne in die Region. Theater soll Stellung beziehen und solche Diskurse anregen, zwar nicht im Sinne einer Moralpredigt, aber als Fragestellungen.

O&T: Wie erleben Sie Cottbus als Theater- und Kulturstadt?

Märki: Es ist sicher kein Zufall, dass ich jetzt zum dritten Mal im Osten bin, nach Potsdam und Weimar. Hier ist das Bewusstsein dessen, was Theater kann, gesellschaftlich stärker verankert, weil das Theater in der DDR einen Raum von Ambivalenz, Doppeldeutigkeit und Subversion gegen autokratische Staatsmacht geboten hat. Es hatte eine andere Relevanz als im Westen, weil es eine andere Funktion hatte. Diese Funktion hat es jetzt nicht mehr, zum Glück, muss man sagen, denn wir müssen uns keine Freiheitsräume durch Subversion mehr erkämpfen, sie sind uns garantiert und stehen uns zur Verfügung. Aber die Dringlichkeit, auch die Bedeutung für eine Stadt, ist nach wie vor vorhanden. Ich habe in der kurzen Zeit hier schon erlebt, wie sehr die Zuschauer mit ihrem Theater verbunden sind, wie wichtig es für sie ist und wie schmerzlich es vermisst wird, wenn es nicht spielen kann. Das färbt auch auf die Mitarbeiter ab. Die Mitarbeiter haben eine enorme Identifikation mit dem Haus, in dem sie arbeiten. Das ist auch etwas, was mich schon vor der Wende aus meinem Off-Theater in München in den Osten gezogen hat. Ich habe Christoph Schroth, der ja nach der Wende dieses Haus übernommen hat und vor der Wende in Schwerin war, dort das eine oder andere Mal besucht, weil dieses Theater eine Dringlichkeit vermittelte, die mich schon damals fasziniert hat.

O&T: Das Staatstheater Cottbus ist das einzig verbliebene Mehrspartenhaus im Land Brandenburg. Damit geht vermutlich eine besondere Strahlkraft einher, aber auf der anderen Seite auch eine besondere Verantwortung.

„Mazeppa“ am Staatstheter Cottbus: Damen des Opernchores (im Video) und Statistin. Fotos: Marlies Kross

„Mazeppa“ am Staatstheter Cottbus: Damen des Opernchores (im Video) und Statistin. Fotos: Marlies Kross

Märki: Ich habe das schon in meiner Potsdamer Zeit in den 1990er-Jahren, dann auch in den Nuller-Jahren schmerzlich erlebt: Der Kulturstandort Brandenburg wurde, gerade was die Theater betraf, fast rasenmäherartig zurückgedrängt. Übriggeblieben ist als einzig intaktes Mehrspartentheater das Cottbuser Theater, das trotzdem stark zurückgespart wurde. Direkt nach der Wende war Cottbus in etwa auf Augenhöhe mit dem Nationaltheater in Weimar. Heute werden in Weimar dreimal höhere Regiegagen gezahlt als in Cottbus. Da sieht man, welchen Weg Thüringen, das ja auch nicht gerade zu den reichen Bundesländern gehört, mit seinem Theater gegangen und wo Cottbus stehengeblieben ist.

O&T: Sie sind es aus Ihrer Vergangenheit gewohnt, dass Sie für das Theater kämpfen mussten, zum Beispiel in Weimar oder Bern. Müssen oder wollen Sie in Cottbus dafür kämpfen, dass die Situation sich verbessert, auch nach Corona?

„Mazeppa“ am Staatstheter Cottbus: Gesine Forberger (Ljubov), Alexey Sayapin (Andrej), Ulrich Schneider (Kotschubej) und Hardy Brachmann (Iskra). Foto: Marlies Kross

„Mazeppa“ am Staatstheter Cottbus: Gesine Forberger (Ljubov), Alexey Sayapin (Andrej), Ulrich Schneider (Kotschubej) und Hardy Brachmann (Iskra). Foto: Marlies Kross

Märki: Eher vielleicht trotz Corona! Ja, das ist genau das, was mich immer interessiert hat: Theaterhäuser durch gesellschaftliche, organisationale und künstlerische Strukturveränderungen zu tragen und sie möglichst an ihnen wachsen zu lassen. Nun wird es sicher besonders schwierig, weil man durch Corona wieder ein wunderbares Argument hat, dass es jetzt trotzdem nicht geht. Es ist hier in Cottbus zum Glück noch vor Corona gelungen, das Staatstheater endlich – nach 15-jährigem Kampf – in den Flächentarif zurückzuholen. Das bedeutete in Summe 2,5 Millionen Euro. Wenn manche das hören, denken sie, das ist enorm viel, was beklagen sie sich. Aber es ist einfach nur der Betrag an Gehältern, der den Angestellten 15 Jahre lang vorenthalten wurde und den alle anderen in Form von Tarifsteigerungen und als Teuerungsausgleich bekommen haben. Man hat ein längst überfälliges sozialpolitisches Defizit ausgeglichen. Davon ist keine einzige künstlerische Gage, kein einziges künstlerisches Budget gestiegen. Es war die Voraussetzung dafür, auf der man jetzt aufbauen und an die anderen organisationalen Mittel, die in diesem Haus fehlen, herangehen muss. Dafür fehlen dem Haus mindestens zwei Millionen, damit man Veränderung dann auch auf der Bühne sieht.

O&T: Es ist tatsächlich ein Glück, dass die schwierigen tarifrechtlichen Grundlagen geklärt sind und dass seit dem 1. Januar 2020 zur Fläche zurückgekehrt wurde – zumindest in der Bezahlung, der Tarifvertrag selbst läuft ja noch ein bisschen weiter. Wie Sie selbst sagen, gibt es in der finanziellen Struktur weiterhin Defizite. Inwieweit ist gerade vor dem Hintergrund von Corona zu erwarten, dass man die Unterstützung des Landes bekommt, dass man sich so gut aufstellen kann, dass auch gelebt werden kann, was man in den Tarifvertrag hineingeschrieben hat?

Märki: Dass zuerst die Tariffrage unter Dach und Fach sein muss, macht den Aspekt der Unterfinanzierung nicht kleiner. Aber gerade Corona hat gezeigt, wo es, wiederum auch jenseits der künstlerischen Förderung, strukturellen Innovationsstau gibt, zum Beispiel in Bezug auf die digitale Ausstattung. Da hinkt das Theater hinterher. Wir können nicht einmal ohne Unterstützung streamen, weil die Datenleitung nicht stark genug ist. Aber das Entscheidende, und deshalb ist ein zukunftsfähiges Theater hier auch so wichtig, ist die Bedeutung, die das Publikum diesem Theater zuschreibt. Es zeigt, wie wichtig Theater für ein Sozialwesen ist. Wenn vielleicht vieles im technischen, organisationalen, vielleicht auch ästhetischen Sinne stehen geblieben ist, gibt es hier ein künstlerisches Handwerk und ein künstlerisches Verständnis, gerade auch in den großen Ensembles des Chors und im Orchester, das man andernorts so nicht mehr findet. Deshalb muss man immer wieder darauf hinweisen, dass dieses Theater zwar zu Recht Staatstheater heißt, aber gerade im Verhältnis dazu extrem unterfinanziert ist.

Probenfoto „Carmen“ mit Claude Eichenberger (Carmen) und Winston R. Arnon (Joker). Foto: Marlies Kross

Probenfoto „Carmen“ mit Claude Eichenberger (Carmen) und Winston R. Arnon (Joker). Foto: Marlies Kross

Ich glaube, die Kulturministerin ist auf unserer Seite, aber da reden noch andere mit. Jedes Ressort zieht am Teppich, und die Kultur hat meist nicht die stärkste Lobby. Das Finanzministerium ist auch nicht von Haus aus auf der Seite der Kultur, auch wenn diese in einem Gesamtbudget kaum eine Rolle spielt.

O&T: Festgelegt sind im Tarifvertrag bestimmte Stellenzahlen, 32 im Chor, 8 im Ballett. Aber wir haben ausdrücklich hineingeschrieben, dass es gewünscht ist, die Stellen aufzustocken, im Chor auf 34, im Ballettensemble auf 10 Planstellen. Gibt es dafür eine Perspektive?

Märki: Wir haben ein detailliertes Papier verfasst, in dem das nachvollziehbar erläutert wird. Denn zumindest mit mittleren Staatstheatern, also mit Schwesterhäusern in Thüringen oder Hessen, müsste dieses Haus in Wettbewerb treten können. Das kann es mit den Mitteln, die es jetzt hat, nicht wirklich.

O&T: Vor Ihrer Zeit hat das Haus starke Querelen erlebt, auch einen umfangreichen Personalwechsel. Die Querelen haben weit über Cottbus hinaus Schlagzeilen gemacht. Wie ist die Situation jetzt? Würden Sie sagen, dass das Theater befriedet ist?

Märki: Dass bei einer so langjährigen Intendanz wie die, die Sie ansprechen, gewisse Kommunikationsprozesse vernachlässigt wurden und dass viele Dinge, die schon viel älter sind, ins Heute getragen werden, ist klar. Da gibt es einiges aufzuarbeiten. Das wird auch geschehen. Befriedet? Das ist immer ein Prozess. Man kann nie sagen: Jetzt ist es soweit. Theater ist Kommunikation, nicht nur mit dem Publikum, sondern auch eine ständige interne. Einen Kommunikationsprozess wollen alle, zumindest die Personalräte, die Spartenleiter und wir. Aber auch den hat Corona abgebremst. Eigentlich sollte das Theater dazu verführen, Neugierde zu wecken auch für andere Sichtweisen und Wege, möglichst auf lustvolle Weise – natürlich auch intern. Aber Corona beflügelt nicht gerade den Veränderungswillen. Die überwiegende Mehrheit aber, meine ich zu erleben, ist unternehmungsfreudig und kunstlustig.

O&T: Gerade in Coronazeiten wird wieder diskutiert: Was ist systemrelevant, was nicht? Ist das Theater systemrelevant, will es überhaupt systemrelevant sein?

Märki: Ich habe mich dazu ja schon geäußert. Ich verstehe Theater als lebensnotwendige Nutzlosigkeit. Systemrelevanz ist ein Begriff aus der Wirtschaft, aus der Politik. Theater ist natürlich nicht systemrelevant, sondern lebensrelevant. Das betrifft nicht unsere Existenz, sondern die Qualität unserer Existenz. Wir brauchen die Liebe auch nicht zum Überleben, aber was wäre ein Leben ohne Liebe!

Probenfoto „Carmen“ mit Claude Eichenberger. Foto: Marlies Kross

Probenfoto „Carmen“ mit Claude Eichenberger. Foto: Marlies Kross

Wir wären wahrscheinlich gewalttätige Wesen. Wir beschränken uns jetzt freiwillig, damit das, was wir für nötig erachten, möglichst bald wieder stattfinden kann. Aber auch wenn es nicht systemrelevant ist, sollte es viel Selbstvertrauen haben und nicht so viel Angst, in dieser Krise vergessen zu werden. Wir spüren doch, wie sehr wir das Theater brauchen.

O&T: Sie waren in der Schweiz Präsident des Schweizerischen Bühnenverbands (und jetzt dessen Ehrenpräsident). Werden Sie sich im Deutschen Bühnenverein engagieren?

Märki: Ich habe mich im damaligen Unabhängigkeitskampf oder auch Überlebenskampf von Weimar ja sehr engagiert, wenn es auch zehn Jahre lang so aussah, als ob es gegen den Bühnenverein ginge. Ich habe da mehr Verbandsarbeit gemacht, als wenn ich im Bühnenverein gewesen wäre. Ich bin, als das Nationaltheater zum Staatstheater gemacht wurde, in den Bühnenverein zurückgekehrt. Dann war ich lange Präsident des Schweizer Bühnenverbandes. Das habe ich mit viel Freude und großer Energie gemacht. Jetzt bin ich zwar zurück in der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins, doch gibt es einfach so viel zu tun in Cottbus, dass ich mich jetzt erstmal darauf konzentrieren möchte. Aber natürlich werde ich mich überall dort beteiligen, wo man zusammenhalten muss, für die Sache der Kunst.

O&T: Haben Sie eigene Inszenierungspläne?

Märki: Ich verstehe eine Intendanz eher so, dass ich in erster Linie ein Haus inszeniere. Aber ich habe eine „Carmen“-Inszenierung aus Bern mitgebracht, die wir hier adaptiert haben, zwar dasselbe Konzept, aber vieles, vor allem fast alle Chorszenen, teilweise auch die Bühne, haben wir neu gemacht. Bis in den Dezember haben wir diese bis zur Premierenreife geprobt und es dabei geschafft, durch unsere Arbeitsschutzmaßnahmen keine Infektion ins Theater zu tragen. Besonders in der Oper ist das ja schwierig. Die Disziplin aller Beteiligten und das tägliche Ringen darum, trotz allem das bestmögliche künstlerische Resultat zu erreichen, war wirklich beispielhaft, auch in der vorhergehenden Probenzeit von „Mazeppa“. Wenn die „Carmen“ mal raus ist, möchte ich in den nächsten Jahren irgendwann noch „Tristan und Isolde“ auf die Bühne bringen. Die Pläne sind aber verschoben; wichtiger ist jetzt erstmal, die Spielpläne der anderen wieder zu ermöglichen.

O&T: Wie stehen Sie im Moment zu der Frage der Öffnungen oder Noch-nicht-Öffnungen? Anfang März gab es neue Beschlüsse. Es scheint so, als könnten Theaterintendanten jetzt noch weniger planen als zuvor, weil es nach täglichen Inzidenzzahlen geht. Wie planen Sie und wie bewerten Sie die Entscheidungen?

Märki: Was da zuletzt beschlossen wurde auf einem DIN-A4-Blatt, das gehört ja eher auf die Bühne, als dass es für die Bühne wäre. Das ist nicht mehr zu vermitteln. Ich halte alle Maßnahmen, die zur Eindämmung einer Pandemie beitragen können, für sinnvoll und notwendig, weil ich solidarisches Verhalten für eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften halte. Aber wir müssen lernen, mit dem Virus umzugehen, um aus unserer Selbstisolation wieder herauszukommen. Mit den Impf- und Testmöglichkeiten ist es an der Zeit, eine größere Differenzierung ins Auge zu fassen. Irgendwann drohen die Kollateralschäden dieser Gesellschaft den Nutzen der Pandemiebekämpfung zu überwiegen. Es gibt aktuelle Untersuchungen und Stufenpläne, wie die Öffnung der Theater umzusetzen wäre. Konkret für Cottbus kann ich sagen, dass wir den Goldstandard an Infektionsschutz erreicht haben – unter fachärztlicher Begleitung mit hochmodernen Lüftungssystemen in allen relevanten Räumen. Wer bei uns im Zuschauerraum sitzt, ist weitaus sicherer als an den meisten Orten. Schwieriger sind die Arbeitsschutzmaßnahmen auf der Bühne und im Probenbetrieb. Die sind hochkomplex in einem Mehrspartentheater mit den Ensembles von Philharmonischem Orchester, Chor, Tanz, Schauspiel und Musiktheater. Aber dass es geht, haben wir bewiesen.

Wir haben jetzt schon sechsmal den Spielplan der nächsten zweieinhalb Jahre neu ausgearbeitet, was immer auch Verhandlungen mit den beteiligten Gast-Künstlerinnen und Gast-Künstlern bedeutet, die ihrerseits mit vielen anderen Theatern in Dauerverhandlung stehen. Die sogenannten freien Künstlerinnen und Künstler haben die größten Probleme. Im Moment sind die festangestellten Künstler, was die Existenzsicherung angeht, noch in einer privilegierten Situation. Aber das gilt nicht für die freien oder die Privattheater. Die sind existenziell bedroht. Diese Pandemie ist eine anhaltende Krise, und die Hilfsprogramme, die von der Politik angesetzt wurden, erreichen die Leute, die es wirklich brauchen, viel zu langsam oder zu spät. Die Szene wird nach der Pandemie nicht mehr dieselbe sein. Das ist auch der Grund, warum wir den Künstlern gegenüber, mit denen wir in einer Verabredung waren, verlässlich bleiben wollen, wo immer wir das können.

O&T: Aber jetzt geht es langsam wieder los?

Märki: Man sollte langsam wieder anfangen. Ein Künstler ist ja ein besonderes Wesen, das die Bühne und das Handwerk braucht. Ein Tänzer, der sechs Wochen nicht trainieren kann, ist kein Tänzer mehr, und so ist es auch für den Gesang, für Musiker/-innen und für das Schauspiel. Diese gesellschaftlichen Schäden, die da entstehen in der Nicht-Kommunikation, machen mir Sorgen. Die sind noch nicht so spürbar. Nur, dass die Nerven bei allen blank liegen. Die deutsche Ordnungsliebe geht in Rechthaberei über und droht, mehr kaputt zu machen als sie Ordnung schaffen kann. Wieso ist die Einhaltung von Ordnung wichtiger als ihr eigentlicher Zweck, die möglichst schnelle Impfung? Hier fällt mir die Einsicht schwer, und die ist Voraussetzung für die enorme Selbstbeschränkung, die sich alle, aber eben besonders auch die Künste, so bereitwillig und unter enormen Verlusten auferlegt haben.

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