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Realität und Fiktion

Uraufführung von Tüürs „Wallenberg“ in Dortmund · Von Guido Fischer

Spätestens seit Glasnost und Perestroijka hat der ungezwungene Umgang mit der Moderne auch unter den baltischen Komponisten Hochkonjunktur. Meditative Klangsinnlichkeit (Arvo Pärt) und die neo-romantische Neudeutung von Volksmusik (Peteris Vasks) bilden dabei eine oft von Reibungspunkten befreite Tonsprache, die kaum mit Atonalem liebäugelt.

   

Thomas Mehnert als Eichmann in Tüürs „Wallenberg“.
Foto: Andrea Kremper

 

Verglichen damit ist der aus Estland stammende Erkki-Sven Tüür (Jahrgang 1959) ein anderes Kaliber. In seinem Werkkatalog, der in den letzten Jahren fast Rihm’sche Ausmaße angenommen hat, präsentiert er sich als substanzreicher Wanderer zwischen Minimalismus, Serialismus und Rock-Musik; zwischen ausladenden Oratorien und strengen Kammermusik-Konzentraten. In den Verdacht, einer dieser postmodernen Polystilisten zu sein, gerät Tüür schon deswegen nicht, weil seine Offenheit für Form- und Klangdispositionen unkalkulierbar ist. Von einer nicht zu erwartenden musiktheatralischen Radikalität zeigte sich nun Tüürs erste, am Dortmunder Opernhaus uraufgeführte Oper „Wallenberg“, die der scheidende Intendant John Dew in Auftrag gegeben hatte. Das Philharmonische Orchester unter Dirigent Alexander Rumpf musste Schwerstarbeit leisten. Denn in dem düster-expressiven Tonfall, der im ersten Akt in einer apotheotischen Aggressivität kulminiert, sind Erholungspausen rar, verschwinden die fein eingewobenen Walzer- und Ländler-Zitate, die idyllischen Dur-Harmonien so schnell, wie sie gekommen sind.

Stattdessen gibt es schwergewichtige Attacken, besonders in den Blechbläsern und im Schlagzeug, was im zweiten Akt in groteske Rasanz umschlägt, wie sie vor über einem halben Jahrhundert Schostakowitsch markierte. So hochkomplex, bisweilen überdimensional sich Tüürs Partitur in den über zwei Stunden bewegt, so erstaunlich theaterpraktikabel ist sie jedoch für die Opern-Biografie, die Librettist Lutz Hübner zum Wechselspiel aus geschichtlicher Realität und Fiktion machte. Lutz Hübner erinnert an den schwedischen Geschäftsmann und Diplomaten Raoul Wallenberg, der auf Empfehlung des schwedischen Verbandes des World Jewish Congress und unterstützt vom amerikanischen War Refugee Board im Juli 1944 vom schwedischen Außenministerium nach Budapest geschickt worden war. Dort leitete er eine Hilfsaktion für über 100.000 Juden, die nach der Deportation von 437.000 ungarischen Juden nach Auschwitz in der ungarischen Hauptstadt zurückgeblieben waren. Wallenberg verteilte dabei schwedische Schutzpässe, richtete Krankenhäuser ein und verhandelte auf deutscher Seite unter anderem mit Adolf Eichmann. Als Budapest von der Roten Armee besetzt wird, verlieren sich Wallenbergs Spuren nach 1945 im sowjetischen Gulag.

Doch Hübner zeichnet nicht nur die historische Gestalt Wallenberg nach. Er imaginiert zudem einen zweiten Wallenberg, der Balsam für die Mythenschreibung ist: als strahlender Held, der zum Gewissen entlastenden Feigenblatt wird – für die Schweden, die Geschäfte mit den Nazis machten, für die Amerikaner, die Flüchtlinge zurück in den Tod schickten. Auf der kafkaesk angereicherten Szene (Bühne: Peter Schulz) mit ihren riesigen, verschiebbaren Wänden und tausenden weißschimmernden Aktenordnern choreografiert Regisseur Philipp Kochheim schrille Geschichtsschreibung moderner Prägung, in der Wallenberg mediengerecht ausgeschlachtet wird. Mal als Filmfigur, mal als Talkshow-Gast, dem Ronald Reagan die amerikanische Ehrenbürgerschaft verleiht. Höhepunkt ist eine grelle Wallenberg-Revue unterm knallpink eingefärbten Hakenkreuz aus Glühbirnchen, mit Hitler, Himmler und Göring als Panoptikumsfiguren. Der Mensch Wallenberg ist tot, verwertet von der Mythenfabrik Hollywood und vom Dew-Adepten Kochheim plakativ inszeniert.

Gerade in dieser Entertainment-Spirale bewies Tüürs Musik Rückgrat, da sie die Szenen nicht kommentierend bedient, sondern Gegenkräfte in stark emotionalen Momentaufnahmen entwickelt. Vor allem dank der flatternden Melodiefetzen, die den tenoralen Glanz von Hannes Brock als Wallenberg 2 perforieren und von dem phantastischen Bariton Hannu Niemelä als eigentlicher Wallenberg zu einem ständig lodernden Psychogramm konturiert werden. Leider war Niemelä auch der einzige in einem stimmlich gut besetzten Ensemble, dessen Textverständlichkeit vorbildlich war. Deshalb sollte die Regie in den nächsten Vorstellungen die Übertitel sofort einblenden und nicht erst nach der Pause. Obwohl der leichte Lehrstück-Ton des Textes, den Hübner hierfür recycelt hat, an Tüürs risikofreudige Musiksprache nicht heranreicht.

Guido Fischer

 

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