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Kulturpolitik

Kein Kampfgesang

Vom NVA- zum „Carl Maria von Weber-Chor“
Von Dietrich Peters

Das geteilte Deutschland hatte zwei Armeen und schickte auch die Kunst in die Gräben des Kalten Krieges. Der Sinnspruch des Ostens lautete: Kunst ist Waffe! Fast zwangsläufig bildete sich nach dem Vorbild des Alexandrow-Ensembles der Roten Armee in der DDR das Erich-Weinert-Ensemble heraus (benannt nach dem revolutionären Verseschmied), bestehend aus Männerchor, Ballett, Orchester und Kabarett. Kunsttreibende wurden in den Waffenrock gesteckt, um mit Tanz und Gesang gegen den Klassenfeind anzuspielen.

   

Die ideologisch tragende Säule war der antifaschistische Gründungsmythos der DDR: Überwindung des deutschen Faschismus, verbunden mit dem Weg eines selbstdefinierten Sozialismus, Abgrenzung und Kampf gegen den westdeutschen imperialistisch-kapitalistischen Ausbeuterstaat (die bösen Bonner Ultras). Sinnigerweise nutzten die selbsternannten Arbeiterführer für den Waffenrock ihrer Armee-Angehörigen den gleichen Stoff wie ihn schon die Wehrmacht einige Jahre zuvor durch den Weltkrieg trug.

Gebrauch der Kunst

Der ästhetische Ansatz der SED ähnelte dem der feudalabsolutistischen Gesellschaft, man maß der Kunst einen enormen Stellenwert zu und glaubte an ihre Einwirkungsmöglichkeiten auf Menschen. Hanns Eisler, der kreative Komponist, der kritische Marxist, beschrieb 1962 die Situation sehr treffend: „... die Säkularisierung, die Emanzipation der Kunst vom Religiösen, vom Mythos, ist ihre Verbürgerlichung oder ihre Modernisierung! – Das heißt, in dem Moment, wo die Kunst sich von ihrem praktischen Gebrauch abtrennt – der Ritus ist ja praktischer Gebrauch –, wird sie erst das, was wir modern als Kunst bezeichnen (...). Nun ging anscheinend ein Teil auch der Kunst der revolutionären Arbeiterklasse wieder auf die Urfunktion der Kunst zurück (...). So müssen wir sagen, dass wir doch in diesen Zeiten zurückgehen, ich sage es ganz grausam, auf die Höhlenzeichnungen. – Wir brauchen Kartoffeln, also – eine Kartoffelkantate! Wir brauchen bestimmte Produktionssteigerungen, also – Komponisten und Dichter, schreibt Lieder, Gesänge und Kantaten, um unsere Produktion zu steigern! (...) Aber ist es nicht, philosophisch gesprochen, eine ungeheure Zurücknahme der Säkularisierung?“ (Hanns Eisler zitiert nach Wolfgang Emmerich „Kleine Literaturgeschichte der DDR“, Aufbauverlag, Berlin).

Hohes Niveau

Nun ist es aber so, dass der Kerngehalt von Kunst nicht die Funktionalität, der politische Aussagewille ist, sondern vom individuellen Verhältnis zur Realität und entscheidend von der Gestaltungsfähigkeit geprägt wird. Getreu dem alten Kantinenwitz: Kunst kommt vom Können und nicht vom Wollen, sonst hieße es ja Wunst, mussten die Sänger des Chores an ihrer künstlerischen Gestaltungsfähigkeit arbeiten. Aus dem Chor der NVA wurde ein Berufsensemble. Die Sänger erhielten eine hochqualifizierte Ausbildung mit Hilfe eigener Gesangslehrer der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“. Die Ausbildung wurde in der Regel mit der staatlichen Bühnenreifeprüfung abgeschlossen. Die NVA hatte einen Berufschor auf ihren Soldlisten. Mit steigender Professionalität wurde die Trennung zwischen dem politischen Kunstauftrag und der Kunstausübung in der Realität erkennbar. Die Sänger beschrieben es so: „Neben seiner ‚kulturpolitischen Hauptaufgabe’, vor Angehörigen der NVA aufzutreten, machte sich der Chor national wie international einen geachteten Namen als in Qualität und Vielfalt des Repertoires sehr geschätzter Klangkörper.“ Die Chöre verschiedener Opernhäuser (zum Beispiel Staatsoper, Komische Oper) nahmen gern Sänger des NVA-Chores in ihre Reihen auf.

„Eingliederung“

Der Herbst 1989 sah in der DDR eine kulturvoll gestaltete Revolution, Künstlerinnen und Künstler riefen am 4. November 1989 nach Meinungsfreiheit, nach Freiheit von Zensur und nach Reisefreiheit – Hunderttausende hörten den Ruf und kamen auf den Berliner Alexanderplatz. Vielleicht war in dieser geschichtlichen Sekunde die Volksarmee eine Volksarmee – nicht verwendungsfähig gegen die eigene Bevölkerung. Vom Chor der NVA erscholl kein Kampfesgesang. Die Folgezeit sah den Einigungsvertrag, den Vertrag 4 plus 2 der vier Besatzungsmächte, den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, sah die Eingliederung der NVA in die Bundeswehr und sah den Auflösungsbeschluss für das Künstlerensemble. Für immerhin fast ein Jahr zählte das Ensemble zum Bestand der Bundeswehr. Der übernehmende General der Bundeswehr, Schönbohm, heute Innenminister des Landes Brandenburg, war plötzlich auch Vorgesetzter eines Chores. Ein Chor passte nicht in das Selbstverständnis vom militärischen Handwerk. Die Abwicklung hatte bis zum 30.6.1991 stattzufinden.

Hoffnungsschimmer

Und doch zeichneten sich – nach diversen Auftritten in den alten Bundesländern und nach prominenter Fürsprache – Hoffnungsschimmer für den Chor ab. Der in Hamburg lebende Ururenkel des Komponisten Carl Maria von Weber, Hans-Jürgen Carl-Maria Freiherr von Weber, übernahm die Schirmherrschaft über den Berliner Männerchor, der jetzt „Carl Maria von Weber-Chor“ hieß. In einem Selbstzeugnis führt der Chor die nachfolgende Entwicklung so aus: „Der einzige deutsche Berufsmännerchor, durch den Neuzugang von Sängern auch aus den alten Bundesländern zu einem gesamtdeutschen Klangkörper avanciert, wurde auf Beschluss des Deutschen Bundestages auch nach seiner Ausgliederung aus der Bundeswehr am 30.6.1991 weiterhin aus dem Bundesverteidigungshaushalt finanziert. Die Finanzierung war die wirtschaftliche Grundlage für das überaus erfolgreiche Wirken des Chores bis April 1995.“

   

Vokalensemble „Carl Maria von Weber“ heute. Foto: Ensemble

 

Das Veranstaltungsbuch des Chores weist eine Vielzahl von Höhepunkten auf. Im Namen der Bundeswehr traten die Sänger in der ZDF-Sendung „Achtung! Klassik“ auf. Weitere bedeutende – auch internationale – Auftritte folgten. Im Jahre 1994 lief die Finanzierung des „Carl Maria von Weber-Chores“ aus. Es fehlte wohl nicht nur an Geld, sondern es ist auch eine politische Absicht dahinter zu vermuten. Die Schublade, in die sich diese Kunstinstitution hätte einsortieren lassen können, war sowohl in politischer als auch in künstlerischer Hinsicht nicht vorhanden.
Peter Ruzicka und Gerd Albrecht von der Hamburger Oper schrieben an den Bundesminister der Verteidigung Volker Rühe: „Der Berliner Männerchor ‚Carl Maria von Weber’ zählt ohne Frage zu den Spitzenensembles dieses musikalischen Literaturbereichs überhaupt. Die Stimmqualität des Chores, seine musikalische Intensität und interpretatorische Intelligenz erscheinen uns für das Musikleben schlechthin unverzichtbar. Gerne möchten wir auch bei künftigen programmlichen Überlegungen von der Mitwirkung dieses Chores Gebrauch machen. Wir wären Ihnen deshalb dankbar, wenn bei den weiteren Überlegungen bezüglich der Finanzierung dieses Chores ein Weg gefunden werden könnte, der auch der besonderen künstlerischen Dimension der Sache Rechnung trägt.“

Der Chordirektor der Metropolitan Opera, Raymond Hughes, sei hier auch zitiert: „Der Chor der Metropolitan Opera hat neulich, in einer unserer Aufführungen in der Alten Oper Frankfurt, die außerordentlich positive und kreative Erfahrung gemacht, mit dem Berliner Männerchor ‚Carl Maria von Weber’ zusammenzuarbeiten. Nach einer solchen fruchtbaren Zusammenarbeit wirkt die Nachricht um so störender, dass die bloße Existenz dieses exzellenten – und in Deutschland und wahrscheinlich Europa – einzigartigen professionellen Männerchores jetzt durch Subventionskürzungen bedroht ist.“

Auch Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt setzte seine Autorität für den Erhalt des Chores ein: „Der Berliner Männerchor... ist ein Stück lebendiger deutscher Geschichte. Aus dem ehemaligen NVA-Chor der DDR hervorgegangen, wirkt Ihr Chor für das Zusammenwachsen der Deutschen in West und Ost mit. Dies verbindet uns als Teil unserer gemeinsamen Kultur mehr als viele Lippenbekenntnisse.
Ich denke, dass es notwendig ist, einem solchen Symbolträger für die Einheit der Deutschen, einem deutschen und internationalen Kulturträger wie Ihr Chor es ist, zu einer gesicherten Existenz zu verhelfen. Der Chor leistet als „Sympathieträger“ und im Rahmen der „Öffentlichkeitsarbeit“ für die Bundeswehr kulturpolitische Arbeit von sehr hohem Wert. Alle Verantwortlichen sind aufgerufen, dem Chor endlich die ständige Sorge um die finanzielle Existenzfähigkeit Ihres Klangkörpers zu nehmen.“ (Dem Autor liegen die zitierten Schreiben in Kopie vor.)
Verfassungsrecht?

Der Einigungsvertrag bestimmt in seinem Artikel 35, Absatz 2 und 4: „Die kulturelle Substanz... darf keinen Schaden nehmen.(...) Die bisher zentral geleiteten kulturellen Einrichtungen gehen in die Trägerschaft der Länder oder Kommunen über... Eine Mitfinanzierung durch den Bund wird in Ausnahmefällen, insbesondere im Land Berlin, nicht ausgeschlossen.“

Die verfassungsrechtliche Grundlage für die Weiterexistenz des Chores war also mit dem Einigungsvertrag gegeben.

Böswillig interpretiert der Autor den Wegfall der Finanzierung durch den Bund als einen gewollten politischen Akt. Für die verbliebenen kalten Krieger im Westen, aber auch für die bürgerrechtliche Betrachtung galt und gilt: Wer sang, dass die Partei immer Recht hat, kann im Westen nicht auf die Rechte der Kunstfreiheit und Kunstförderung pochen, „Lobet den Herrn“ steht der Kunstfreiheit allemal näher. Ein Chormitglied zitierte gegenüber dem Autor einen hohen deutschen Militär, als der Chor zur Umrahmung des Deutschlandtages 1994 im NATO-Hauptquartier in Brüssel auftrat: „Sie haben einen einzigen Fehler, sie kommen aus dem Osten.“

Folgen für die Musiker

Mit der wegbrechenden Finanzierung brach im Chor eine Vielzahl menschliche Probleme auf. Viele der hochqualifizierten Sänger sind bis heute arbeitslos, einige wurden in andere Ensembles aufgenommen, wieder andere befinden sich in Umschulungsmaßnahmen der Arbeitsämter.

Es gibt sie immer noch

Eine kleine Formation machte und macht unter dem Namen Berliner Vokalensemble „Carl Maria von Weber“ weiter. Über drei Jahre war man ein Arbeitsförderbetrieb (von 1995 bis 1998), getragen von der Berliner Arbeitsverwaltung unter der Senatorin Bergmann. Durch eine leider schlechte Managementberatung konnten sich die Sänger nie aus ihrer Existenzkrise befreien. Fast tragisch mutet die Aussage des jetzigen künstlerischen Leiters, Heiko Jerke, an: „Unser größter Erfolg? Uns gibt es immer noch. Wir brauchen etwas zum Leben, ansonsten wollen wir nur singen.“

Ihr künstlerisches Profil beschreiben die Sänger als Vereinigung der Tugenden von den King‘s Singers, Comedian Harmonists und Donkosaken. Sie stellen sich dem Motto: Wir werben für den Gesang! Trotzdem scheint es, dass die traditionelle Männerchorliteratur einer ihrer bedeutsamsten Träger verlustig gegangen ist.

Dietrich Peters

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