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Der pädagogische Revolutionär

Martin Puttke zum 70. Geburtstag · Von Gisela Sonnenburg

Sein Terminkalender ist nicht elektronisch, sondern aus Papier. Prall gefüllt ist er dennoch: Martin Puttke, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wurde, ist ein quirliger Vielbeschäftigter. Wenn er nicht gerade einen Workshop leitet, führt er Gespräche. Zum Beispiel über das von ihm so genannte „Masse-Zentrum“, also die Beckengegend. Sprünge mit Fluganmutung erklärt Puttke so: „Wenn ich springe, erzeuge ich Energie. Diese muss ins ‚Masse-Zentrum‘ geleitet werden. Dann braucht der Körper keine neue Energie.“ Von Pirouetten weiß er: „Das Masse-Zentrum muss sich drehen, dann kommt der Rest wie von allein.“

Feierte seinen 70. Geburtstag: Martin Puttke. Foto: Gisela Sonnenburg

Feierte seinen 70. Geburtstag: Martin Puttke. Foto: Gisela Sonnenburg

Tatsächlich springen und drehen Puttke-Schüler vorzüglich, ohne zu kippen oder zu „reißen“. Stars wie Oliver Matz, Steffi Scherzer und Raimondo Rebeck lernten bei Putt-ke. Als oberster Tanzlehrer der DDR prägte er Generationen von Ballettleuten. Erstaunlich, weil Puttke keineswegs in der DDR geboren wurde, sondern – am 30. April 1943 – in Breslau. Aufgewachsen ist er im tiefsten Wes-ten, in Dortmund, in ärmlichen Verhältnissen. Hausmusik war in seiner Familie wichtig. Martin spielte Klavier, Zither, Barockflöte – bis er als Heranwachsender in einer Kneipe eine Live-Übertragung vom Eiskunstlauf sah. Puttke: „Das hat mich fasziniert: körperliches Selbstbewusstsein und die Überwindung der Schwerkraft.“ Mit der mittleren Reife ging er vom Gymnasium ab, wollte zum Ballett. Der Vater, Maschinenschlosser und Kommunist, schimpfte, das sei „unsittlich“. Aber Puttke der Jüngere wollte tanzen.

Damals hatte sich bis in den Ruhrpott herumgesprochen, dass die Ballettschule im Osten Berlins ein großes Renommee hatte. Gegen die DDR hatte auch Puttkes Vater nichts. Mit dem Fahrrad radelte der Teenager zwei Wochen vor dem Mauerbau durchs Brandenburger Tor. Gewohnt hat er aber in Stralsund, bei einem seiner Brüder. Dort ging Martin ins Kinderballett – und bekam prompt einen Elevenvertrag. Erst über Umwege fand er zur Staatlichen Ballettschule Berlin. Da war er 18 Jahre alt.

Wie andere Grandseigneurs, die erst spät mit dem Ballett anfingen – John Cranko und Glen Tetley zählen dazu –, war Puttke nie nur Tänzer. Er wollte seinen Wirkungskreis mitgestalten. An der Deutschen Staatsoper bemerkte er zwar, dass es für eine große Solokarriere zu spät war. Aber als er hörte, dass in Moskau Nikolai I. Tarassov, ein berühmter Tänzer-Ausbilder, seine letzten Kurse plante, wollte er hin. Sofort. Und war begeistert. Später übersetzte Puttke das Hauptwerk von Tarassov für die deutsche Buchausgabe, die im Henschel Verlag erschienen ist: „Klassischer Tanz – Die Schule des Tänzers“.

Zahlreiche Aufgaben

Puttke stöhnt bei der Erinnerung: „Tarassov war ein unglaublich strenger Lehrer.“ Aber Strenge müsse sein, meint er, „getragen vom Verständnis für die Probleme, die gelöst werden müssen“. Fünf Jahre, bis 1975, lernte er bei Tarassov. Dann ging er als Pädagoge zur Staatlichen Ballettschule nach Ost-Berlin zurück. Von 1979 bis 1995 war er dort Künstlerischer Leiter, von 1981 bis 1991 auch Direktor, wodurch er – als Chef aller Lehrer – sogar Mathematiklehrern vorstand. Puttke grinst an dieser Stelle seiner Biographie. Ab 1988 war er außerdem Professor an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Noch illustrer war sein Wirken von 1990 bis 1992: Zusätzlich zum Schulbetrieb leitete er das Ballett der Deutschen Staatsoper Berlin.

Puttke kann viel erzählen, zum Beispiel über seine Zusammenarbeit mit Nurejew. „Rudolf Nurejew hat mit seiner erotischen Erscheinung das Verständnis fürs klassische Ballett total verändert“, meint Puttke. Aber als der Weltstar nach Berlin kam, um mit Puttkes Assistenz „Dornröschen“ einzustudieren, öffneten sich auch Gräben zwischen den ästhetischen Auffassungen. So ließ Nurejew das gesprungene Rond de jambe en l’air regelrecht „rühren“, also die Unterschenkel ausgeprägt rotieren. Für Puttke, der einen delikateren Stil bevorzugt (à la Auguste Bournonville), kaum zu ertragen. „Augen zu und durch“, sagte er sich.

Sympathisch, dass Puttke so etwas zugibt. Offen sagt er auch, dass die heutige politische Richtung Russlands nicht akzeptabel ist. Er war in Sankt Petersburg, man wollte ihn als Künstlerischen Leiter einer neuen Tanz-Akademie haben. Er lehnte ab, unter anderem weil die heute dort starke Ächtung von Homosexualität weder mit den Menschenrechten noch mit der Freiheit der Kunst vereinbar ist. Da tüftelt Puttke lieber an seinem revolutionären Bewegungskonzept Dance Native Motion System (DaNaMoS®). Er analysiert damit Tanz, nutzt neurokognitive Erkenntnisse für die Lehre. In der Schweiz brachte er ältere Damen zum Ballettbeinschwingen; Tänzer und Tanzlehrer füllen seine Workshops. Schade nur, dass sein Meisterschüler Gregor Seyffert, heute Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin, das dort nicht nutzt. Dabei ist Puttke nicht mal ein typischer Übervater. Aber zwischen den beiden herrscht Funkstille – schon seit Jahren.

Gisela Sonnenburg

 

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