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Stolz auf Traditionen

Der Dresdner Kreuzchor feiert sein 800-jähriges Bestehen

Der Dresdner Kreuzchor feiert dieses Jahr sein 800-jähriges Bestehen. Der Bundespräsident, die Kanzlerin und der Bundestrainer gratulierten bereits öffentlichkeitswirksam. Was aber hielt und hält den Chor eigentlich zusammen?

„Da in diesem Jahr das 60-jährige Bestehen des Schulgebäudes festlich begangen werden soll, hat man sich endlich entschlossen, gleichzeitig das 700-jährige Jubiläum des Chores und der Schule nachzuholen.“ So berichtet es 1926 der Autor eines Jubiläumsartikels in der „Zeitschrift des Kirchenchorverbandes der Sächsischen Landeskirche“.

Dass wir 90 Jahre später nun schon das 800-jährige Jubiläum des Chores feiern können, liegt schlicht darin begründet, dass der Kreuzchor bei der Frage nach seinen Anfängen – im Gegensatz etwa zum Leipziger Thomanerchor, der entspannt auf die Gründungsurkunde von Kaiser Otto IV. vom 20. März 1212 tippen kann – auf Vermutungen angewiesen ist. Lange Jahre hieß es, der Kreuzchor sei ja sicher so alt wie Dresden selbst; und die zentrale Kirche der Kaufmannssiedlung, die nach dem Schutzpatron der Händler Nikolaikirche genannt wurde, habe doch sicherlich auch ein paar Chorsänger haben müssen! Erst der ehemalige Kruzianer, spätere Kantor und Musikprofessor Wolfram Steude unternahm es in seiner 2006 erschienenen Monographie, den Mutmaßungen genauer nachzugehen. Er wies immerhin nach, dass es im 14. Jahrhundert erstmals einen Schulmeister gab, der Sänger zu unterrichten hatte. 

Foto: Matthias Krueger

Foto: Matthias Krueger

Dass es nun 2016 in der Dresdner Kreuzkirche und der etwas entfernt liegenden Kreuzschule doch ein großes Jubiläum zu feiern gibt, ist nicht etwa neueren Erkenntnissen Dresdner Musikforscher zu verdanken. Eher waren es finanzielle Querelen mit der Landeshauptstadt, die vor einigen Jahren einen echten Showdown erwarten ließen: Das Kapital der Stiftung „Dresdner Kreuzchor“ gedachte der Stadtrat für den Umbau des städtischen Kulturpalastes zu verwenden, um seinerseits keine neuen Schulden aufnehmen zu müssen. Der Kreuzkantor zeigte sich in einer Pressemitteilung öffentlich „entsetzt“, er „erwarte ein sofortiges Gespräch mit der Oberbürgermeisterin“. Diese verstand es dann, den Kreuzkantor zu beschwichtigen. Und, ja, vielleicht war sie es, die das große Jubiläum ins Gespräch brachte? Ihr Oberbürgermeisteramt hat sie aufgegeben – und fungiert heute als offizielle Botschaf-
terin des Chores.

Genug der kleinlichen Pfennigfuchsereien, die sich selbstredend wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte der Chorgeschichte ziehen. Noch im aktuellen Jubiläumsjahr kann der Chor, neben der landesfinanzierten Sächsischen Staatskapelle der vielleicht wichtigste städtische Botschafter in aller Welt, mitnichten sagen, wenigstens ausreichend mit finanziellen Mitteln ausgestattet zu sein. Wo die Sänger früher den Priester zu Krankenbesuchen begleiteten, Ziegel trugen, Heu machten, sich als Ratsschreier oder Steuereintreiber verdingten, sind es heute die Eltern der Knaben, die die Mitgliedschaft ihres Sprösslings finanziell abzusichern haben. Nicht nur deswegen plagen den Chor Nachwuchssorgen. Ansonsten hat sich an den künstlerischen Rahmenbedingungen tatsächlich über die Jahrzehnte nicht viel verändert. Zitieren wir einmal Kreuzkantor Rudolf Mauersberger, der die Geschicke des Chores von 1930 bis 1971 (!) leitete:

Oben: Blick von oben auf die Dresdner. Foto: Matthias Krueger

Oben: Blick von oben auf die Dresdner. Foto: Matthias Krueger

„Harten Fleiß und manchen Verzicht setzt ein Chorschülerleben voraus. (...) Noten- und Anfangskenntnisse im Klavierspiel werden vorausgesetzt oder müssen auf schnellstem Wege erworben werden. (...) Die Neulinge ziehen mit Sack und Pack im Alumnat ein, in dessen Räumen auch der Schulunterricht erteilt wird. An den allgemeinen Chorproben nehmen sie zunächst mehr hörend und nachlesend teil, während sie im übrigen meist ihre Einzelproben haben. Aber es dauert nicht lange, und dieser und jener wird ‚flügge‘. Er hört auf, ratlos in den Noten zu blättern und ängstlich auf den Nachbarn zu lauschen. Noch einige Wochen, und sein Name steht erstmalig auf der Konzertliste. Bald gehört er zu den Stützen des Soprans und wird ins ‚erste Glied‘ eingereiht. Im übrigen läuft sein Leben in streng geregelten Bahnen des Chorbetriebes. Morgens sieben Uhr erwacht er zusammen mit seinen Kameraden im großen Schlafsaal. Vor dem Frühstück erklingt das Morgensingen. An den allgemeinen Unterrichtsschluß fügt sich sofort die etwa eineinhalbstündige Gesamtprobe. Die Jungen studieren nebeneinander doppelchörige Sätze alter Meister, Bach-Motetten und moderne Werke, die sie zur Ur- oder Erstaufführung bringen.“ (aus der Festschrift zur 750-Jahrfeier der Stadt Dresden, aus dem Jahr 1956).

Auch wenn die Zeiten des großen Schlafsaals vorbei sind: Auf viele überlieferte Bräuche des Chors wird bis heute Wert gelegt. Knaben, die zu Weihnachten mit Kerzen durchs dunkle Schulgebäude ziehen und „Stille Nacht“ singen? Das finden gleichaltrige Smartphone-Zombies vermutlich anachronistisch, um es zurückhaltend zu formulieren. Aber die Kruzianer sind stolz auf die Traditionen ihres Chores, pflegen sie und geben sie an die nächste Generation weiter.

Die Kruzianer in Shanghai – wichtiger Botschafter der Stadt Dresden in der ganzen Welt. Foto: Matthias Krueger

Die Kruzianer in Shanghai – wichtiger Botschafter der Stadt Dresden in der ganzen Welt. Foto: Matthias Krueger

Angeleitet werden die 128 Knaben und Männer vom Kreuzkantor, dem sämtliche künstlerischen und erzieherischen Grundlinien des Chorlebens übertragen sind. Der Chordirigent Roderich Kreile füllt dieses Amt seit nun fast 20 Jahren aus. Wo ehemalige Kruzianer, die ihre Ausbildung noch unter Mauersberger oder Martin Flämig erhielten, eine wiedererkennbare, stringente stilistische Ausrichtung des heutigen Kreuzchors vermissen, sorgt Kreile doch auf seine zurückhaltende Art und Weise für konstante und verlässliche Leistungen des Chores. Wobei die Anforderungen immens sind: Im Terminplan des Jubiläumsjahres, der natürlich noch etwas vollgestopfter ist als sonst, stehen über 70 Konzerte und fast ebenso viele Vespern und Gottesdienste. Bei einem Auswärtsspiel der Fußball-Nationalmannschaft haben die Kruzianer jüngst ebenso gesungen wie bei der Einweihung einer neuen Uhrenmanufaktur in Glashütte, im Dresdner Dynamostadion wie auf einer großen Chinatournee. Dass die schulischen Leistungen da manchmal etwas bröckeln mögen und auch die Gesangsqualität nicht immer zu jedem Konzert einhundertprozentig abrufbar ist, ist wohl nicht anders zu machen zum „Achthundertsten“. Die Relevanz des Dresdner Kreuzchors für unser heutiges Musikleben bezeugen nicht zuletzt die Namen ehemaliger Kruzianer wie René Pape, Hans-Christoph Rademann, Tobias Berndt, Hartmut Haenchen oder Martin Lehmann. Diese Relevanz nun auch weit hinein ins 21. Jahrhundert zu tragen, ist die verantwortungsvollste Aufgabe des gegenwärtigen Kreuzkantors.

Martin Morgenstern

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