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Kulturpolitik

Auf ein Wort mit...

André Bücker, Intendant des Theaters Augsburg
Im Gespräch mit Barbara Haack

Der studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler André Bücker ist seit 1995 bundesweit als Regisseur tätig. Von 1998 bis 2000 war er Haus-Regisseur und Stellvertreter des Intendanten in Wilhelmshaven, von 2005 bis 2008 Intendant am Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt/Quedlinburg. 2009 wurde er Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau und blieb dort bis 2015. Er setzte sich energisch – mit teils originellen Mitteln – gegen Sparpläne für das Theater ein. Von 2012 bis 2015 war Bücker Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Ost im Deutschen Bühnenverein. Seine letzte Spielzeit am Anhaltischen Theater Dessau (2014/15) wurde mit dem neu geschaffenen Theaterpreis des Bundes von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit einem Preisgeld von 80.000 Euro ausgezeichnet. Seit der Spielzeit 2017/2018 ist André Bücker Intendant des Theater Augsburg. Barbara Haack sprach für „Oper & Tanz“ mit ihm über seine ersten Erfahrungen und Pläne.

Oper & Tanz: Bevor Sie nach Augsburg kamen, waren Sie Generalintendant am Theater Dessau. Wie sind Sie dort weggegangen: traurig, froh, frustriert?

André Bücker. Foto: Peter Litvai

André Bücker. Foto: Peter Litvai

André Bücker: Frustriert war ich nicht. Es war eine besondere Situation in Dessau, eine sehr intensive Zeit und nicht ganz einfach. Ich wusste schon relativ lange, dass meine Zeit dort zu Ende gehen wird. Natürlich lässt das einen emotional nicht ganz kalt.

O&T: Zumal Sie sich dort sehr engagiert und sich in der Politik nicht nur beliebt gemacht haben.

Bücker: Das war auch der Grund, warum mein Vertrag nicht verlängert wurde. Aber es war eine tolle Zeit, ein tolles Haus, wir haben tolles Theater dort gemacht: eine spannende Kulturlandschaft.

O&T: Sind Sie in Augsburg schon „angekommen“?

Bücker: Ich habe nach Dessau erst einmal frei als Regisseur gearbeitet. Aber für mich war klar, dass ich wieder ein Haus leiten will. Da passte Augsburg sehr gut. Ich bin früh hier hergezogen, schon 1,5 Jahre, bevor ich als Intendant angefangen habe. Aber dieses „Ankommen“: Ich weiß gar nicht so recht, was das bedeutet.

O&T: Für einen Theatermenschen, der oft wieder geht, bedeutet es vielleicht etwas anderes als für den, der bleibt.

Bücker: Ja. Man braucht dieses Ankommen. Aber es ist gleichzeitig wichtig, ein bisschen Distanz zu wahren, draufgucken zu können: Wie funktioniert so eine Stadt? Was sind die Themen? Womit sollten wir uns als Haus beschäftigen?

O&T: Das ist auch Ihre Herangehensweise: zu schauen, was in der Stadt passiert, was eine Stadt ausmacht, und das Programm danach auszurichten.

Bücker: Genau. Das habe ich an allen Orten intensiv betrieben. Das war auch der Wunsch in Augsburg, als man sagte, man will sich hier – inhaltlich und räumlich – neu aufstellen. Deshalb hatte ich den Eindruck, dass das gut zueinander passt.

O&T: Welche konkreten Pläne gibt es denn in dieser Richtung?

Bücker: Es gibt viele Möglichkeiten, kulturelle Linien aufzunehmen, die durch die Stadt laufen. Ein großes Thema sind die Fugger. Wir haben einen Kompositionsauftrag für die Freilichtbühne am Roten Tor vergeben für ein Fugger-Musical, „Herz aus Gold“. Die Reformation ist natürlich in Augsburg auch ein großes Thema. Damit beschäftigen wir uns im Spielplan, mit „Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“. Dann gibt es Kooperationen, mit dem Textilmuseum, mit dem Grandhotel Cosmopolis. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, in der Stadt an Partner anzudocken.

O&T: Im Theaterprogramm gibt es ein Projekt, das sich „Plan A“ nennt. Was verbirgt sich dahinter?

Ausgezeichnet: „Roxy und ihr Wunderteam“. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Ausgezeichnet: „Roxy und ihr Wunderteam“. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Bücker: Das ist eine Plattform für interdisziplinäre und interkulturelle Theaterarbeit. Auch das ist ein Link in die Stadt hinein: Der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund liegt in Augsburg bei über 40 Prozent. Damit wollen wir uns befassen. Wir haben zum Beispiel ein Gastspiel einer türkischen Theatertruppe eingeladen. Wir arbeiten mit einem türkischstämmigen Regisseur zusammen, der seit über 30 Jahren in Augsburg lebt. Nicole Schneiderbauer, unsere Hausregisseurin, macht interdisziplinäre Theaterarbeit, sie arbeitet selbst sehr performativ, auch mit choreografischen Mitteln. Dabei suchen wir Bezugspunkte zu freien Gruppen hier in der Stadt, aber auch überregional.

O&T: Steckt dahinter die Idee, dass Theater sich politisch engagieren muss?

Bücker: Klar, dass sich Theater auch mit der sozialen Gegenwart in einer Stadt befassen sollte. Es sind auch Diskussionsveranstaltungen und Workshops an „Plan A“ angedockt. Es gilt, Theater in einer gesellschaftlich relevanten und bewussten Art und Weise zu machen und in der Stadt Themen zu suchen und zu setzen.

O&T: Spüren Sie schon, dass dies wieder zurückwirkt ins Theater?

Bücker: Die Resonanz ist bisher sehr gut. Es ist ja immer das große Ziel, Theater so zu erweitern, dass man Menschen erreicht, die bisher vom Theater überhaupt nicht erreicht wurden. Augsburg ist ein Pflaster – ganz anders als der Osten der Republik –, wo es noch einen großen Abonnentenstamm und ein klassisches Bildungsbürgertum gibt. Aber mein Bestreben ist es, das Theater zu öffnen, den Horizont des Theaters zu erweitern, um andere Menschen einzuladen – auf unterschiedlichen Wegen. Wir haben zum Beispiel ein Projekt, das in die Stadtteile geht. Wir veranstalten Work-shops außerhalb des Theaters, mal in einem Gemeindehaus, in einem Moscheeraum oder in einem Sportverein…

O&T: Funktioniert das? Wird das angenommen?

Bücker: Innerhalb von vier Monaten ist das nicht signifikant messbar. So etwas braucht Zeit. Aber ich bin zuversichtlich, dass es nachhaltig gelingen wird, Menschen zu binden, die zuvor kein Interesse am Theater hatten.

O&T: Sie haben in einem Interview gesagt, Sie wollen immer ein ausverkauftes Haus.

Bücker: Wer will das nicht?

O&T: Haben Sie es schon?

Bücker: Wir sind da oft ziemlich nahe dran. Normalerweise brechen bei einem Intendantenwechsel immer erst einmal die Zahlen ein wenig ein. Das ist hier überhaupt nicht passiert. Und wir haben immerhin gleich zwei „Härtefallsituationen“: den Intendanten- und damit auch einen drastischen Programmwechsel, und den Spielstättenwechsel. Wir haben trotzdem im ersten Quartal Auslastungszahlen gehabt, die genauso gut waren wie zu Zeiten des Großen Hauses vor der Interimszeit. Im Ballett sind alle „Schwanensee“-Vorstellungen ausverkauft gewesen. Wir hatten mit der „Ballett? Rock it“-Produktion schon vor der Premiere fast alle Vorstellungen ausverkauft.

Ich arbeite ja zum ersten Mal mit dem Augsburger Opernchor. Das wird für beide Seiten ein spannendes Kennenlernen.

O&T: Die Augsburger Produktion „Roxy und ihr Wunderteam“ ist gerade mit dem „Operetten-Frosch“ des Bayerischen Rundfunks für den Monat Dezember ausgezeichnet worden und damit nominiert für den „Frosch des Jahres“.

Bücker: Ich freue mich sehr darüber, dass diese tolle Produktion eine solche Anerkennung erfährt, erst im Publikum, und jetzt auch durch die Presse. Es ist immer ein Wagnis, eine unbekannte Operette zu machen. Aber es ist Teil unserer Programmatik, mit vielen unbekannten Werken zu arbeiten. Im Musiktheater haben wir sechs Premieren; neben dem „Freischütz“ und „La forza del destino“ als größere und bekannte Repertoire-Stücke gibt es eben „Roxy“, es gibt „Prima Donna“, „Solaris“ und das Fugger-Musical. Das sind zwei deutsche Erstaufführungen, eine Uraufführung und eine Ausgrabung. Bisher funktioniert das gut.

O&T: Sie haben im Schauspiel 18 fest angestellte Schauspieler, im Musiktheater sind es nur sechs Ensemble-Mitglieder.

Bücker: Es waren im Musiktheater eigentlich acht, aber zwei haben kurzfristig das Haus verlassen. Es werden aber wieder mindestens acht Sängerinnen und Sänger.

O&T: Trotzdem gibt es da eine Diskrepanz: Zeichen für einen unterschiedlichen Stellenwert?

Eingang zur Spielstätte Martini-Park. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Eingang zur Spielstätte Martini-Park. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Bücker: Das Schauspiel-Ensemble war hier in Augsburg stark abgebaut worden. Im letzten Jahr gab es nur noch acht Schauspieler. Das ist sehr wenig. Die 18 Stellen gibt es, weil ich sie wiederbesetzt habe. Das Verhältnis war hier immer so, das ist nicht neu. Im Musiktheater ist das Ensemble kleiner, aber es werden zukünftig zwischen acht und zehn feste Sängerinnen und Sänger sein.

O&T: Wie beurteilen Sie die Chor-Besetzung?

Bücker: Für dieses große Haus ist der Chor zu klein.

O&T: Ist da auch an Aufstockung gedacht?

Bücker: Das ist immer eine Finanzfrage. Ich finde den Chor zu klein. Aber die Frage ist: Was kann man sich leisten? Im Moment wird es sicher keine Aufstockung geben. Aber man muss für die Zeit, wenn das Große Haus wiedereröffnet wird, sicher darüber nachdenken. Ich fände es sehr richtig, den Chor dann zu vergrößern. Im Moment müssen wir für viele Werke, auch zum Beispiel für „Forza“, mit dem Extrachor arbeiten. Das ist nicht befriedigend.

O&T: Sie selbst inszenieren „La forza del destino“. Wie arbeiten Sie da mit dem Chor?

Bücker: Ich arbeite sehr gerne mit dem Chor. Ich arbeite auch gerne mit der Masse Chor, also mit der eher archaischen Wucht, die sich dann entwickelt. Das finde ich großartig. Aber ich arbeite auch sehr gerne individuell, um wirklich große, sehr bewegte Tableaus zu entwerfen und um vieles spielerisch zu entwickeln. Da bin ich sehr dankbar für einen Chor, der spielfreudig ist und Lust hat, individualisiert zu gestalten. Bei „Forza“ wird es eher die individuelle Arbeit sein. Ich arbeite ja zum ersten Mal mit dem Augsburger Opernchor. Das wird für beide Seiten ein spannendes Kennenlernen.

O&T: Das Kinder- und Jugendprogramm des Theaters Augsburg ist sehr umfangreich und vielfältig. Ist das eine Augsburger Tradition oder auch Ihr Impuls?

Bücker: Beides. Es gab hier schon immer eine engagierte Theaterpädagogik. Ich habe sie allerdings aufgestockt. Bisher gab es eine Theaterpädagogin, jetzt gibt es zwei. Das Programm wird dementsprechend deutlich erweitert. Diese Vermittlungsarbeit lag mir schon immer am Herzen, aber nicht die Theaterpädagogik als verlängerter Arm des Marketings oder der Öffentlichkeitsarbeit, sondern als nachhaltige Arbeit für die Vermittlung von Kunst, Kultur und Bildung – übrigens nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer und Erwachsene. Das sehe ich ganz zentral als unseren Auftrag.

O&T: Sie haben Ihren Kaufmännischen Direktor, Friedrich Meyer, mitgebracht, dazu viele weitere Mitarbeiter. Gleichzeitig gibt es Menschen, die schon länger am Haus sind? Wie ist die Balance, wie klappt es?

Ballett-Premiere im Februar 2018: „Ballett? Rock it!“ mit „Together”. Ballett-Ensemble. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Ballett-Premiere im Februar 2018: „Ballett? Rock it!“ mit „Together”. Ballett-Ensemble. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Bücker: Natürlich ist es gut, auch auf Menschen zu bauen, die die Situation am Theater schon kennen. Aber es lässt sich nicht verhehlen, dass es Reibungspunkte gibt, Anpassungsschwierigkeiten zwischen altem und neuem Team. Wenn Menschen, die jahrelang in einer anderen Struktur gearbeitet haben, plötzlich mit einem neuen Leitungsstil konfrontiert sind, mit neuen Anforderungen, mit neuem Tempo oder Rhythmus: Das ist für viele eine Umstellung und auch nicht immer leicht. Aber die Mischung ist sicher wichtig.

O&T: Vor allem die Zusammenarbeit zwischen Intendant und Kaufmännischer Leitung muss ja stimmen.

Bücker: Diese Vertrauensebene ist wahnsinnig wichtig. Die Situation ist hier so komplex mit den Neubauten und der Interimssituation, dass man jemanden braucht, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann. Das wird interessanterweise bei Neuvergaben von Intendanzen selten beachtet. Ein kaufmännisch-künstlerisches Gespann zu engagieren ist auf jeden Fall vernünftig.

O&T: Das Theater hat in der Stadt nicht immer leichte Zeiten erlebt. Vor allem in Hinblick auf die Sanierungsarbeiten haben sich starke Widerstände in der Bevölkerung geregt bis hin zum Versuch eines Bürgerbegehrens. Wie sehen Sie das heute?

Bücker: Ich denke, das hat ganz gut geklappt. Diese Debatte – auch von kulturbürgerlicher Seite – um das Theater ist vorbei. Sie würde allerdings sofort wieder aufflammen, wenn jetzt bekannt würde, dass das Theater einige Millionen mehr braucht. Ich glaube, wir haben in diesen 1,5 Jahren Vorbereitungszeit ein gewisses Vertrauen aufgebaut, dass es uns ernst ist mit dem Theater, mit der künstlerischen Qualität und mit der Öffnung des Theaters in die Stadt. Ich glaube, viele Menschen waren davon überrascht, welche Vehemenz und welche künstlerische Qualität das hatte. Es hat übrigens vorher auch niemand geglaubt, dass wir mit dieser Spielzeit pünktlich anfangen. Aber der Martini-Park, die Interimsspielstätte, wurde rechtzeitig fertig. Es ist keine Vorstellung ausgefallen.

O&T: Irgendwann wurden die Bürger in den Prozess eingebunden.

Bücker: Es gab einen Bürgerbeteiligungsprozess, der gut frequentiert war und interessante Ergebnisse gebracht hat. Wir setzen zahlreiche Dinge, die dort zu Tage gekommen sind, in unserem Programm um. Das hat gut gepasst zu der Art, wie ich Theater mache und denke.

Ich hätte mir schwer vorstellen können, ein ganz normales Stadttheater im ganz normalen Repertoire-Betrieb zu übernehmen. Da war Augsburg viel interessanter: Das ist ein totaler Neuanfang, Aufbruch mit allem, was dazu gehört.

O&T: Es gibt in Augsburg eine Bewegung, „Wir sind Augsburg“, die verlangt, dass Augsburg Staatstheater wird.

Bücker: Das können wir gerne machen, ich bin dafür.

O&T: Wie realistisch ist das?

Bücker: Das ist sicher jetzt nicht realistisch. Irgendwann, wenn das Große Haus wieder bespielt werden kann und hier alles fertig ist, muss man über die Finanzierungssituation des Hauses sprechen. Für das, was wir hier tun, ist die finanzielle Ausstattung nicht besonders gut. Die Budgets für Inszenierungen sind nicht sehr hoch. Da muss man sich vor dem Hintergrund des neuen Hauses und dem, was man darin machen will, auch den Personalschlüssel nochmal angucken. Stichwort Haustechnik: Die wird dann sicher nicht mit der Personaldecke zu bewältigen sein, die wir jetzt haben.

O&T: Aus Dessau kennen Sie den Kampf in Sachen Finanzierung zur Genüge. Werden Sie hier auch kämpfen müssen?

Bücker: Man muss ja eigentlich immer kämpfen, es fragt sich nur, mit welchen Mitteln. Ich hoffe inständig, dass mir hier das erspart bleibt, was ich in Dessau erlebt habe. Davon gehe ich auch aus. Solche absurden Veranstaltungen werden hier nicht passieren.

O&T: Jetzt läuft die Sanierung des Großen Hauses. War die Sanierung während des laufenden Spielbetriebs eine Option?
Bücker: Das wäre hier nicht möglich gewesen. Das Haus wurde ja aus Brandschutzgründen schon früher als geplant geschlossen. Es war alles marode. Man hat das Haus systematisch verkommen lassen.

O&T: Im Lauf des Planungsprozesses sind die Kosten erheblich gesenkt worden, von erst 235 auf jetzt 189 Millionen Euro: wie es heißt, „ohne das Konzept inhaltlich zu verändern“. Ist diese Summe realistisch?

Bücker: Ich bin da auch nur ein neu hinzugekommener Nicht-Fachmann. So weit es zu überblicken ist, gab es hier einen sehr seriösen Planungsvorgang. Diejenigen, die sich damit auskennen, erklären, das könne funktionieren. Kostensteigerungen sind möglich, aber mit Kosten-Explosionen ist nicht zu rechnen.

O&T: Wie läuft es bisher insgesamt mit der Sanierung und den Ausweichspielstätten? Da war auch von Verzögerungen die Rede.

Bücker: Wir ziehen im Sommer mit der Brechtbühne um ins Gaswerk. Da gibt es eine zeitliche Verzögerung, die uns aber nicht wirklich stört. Derzeit läuft der Umzug, Orchester und Chor sind schon in den Martini-Park umgezogen. Das Musiktheater probt dort.

O&T: So eine Interimsspielstätte aus dem Boden zu stemmen ist ein großer Aufwand…

Bücker: Das habe ich auch ein wenig unterschätzt. Alle Leute, vor allem in den technischen Abteilungen, haben im Moment zwei Jobs: den ganz normalen Theaterbetrieb aufrechtzuerhalten und daneben die Logistik für den Betrieb ganz neu zu gestalten. Das bringt so ein Haus ganz schön in Probleme, vor allem, wenn man es während des laufenden Betriebs macht. Der Martini-Park ist in einem Zeitraum von sechs Monaten gebaut worden und ist jetzt ein voll funktionsfähiges Theater. Das ist ziemlich rekordverdächtig.

O&T: Aber es ist und bleibt ein Provisorium – oder ist es ein richtiges Theaterhaus?

Bücker: Es ist natürlich ein Provisorium, aber es ist auch ein richtiges Theaterhaus. Man braucht, wenn man drei Sparten Repertoirebetrieb darin macht, eine gewisse Logistik, und die muss funktionieren. Es ist nicht alles so ausgereift und so eingespielt wie in Häusern, die seit Jahrzehnten bespielt werden. Aber es muss natürlich auch den Ansprüchen genügen. Man kann nicht jahrelang mit einem einzigen großen Provisorium leben.

Es ist alles sehr einfach und sehr praktisch, aber es funktioniert alles. Es gab keine größeren Pannen. Das ist schon toll. Aber es ist nicht einfach, alle Kleinigkeiten, die für den alltäglichen Betrieb wichtig sind, zu beachten und einzurichten: eine Fußleiste hier, eine Türklinke dort oder ein anderer Lichtschalter… Es gibt tausend Sachen zu tun.

O&T: Bringt so eine Ausweichspielstätte die Chance mit sich, neue künstlerische Ideen umzusetzen?

Bücker: Ja, natürlich. Im Martini-Park erschließt sich ein anderes Umfeld, die Ästhetik ist eine andere. Das Gefühl, als Zuschauer dort zu sitzen, ist ein anderes. Der Martini-Park ist ein ganz wunderbares demokratisches Theater, weil man gut sitzt und von allen Plätzen hervorragend sieht. Es wird auch andere Menschen anziehen. Das Gaswerk-Gelände wird ein großes Kultur-Areal mit Proberäumen für Bands, Ateliers für Künstler, Freiflächen für Festivals. Wir werden auch dort ein neues Umfeld erkunden.

Ich bin oft gefragt worden: Warum tun Sie sich das an? Ich habe immer gesagt: Mich hat gerade das interessiert, auch nach der Extremerfahrung in Dessau, wo wir ein fantastisches Haus hatten mit allem, was man sich von bühnentechnischer Seite her erträumt. Danach hätte ich mir schwer vorstellen können, ein ganz normales Stadttheater im ganz normalen Repertoire-Betrieb zu übernehmen. Da war Augsburg viel interessanter: Das ist ein totaler Neuanfang, Aufbruch mit allem, was dazu gehört.

O&T: Sie sind in großer Nähe zu München mit zwei Staatstheatern. Wie heben Sie sich ab? Ist das eine Konkurrenz?

Bücker: Es sind zum Teil tatsächlich dieselben Besucherkreise. Unsere Opern-Abonnenten gehen auch in die Staatsoper oder ins Gärtnerplatztheater. Es ist ein Ziel, dass wir uns programmatisch von dem abheben, was an der Staatsoper und im Gärtnerplatz angeboten wird, dass wir also auch eine Alternative für die Münchner sein können. Wir schauen, dass wir unsere eigene Schiene fahren.

O&T: Sie selbst machen in dieser Spielzeit zwei Inszenierungen, eine im Schauspiel, eine im Musiktheater. Können Sie die Rollen „Intendant“ und „Regisseur“ gut miteinander vereinbaren?

Bücker: Ich habe das schon immer so gemacht. Ich komme von der Regie, insofern kenne ich das gar nicht anders. Man muss den Intendanten auf der Probe zu Hause lassen. Wenn ich inszeniere, habe ich den Kopf dafür auch tatsächlich frei.

O&T: Und der Regisseur muss sich nicht mit dem Intendanten über die Ausstattung streiten?

Bücker: Nein, aber ich habe auch keinen Bonus. Ich gebe mir keinen größeren Ausstattungsetat als anderen. Als Regisseur darf man nicht die Schere im Kopf haben und darüber nachdenken, ob die Abonnenten über die Inszenierung befremdet sind. Man muss da schon seine künstlerische Linie vertreten.

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