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Kulturpolitik

Von der Finanz- zur Gesangsmetropole

Das Deutsche Chorfest in Frankfurt · Von Arne Reul

Vielleicht mutet es zunächst etwas widersinnig an, ein großes Chorfestival ausgerechnet in einer Finanz- und Bankenmetropole zu veranstalten. Die Bilanz in Zahlen, die Frankfurt am Ende dieser musikalischen Großveranstaltung zu bieten hat, ist allerdings beeindruckend: Es kamen 500 Chöre mit 20.000 Sängerinnen und Sängern, die gut 600 Konzerte bestritten und etwa 200.000 Besucher anlockten. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, die das Chorfest in den letzten Tagen ihrer Amtszeit intensiv begleitete, konnte der Veranstaltung wiederum Aspekte abgewinnen, die weit über das Musikalische hinausgehen, als sie betonte: „Ich wünsche und hoffe, dass wir mit der Revitalisierung des Chorgesangs zu einer gesamtgesellschaftlichen internationalen Bürgeridentität kommen. Gerade auch weil Frankfurt in der globalen Welt eine Rolle spielt. Sich über Gesang den Kulturen zu nähern, sich zu verstehen und in Harmonie einen Ton zu finden, der den jeweils anderen akzeptiert.“

Bewegung kommt vor allem in die jungen Chöre. Fotos: Alexander Zuckrow

Bewegung kommt vor allem in die jungen Chöre. Fotos: Alexander Zuckrow

Solche Worte waren nicht aus der Luft gegriffen, hatte doch das Chorfest an Internationalität einiges zu bieten. Hierzu gehörte die musikalische Zusammenarbeit des Deutschen Jugendkammerchors mit dem Sinfonischen Jugendchor Simón Bolívar aus Venezuela. Bereits bei der feierlichen Eröffnungsveranstaltung gestalteten die beiden Chöre ein gemeinsames Konzert. Im Laufe des Chorfests kamen sich die Sängerinnen und Sänger dann näher und studierten gemeinsam südamerikanische und deutsche Chorstücke. Musik als Impulsgeber, der Menschen unterschiedlicher Kontinente zusammenkommen lässt, funktionierte auch durch den internationalen Chorwettbewerb des Deutschen Chorfests. Hier beteiligten sich 5 Chöre aus China, die in der Wettbewerbs-Kategorie „World Music“ traditionelle chinesische Stücke auf so hohem Niveau sangen, dass sie den Vergleich mit deutschen Spitzenchören nicht zu scheuen brauchen. Bei allem Ehrgeiz war es erfreulich zu erleben, wie locker und aufgeschlossen die Sängerinnen und Sänger aus China ihren deutschen Mitstreitern begegneten. Vielleicht hat dies ja auch damit zu tun, dass die gut 90 Chöre, die sich am Wettbewerb in den Kategorien Alte Musik/Klassik, Romantik, Moderne, Jazz/Pop/Gospel, Show/Musical und Kinderchor beteiligten, zwar ehrgeizig, aber niemals verbissen auftraten. Der Spaß von Sängern und Publikum stand deutlich an erster Stelle.

Chormusik zieht Tausende von Menschen auf den Frankfurter Römerberg. Fotos: Alexander Zuckrow

Chormusik zieht Tausende von Menschen auf den Frankfurter Römerberg. Fotos: Alexander Zuckrow

Im Wettbewerb, aber auch bei den vielen Konzerten, die insbesondere in der „Nacht der Chöre“ zu erleben waren, konnte man vor allem zwei Dinge feststellen: Es präsentieren sich auffallend viele junge Chöre mit sehr engagierten jungen Chorleiterinnen und Chorleitern – und: Die Jazz- und Popchöre verzeichnen zurzeit einen enormen Aufschwung. Es gelingt den Chören immer besser, sich den Stil dieses Genres sehr authentisch anzueignen, und sie singen auf hervorragendem Niveau. Wo sich bei klassischen Chören Sängerinnen und Sänger nicht selten in den Noten verlieren, wird hier durchweg auswendig gesungen. Es herrscht eine Leis-tungsbereitschaft und Begeisterung, die von den anderen Chören aufgegriffen werden sollte. Gleichzeitig sind die Präsentationen der Jazzchöre häufig sehr originell und einfallsreich, nicht selten treten auch einzelne Sängerinnen und Sänger hervor, die den Chorgesang durch überzeugende solistische Einlagen bereichern. Interessant war in diesem Zusammenhang auch, dass selbst im Wettbewerb neuere Tendenzen auf diesem Gebiet aufgegriffen wurden. So gab es hier erstmalig die Kategorie Show/Musical. Wie sich gezeigt hat, haben Chöre in diesem Bereich allerdings noch starkes Entwicklungspotenzial; im Vergleich zu Showchören aus den USA beispielsweise gibt es hier Aufholbedarf. Der Deutsche Chorverband als Veranstalter des Chorfests war bestrebt, in vielen Genres den angereisten Laienchören sozusagen auch musikalische Leuchttürme zu bieten, die als Orientierung und Vorbild dienen können. So bestritt der Rias-Kammerchor in der Alten Oper ein vielbeachtetes Eröffnungskonzert, das von der Romantik mit Brahms und mit Krenek und Scelsi bis in die Moderne reichte. Der hervorragende Jazzchor Vocal Line aus Dänemark hingegen zeigte in gleich mehreren Konzerten, wie toll eigene Arrangements klingen können und dass Chöre keine Angst vor dem Einsatz von Mikrophonen und Samplern haben müssen. Und schließlich wurde noch ein Genre reanimiert, das manche bereits für tot erklärt haben: der Männerchor. Die beiden vorzüglichen Männer-Ensembles Camerata Musica Limburg und Cantabile Limburg boten in der Nacht der Chöre herausragende Konzerte mit Kompositionen von Reger, Bruch, Rheintaler und Richard Strauss. Ihre Chorleiter Jan Schumacher und Jürgen Faßbender organisierten außerdem ein offenes Singen auf dem Römerberg mit dem Titel: „Reine Männersache!“ Über 1.500 Sänger, von denen viele gleich mit dem heimischen Chor angereist waren, sangen unter der Leitung der beiden Dirigenten in bester Laune Männerchorliteratur aller Epochen und Stile. Die neuen Impulse könnten fruchten, vielleicht wird ja der Männerchor schon bald eine Renaissance erleben.

Arne Reul

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