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Kulturpolitik

Schlusspunkt und Neubeginn

Stabwechsel am Münchner Gärtnerplatztheater · Von Wolf-Dieter Peter

München ist nicht Augsburg – diese Einsicht musste Intendant Ulrich Peters ab Herbst 2007 schmerzlich erfahren. Er wurde vom damaligen Kulturminister gleichsam in Gutsherrenmanier – ohne das übliche Bewerberkarussell samt Findungskommission für so ein öffentliches Amt – als „die beste Lösung“ präsentiert. Prompt büßte Peters diese Bevorzugung: Womöglich aus der verhinderten kulturpolitischen Mitsprache bei der Kandidatensuche lehnte ihn die führende Tageszeitung lange grundsätzlich ab. Hinzu kam Peters „Hoppla, jetzt komm’ ich“-Attitüde: eine wirbelige Eitelkeit samt jenem Schuss schicker Marketing-Sprache, die die Fachkritik störte. Zunächst beeindruckten weder Peters eigene noch Gastinszenierungen. Gleich in seiner ersten Spielzeit beging er auch den Fehler, eine Kinderoper des ehemaligen NS-Komponisten Bresgen ohne eingehendes Begleitprogramm ins Repertoire zu nehmen – in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ ein kulturpolitischer Missgriff, der erst in der Folgespielzeit mit einer „Anne Frank“-Produktion gegengewichtet wurde. Später kam es auch noch zu einer „Liebestrank“-Doppelung mit dem großen Bruder Staatsoper – also „Berliner Verhältnissen“, weil von einer kooperativen Kommunikation zwischen den beiden Intendanzen nichts zu spüren war.

Beachtliche Erfolge

„L‘Italiana in Algeri“ mit Stefanie Kunschke als Elvira, Carolin Neukamm als Zulma, Karol Kozlowski als Lindoro, Juan Fernando Gutiérrez als Taddeo, Stefan Sevenich als Bey Mustafà, Rita Kapfhammer als Isabella, Derrick Ballard als Haly, Herrenchor. Foto: Angelika Röder

„L‘Italiana in Algeri“ mit Stefanie Kunschke als Elvira, Carolin Neukamm als Zulma, Karol Kozlowski als Lindoro, Juan Fernando Gutiérrez als Taddeo, Stefan Sevenich als Bey Mustafà, Rita Kapfhammer als Isabella, Derrick Ballard als Haly, Herrenchor. Foto: Angelika Röder

Doch allmählich gelang dem promovierten Theaterprofi Peters die künstlerisch schwierige Positionierung des Gärtnerplatztheaters: Alternatives zum Nationaltheater sowie zur rührigen Theaterakademie zu bieten, etwas für ergraute Operettenliebhaber an der Kasse, bei konkurrienden Musical-Gastspielen im Deutschen Theater, für ein eher traditionell orientiertes Abo-Publikum aus dem Umland und die quirlig-schicken neuen Anwohner des aufblühenden Glockenbach-Viertels. Zweimal wurden in München fehlende frühe Verdi-Opern ein beachtlicher Erfolg. Die englische Operette Marke „Gilbert&Sullivan“ war kennenzulernen. „La Cage aux Folles“, „Viva la Mamma!“, „Der Zauberer von Oz“, „L’Italiana in Algeri“ oder „Grand Hotel“ zeigten die Spannweite von Musical bis zu Spieloper. Das „Junge Theater Gärtnerplatz“ unter Holger Seitz blühte. Hennig Paars „TanzTheaterMünchen“ gewann eigenes Profil. Hinzu kamen Erfolge im Randrepertoire: „Das Märchen vom Zar Saltan“, „Die Sache Makropulos“, „Der Untergang des Hauses Usher“, „Die Liebe zu den drei Orangen“ und zuletzt „Joseph Süß“ gerieten zu lohnenden Alternativen zum Staatsopernspielplan – gipfelnd in Immo Karamans unvergesslich eindringlicher Inszenierung von Brittens „Death in Venice“, die weniger beim Abo-Publikum, dafür aber von Musiktheaterliebhabern so nachgefragt wurde, dass es eine zusätzliche Aufführungsserie gab. Dem standen „mittelprächtige“ Produktionen gegenüber, gerade im so schweren Bereich der klassischen Operette. Doch in den fünf Jahren der Intendanz Peters stiegen die verkauften Karten von rund 153.000 auf über 180.000, mit 80 Prozent Auslastung wurde der höchste Wert in 15 Jahren erreicht.

In der fulminanten Schlussgala servierte Marianne Larsen, die Leichen-Pie backende, hinreißende „Mrs. Lovett“ aus „Sweeney Todd“, eine Pastete: „Marode!“ war das Geschmacksurteil – „Dann ist es Gärtnerplatz!“ ihr lakonischer Kommentar: Die sanitär überfällige und sicherheitstechnisch unumgängliche Schließung des Hauses für eine wohl dreijährige Sanierung finanzieren die bayerischen Steuerzahler mit stattlichen 70 Millionen Euro – ein beeindruckendes Gegenbeispiel zum bundesweiten „Kultur-Kaputt-Sparen“. Für die Fortführung des Spielbetriebs wollte das Kunstministerium neue und in jede Richtung verjüngte „Köpfe“. Nun kommt es mit dem aus Klagenfurt engagierten Intendanten Josef Köpplinger und dem herausragenden Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach zu einem „Theater-Wanderzirkus“ an sechs verschiedenen Spielstätten in der Stadt. Köpplinger ist ein inszenierender Intendant („Im Weißen Rössl“ und „Anything goes“ im Zelt des gleichfalls ausgelagerten Deutschen Theaters in München-Fröttmaning, Cerha-Uraufführung „Der Präsident“ im Prinzregententheater). Er wird es von den Interims-Intendanzräumen in München-Giesing auch noch in die Reithalle („Cabaret“, „Dornröschen“-Ballett, „memento mori“-Tanz) ins Cuvilliés-Theater („Don Pasquale“, „Peter und der Wolf“-Tanztheater, „Karneval der Tiere“ in Loriot-Fassung), ins Stadtmuseum (Thematische Kammerkonzerte), in die Alte Kongresshalle auf der Theresienhöhe („Johanna auf dem Scheiterhaufen“ konzertant und Faschingskonzerte) und zu etlichen Einführungsmatineen ins Akademietheater „wohl nur per Rad“ schaffen. Einer zu vermutenden „Österreich-Schwemme“ in München – siehe Intendanten in Staatsoper und Residenztheater samt „Entourage“ – beugte Köpplinger mit dem Hinweis vor, dass er 1988 als Assistent am Theater Regensburg begonnen habe. Er bringt zwar in Karl Schreiner seinen Ballettdirektor aus Klagenfurt mit und hat einen ehemaligen Wiener Künstleragenten gleichsam als „Casting-Direktor“ im Hintergrund, doch die übrigen Engagements wirken vielfältig: Max Keller entwirft ein Licht-Spiel für Honnegers „Johanna“. Brigitte Fassbaender wird mit Donizettis „Don Pasquale“ ihr Münchner Regie-Debüt geben. Gärtnerplatz-Dirigent Andreas Kowalewitz kommt für das „Dschungelbuch“ und „Cabaret“ wieder. Auch etliche bisherige Ensemble-Sänger haben „Stück-Verträge“, weil Köpplinger ihnen oft nur eine Rolle pro Saison anbieten kann – denn: Es wird kein übliches „Repertoire“ mehr geben, vielmehr werden die einzelnen Produktionen blockweise „en suite“ gespielt. Eine erste grundlegende Umstellung für das Publikum: Es muss sofort kommen, nicht „irgendwann später“! Es wird nur etwa 175 Vorstellungen geben, was über eine Million Euro Einnahmeverlust bedeutet. Die Auslastung und der Publikumszuspruch werden also ein wesentliches Signal für die zwei Folgejahre sein.

Das Publikum ist gefordert

Mit dem seit Jahren in Weimar und Kassel tätigen Italiener Marco Comin kommt ein neuer Chefdirigent, der sich auf die klang-räumlich wechselnden Herausforderungen („Pasquale“, „Johanna“, „Dornröschen“, Cerha-Uraufführung und Konzerte) freut. Alle betonten aber, dass die größte Herausforderung auf das Publikum in München und Umland zukommt: Zwar wird es verschiedene Abonnements geben, doch die freie Besuchsentscheidung muss angesichts von mal nur 5, mal 20 Vorstellungen im Block jeweils sofort fallen – und vor allem muss das mitunter traditionell gestimmte Publikum an verschiedene Orte reisen – außerhalb des Zentrums. Neugierige Aufbruchsstimmung ist also auch da gefragt. Beim neuen Team war sie greifbar.

Intendant Peters und Choreograf Paar, die entsprechende Positionen am Theater Müns-ter übernehmen, boten in der Abschlussgala einen bejubelten Querschnitt durch fünf Jahre Repertoire. Der Chor brillierte mit Pianissimo-Kultur. Stürmischen Jubel ernteten die „inVISIBLEs“: eine Ballett-Persiflage der seit 1973 im Haus tätigen Tanzstudienleiterin Artemis Sacantanis mit je vier Damen und Herren, die früher im Gärtnerplatz-Ballett tanzten und jetzt in anderen Abteilungen des Theaters unsichtbar tätig sind. Am Schluss gab es im Publikum lange „standing ovations“ für die große Werk-Bandbreite und das drei Stunden überspringende Theater-Feuer aller Mitwirkenden. Bis zur 150-Jahr-Feier 2015 ist das Stammhaus nun Baustelle. Im Mai verabschiedete sich das bisherige Team mit Verdis „Falstaff“ im Prinzregententheater wohl tröstlich-spöttisch: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“

Wolf-Dieter Peter

 

 

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