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Berichte

Die Diversität der Macht

„Rienzi“ in Krefeld · Von Christoph Zimmermann

Am Theater Krefeld wird Wagners „Rienzi“ zu einer besseren Oper, als man dieses Frühwerk eigentlich in Erinnerung hat. Da geht ein besonderes Kompliment an Mihkel Kütson, den neuen GMD der Niederrheinischen Sinfoniker. Er erfasst die dramatische Spannung der Musik voll und setzt sie ohne lärmende Hitzigkeit um, bei sinnfälliger Herausarbeitung ihres lyrischen Potenzials. Der von Maria Benyumova einstudierte verstärkte Chor singt mit einer explosiven Kraft und Brisanz sondergleichen. Diese außerordentliche Leistung mit ihrer emotionalen Intensität lässt fast überhören, dass Wagners starke Orientierung an der Grande Opéra à la Meyerbeer und Halévy der heutige Verbreitung von „Rienzi“ ein wenig im Wege steht. Das große Plus in Krefeld freilich ist die Inszenierung von Matthias Oldag.

        Ein Bild, das dem Zuschauer Tränen in die Augen treibt: Carsten Süss als Cola Rienzi. Foto: Matthias Stutte

Ein Bild, das dem Zuschauer Tränen in die Augen treibt: Carsten Süss als Cola Rienzi. Foto: Matthias Stutte

Ein leichtes Stigma hat „Rienzi“ dadurch erfahren, dass das Werk eine obskure Wertschätzung durch Adolf Hitler erfuhr; vermutlich ist die ihm geschenkte Originalpartitur in seinem Führerbunker mit untergegangen. Die „Größe“ des Titelhelden hat er mit Sicherheit auf sich bezogen, den „Fall“ aber kaum. Vielleicht führte ein Trotz des „Nun aber gerade“ zur Identifizierung mit dem Wagnerschen Tribun, wahrscheinlicher freilich ist, dass er in Rienzi eine Parallele für seinen politischen Fanatismus fand.

Oldag zeichnet (unterstützt von seinem darstellerisch äußerst differenzierten Protagonisten Carsten Süss) einen Menschen, der bereit und willens ist, Macht zu übernehmen – zum Wohle des Volkes. Imperiale Selbstgefälligkeit steht ihm dabei noch fern. Dann aber gewinnt aufgrund von Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern Colonna und Orsini, wohl auch aufgrund bislang unterdrück-ter Triebe (Machthunger, Eitelkeit) ein fataler Messianismus Raum; Rienzi mutiert immer stärker zum Agitator.

Mit dem Finalakt gelingt Oldag ein Bild, welches geeignet ist, dem Zuschauer Tränen in die Augen zu treiben. Rienzi sitzt beim „Gebet“, nur bekleidet mit einem Nachthemd, auf dem Kopf die Attrappe einer Krone, auf dem schwarzen, schriftbedeckten, von einem rot glühenden, gezackten Graben durchzogenen Boden. Riesenbuchstaben mit seinem Namen, gleichfalls rot, sind umgestürzt, weiße liegen verstreut. Inmitten dieser Trümmerlandschaft scheint der zuvor von einer Schreckensvision heimgesuchte Rienzi wie Shakespeares Lear dem Wahnsinn nahe, die Anrufung Gottes erfolgt in einer Art Trance oder gar Delirium. Seine Schwester Irene scheint anfangs zum Aufbruch bereit, hält dann aber doch zu ihrem Bruder – da wälsungt es sogar ein wenig. Die beiden werden vom Volk mit Benzin übergossen, man drückt Rienzi ein Feuer in die Hand, aus dem Bühnenhimmel fällt schicksalhaft eine rote Stoffbahn.

Die Bühne von Thomas Gruber nimmt, unterstützt von den zeitlosen Kostümen Heike Brombers, von Anfang an Stellung. Nachrichten über Unruhen aus Kiew, Damaskus, Kairo bedecken die Rückwand. Aufzeichnungen einer Livekamera von Rienzis Reden und Filmprojektionen mit beklemmenden Kriegsbildern von Kampf und Leid überblenden einander zum Teil. Obama und Putin sind mehrfach zu sehen, konfrontiert mit dem Jubel des Volkes. Das Staatsbankett im Kapitol (2. Akt) lässt aber bald spüren, wie schnell hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung von unseligem Feinddenken unterhöhlt werden kann. Als geifernder Paolo Orsini liefert Andrew Nolen, Sängerschauspieler par excellence, ein besonders prägnantes Negativ-Porträt.

Wie packend die Zusammenarbeit von Sängern und Regisseur gewesen sein muss, zeigt sich noch beim Schlussbeifall. Da stehen Carsten Süss Tränen in den Augen, so intensiv wirkt ihn ihm das Gespielte nach. Angesichts seines hochemotionalen Einsatzes möchte man nicht über Gebühr darauf hinweisen, dass seinem lyrischen Tenor vokale Power und Durchhaltekraft für den Rienzi eigentlich nur bedingt zur Verfügung stehen. Eva Maria Günschmann gibt mit schlanker Figur und farbigem Mezzo überzeugend einen flammenden Adriano, Anne Preuß, eine frische Absolventin des Lübecker Opernstudios, bewältigt die Partie der Irene mit ihren zuletzt fast makabren Höhenforderungen mit Bravour. Alle weiteren Rollen sind stimmig besetzt, von Thomas Peter (Cecco del Vecchio) über Walter Planté (Baroncelli), der selbst nach so vielen Jahren seiner Ensemblezugehörigkeit über einen einprägsamen Tenor verfügt, und Matthias Wippich (Kardinal Orvieto) bis hin zu Hayk Dèinyan (Stefano Colonna).

Christoph Zimmermann

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