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Aktuelle Ausgabe

Editorial von Tobias Könnemann
Alte Zöpfe – Heilige Kühe

Kulturpolitik

Brennpunkte
Zur Situation deutscher Theater und Orchester: Hagen

Wuppertal ist etwas Besonderes
Ein Gespräch mit dem zukünftigen Intendanten der Wuppertaler Bühnen, Berthold Schneider

Immer noch eine Frage der Wertigkeit
Chorsängerausbildung an Musikhochschulen

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„Pina Bausch und das Tanztheater“ in Bonn

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Gedämpfte Feststimmung
Das Theater Stralsund feiert seinen 100. Geburtstag

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Der Theater-Website-Check: Oper Köln

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Das Kurt-Weill-Fest in Dessau

Grosser Wurf in Dresden
»Mathis der Maler« an der Staatsoper Dresden

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Irene Constantin im Gespräch mit Jochen Biganzoli

Gelungene Kooperation
„Orpheus und Eurydike“ am Theater Erfurt mit dem Tanztheater Erfurt

Ein humanes »Dennoch!«
Beeindruckender szenischer »Messias« an der Oper Frankfurt

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Hans Sommers »Rübezahl« am Theater Altenburg-Gera

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Ein humanes »Dennoch!«

Beeindruckender szenischer »Messias« an der Oper Frankfurt

„O ew‘ge Nacht, wann wirst du schwinden?“ Mehr denn je passt Taminos Frage in der „Zauberflöte“ auf diese unsere finsteren Tage. So waren vorab hinter die Aufführung eines vom „Hallelujah“-Chor geprägten Werkes wie Händels „Messias“ auch eher Fragezeichen zu machen. Zu Probenbeginn hatte es etliche Tage Befremden innerhalb des Chores gegeben, der ohne Musik gemeinsame Bewegungsproben absolvieren musste. Doch nach der Premiere bedankten sich Chormitglieder für das Erlebnis, das einige als „Höhepunkt“ ihrer Chorlaufbahn einstuften – und zu erleben war ein so bislang „unerhörter Messias“. Die Neueinstudierung von David Freemans Kopenhagener Inszenierung von 2012 wurde zu einem Triumph künstlerischer Vision und glücklicher Planungsarbeit der Intendanz Loebe.

Umringt von der heilen Wolkenkratzer-Silhouette „Mainhattans“ betrat das Publikum den Theaterkomplex – und fand auf der offenen Bühne eine Hausruine aus Aleppo oder Homs oder Gaza oder Mossul oder irgendeinem anderen einstigen Wohn-, jetzt entmenschten Trümmerort. Über ein Kabel zum halbintakten Lichtmast kam noch Reststrom für ein paar funzelige Lampen. Doch im Weiteren machte Licht-Zauberer Wolfgang Göbbel den Trümmerraum mal wie durch Morgen- und Abendsonne, mal wie vom Licht und Dunkel der Musik erfüllt sichtbar. Zur Ouvertüre schleppte sich dann aus den Seitentüren ein Flüchtlingspulk in die vermeintliche Sicherheit des Bühnenraumes. Und wenn sich der australische Regisseur David Freeman schon 2012 – damals vom Bosnien-Krieg – zu den folgenden 105 pausenlosen Minuten „gezwungen“ sah, so gleicht unsere Welt 2016 dieser Szenerie von Ausstatter-Duo David Roger und Louie Whitemore leider mehr denn je: Gleichnis einer Welt, erfüllt von Not, Elend, Verzweiflung und schwachem Trost, von posttraumatischen Reaktionen bis zu blutiger Gewalttätigkeit – und dem aufleuchtenden Glauben an ein humanes „Dennoch!“, gipfelnd in jenem zeit- und grenzenlos gültigen „Kommet, ihr Mühseligen und Beladenen, ich will euch erquicken“.

All das führte ein menschliches Kollektiv in schlaglichtartig aufeinander folgenden kleinen Szenen vor. Da sang ein zarter Tenor „Comfort Ye – Tröstet Euch“. Da wurde ein Kind geboren und erhellte die Düsterkeit. Eine pastose Altstimme verhieß den Frieden einer weidenden Herde. Doch männliche Aggression führte zu Waterboarding, blutiger Folter, Verhöhnung, Dornenkrönung und bejubelter Kreuzigung des „Feindes“ am Lichtmast: „Gott soll ihn retten“. Die Hoffnung auf den Sieg des humanen Kerns aller Religion gipfelte im „Hallelujah“ eines zögerlichen, scheinbaren Vorwärtsschreitens – und wurde von einem ohrenbetäubenden Kriegseinbruch konterkariert, den die zuvor verzichtbare Videotechnik fulminant steigerte. Inmitten von Rauch, Schutt und scheinbar Toten stand dann plötzlich ein Kind auf, und Gero Bollmanns Mainzer Domchor-Sopran leuchtete mit „I know that my Redeemer liveth“ inmitten des düsteren Chaos wie ein Kerzenflämmchen auf. Ein Regenschleier im Hintergrund klärte die wüste Atmosphäre mit der Hoffnung eines Weiterlebens: Frontal zum Publikum bekräftigte dies der Menschenpulk mit einem vielfachen „Amen“ – und ging dann in ein doch ungewiss dunkles Anderswo davon.

»Es gibt Flugzeuge, die schneller als der Schall fliegen, und Schiffe, die wie Urlaubsstädte anmuten, es gibt Züge, so bequem wie Wohnzimmer und Linienbusse mit Küche, Bad und Schlafsesseln, es gibt Taxis mit drahtlosem Internet und bald selbstfahrende Autos – aber im Jahr 2015 marschieren die Flüchtlinge durch Europa wie das Volk Israel nach der Flucht aus Ägypten.«
Navid Kermani, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, im programmheft zum »Messias«

Von keinem Individuum muss letztlich die Rede sein. Die sechs Solisten verwirklichten mit den über dreißig Frankfurter Chor-Solisten das Ideal Walter Felsensteins: ein musiktheatralisch bruchloses Kollektiv in Aktion und Gesang. Immer wieder vereinten sich vokale Gruppen zur Klangfülle eines großen Ganzen.

Aus dem zunächst beeindruckt starken Beifall stiegen am Ende dann auch Bravo-Rufe auf, denn Regisseur Freeman, Choreograf Julian Moss und vor allem Chordirektor Tilman Michael hatten Seltenes erreicht: das nahtlose In- und Miteinander von Typen, Rollen, Schicksalen, Entstellungen, Charakteren und Reaktionen – ganz nah an unserer Realität. Dass sich das alles so entfalten konnte, war Dirigent Markus Poschner zu danken: Experimenten freudig zugetan und durch das Modell der Komischen Oper Berlin mitgeprägt, nahm er Laute, Orgel und Frankfurts musikalischen Studienleiter Felice Venanzoni am Cembalo mit ins Orchester. Händels szenisch-dramatischen Gestus in der von Regisseur Freeman erstellten Fassung traf Poschner vielfältig abgestuft, mal scharfkantig, mal weich aufblühend, mal presto-fulminant. Seine klare Zeichengebung führte den mit vielfach fugierten Einsätzen musikalisch und zusätzlich szenisch geforderten Chor beeindruckend. So wuchs – ohne auch nur einen Hauch von Betroffenheitskitsch und Weihrauchnebel – ein musikdramatisches Oster-Mahnmal künstlerisch zusammen: dass es da im missions- und aggressionslosen Glauben eine „Weisheit“ gibt, jenseits von „Stärke und Reichtum und Hoheit und Macht und Ehre“.

Wolf-Dieter Peter

 

 

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