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Berichte

Triumph der Ensemblepolitik

Berlioz‘ »Les Troyens« an der Oper Frankfurt

„Das Problem ist nicht das Pferd, sondern die Frage lautet: Wie ist der starke Chor in den Räumen zu bewegen?“, konstatiert Bühnenbild-Profi Jens Kilian zu Berlioz’ groß angelegter Adaption der Epen von Homer und Vergil vom Fall Trojas, von Aeneas’ Flucht, vom kurzen Liebesglück in Karthago, Aeneas’ Aufbruch nach Italien zur Gründung Roms und Didos verzweifelt visionärem Selbstmord. Parallel zur szenischen Herausforderung besteht die musikalische: eine Wagners „Ring“ vergleichbare Besetzung finden. Frankfurts Oper brillierte bis auf einen Gast mit einer Besetzung aus dem Hausensemble.

„Wenn man eine Tanja Ariane Baumgartner und eine Claudia Mahnke im Ensemble hat, dann muss man ‚Trojaner‘ machen“, begann Intendant Bernd Loebe seine Premierenansprache und erzählte dann launig, dass er „Kassandra-Mahnke und Dido-Baumgartner“ geplant hatte, bei Studienbeginn beide Damen vor ihm saßen und untereinander abgemacht hatten: „Andersherum“ – was sich als Glücksfall erwies.

Martin Dvorrák (Tänzer) und Tanja Ariane Baumgartner (Cassandre) sowie im Hintergrund Chor und Extrachor der Oper Frankfurt mit Chorgästen. Foto: Barbara Aumüller

Martin Dvorrák (Tänzer) und Tanja Ariane Baumgartner (Cassandre) sowie im Hintergrund Chor und Extrachor der Oper Frankfurt mit Chorgästen. Foto: Barbara Aumüller

Schon zu den ersten Takten erschien bühnengroß Tanja Ariane Baumgartners Kopf auf dem schwarzen Zwischenvorhang: ein Tragödinnen-Gesicht, umrahmt von ihrer originalen schwarzen Mähne. In der Szene kam eine drahtige Erscheinung in einem altvioletten, langen Kleid samt Schulterumhang dazu, vor allem aber ein dramatischer Mezzosopran, der mal die wahnsinnsnahe Grellheit der unbeachteten Seherin von Trojas Untergang, mal die schmerzliche Wärme der kurzen Liebe zum todgeweihten Chorèbe (kernig baritonal Gordon Bintner) verströmte – ein fulminantes Rollendebüt, mit Jubelstürmen belohnt.

Die Neugründung Karthago ist in den sieben Jahren unter Didos human planender Herrschaft aufgeblüht. Sie selbst ist noch per Ring der Erinnerung an den ermordeten Ehemann verhaftet, doch Volk und Staat wollen einen neuen König, die blühende Frau in ihr sehnt sich nach Liebe. Claudia Mahnke verkörperte per se eine „gestandene Frau“, ihr grauer Hosenanzug signalisierte eine uneitle moderne Präsidentin. Ihr Schwanken zwischen Verunsicherung und Hingabe wird nachvollziehbar und gipfelt in ihrer Verzweiflung, als Aeneas seinem Auftrag folgt und nach Italien aufbricht. Berlioz hat Dido da eine 25-minütige Finalszene komponiert, in der sie alle Stufen der schmerzlichen Verletztheit und der wütenden Verzweiflung bis hin zum Selbstmord auf dem Scheiterhaufen durchläuft: Den Schiffen der Trojaner soll er anklagend nachleuchten, Hannibal wird kommen und Rom bedrohen, doch sie bricht mit der Vision des „ewigen Rom“ zusammen. Was Claudia Mahnke mit vielfarbig strömenden Linien und fulminant dramatischen Ausbrüchen da gelang, verursachte im Publikum erst überwältigtes Schweigen und entlud sich dann in einem Jubelsturm.

Martin Dvorak (Tänzer), Claudia Mahnke (Didon), Alfred Reiter (Narbal), Chor, Extrachor und Kinderchor der Oper Frankfurt mit Chorgästen. Foto: Barbara Aumüller

Martin Dvořák (Tänzer), Claudia Mahnke (Didon), Alfred Reiter (Narbal), Chor, Extrachor und Kinderchor der Oper Frankfurt mit Chorgästen. Foto: Barbara Aumüller

Wenn Sängerpersönlichkeiten sich in einem Riesenwerk von fast fünf Stunden Musik so entfalten können, dann ist das auch ein Verdienst des Dirigenten und der von ihm instruierten Korrepetitoren. John Nelson gilt zu Recht als Berlioz-Experte und bewies dies in der expressiven Modernität von Berlioz. Die Grandiosität von Meyerbeer-Tableaus mit Sextett, Septett und chorischen Volksmassen, romantische Naturlyrik, fahle Klänge um die hereinwirkenden Götter und Toten, Fernchöre, schwelgerische Süße im Liebesduett von Dido mit Aeneas, dann wieder Bühnenorchester – Nelson führte alle über den langen Abend konzentriert und souverän: das vielfarbig aufspielende Museumsorchester, die von Tilman Michael differenziert einstudierten Klagechöre Trojas wie die mal jubelnden, mal entsetzten Karthager-Chöre, dazu den von Markus Ehmann geführten Kinderchor (insgesamt rund 100 Mitwirkende!) und das Solistenensemble. Neben den zwei Frauen 18 weitere Figuren und kein Schwachpunkt: ein Triumph der Star-unabhängigen Ensemblepolitik, auch wenn der einzige Gast noch dazulernen muss. Bryan Register debütierte in der Riesenpartie des Aeneas; sein Tenor hat Weichheit und Metall; er hat die wuchtige Helden-Figur, agierte aber darstellerisch reichlich spannungslos und ausdrucksarm.

Alles wurde deklassiert von den sängerdarstellerischen Persönlichkeiten und der musikdramatischen Wucht von Berlioz’ wahrhaft grossem Werk.

Szenisch ist das Werk eine enorme Herausforderung. Regisseurin Eva-Maria Höckmayr und Jens Kilian setzten auf der größten Drehbühne Europas auf raffinierte Groß- und Kleindreheffekte, die anfangs stupend leicht abstrahierte Herrschaftsräume um 1900 technisch gekonnt herbei- und wegwechselten. Dass Karthago in allzu ähnlichem Ambiente spielte, überzeugte weniger. Saskia Rettigs Kurzhosen für Trojas Helden in halb-antikem Schuhwerk befremdeten, Höckmayrs Hinzuerfindungen gerieten zunehmend zum Problem. Die auf der Bühnenarchitektur schlecht wirkenden Videos von Bert Zander und vor allem Martin Dvořáks Choreografie für die Geister erinnerten an das böse Bonmot „Wenn Kunst von Wollen käme, hieße sie Wunst“: immer noch ein unklar konturierter Geisterauftritt, viel zu viel Meeresbrandungsvideo und noch einmal Video-Geflimmer und wieder ein hanebüchenes Gemisch aus Ausdrucks- und Modern-Dance… All das wurde deklassiert von den sängerdarstellerischen Persönlichkeiten und der musikdramatischen Wucht von Berlioz’ wahrhaft großem Werk.

Wolf-Dieter Peter

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