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Hintergrund

Prächtige und gewaltige Chöre

Der Leipziger Opernchor feiert sein 200. Jubiläum – eine Historie zum Geburtstag

Ob der 26. August 1817 in Leipzig ein heißer Tag ist oder ob der nahende Herbst bereits die ersten Boten sendet, das verrät keine noch so detaillierte Chronik. Und doch ist der letzte Dienstag im August des Jahres 1817 ein besonderer Tag für die ambitionierte Musikstadt: An diesem Tag hebt sich zum ersten Mal an der Pleiße der Vorhang in einem festen städtischen Theater – dem „Theater der Stadt Leipzig“. Karl Theodor Küstner, unter den damals 35.000 Einwohnern der Messestadt zweifellos der am meisten theaterbegeisterte, sammelte innerhalb der Bürgerschaft Kapital und Interessenten, bevor er zum Pächter des ersten städtischen Theaters ernannt wurde.

Das Besondere an seinem Konzept: Vom ersten Tag an engagiert Küstner einen Berufschor. Der Leipziger Opernchor kann darum seine Gründung auf den Tag genau festlegen. Zur Premiere am 26. August 1817 tritt er als Sprechchor in Schillers „Braut von Messina“ auf. Im Gründungsjahr gehören 20 Sänger zum Ensemble, im Gegensatz zu früheren Zeiten ist es von Anfang an mit Männern und Frauen gemischt besetzt. Die Gründung fällt in eine Zeit, in der in Deutschland vielerorts feste Chöre eingerichtet werden. Der Leipziger Opernchor ist unter ihnen keineswegs der älteste. Und doch ist das Ensemble mit vielen Meilensteinen der Musikgeschichte verbunden: Im Dezember 1837 beispielsweise steht es auf der Bühne, als Albert Lortzing die Uraufführung seines „Zar und Zimmermann“ dirigiert.

„Die Meistersinger“ mit dem Opernchor Leipzig 1979/1980. Foto: Andreas Birkigt

„Die Meistersinger“ mit dem Opernchor Leipzig 1979/1980. Foto: Andreas Birkigt

Schon nach einem Jahrzehnt singen im Chor 32 Männer und Frauen, und das ist nur der Anfang eines beeindruckenden Mitgliederwachstums: In gut einem Jahrhundert verfünffacht sich die Zahl der am Leipziger Stadttheater angestellten Chorsänger. Das Wachstum erzählt etwas darüber, wie sich die Ästhetik der Oper im Lauf des 19. Jahrhunderts wandelt: Wurde der Chor zunächst noch als Beiwerk wahrgenommen, das durchaus von Laien hinter der Bühne abgeliefert werden konnte, trägt er nun wesentlich zur Handlung bei. Die romantische Oper erfordert Chormassen – in musikalischer wie in darstellerischer Hinsicht.

Aber auch äußere Umstände führen dazu, dass sich das Leipziger Ensemble stetig vergrößert. Bei der Eröffnung des Neuen Theaters 1868 gibt es einen Sprung auf eine Chorstärke von knapp 50 Personen. Der Name des Ensembles aber ist ein Kind der jüngeren Historie. Zunächst ist nämlich in Leipzig nur vom „Theaterchor“ die Rede – erst die Aufspaltung des Theaters in verschiedene Sparten nach dem Übergang in städtische Trägerschaft 1912 und die Gründung eines Operettentheaters mit eigenem Chor sorgt für die heute gebräuchliche Bezeichnung „Leipziger Opernchor“.

Spätestens seit der friedlichen Revolution 1989 hat sich mit der Übernahme des westdeutschen Tarifsystems die soziale Situation deutlich verbessert.

Hinter den Zahlen verbergen sich Menschen mit ihren sozialen Nöten: Gehaltsabrechnungen zeichnen ein klares Bild von der Gagenhierarchie des Theaters. Und da rangieren die Chorsänger lange ganz weit unten: 1834 zum Beispiel bewegen sich die Chorgagen bei den Herren zwischen 50 und 200 Talern jährlich, die Damen verdienen höchstens 125 Taler. Im gleichen Jahr erhält der bestverdienende Solosänger eine Gage von 1.800 Talern. Der Theaterfriseur wird mit 300 Talern entlohnt und verdient damit das Sechsfache, selbst Garderobieren werden besser entlohnt als Chorsänger. Kaufkraftberechnungen zeigen, dass noch im Jahr 1910 die Höchstgage im Frauenchor einer heutigen Kaufkraft von nur 660 Euro entspricht.

2017 feiert das Ensemble nun das 200-jährige Gründungsjubiläum, und spätestens seit der friedlichen Revolution 1989 hat sich mit der Übernahme des westdeutschen Tarifsystems auch die soziale Situation deutlich verbessert. So dürfen sich die jetzt 72 Mitglieder des Leipziger Opernchores (1990 bestand das Ensemble noch aus 99 Sängern) vor allem über die überregionale Reputation des Chores freuen.

In den 1960er- und 1970er-Jahren waren es die Regiearbeiten von Joachim Herz, die das Ensemble bei seinen zahlreichen Reisen auch im nicht-sozialistischen Ausland bekannt machten. Ab den 1980er-Jahren führte Peter Konwitschny – zunächst als häufig eingeladener Regisseur, später dann auch als Chefregisseur – Herz’ „realistisches Musiktheater“ fort und nutzte dabei immer wieder auch die Fähigkeiten der Chorsänger, denen er in einem Interview „hohes fachliches Niveau“ bescheinigt. Das Lob gilt auch dem langjährigen Chordirektor Andreas Pieske, der das Ensemble von 1961 bis 1990 und damit so lang wie kein zweiter in der gesamten bisherigen Ensemblegeschichte leitete.

Leipziger Opernchor heute in „Turandot“. Foto: Tom Schulze

Leipziger Opernchor heute in „Turandot“. Foto: Tom Schulze

Zu den „Fans“ des Chores gehört auch der frühere Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly, der den Opernchor mehrfach zu Konzerten einlud und mit ihm auf Tourneen ging. Unter Leitung von Chailly gab es auch eine Reihe von Produktionen für CD und DVD: Mendelssohns „Lobgesang“ etwa oder Mahlers 8. Sinfonie. Im Jahr 2017, in dem nun erneut ein Wechsel im Amt des Chordirektors ansteht, da Alessandro Zuppardo das Haus verlässt, hat sich der Leipziger Opernchor darum nicht nur in seiner Heimatstadt, sondern auch darüber hinaus einen Namen gemacht. Das liegt zum einen an der staunenswerten Bühnenpräsenz, die zweifellos ein Ergebnis des Leipziger Musiktheaters ist. Zum anderen aber liegt es auch an der hohen sängerischen Qualität, die unterschiedliche Chordirektoren mit unterschiedlichen Klangvorstellungen über Jahrzehnte hinweg prägten.

Für überregionales Aufsehen sorgte etwa eine Zusammenarbeit mit den Bayreuther Festspielen im Wagner-Jubiläumsjahr 2013, als die Oper Leipzig in Bayreuth Wagners Frühwerke spielte. Nach der Leipziger Wiederaufnahme des „Rienzi“ stimmte der Rezensent des Fachmagazins „Der Opernfreund“ im Mai 2016 ein begeistertes Lob des Chores an, das jede Laudatio zum aktuellen Jubiläum gut schmücken würde: „Freuen durfte man sich an den prächtigen, ja geradezu gewaltigen Chören, den herrlich sauberen A-Capella-Gesängen. Diese Chöre machten insbesondere die meisterhaft aufgebauten Aktfinali zu eindringlichen und bewegenden Momenten, vor allem der wunderbar reine Glockenton der Soprane erfüllte die Chorszenen mit unter die Haut gehender Emphase.“

Hagen Kunze

 

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