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Singen im Zentrum der musikalischen Bildungsarbeit

Die „Vokalhelden“ der Berliner Philharmoniker

So quirlig geht es in der Philharmonie nicht alle Tage zu. Etwa 2.000 Kinder aus ganz Berlin verteilten sich im Nu über alle Sitzblöcke, um beim Schulklassenkonzert der „Vokalhelden“ Anfang März gemeinsam mit Chören aus drei Stadtteilen zu singen. Wegen der großen Nachfrage fand das Konzert nicht wie bisher im Kammermusiksaal, sondern im großen Saal statt. Über die Streaming-Plattform „Digital Concert Hall“ wurde es außerdem live im Internet übertragen. Dort, wo sonst Simon Rattle und andere Dirigenten vor den Berliner Philharmonikern stehen, begrüßte Simon Halsey, seit Herbst 2013 künstlerischer Leiter des Projekts, das fröhlich johlende Publikum. Zusammen mit dem früheren Chef des Rundfunkchors Berlin führten die drei Chordirigenten Carolin Strecker, Tobias Walenciak und Johannes Wolff temperamentvoll durch das von mehreren Musikern begleitete Mitsing-Programm.

Foto: Monika Rittershaus

Foto: Monika Rittershaus

Nach ein paar Aufwärmübungen ging es auch schon los. Mit den Mitgliedern der „Vokalhelden“-Kinderchöre aus Hellersdorf, Moabit und Schöneberg, die in bunten T-Shirts auf die Bühne strömten, sang der ganze Saal zunächst den lustigen „Fruit Canon“ und „Alle Vögel sind schon da“. Neben Liedern auf Deutsch und Englisch gab es auch ein türkisches Stück. Fremdsprachiges Repertoire gehört bei den Vokalhelden immer dazu, denn viele Kinder in Berlin haben einen Migrationshintergrund. „Wer von euch kommt aus der Türkei?“ fragten die Chorleiter in die Runde. Zahlreiche Arme flogen daraufhin in die Höhe. Zwischen den Songs kamen die Musiker zu Wort, etwa der Philharmoniker-Schlagzeuger Franz Schindlbeck, der als „Mann der tausend Instrumente“ vorgestellt wurde. Zum ersten Mal war der neue Jugendchor zu hören, der Teenagern ab 13 Jahren offensteht. Und nach dem Beatles-Song „All my loving“, zu dem die Kinder Twist tanzten, sorgte die Zugabe „Jimba Jimba“ zum Abschluss noch einmal für lautstarke Begeisterung.

Mit den „Vokalhelden“ hat Andrea Tober, Leiterin des Education-Programms der Berliner Philharmoniker, das Singen weiter ins Zentrum der musikalischen Bildungsarbeit des Orchesters gerückt. Zehn Jahre lang hatte das alljährliche Tanzprojekt, das durch den Film „Rhythm is it!“ weltbekannt wurde, Tausende Berliner Kinder und Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten mit klassischer Musik in Berührung gebracht. Tober fand, dass es an der Zeit war, etwas Neues auszuprobieren. Mit Hilfe der eigenen Stimme können auch Kinder, die kein Instrument spielen, Musik auf direkte Weise erfahren. Anders als die Tanzprojekte, die nach sechswöchigen Vorbereitungen mit einer großen Aufführung in der Arena Treptow endeten, läuft das in Stadtteilkulturzentren verankerte Chorprojekt kontinuierlich weiter.

Berliner Vokalhelden. Foto: Monika Rittershaus

Berliner Vokalhelden. Foto: Monika Rittershaus

Als künstlerischer Leiter des Rundfunkchors Berlin hat Simon Halsey 14 Jahre lang zahlreiche innovative Bildungsprojekte für unterschiedliche Altersgruppen vorangetrieben. Zu den erfolgreichen Initiativen, mit denen er sich international Anerkennung erworben hat, gehören etwa „Sing!“ und die „Liederbörse“, die sich speziell an Schüler richten. Seine langjährigen Erfahrungen kann Halsey nun bei den Berliner Philharmonikern bestens in die Arbeit mit den „Vokalhelden“ einbringen. Die neuen Chöre entstanden in Hellersdorf, Moabit und Schöneberg, wo der Rundfunkchor noch nicht mit Projekten vertreten war. Einmal pro Woche proben sie in Jugendzentren unter Anleitung von Strecker, Walenciak, Wolff und anderer Kollegen und kommen mit Profimusikern in Kontakt. Mitmachen können Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 13 Jahren. Schüler der ersten beiden Grundschulklassen treffen sich in der Gruppe der „Minis“. Für 13- bis 18-Jährige gibt es außerdem seit vergangenem Herbst einen Jugendchor, der auch gezielt Geflüchtete integrieren will. Chormitglieder haben also die Möglichkeit, insgesamt mehr als zehn Jahre bei den „Vokalhelden“ zu bleiben.

Orchester, Profichöre, die Landesmusikakademien und andere Institutionen werden aber auf lange Sicht für die Zukunft der Musik verantwortlich sein. Dafür müssen wir uns täglich einsetzen. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, werden viele Kinder die Chance haben, zu singen und zu musizieren.

„Eines unserer direkten Vorbilder ist ein großer Jugendchor in New York, in dem zurzeit rund 9.000 Kinder aus allen sozialen Schichten singen“ , sagt Halsey im Interview mit Oper & Tanz. „Dieser Chor hat dazu beigetragen, dass das Bildungsniveau deutlich gestiegen ist. Auch von den Ärmsten studieren inzwischen viele an der Universität.“ Halsey findet es wichtig, dass die Berliner „Vokalhelden“ nachmittags nach der Schule in den Wohnvierteln der Kinder proben können. Das Projekt bietet außerdem angehenden Chorleitern eine praktische Ausbildung. „Viele Nachwuchsdirigenten haben die Chance, mit uns zu arbeiten. Dadurch bleiben die Kenntnisse in der Gemeinschaft.“

Berliner Vokalhelden mit Simon Halsey. Foto: Monika Rittershaus

Berliner Vokalhelden mit Simon Halsey. Foto: Monika Rittershaus

Eines Tages werde es vielleicht gar nicht mehr nötig sein, dass die Berliner Philharmoniker das Projekt leiten, meint er. „Orchester, Profichöre, die Landesmusikakademien und andere Institutionen werden aber auf lange Sicht für die Zukunft der Musik verantwortlich sein. Dafür müssen wir uns täglich einsetzen. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, werden viele Kinder die Chance haben, zu singen und zu musizieren. Unsere Aufgabe ist es, ihnen den Schlüssel zum Verständnis von Musik zu geben.“ Halsey ist davon überzeugt, dass der Einsatz der eigenen Stimme Kindern dabei helfen kann, Selbstbewusstsein zu entwickeln. „Wenn sie lernen, laut und stolz zu sprechen, können sie ihre Ideen besser ausdrücken. Gerade deshalb sind Musik und Gesang so wichtig. Auch die Konzentrationsfähigkeit wird gesteigert. Davon kann ein Mensch sein ganzes Leben lang profitieren. Das Singen in verschiedenen Sprachen fördert darüber hinaus das interkulturelle Lernen.“

Beim Carus Verlag sind bereits eine „Vokalhelden“-CD mit 22 „Kinderliedern aus Deutschland und Europa“ und das dazugehörige Liederbuch erschienen. Dadurch sollen Familien dazu angeregt werden, zu Hause mehr zu singen. Aus dem Erlös dieses Liederprojekts wurden bislang 400.000 Euro für Sing-Initiativen für Kinder gespendet. Weitere CDs sind laut Halsey schon in Planung. „Es reicht nicht aus, weitere Einspielungen etwa von Schubert-Messen zu veröffentlichen. Man muss auch neue Musik für Kinder auf den Markt bringen.“

Höhepunkt der Aktivitäten der „Vokalhelden“ wird gegen Ende der Saison 2016/2017 wieder ein Kinderopernprojekt mit dem Orchester unter Leitung von Simon Rattle sein. Im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker, des London Symphony Orchestra und des Los Angeles Philharmonic hat der amerikanische Komponist Andrew Norman die Oper „Zum Mond und zurück“ geschrieben. Im Juni wird sie in Berlin ihre Welturaufführung erleben. Dieses Werk ist Teil einer Reihe von Kompositionsaufträgen. Unter dem Titel „The Monster in the Maze“ (deutsch: „Wer lauert da im Labyrinth?“) brachte der britische Komponist Jonathan Dove 2015 bereits die Abenteuer des Theseus als neue Kinderoper in die Philharmonie. „Seit der Premiere bei uns ist das Stück acht Mal aufgeführt worden – in Taiwan, Hongkong, Skandinavien, Frankreich und England“, berichtete Halsey stolz. „Nächstes Jahr wird die Oper auch in Spanien präsentiert. Es geht also immer weiter voran.“

Corina Kolbe

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