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Berichte

Über.Leben!

Ein besonderes szenisches Chorprojekt in Leipzig

Im Januar jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zum 75. Mal. Mit dem szenischen Abend „Über.Leben!“ in der Leipziger Peterskirche reflektierte der Chor der Oper Leipzig auf Grundlage des 2019 erschienenen Romans „Monster“ des israelischen Autors Yishai Sarid und zur Musik von Olivier Messiaen, Gideon Klein, Francis Poulenc, Arnold Schönberg und anderen die Bedeutung des Erinnerns in unserer heutigen Zeit. Initiator des Projekts war Chordirektor Thomas Eitler-de Lint, Regie führt Patrick Bialdyga.

Beeindruckendes Musik-Erlebnis. Foto: Tom Schulze

Beeindruckendes Musik-Erlebnis. Foto: Tom Schulze

In Sarids Roman führt ein junger Jude Besuchsgruppen durch unterschiedliche Konzentrationslager. Doch die Erinnerung wird zum „Monster“, mit dem der junge Mann nicht zurechtkommt. Das Besondere an dem Abend: Der Chor verteilt sich unter den Zuhörern. Zunächst weiß man nicht: Wer singt, wer hört zu? Für das Publikum war dies ein höchst eindrucksvolles und berührendes Musikerlebnis. Und für den Chor? Einstudierung und Aufführung waren für die Sängerinnen und Sänger eine große Herausforderung. Aber das Erlebnis der Aufführung (zwei Abende im März) entschädigte für viel Arbeit. Wir haben Stimmen der Beteiligten gesammelt, die von ihren Eindrücken und Erlebnissen berichten.

Margit Pitt, Für den Chorvorstand

Die Idee zum Projekt hatte unser Chordirektor. Ihm ist es wichtig, dass der Chor auch Literatur außerhalb des Opernbetriebes erarbeitet. Den Anlass dafür bot der 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz.
Während des musikalischen Probenprozesses erhielten wir einen kleinen Einblick in das jüdische Liedgut und tasteten uns langsam an Sprache und Stilistik heran. Außerdem waren Stücke jüdischer Komponisten wie Penderecki und Schönberg zu erarbeiten, darunter auch a-capella-Werke.
Die szenischen Proben waren mit allerhand Konfliktpotenzial behaftet. Da das Konzept – Texte aus dem Buch „Monster“ mit den Musikstücken sinnvoll zu verbinden und das Ganze spielerisch in Szene zu setzen – während des Probenprozesses entwickelt wurde, waren sehr viele szenische Proben nötig. Schon im Verlauf der musikalischen Proben wurden Stücke ausgetauscht. Auch im szenischen Erarbeitungsprozess gab es noch mehrfach Änderungen, so zum Beispiel Kürzungen im Text, der anfangs sehr umfangreich geplant war und damit den zeitlichen Rahmen gesprengt hätte, sowie Umstellungen von Musiknummern im Ablauf.

Der „Erzähler“ Christian Intorp. Foto: Tom Schulze

Der „Erzähler“ Christian Intorp. Foto: Tom Schulze

Kurz vor Beginn der szenischen Proben musste auch noch der Veranstaltungsort gewechselt werden. Die Peterskirche erwies sich dann allerdings als Idealbesetzung. Das zum Darin-Wandern-und-Verweilen einladende Bühnenbild und die effektvolle Lichtregie tauchten die Kirche in eine fast magische Atmosphäre. Dass der Chor mitten im Publikum verteilt agiert hat, war für uns eine große Herausforderung, da die Sängerinnen und Sänger den Sicherheitsabstand der Bühne gewohnt sind. Es machte aber auch den besonderen Reiz der Vorstellungen aus – alle gemeinsam begegneten sich in der Erinnerung.

Die beiden Aufführungen waren sehr gelungen – das Publikum, aber auch wir als Mitwirkende waren tief berührt. Text und Musik haben sich miteinander verflochten und einen tief empfundenen Wunsch nach Frieden auf der ganzen Welt ausgelöst. Das Projekt ist ganz sicher ein wichtiger Beitrag unseres Opernhauses zur Erinnerung an großes Leid und ein Aufruf zu menschlicher und politischer Wachsamkeit gegenüber gefährlichen Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Patrick Bialdyga, Regisseur

Von der ersten Text- und Musikfindung bis hin zur fertigen Konzeption habe ich gemeinsam mit der Dramaturgin und dem Chordirektor die Idee verfolgt, als Oper Leipzig mit unserem szenischen Chorprojekt „Über.Leben!“ hinaus in die Stadt zu gehen und uns der Erinnerung gemeinsam zu stellen: in einem begehbaren Raum des Gedenkens, inspiriert vom Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, kurz Holocaust-Mahnmal, der zur unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Geschichte der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den Konzentrationslagern der NS-Diktatur bis 1945 einlädt. So werden alle Beteiligten des Abends – Schauspieler, Opernchor, Gewandhausorchester und das Publikum – in der unmittelbaren Begegnung zum Träger der Erinnerung und treten, bewusst oder unbewusst, in einen Dialog miteinander, zumal wir heute vor der Frage stehen, wie künftige Generationen, denen Überlebende ihre Geschichten nicht mehr persönlich erzählen werden können, dieses Kapitel der Geschichte nahe gebracht werden kann. „Miteinander“ – das heißt Unterschiede akzeptieren, in fremden Gesichtern lesen, manchmal auch einfach nur tolerieren, darüber diskutieren, zuhören, weiterdenken, immer aufs Neue die Perspektive wechseln, Verantwortung übernehmen. Zumal die wichtigste Frage in unserem Leben doch lautet: Was hätte ich (damals) getan? Und was tue ich heute gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung ...?

Marijke Julia Janssens, Chormitglied

Zunächst haben wir Lieder und Musik einstudiert. Die jiddischen Lieder haben mich emotional sehr mitgenommen. Die Melodielinien sind sehr einfach und die Botschaft und der Inhalt sehr klar; dadurch bleiben sie lange im Kopf hängen.

Als dann der Text dazu kam, war ich erst einmal geschockt, weil ich noch nie so einen Text gehört hatte. Die Probenzeit war intensiv und manchmal auch sehr hart; hart auch deshalb, weil wir den Text so oft gehört haben. Irgendwann wollte und konnte ich nicht mehr wirklich zuhören beziehungsweise den Inhalt nicht mehr jedes Mal emotional miterleben.

Als dann in den Vorstellungen das Publikum dazu kam und wir die Energie und die Emotionen der Zuhörer erleben konnte, wurde das Ganze – unser Gesang, die Inszenierung und die Bewegung – noch intensiver. Auch meine Emotionen und Energie waren noch viel stärker spürbar als zuvor.
Natürlich erlebt man in jeder Produktion, dass es ein anderes Gefühl gibt, wenn wir vor einem Publikum auftreten. Allerdings war es in diesem Fall, für mein Empfinden, noch intensiver dadurch, dass wir direkt im Publikum verteilt waren. Als wir nach dem Ende der Geschichte des Erzählers „Frieden auf Erde“ gesungen haben, war das für mich der Höhepunkt: die Botschaft der Hoffnung, die wir mit dieser Produktion weitergeben wollten.

Es war bei manchen Stücken nicht einfach, sich mit dem Klang der Kollegen zu mischen, weil wir manchmal weit auseinander standen. Vielleicht waren wir dadurch nicht immer zusammen, vielleicht war unser Klang nicht immer einheitlich. Ich war jedenfalls sehr überrascht, dass die Reaktionen im Publikum so positiv waren. Ich glaube, das liegt daran, dass das Publikum uns so nah erleben durfte und Teil des Ganzen war. Man konnte nicht abschalten oder wegschauen. Alle fanden sich für ungefähr 90 Minuten in der gleichen Geschichte.

Dieses Projekt wird mich mein ganzes Leben lang begleiten. Das war sicher das Ziel: Die Erinnerung soll weitergegeben und nie vergessen werden.

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