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Kulturpolitik

Auf ein Wort mit...

... Kathrin Kondaurow, Intendantin der Staatsoperette Dresden

Im Gespräch mit Barbara Haack und Gerrit Wedel

2019 wurde Kathrin Kondaurow zur Intendantin der Staatsoperette Dresden berufen. Schon während ihres Studiums (Jura, Musikwissenschaft, Kulturmanagement und Französische Literaturwissenschaft) war sie in verschiedenen Bereichen des Theaters tätig. Ab 2011 war sie am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert, zunächst als Assistentin des Operndirektors und der Dramaturgie, ab 2012 als Musiktheaterdramaturgin. Mit der Spielzeit 2013/2014 wurde sie Teil der Leitungsrunde zur Spielplangestaltung, Ensemblebildung und Auswahl von künstlerischen Teams. Barbara Haack und Gerrit Wedel sprachen für „Oper & Tanz“ mit der Intendantin über ihren Start in Dresden und ihre Pläne.

Oper & Tanz: Sie sind noch recht neu als Intendantin an der Staatsoperette Dresden. Unsere erste Frage: Was bleibt, was wird neu?

Kathrin Kondaurow. Foto: Esra Rotthoff

Kathrin Kondaurow. Foto: Esra Rotthoff

Kathrin Kondaurow: Ich bin jetzt fast ein halbes Jahr „im Amt“, deswegen ist es vom Gefühl her gar nicht mehr so neu – zumal ich jetzt schon die Spielzeit 2021/2022 plane. In der Spielzeit 2018/2019 hatte ich außerdem ein komplettes Vorbereitungsjahr. Natürlich bin ich angetreten, um „zu erneuern“ – ich stehe für eine jüngere Generation –, aber vor allem um neue Blickwinkel zu eröffnen: zum einen auf das Haus, die Institution Staatsoperette, und zum anderen auch auf das Genre.

O&T: Das Haus ist ja eigentlich ganz neu…

Kondaurow: Das Gebäude ja. Was mich interessiert, ist: Wie kann man für diesen Standort im Kraftwerk Mitte, einem ehemaligen Elektrizitätskraftwerk, ein neues Image für ein Haus wie die Staatsoperette kreieren? Jeder assoziiert mit dem Genre Operette etwas Gemütliches, Vergangenes, Plüschiges – weniger die Rauheit und Industriearchitektur eines Kraftwerks. Aber genau dieser Kontrast reizt mich, den Aspekt der Industriearchitektur mit dem programmatischen Inhalt der Staatsoperette zu verknüpfen und darüber das Image des Hauses frisch und modern zu gestalten. Operette ist gemeinhin ein Genre, das man einer älteren Generation zuschreibt. Einer Generation, die noch die alten Operettenfilme kennt, die mit dem Genre anders kultiviert wurde. Heute sind wir umgeben von einer Flut an Reizen, die auch den Blick auf das Theater verändert, vor allem auch mit Blick auf eine heranwachsende Generation. Möchte man neue Zielgruppen zusätzlich erreichen, muss man viele Facetten des Unterhaltungstheaters bedienen. Gerade Genres wie Operette und Musical können vieles vereinen: historische und moderne Interpretationen, kabarettistisch-scharfzüngige Elemente neben großen Show-Momenten. Zitate aus Pop- und Jugendkultur sowie leichtfüßige Unterhaltung neben besinnlichen Momenten. Mit all diesen Facetten zu arbeiten und zu spielen interessiert mich.

O&T: Wie funktioniert so etwas?

Kondaurow: Zum einen über die Frage, wie man das Image nach außen verkauft: Deswegen habe ich mich auch entschieden, mit einem neuen Logo im Außenauftritt umzugehen, das bewusst mit dieser Kraftwerkästhetik spielt und so das Thema der Kunst und Musik sowie den Industriebezug enthält. Zum anderen auch, indem man die Formate öffnet und mehr Kontakt zum Publikum herstellt. Dazu kommt die Form der Revue, die in ihrer Offenheit ermöglicht, viele Spielarten des Unterhaltungstheaters auszuprobieren. Damit bin ich hier in Dresden gestartet: Unsere Eröffnungspremiere „Hier und Jetzt und Himmelblau“, eine Revue mit Texten von Jan Neumann, verarbeitet konkret Themen, die aus dem Leben gegriffen sind. Neben Liebe und Freundschaft wird auch die Frage nach dem Altern und der Trauer gestellt, die in Showbildern aufgelöst, Kraft, Leichtigkeit und Zuversicht transportieren.

O&T: Operette ist ein Genre, das in den 1920er-Jahren ganz groß wurde. Damit verbindet sich immer auch der Gedanke daran, was anschließend passiert ist. Es gab hier ja eine Tagung zum Thema „Operette unterm Hakenkreuz“. Ist das auch ein Thema, mit dem Sie sich beschäftigen?

Kondaurow: Man kommt gar nicht darum herum. Viele Operettenkomponisten – zum Beispiel Paul Abraham, Oscar Straus – mussten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft emigrieren, und ihre Werke wurden unter den Nationalsozialisten verboten. Auch müssen wir heute mit einer Ästhetik in der Operette umgehen, die in der Nazizeit geprägt wurde: das Verkitschte, das Heimattümelnde als Idealbild einer Gesellschaft. Diese Facetten gilt es zu reflektieren und unbedingt herauszukehren.

Revue „Hier und Jetzt und Himmelblau“. Foto: Pawel Sosnowski

Revue „Hier und Jetzt und Himmelblau“. Foto: Pawel Sosnowski

Daneben gibt es die frühere Operette der sogenannten goldenen und silbernen Ära. Da haben wir es mit komplett anderen Themen zu tun: mit Rollenklischees und antiquierten Geschlechterbildern, Rassismus, Sexismus, Exotismus. Gerade die Frauenbilder und die Bilder von Männlichkeit müssen wir heute hinterfragen – was in einigen Teilen der Gesellschaft auch schon passiert. Insofern muss man diese Werke zwar aus dem historischen Kontext heraus begreifen, aber eine heutige, zeitgemäße Übersetzung finden. Oder man geht bewusst mit der Folie des Historismus um.

O&T: Sie lassen auch komplett umschreiben und bearbeiten?

Kondaurow: Ja. Bei „Follies“ haben wir beispielsweise eine Neuübersetzung anfertigen lassen. Ansonsten gilt es bei jeder Operette, jedem Musical, eine Textfassung zu erarbeiten, die die Inhalte des Stücks für uns heute bestmöglich transportiert – sei es mit heutiger Sprache und Sprachwitz oder in einem bewussten Umgang mit der vorliegenden Sprachkultur. Manche Anspielungen müssen wir auch umdeuten, um sie heute zu verstehen, da uns der historische Kontext fehlt.

O&T: Sie machen neben Operette auch Musical und planen Oper. Wie ordnet sich das zusammen? Gibt es einen gemeinsamen Faden? Sie haben den „Broadway in Dresden“ angekündigt.

Kondaurow: Das ist ein Slogan, den ich im Zuge der neuen Image-Findung entwickelt habe, weil ich nach einem Begriff suchte, der gute Unterhaltung in ein Wort packt, mit dem jeder etwas anfangen kann. Ansonsten gehört zu einer Staatsoperette natürlich neben Operetten und Musicals aller Zeitalter auch das Genre der Spiel-oper, die Opéra bouffe, die komische Oper. Die Herausforderungen an die Ensembles und an die Sänger*innen sind von Genre zu Genre unterschiedlich.

O&T: Wie ist das Verhältnis zur Semperoper? Gibt es eine Konkurrenz, eine Kooperation oder ein friedliches Nebeneinander?

„Follies“ von Stephen Sondheim. Fotos: Vincent Stephan

„Follies“ von Stephen Sondheim. Fotos: Vincent Stephan

Kondaurow: Meine Beobachtung ist: Alle Häuser der Stadt nehmen sich sehr gut wahr, und es besteht ein sehr schönes Miteinander. Als wir beispielsweise festgestellt haben, dass sowohl die Semperoper als auch wir eine Offenbach-Premiere planen, haben wir uns zusammengetan und eine gemeinsame Offenbach-Matinee initiiert. Ansonsten ist die Semperoper natürlich das größere Haus mit einer ganz anderen Ausrichtung. Wir haben zum Beispiel ein Ballett-Ensemble, das in unseren vielseitigen Genres unterwegs ist, das Revue-Tanz kann, Musical und vieles mehr – diese zahlreichen Facetten kann das Ballett der Semperoper nicht ohne weiteres bedienen.

O&T: Wie sieht es beim Chor aus? Da gibt es sicher auch besondere Anforderungen an Spielfreude und Bewegungskunst?

Kondaurow: Wir haben hier einen sehr spielfreudigen Chor. Die Schwierigkeit ist natürlich, große Chorwerke zu finden. Es ist die Kunst, einen Spielplan zu entwickeln, der für alle Ensembles und am besten auch für alle Solistinnen und Solisten ein Schmankerl bereithält, sie aber gleichzeitig in anderen Stücken auch wieder entlastet. In der Operette kommen dann noch vielfältige kleinere Solorollen dazu. Ich beobachte mit Freude, dass wir sehr tolle Chorsolist*innen haben, die das wirklich gerne machen und sehr vielfältig unterwegs sind.

Grundsätzlich sind wir mit einem 27-köpfigen Chor gut aufgestellt. Dazu kommen 18 Tänzer*innen, circa 21 Solist*innen im Ensemble und Gäste, außerdem eine B-Orchesteraufstellung mit knapp 60 Musiker*innen – also sehr viel Potenzial, um den Unterhaltungsbereich hochwertig bedienen zu können. Die Aufgaben an den Chor und an alle Solistinnen und Solisten, die hierherkommen, sind vielfältig. Sie müssen nicht nur singen können, sondern auch tanzen und spielen. Darin ist unser Chor wunderbar erprobt.
Für das Ballett wünschen wir uns, einen eigenen Ballettabend zu stemmen. Das ist im Produktionsprozess und in der Spielplanung nicht immer einfach, weil die Tänzerinnen und Tänzer sehr stark eingebunden sind. Wir haben in dieser Spielzeit ein Tanzstück wiederaufgenommen, das wir aber für die große Bühne umarbeiten mussten: „Backstage – Aus dem Alltag eines Tänzers“: eine tolle Arbeit, die die Bandbreite unseres Balletts aufzeigt. Unsere Tänzer*innen sind eben nicht nur klassisch ausgebildet, sondern können zum Teil Stepptanz oder Modern Dance oder kommen aus dem Gesellschaftstanz. Es ist toll, wenn man diese Stilvielfalt an einem Tanzabend zusammenführen kann.

O&T: Sie möchten das Publikum vermehren und verjüngen. Gibt es da schon erste Erfolge? Merken Sie, dass sich in der Publikumsschicht etwas verändert?

Kondaurow: Überraschenderweise ja. Die Stücke „Hier und Jetzt und Himmelblau“ und „Follies“, die wir neu produziert haben – und „Backstage“ natürlich – richten sich auch, aber nicht ausschließlich, an eine jüngere Zielgruppe. Das hat unter anderem mit einem theaterpädagogischen Programm zu tun, das die Stücke zum Beispiel für Schulklassen aufarbeitet. Wir richten uns an eine heranwachsende Generation, die man peu à peu an unsere Genres heranführen kann und muss. Je nachdem, wie man die Stücke inhaltlich aufbereitet und mit zeitgemäßen Themen umgeht, kann man ganz anders an diese Zielgruppe andocken. Es gibt noch andere Möglichkeiten, mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten, zum Beispiel mit partizipativen Formaten. Im Juni hat „Emil und die Detektive“ Premiere, mit Kindern und Jugendlichen auf der Bühne und im Orchestergraben. Dafür kooperieren wir mit dem Heinrich-Schütz-Konservatorium Dresden und der Musical-Werkstatt OH-Töne.

O&T: Die Staatsoperette Dresden hatte in Leuben ihr eigenes Leben, ihr eigenes Publikum. Konnten Sie die alten Zuschauer mitnehmen oder musste sich das jetzt alles komplett neu entwickeln? Gerade für die älteren Herrschaften ist das ja doch eine große Umgewöhnung.

Kondaurow: Als es 2016 um den Umzug ging, hatte das Team der Staatsoperette diesen Übergang von Leuben in das neue Haus gut kommuniziert. Das Stammpublikum ist sehr gut mitgegangen, es gab eine große Neugierde auf den neuen Standort und die neuen Möglichkeiten. Jetzt muss sich eine gewisse Normalität einpegeln. Ich hoffe, dass wir ab der nächsten oder spätestens der übernächsten Spielzeit belastbare Erhebungen über Zuschauerentwicklung und Zuschauerstruktur bekommen. Wir beobachten jedenfalls, dass das Stammpublikum weiterhin zu uns kommt.

O&T: Touristisch dürfte dieser Standort ein riesiger Vorteil sein.

Kondaurow: Allerdings. Wir haben viel Laufpublikum, und es gibt eine große Neugierde von Menschen, die vielleicht nicht grundsätzlich Theatergänger sind und sagen: „Das Kraftwerk Mitte interessiert uns und wir schauen einfach mal rein.“ Die Vernetzung mit den Partnern in der Umgebung spielt eine wichtige Rolle – mit der Musikhochschule am Wettiner Platz: Die Studierenden sind natürlich auch ein potenzielles Publikum – und dem Heinrich-Schütz-Konservatorium. Aber auch mit anderen Institutionen und Initiativen in der Stadt sind wir im Austausch.

O&T: Sie wurden Intendantin, als die Staatsoperette schon im Kraftwerk beheimatet war. Können Sie sagen, ob diese neue Architektur, das neue Gebäude etwas mit der Staatsoperette, mit den Inhalten und den Menschen, die hier arbeiten, macht? Hat sich da etwas verändert?

„Backstage – Aus dem Leben eines Tänzers“, Konzept von Radek Stopka mit Musik von Smetana bis Einaudi. Foto: Stephan Floss

„Backstage – Aus dem Leben eines Tänzers“, Konzept von Radek Stopka mit Musik von Smetana bis Einaudi. Foto: Stephan Floss

Kondaurow: Ich versuche, diesen Prozess anzustoßen. Wir gelten nach wie vor bei vielen Dresdnern als Haus, das ein Randpublikum bedient. Die Staatsoperette hat eine große Tradition, aber es ist nicht die Institution, die vom „klassischen“ Dresdner permanent besucht wird. Sie ist noch nicht der Ort, der einem einfällt, wenn man sich fragt: „Was mache ich denn heute Abend?“ Den Vorverkauf nutzen eher die Älteren, das machen jüngere Zielgruppen kaum. Wir arbeiten daran, die kurzfristigen Käufer beziehungsweise die Zielgruppe, die spontaner entscheidet, ins Haus zu holen und ihnen die Staatsoperette ins Bewusstsein zu bringen.

O&T: Wie ist es mit dem Charakter oder der Seele dieses Standorts? Das „kraftvolle“ Kraftwerk ist deutlich wahrnehmbar und es ist auch für die Mitarbeiter etwas anderes, hierher zu kommen.

Kondaurow: Ja, total! Für die Mitarbeiter ist es das größte Geschenk überhaupt; sie würden nicht zurückwollen. Wir haben hier quasi einen „Theaterpalast“, auch mit den technischen Möglichkeiten auf der Bühne. Das Problem ist natürlich, dass ein größerer technischer Aufwand und der größere Apparat auch mehr Mitarbeiter*innen bräuchte, die wir aber nicht haben. Darüber sind wir immer im Gespräch mit der Stadt, um zu schauen, wo man an der einen oder anderen Stelle nachjustieren muss. Ich glaube, dieser Standort hat ein enormes Potenzial, in der Altstadt von Dresden ein etablierter Kulturort zu werden.

Auch die Gastronomie muss sich noch weiterentwickeln, aber das ist bereits auf einem guten Weg. Die Staatlichen Kunstsammlungen kommen mit ihrer Puppentheatersammlung auf das Gelände, auch da wird es neue Verknüpfungen geben.

O&T: Hat die Staatsoperette ein gutes Standing bei der Stadt, auch in Sachen Finanzierung?

Kondaurow: Die Stadt hat mit diesem Neubau ein Statement gesetzt. Da will sie auch nicht dran rütteln. Natürlich reden wir über einen Status quo. Das ist im Kulturbereich immer schwierig, weil wir mit Tarifverträgen und Tarifsteigerungen zu tun haben und auch mit neuen Gegebenheiten, die wiederum Personalfragen nach sich ziehen. Aber die Verankerung in der Stadt, im Kulturamt, gibt es. Das heißt aber nicht, dass Personalfragen ad hoc geklärt werden können. Wir können aber immer ins Gespräch gehen und Bedarfe anmelden. In diesem Frühjahr stehen wieder die Verhandlungen für den Doppelhaushalt 2021/2022 an.

O&T: Und dann wird es richtig spannend. Dann läuft der Haustarifvertrag aus, der acht Prozent Mitarbeiterverzicht bedeutet, die neben den regulären Tarifsteigerungen auch noch aufzufangen sind. Da müssen wir in Zukunft sehen, wie es mit der Dynamisierung weitergeht.

Kondaurow: Auch vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung!

O&T: Das wird gerade nicht einfacher. Dresden hat leider das Pegida-Image. Positionieren Sie sich da als Haus?

Kondaurow: Wir sind Teil des Bündnisses „Weltoffenes Dresden“. Unter diesem Motto engagieren sich zahlreiche Kulturinstitutionen und veranstalten gemeinsam verschiedene Aktionen in der Stadt – zum Beispiel im Rahmen des Gedenkens zum 13. Februar 1945. Es ist ein ganz wichtiges Signal, dass wir als kulturelle Einrichtungen in Dresden solidarisch sind und gemeinsam für Weltoffenheit in dieser Stadt einstehen. Auch die „Erklärung der Vielen“ haben wir als Staatsoperette mitunterzeichnet.
Im Theateralltag leben wir ein tolerantes Miteinander und versuchen, das auch über unseren Spielplan zu transportieren. Mir ist es wichtig, uns über das, was wir machen, zu positionieren und darüber nach außen zu strahlen.

O&T: Als Sie hier gestartet sind, gab es den ein oder anderen Gegenwind: zu jung, zu unerfahren – und dann noch eine Frau! Wie stark hat Sie das beeinflusst oder beeindruckt und wie sieht es heute aus? Sie haben ein paar Premieren hinter sich, die fantastische Kritiken bekommen haben.

Kondaurow: Ich bin von vornherein sehr offensiv damit umgegangen. Ich glaube, dass die Gesellschaft generell einem Paradigmenwechsel unterliegt und dass bestimmte Kriterien verschoben werden, dass auch die Frage Mann/Frau irgendwann nicht mehr relevant sein wird. Mein Ansatz ist: überzeugen durch das, was ich mache – über die Produktionen und künstlerischen Schwerpunkte.

O&T: Laura Berman, die Intendantin der Staatsoper Hannover, die ja einer anderen Generation angehört als Sie, hat uns im Interview gesagt, als Frau habe man es immer noch schwerer. Erleben Sie das auch? Oder spüren Sie tatsächlich schon diesen Paradigmenwechsel?

Kondaurow: Ich habe generell nie diesen Unterschied gemacht und hatte auch in meiner gesamten Ausbildung und Laufbahn immer – seien es männliche oder weibliche – Vorbilder, Kolleginnen und Kollegen, Mentorinnen und Mentoren, die mich unterstützt haben. Es ging eigentlich immer darum, im Sinne einer Sache zu agieren, also durch Inhalte zu überzeugen oder durch Qualität. Tatsächlich war ich persönlich mit diesen Vorurteilen – bevor klar wurde, dass ich Intendantin werde – nie konfrontiert. Ich beobachte, dass das in der Generation „50 Plus“ für Frauen noch ein viel größeres Thema ist: die Gleichberechtigung und die Frage nach Quoten. Das hat auch nach wie vor unbedingt seine Berechtigung. Allerdings profitieren wir jüngeren Generationen davon, dass viele Kämpfe um Gleichberechtigung schon gefochten wurden. Ein Thema, das uns Frauen immer noch mehr anhaftet, ist die Frage nach Familie und Kindern. Dabei ist das für Männer genauso relevant.

O&T: Sie sind angetreten mit der Vorstellung, flache Hierarchien zu pflegen. Geht das überhaupt in einem Theaterhaus?

Kondaurow: Was mich mehr interessiert, ist das Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen Mitarbeiters, jeder einzelnen Mitarbeiterin zu stärken: nicht nur von oben zu diktieren, was ich mir vorstelle oder was meine künstlerische Ausrichtung ist. Ich möchte die Mitarbeiter*innen mitnehmen und für die Sache motivieren und begeistern. Dabei gilt es, langjährig eingefahrene Strukturen zu öffnen und für neue Ideen Raum zu schaffen.

Ein Regie-Team, das mit einer Inszenierungsidee ans Haus kommt, will meist alle Möglichkeiten nutzen und hat durchaus auch ungewöhnliche und aufwendige Ideen. Dann kann es passieren, dass die Abteilungen zu mir kommen und sagen: „Wie sollen wir das schaffen?“ Darauf antworte ich: „Tretet für euch ein und setzt Grenzen.“ Wir sind zwar ein künstlerischer Betrieb, und eine bestimmte Prozesshaftigkeit muss gewährleistet sein, aber ich erwarte von der obersten Leitungsebene bis hin zu jedem einzelnen Mitarbeiter, jeder einzelnen Mitarbeiterin die Bereitschaft, für etwas einzustehen, Verantwortung zu übernehmen und das Ganze dann auch zu kommunizieren. Dann kann gemeinsam nach Lösungsansätzen gesucht werden.

O&T: Flache Strukturen, Kommunikation – das bedeutet auch Kommunikation mit Ensemble-Vertretern, sei es der Betriebsrat, der Personalrat, der Chorvorstand oder Gewerkschaften. Läuft diese Kommunikation mit den Ensemble-Vertretungen, mit den Ansprechpartnern gut?

Kondaurow: Ja, das läuft gut. Ich suche den Kontakt zu allen Vertreter*innen, sei es zum Personalrat, zu den einzelnen Vorständen, zu den Ensemble-Sprecher*innen bis hin natürlich zu allen anderen Spartenleiter*innen. Insgesamt arbeiten an der Staatsoperette 250 Mitarbeiter*innen und ich versuche nach und nach mit jeder und jedem in Gespräche zu gehen.

O&T: Sie sind Dramaturgin und Intendantin. Werden Sie irgendwann auch Regie führen?

Kondaurow: Sag‘ niemals nie! Grundsätzlich reizt mich aber eher die konzeptionelle Arbeit mit den Regie-Teams, weil ich die Spielpläne inhaltlich denke und baue. Auch wenn ich die rein künstlerische Arbeit manchmal vermisse, denke ich, dass es gut ist, Regie-Arbeit und Intendanz zu trennen. Ich kann mich dann eher über das Konzept oder die dramaturgische Seite künstlerisch einbringen.

O&T: Könnten Sie sich vorstellen, sich künftig auch im Deutschen Bühnenverein zu engagieren?

Kondaurow: Die Staatsoperette ist schon lange Mitglied, ich bin jetzt auch persönlich beigetreten. Eine aktive Mitwirkung könnte ich mir zukünftig vorstellen.

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