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Berichte

Neue russische Volksoper

»Boris«-Projekt an der Stuttgarter Staatsoper

In letzter Zeit wähnt man sich in Stuttgart bisweilen in München. Jedenfalls fällt auf, dass sich manche Produktionen an der Staatsoper Stuttgart in der Regieästhetik zusehends der Bayerischen Staatsoper nähern. Verwunderlich ist das nicht, denn: Bekanntlich war Intendant Viktor Schoner von 2008 bis 2017 Künstlerischer Betriebsdirektor an der Bayerischen Staatsoper unter Nikolaus Bachler. Seit Schoners Amtsantritt in Stuttgart scheint sich das Opernhaus von seinem meinungsstarken, engagierten Regie-Profil insgesamt entfernt zu haben. Das offenbarte zuletzt eine Doppelpremiere.

Hierfür wurde die Urfassung der Oper „Boris Godunow“ von Modest Mussorgsky nach Alexander Puschkin mit einer Uraufführung gekoppelt: mit dem Musiktheater „Secondhand-Zeit“ des Russen Sergej Newski. Die Idee ist genial, zumal die beiden Werke nicht einfach hintereinander gegeben, sondern miteinander verzahnt wurden. Das Ergebnis war ein konzeptionell stringentes „Boris“-Projekt. Damit wurde nicht einfach einer Uraufführung auf die Bühne geholfen, sondern: Es ging um nichts Geringeres als die Erschaffung einer neuen russischen Volksoper. Hierfür waren die Voraussetzungen perfekt, zumal das Musiktheater „Secondhand-Zeit“ auf das gleichnamige Buch von Swetlana Alexijewitsch fußt. Ihre Schriften setzen die „Wächter-Funktion“ der russischen Kunst fort. Dafür wurde Alexijewitsch 2015 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Der 1972 geborene Wahl-Berliner Newski hat wiederum beste Kontakte zur alternativen Musikszene Russlands und ist überdies mit dem kremlkritischen Regisseur Kirill Serebrennikow befreundet.

Adam Palka (Boris) und Mitglieder des Staatsopernchors Stuttgart. Foto: Matthias Baus

Adam Palka (Boris) und Mitglieder des Staatsopernchors Stuttgart. Foto: Matthias Baus

Die kritische „Wächter-Funktion“ der russischen Kunst nennt der Slawist Kay Borowsky auch eine „Stellvertreterfunktion“. Es werde ausgedrückt, was den „Sprachlosen, weil mundtot Gemachten“ auszudrücken nicht möglich sei. Borowsky spricht von einer „unwillkürlichen Parteinahme für die Erniedrigten und Beleidigten“, womit er zugleich auf einen Roman von Fjodor Dostojewski anspielt. Neben Dostojewski stehen in der Literatur und im Theater Anton Tschechow, Nikolai Gogol, Daniil Charms, Wsewolod Meyerhold, Anna Achmatowa oder Marina Zwetajewa in dieser Tradition.

In der Malerei sind Marc Chagall oder Gabriel Glikman zu nennen, im Film Sergei Eisenstein, Grigori Kosinzew oder Andrei Tarkowski sowie in der Musik Dmitri Schostakowitsch oder Alfred Schnittke. Den Anfang dieser Tradition markiert jedoch das Drama „Boris Godunow“ von Puschkin, kongenial vertont von Mussorgsky. Um Macht und Machtmissbrauch geht es dort, und die Ergänzungen Newskis und Alexijewitschs entlarven die russische Geschichte als repressives Kontinuum. Zugleich gibt Alexijewitsch dem „Boris“-Volk individuelle Gesichter, indem sie Einzelpersonen über ihren Sowjet-Alltag sprechen lässt.

Das sind: die Mutter eines Selbstmörders (Maria Theresa Ullrich), ein jüdischer Partisan (Elmar Gilbertsson), die Frau eines Kollaborateurs (Stine Marie Fischer), ein Obdachloser (Petr Nekoranec), eine Geflüchtete (Carina Schmieger) und eine Aktivistin (Alexandra Urquiola). Ein Muster aus persönlichen und kollektiven Erinnerungen entsteht, und damit unterbricht Newski ergänzend die Oper Mussorgskys. Dass dieses Konzept nicht aufging, lag keineswegs an Newskis hellhörigen „Intermezzi“; sie changieren zwischen geräuschhafter Reduktion und großflächiger Expression. Auch die Leitung von Titus Engel sowie die Solisten, allen voran Adam Palka als Boris und Matthias Klink als Fürst Schuiski, waren stark. Was den Abend behinderte, waren die pseudo-ironischen, geradezu stumpfsinnigen Russ-land-Klischees der Regie von Paul-Georg Dittrich. Im Grunde wirkten alle Charaktere wie lebendige Matrjoschkas. Dittrich hat dieses dringende, zwingende Projekt nicht ernst genommen, obwohl er eigentlich den Ernst der Lage erkannt hat. Das offenbarte Dittrichs Umgang mit dem Gottesnarren (Petr Nekoranec). In vielen Inszenierungen von „Boris Godunow“ wird er umgebracht: vom Volk selber, dessen Sprachrohr er eigentlich ist. Bei Dittrich wird er stranguliert, mit einem langen Tau, an dessen Ende zwei Mädchen ziehen. Denn die Wahrheiten der Narren sind nur schwer zu ertragen. Genau das wusste schon William Shakespeare, auf den sich Puschkin bezieht, und der russische Jurodiwy ist ein ganz besonderer Narr. „Weine, weine, russisches Volk, du hungerndes Volk!“, singt er bei Mussorgsky.

Diese Klage avancierte in Russland zu einer heimlichen Hymne, ähnlich wie in Italien der Gefangenenchor aus Giuseppe Verdis „Nabucco“. Wenn dieser Gottesnarr aus dem Volk selbst gelyncht wird, steht dies – in der Tradition von Puschkin und Mussorgsky – für das Ende der „Wächter-Funktion“ der Kunst. Und damit faktisch für den Tod der Kunst und der Gesellschaft an sich. Ein starkes Bild, das perfekt zu diesem spannenden „Boris“-Konzept passte, aber leider nicht durchgeführt wurde. In Stuttgart wurde eine Chance vertan, schade!

Marco Frei

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