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Berichte

Virtuelles Theater in Zeiten von Corona

Streamsplitter aus den Opernhäusern

Es sind Bilder, die schockieren: geschlossene Opernhäuser, lahmgelegte Theater, Ensembles, die in der Warteschleife hängen. Die Kultur liegt danieder, alle Veranstaltungen sind abgesagt, eine ganze Branche ist ihres Existenzgrundes beraubt. Schuld daran hat ein winziges Virus, das es geschafft hat, das zweite und dritte Quartal 2020 zu einer weitgehend aufführungsfreien Zeit werden zu lassen. Freischaffende Bühnenkünstler, unter anderem Musiker, Sänger und Tänzer hat das in existenzielle Nöte gestürzt, da ihnen ihre Einnahmequellen mehr oder weniger komplett weggebrochen sind. Komfortabler sind da fest angestellte Ensemblemitglieder abgesichert, doch die meisten Häuser haben bereits Kurzarbeit angemeldet.

Traditionelles Theater kann derzeit nicht stattfinden, und wie es nach der Sommerpause für die neue Spielzeit aussieht, ist ungewiss. Die Nachrichtenlage ändert sich zuweilen schneller als der Nachrichtenticker. Schwerfällige Kulturtanker wie Opernhäuser und Theater müssen sich erst mal auf die neue Situation einstellen, neue Hygienekonzepte erarbeiten und Vorstellungsformate anpassen. Wichtig ist allen, dass sie den Kontakt zum Publikum nicht verlieren. Man will sichtbar bleiben, das Publikum bei der Stange halten und zeigen, dass man noch da ist.

Die Theater haben sich derzeit ins Netz vertagt und auf Mini-Formate verlegt: Live-Streams, Watch-Partys, Hinterhofkonzerte und Terrassen-Gigs statt Sinfoniekonzerten und Vorstellungen. Geplant war vieles nicht, was derzeit zu sehen ist. Dementsprechend ist manches mit heißer Nadel gestrickt und aus der Not heraus geboren. Dennoch: Es tut sich was. Es gibt auch herausragende Angebote, originelle Ideen und vor allem viel Engagement seitens der Ensembles und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Videos sind in der Regel professionell aufbereitet, zuweilen mit einem nicht unsympathischen „Home“-Touch, mehr oder weniger übersichtlich präsentiert und auch auf den verschiedenen Social-Media-Kanälen der Häuser präsent. Ein Überblick:

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover

Hier bietet man unter dem Titel „On Air“ zum einen ein Quiz an, bei dem das Publikum seine Kenntnisse der hauseigenen Inszenierungen testen kann. „Welche Frucht spielt in Lydia Steiers Inszenierung Alcina eine große Rolle?“, will man da etwa wissen oder ohne welchen Gegenstand Ballettdirektor Marco Goecke nie das Haus verlässt. Ein nettes Aperçu. Darüber hinaus hat man verschiedene kurze und mitunter auch sehr informative Formate etabliert: #wirdaheim begleitet Sänger, Musiker und Tänzer in ihrem ungewöhnlichen Arbeitsalltag, bei #miniatur senden Künstler musikalische Grüße aus dem Homeoffice, während sich die großen Kollektive wie Chor, Orchester oder Ballett-Compagnie in #collectivemoment präsentieren. #fürunerwachsene bringt Mitmach- und Do-it-yourself-Formate für die gesamte Familie nach Hause und #workout lädt zum aktiven sportlichen Erleben ein. Einladend.

Staatstheater Wiesbaden

Dort gibt es gar kein coronabedingtes Online-Angebot, nur das Hessische Staatsballett geht mit „TALKS – TRAININGS – TASKS“ am Rande darauf ein. Ferner hat es vom 18. Mai bis zum 6. Juni ein Ersatzprogramm mit realen Aufführungen und einem auf maximal 200 Personen reduzierten Publikum gegeben. Auf dem Programm: ein ebenso populäres wie starlastiges Potpourri. Ansonsten gibt es Laufenberg-Festspiele auf der Homepage: Der Intendant Uwe-Eric Laufenberg äußert sich in mehr oder weniger langen Monologen zu diesem und jenem Thema, er stellt das Programm der kommenden Spielzeit vor, und das war es dann auch schon. Als wäre nix gewesen und als gäbe es nur ihn. Auf den Social-Media-Kanälen gibt es immerhin mal das ein oder andere versprengte Video von Musikern aus dem Homeoffice. Mehr nicht. Abtörnend.

Gärtnerplatztheater

 

Staatstheater am Gärtnerplatz

Staatstheater am Gärtnerplatz

Wie es auch anders gehen kann, zeigt Staatsintendant Josef E. Köpplinger am Münchner Gärtnerplatztheater. Er plaudert locker am Klavier, erweist sich auch als passabler Pianist und schafft einfach ein ansprechendes Entree. Als Talkmaster macht er ebenfalls eine gute Figur, und doch hat man nicht den Eindruck, hier ginge es allein um Intendanten-Festspiele. Direkt auf der Startseite der Webpräsenz gibt es eine Menge Links zu verschiedensten Angeboten: Blicke hinter die Kulissen, Podcasts, Clips des Ensembles oder Einführungen aus den verschiedenen Sparten verschaffen ebenso reichhaltige wie kurzweilige Einblicke und dürften die schlimmsten Entzugserscheinungen lindern. Vielfältig.

Oldenburgisches Staatstheater

Auch beim Oldenburgischen Staatstheater meldet sich der Intendant persönlich auf der Homepage zu Wort. Christian Firmbach legt seinem Publikum das Angebot ans Herz, räumt jedoch ein: „Allerdings spülen alle unterhaltsamen Aktionen derzeit kein Geld in die Kassen der Kunst und Kultur. Auch uns fehlen die Einnahmen aus dem Vorstellungsbetrieb in unserer Planung, und das wird sicher auch Auswirkungen auf die kommende Spielzeit haben. Im Vergleich jedoch zu den Kolleg*innen der freien Szene sind wir als Staatstheater in einer verhältnismäßig privilegierten Situation. Derzeit am meisten betroffen sind freischaffende Künstler*innen und kleinste Kulturunternehmen.“ Wahre Worte. Auch hier gibt es ein kleines Quiz, zahlreiche kurze Videos von Ensemblemitgliedern sind zu sehen, doch sind Aufbereitung und Präsentation wenig einladend. Weitere Infos fehlen ganz. Hier will man zwar digital, denkt aber offenbar noch analog. Na ja.

Oper Frankfurt

„Wir kommen zu Ihnen nach Hause“, lautet hier das Motto. Wohnzimmerkonzerte der Ensemblemitglieder, Opernklassiker im Stream, Talkrunden zu vergangenen und kommenden Produktionen, Konzerte der Orchestermitglieder aus dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester gibt es hier und einiges mehr. Das meiste ist im Homeoffice aufgenommen. Ein Blog bietet zusätzliche Einblicke in die Arbeit von Oper und Schauspiel während der coronabedingten Spielpause. Insgesamt ist das Angebot für ein so großes Haus eher übersichtlich. Viele – gerade auch kleinere – Häuser sind da wesentlich aktiver. Wenig mitreißend.

Staatstheater Darmstadt

Staatstheater Darmstadt

Staatstheater Darmstadt

Auch in Zeiten von Corona bietet das Staatstheater Darmstadt „Die tägliche Dosis“ Kultur, wie es seinen „Vlog“ (Video-Blog) auf YouTube nennt. Diese Dosis fällt sehr unterschiedlich aus: querbeet durch alle Sparten, mal nur knapp zwei Minuten, mal aber auch eine Stunde dauern die Beiträge. Die reichen von einem kurzen Statement bis hin zu einem schon etwas langatmigen Interview. In jedem Fall ist es eine bunte Mischung, die auch Einblicke in die Arbeit hinter die Kulissen gibt.

Weitere der sehr übersichtlich präsentierten Formate bieten Ballett (mit Talks und Trainingstipps) und Lesungen (auch für Kinder) sowie mit „Lockdown“ ein theatrales Experiment. Seitdem das öffentliche Leben Mitte März in Deutschland zum Erliegen gekommen ist, wenden die Schauspieler Arne Vogelgesang und Marina Miller Dessau den Lockdown ganz konkret auf sich bezogen an. In einer Wohnung hatten sich beide bis zum 31. Mai eingeschlossen. Im Homeoffice wurden sie von Kameras gefilmt – 24/24, 7/7. In den dabei entstandenen lose aufeinander aufbauenden Folgen des Formats experimentierten Vogelgesang und Miller Dessau öffentlich. Entstanden war die Idee, weil eine geplante reale Premiere am 8. Mai nicht stattfinden konnte. Der „Blackout” – so der Titel der Produktion – wurde kurzerhand ins Netz verlegt. „Wir haben insgesamt insbesondere am Anfang sehr viel improvisiert und ein bisschen aus der Hüfte geschossen, doch inzwischen ist eine regelrechte Routine eingekehrt“, so Pressereferentin Corinna Brod. Anregend.

Theater Osnabrück

Theater Osnabrück

Theater Osnabrück

„Osna at Home” lautet hier der griffige Titel. Spartenübergreifend präsentiert man fast jeden Tag mit Kommentaren der beteiligten Mitarbeiter versehene Ausschnitte aus dem Spielplan und kurze Clips. In Zusammenarbeit mit dem örtlichen Radiosender OS-Radio 104,8 ist das Theater aber auch mit einer eigenen Sendung im Äther präsent. Seit Ende März heißt es hier jeden Sonntag „Szene zeigen“: Eine Stunde lang werden Hörspiele, Lesungen und Konzerte des Theaters vorgestellt sowie Diskussionen und Interviews mit Mitarbeitern des Theaters geführt. Präsentiert wird das Angebot ohne Schnickschnack, übersichtlich gegliedert und mit den nötigsten Hintergrundinformationen versehen. Via Social Media gibt es für das Publikum die Gelegenheit, Fragen an die Ensemblemitglieder zu stellen, die diese ebendort beantworten. Nett gemacht.

Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus: Aus dem digitalen Spielplan

Staatstheater Cottbus: Aus dem digitalen Spielplan

Im Staatstheater Cottbus setzt man coronabedingt nicht auf den realen, sondern auf einen „Digitalen Spielplan“. Der ist angelehnt an den realen, bietet aber statt kompletter Stücke stückbezogene Angebote. „Digitale Trostpflaster“ nennt man selbige, aber Aufmachung und Qualität verraten: Hier entwickelt sich durchaus etwas Selbständiges. Auch hier sind alle Sparten vertreten. 27 Musiker des Philharmonischen Orchesters etwa spielen – dank Videotechnik ineinandermontiert – den ersten Teil der Ouvertüre aus der Oper „Carmen“ von Georges Bizet, ein Bläserquintett spielt – unter Wahrung des Abstandsgebotes und aufwändig mit Drohnenunterstützung gefilmt – recht spektakulär auf dem Dach des Opernhauses und Mitglieder des Ballett-Ensembles tanzen quer durch das leere Opernhaus. Die Ensemblemitglieder präsentieren #alltagstheater: kurze Clips, zumeist aus dem Homeoffice. Geplant und durchgeführt wurde nicht nur dieses Projekt mit hauseigenen Mitteln. „Jetzt entsteht mehr Verständnis dafür, wie man auch nach außen kommunizieren kann“, so Social Media-Mitarbeiterin Annalena Hänsel. Vorher sei Social Media bei den Produktionen eher mitgelaufen, jetzt gebe es eine höhere Bereitschaft dafür, außerdem entstünden neue Formate. Ermutigend.

Oper Köln

Auf der Homepage bleibt das Angebot der Oper Köln übersichtlich, dafür bespielt man die üblichen Social-MediaKanäle Facebook, Instagram und Twitter mit verschiedenen Formaten. Die reichen von Interviews der Intendantin Birgit Meyer mit Mitarbeitern ihres Hauses über „Ständchen“, die Mitglieder des Ensembles in Kölner Einrichtungen wie Altenheimen geben und deren „Generalproben“ auf Video festgehalten werden, bis hin zu einer kleinen, aber ziemlich witzigen Mini-Persiflage von Giacomo Puccinis Oper „Turandot“. Der Clou: Alle Rollen in dem 13-Minuten-Film werden von Ensemblemitglied Martin Koch gespielt: Musiker, Sänger und auch der gelangweilte Pförtner. Das Ergebnis ist ziemlich verrückt, Fortsetzung erwünscht, denn bislang ist dies der einzige Film dieses Formats. Für Kinder gibt es ebenfalls Angebote, die von kurzen Auszügen aus dem Repertoire bis hin zu Bastelanleitungen reichen. Einnehmend.

Staatsoper Hamburg

Einen Blick ins Archiv gewährt die Staatsoper Hamburg. Ausgewählte Produktionen der aktuellen Intendanz stehen in Gänze auf der Homepage als Video-on-Demand zur Verfügung, zudem sind ausgewählte Produktionen der Ära Liebermann aus den späten Sechziger-/frühen Siebziger-Jahren auch als Video-on-Demand zu sehen. Freigeschaltet sind die Angebote ebenso wie Produktionen des Balletts allerdings nur zeitlich begrenzt: die großen Opernproduktionen für 14 Tage, die Ballettproduktionen für 48 Stunden. Auf den sozialen Netzwerken und in einem Blog finden sich auch kleinere Clips aus dem Homeoffice. Museal.

Theater Chemnitz

#BuehneZuhause heißt am Theater Chemnitz das Streaming-Angebot. Hier präsentieren sich alle Sparten chronologisch und untereinander weg angeordnet, das heißt man muss ziemlich viel hin- und herscrollen um bestimmte Angebote zu finden. Zu sehen gibt es viele Häppchen: kurze, unterhaltsame Formate und als Chemnitzer Spezialität das Figurentheater. Hier haben Ensemblemitglieder kurze mit Stop-Motion-Technik illustrierte Geschichten mit erlebten und coronabedingt nicht erlebten Alltagsgeschichten eingestellt. Sehenswert.

Theater Freiburg

Wer auf der Homepage des Freiburger Theaters Angebote sucht, findet zum einen Audio-Mitschnitte diverser Sinfoniekonzerte, die zeitlich begrenzt ins Netz gestellt werden – kurze Einführungen inklusive. Die Oper verlinkt direkt auf ihren YouTube-Kanal, auf dem derzeit 18 von insgesamt 28 Folgen des jeweils gut viertelstündigen Formats „Theater Digital“ zu sehen sind. Zwar wird angegeben, was in den Clips alles zu sehen ist, doch weitere Infos fehlen ebenso wie eine übersichtliche Aufbereitung. Insgesamt wirkt das Angebot eher hausbacken und wenig einladend. Man braucht schon Ausdauer, um sich durchzuklicken. Langweilig.

Oper Halle

Oper Halle

Oper Halle

Direkt auf der Homepage der Oper Halle gibt es unter #theaterzuhause kurze Videos: musikalische Grüße, sowie kleine Wort- und Musikbeiträge. Auf einer Extraseite gibt es jede Woche neue Einträge: pro Woche eine Klaviersonate von Wolfgang Amadeus Mozart, Einführungen und sogar ganze Opern. Bisher kann man dort Johannes Kreidlers „Mein Staat als Freund und Geliebte“, Sarah Nemtsovs „Sacrifice“, Verdis Requiem sowie als Tanzproduktion „Groovin‘ Bodies“ von Ralf Rossa sehen – in voller Länge. Davor scheuen viele andere Häuser zurück, sei es, weil es rechtliche und finanzielle Hindernisse gibt, oder weil man schlicht nur Mitschnitte der Generalproben hat. Die sind an allen Opernhäusern normalerweise nur intern für Arbeitszwecke gedacht und haben einfach nicht die Qualität, die man für eine Online-Publikation bräuchte. In Halle ist das alles sehr professionell aufgemacht, so dass man Einblicke in einige der interessantesten Inszenierungen der letzten Zeit erhalten kann. Spannend.

Düsseldorf – Deutsche Oper am Rhein

Aus Düsseldorf gibt es zum einen in Zusammenarbeit mit der Plattform Operavision ausgewählte Produktionen zu sehen, dies allerdings auch außerhalb von Corona-Zeiten. Auf der Homepage selbst kann man sich unter anderem die in Zusammenarbeit mit 3sat entstandene filmische Version von Martin Schläpfers Tanz-Produktion der „Petite Messe Solennelle“ von Gioacchino Rossini anschauen. Sonst gibt es wie bei vielen anderen Häusern auch zahlreiche kleinere Formate: Ensemblemitglieder singen jeden Tag Schlaflieder, es gibt – auch mal humorige – Einblicke hinter die Kulissen, GMD Axel Kober talkt zu Wagners Ring, et cetera. Für Kinder gab es ein Projekt, bei dem sie eine Geschichte selbst entwickelt, bebildert und vertont haben. Beteiligt waren gut 70 Kinder, bis ins venezolanische Caracas hat das Projekt Ausläufer entwickelt. Entstanden ist ein sehenswerter, knapp viertelstündiger Film. Professionell.

Dessau

Anhaltisches Theater Dessau-Roßlau

Anhaltisches Theater Dessau-Roßlau

„Lebenszeichen!“ – so der Titel – gibt das Anhaltische Theater Dessau auf seiner Homepage von sich. Das Ensemble steuert auf den Social-Media-Kanälen etliche kurze Beiträge aus dem Homeoffice bei, jeden Tag liest ein Ensemblemitglied zudem ein Kapitel aus dem „Decamerone“ von Bocaccio. Pest-Prosa für die Pandemie. Passt ja. Den Anfang macht Generalindendant Johannes Weigand selbst: „Das ist für uns ganz schrecklich“, fasst er im Gespräch die Befindlichkeit vieler Theaterleute zusammen, „wir können gar nichts machen“. Dafür gibt es aber auch mal Rückmeldungen im Supermarkt: „Das ist so schön, ich schaue das jeden Tag an“, sagte ihm neulich eine Kassiererin. Balsam nicht nur für die Intendantenseele. 100 Kapitel hat der Decamerone im Übrigen insgesamt, ob das für die Krise reicht? Sympathisch.

Staatstheater Kassel

Beim Staatstheater Kassel darf – wie bei einigen anderen Häusern auch – das Publikum mitmachen: Mittmach-Mittwoch heißt hier ein Format, bei dem entweder Publikumsbeiträge gepostet werden oder sich das Ensemble Aufgaben, Anregungen oder eingereichten Themen und Texten aus dem Publikum widmet. Da ist nicht immer alles Gold, was glänzt, doch das Format ist bunt und originell. Es gibt Lektüre-Empfehlungen, amüsante Wortschwurbeleien des Dramaturgen Thomaspeter Goergen, jede Menge Hausmusik und „Anti-Langeweile-Aktionen“ des Jungen Staatstheaters. Alles in allem ist das ebenso unterhaltsam wie gelungen, ein vielfältiges Angebot für die theaterlose Saure-Gurken-Zeit. Unterhaltsam.

Staatstheater Augsburg

Staatstheater Augsburg

Staatstheater Augsburg

Am Staatstheater Augsburg hat man einen Coup gelandet. Dort hat man erste Virtual-Reality-Produktionen herausgebracht. Möglich wurde das nicht zuletzt durch einen Zufall. Gerade hatte man nämlich einen großen Posten VR-Brillen für eine Produktion angeschafft, die dann ins Wasser fiel. Diese Brille kann man jetzt in Augsburg per Lieferservice ausleihen und dann eine Sprechtheater- (Judas) und eine Tanz-Inszenierung (shifting_perspective) ansehen, weitere sind bereits in Arbeit. Alternativ kann man die Inszenierungen auch auf eigene VR-Brillen hochladen oder am PC anschauen, wobei man dann allerdings viel scrollen muss. Aber auch so bekommt man durchaus einen Eindruck von den faszinierenden Möglichkeiten dieses Formats. Die Spielplanpräsentation hat man als Webshow im Format einer Samstagabendshow aufgezogen, einen Podcast gibt es und Clips von Ensemblemitglieder aller Sparten. Wegweisend.

So wegweisend wie Augsburg ist man allerdings längst nicht überall. Julia Deppe, Pressereferentin des Theaters für Niedersachsen in Hildesheim, bringt auf den Punkt, was viele Theater – von rechtlichen und finanziellen Fragen einmal abgesehen – davon abhält, zu sehr offensiv ins Netz zu gehen: „Es gibt auch einen künstlerischen Grund, der uns noch davon abhält, Theateraufzeichnungen zu streamen: Theater ist ein sehr analoges Medium. Das, was das Wesen des Theaters ausmacht, geschieht nicht auf der Bühne, sondern zwischen Bühne und Zuschauerraum. Das gemeinschaftliche Erleben ist elementarer Bestandteil des Theaters.“ Das Spielen ohne Kontakt zum Publikum ist für viele noch Neuland und derzeit auch ein großes Experimentierfeld. Kurzkonzerte per Telefon am Staatstheater Wiesbaden oder eine telefonische Sprechstunde mit Ensemblemitgliedern am Theater Mönchengladbach/Krefeld sind da nette Ideen, aber nur der Anfang eines vermutlich längeren Prozesses. Wo der vorerst hingehen könnte, zeigt sich am Theater für Niedersachsen. In Hildesheim führt man Corona zum Trotz das Rock-Musical „Rent“ von Jonathan Larson auf. Konzertant. Im Autokino.

Guido Krawinkel

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