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Kulturschock und Erneuerung

Zum Tod von Sir Peter Jonas

„Seit der Ära Jonas hört das Publikum in München (auch) mit den Augen“, formulierte Intendanz-Nachfolger Nikolaus Bachler treffend. Dazu gehörte auch ein Tupfer Selbstinszenierung: Im originalen Kilt seines schottischen Familienteils vor dem Vorhang der Bayerischen Staatsoper zur Festspieleröffnung, ein erschreckt-entzücktes „Oh!“ im Publikum und dann Gelächter und Beifall – das liebte Peter Jonas. „Wenn sie es nicht mögen, sollen sie mich einfach rausschmeißen“, kommentierte er trocken gleich am Anfang seiner Münchner Intendanz die Frage nach seiner Beziehung zum konservativ eingestellten bayerischen Kunstministerium. Er gehörte 1993 zu den wenigen Persönlichkeiten, die überhaupt in Frage kamen, und dennoch wirkte er anfangs wie ein kleiner Kulturschock.

Gewöhnt waren die Münchner und die anreisende Musikszene an den umtriebigen August Everding, der dem bajuwarisch-barocken Repräsentationstrieb genug Futter gab; mit GMD Wolfgang Sawallisch dominierten bei hohem musikalischem Niveau doch „Opas Oper“ und „museale Repräsentation“. Und nun dieser Brite, der Pressekonferenzen in Jeans und offenem Hemd auf der Schreibtischkante seines design-fernen Büros abhielt, in einer abgewetzt-ausgeleierten Lederjacke fast unkenntlich in experimentellen Avantgarde-Aufführungen stand und anschließend ohne jede Hoheitlichkeit darüber diskutierte.

Foto: Wilfried Hösl

Foto: Wilfried Hösl

Peter Jonas kannte einiges an deutscher Mentalität, auch durch seinen Vater, der als Halbjude vor den Nazis aus Hamburg nach England geflohen war, wo Peter 1946 geboren wurde. München und seine Oper kannte er später durch seine jahrelange Beziehung zu Lucia Popp. In seinen Londoner Studienjahren wechselte Peter Jonas von Literatur zu Musik und Theater, assistierte und knüpfte Kontakte – so dass ihn Pultstar Georg Solti 1974 als Assistent nach Chicago mitnahm. Dort avancierte er zwei Jahre später zum Künstlerischen Betriebsdirektor des Chicago Symphony Orchestra und wurde in diesen insgesamt elf Jahren mit der gesamten internationalen Künstlerwelt bekannt und vertraut – sprach daher auch kenntnisreich über Malerei und Architektur. In der personell ja nicht überreichen britischen Szene ragte er bald heraus und wurde 1985 Generaldirektor der English National Opera. Dieses zweite Londoner Opernhaus machte er in den Jahren bis 1993 zu einem Zentrum quirliger Erneuerung.

Viel davon, konservativeren Opernfreunden zu viel dieses „Brit-Pop“, holte Jonas an die gediegene Bayerische Staatsoper. An der Spitze der Innovationen der folgenden 13 Jahre stand die Revolutionierung des bisherigen Händel-Bildes. Mit ihm vertrauten Regisseuren wie David Pountney, Richard Jones, Martin Duncan und speziell David Alden sowie einem Defilée internationaler Ausstatter zogen Interpretationen voller Pop- und Fantasy-Art, Film- und Foto-Klassiker-Anspielungen, Bewusstseinsstromtechnik, Collage und Montage in Bann.

Mit dem Coup, Zubin Mehta 1998 auf den Münchner GMD-Posten zu locken, machte Jonas viele der Konservativen verstummen. Nicht alles gelang: keine Harmonie mit dem Gärtnerplatz-Intendanten Klaus Schultz; etliche Repertoire-Klassiker des 19. und 20. Jahrhunderts gelangen nur mittelmäßig.

Doch der Monteverdi-Zyklus, Konwitschnys „Parsifal“-, Wernickes „Elektra“-Inszenierung und vor allem Alden/Mehtas „Tannhäuser“-Neudeutung setzten Maßstäbe, getragen vom harmonierenden Führungsteam Jonas/Mehta, dem künstlerisch orientierten Verwaltungsdirektor Felber und der kompetenten Marketing-Chefin Hessler. Die Jonas-Strategie „Zugänglichkeit und Qualität“ blühte in gesteigerter Jugendarbeit und preiswerten Abos, Sponsoren-Werbung und gipfelte schließlich in „Oper für Alle“, der Live-Übertragung auf den Max-Joseph-Platz. Auslastung, Werkvielfalt – darunter 14 Uraufführungen in den 13 Jahren – und Aufführungszahlen erreichten Höchststände. Dabei quälte sich der 2000 neben vielen anderen Ehrungen zum Sir geadelte Peter Jonas seit langem mit seiner Krebserkrankung – dabei den trocken-schwarzen „typisch britischen“ Humor nur gelegentlich verlierend. Jetzt siegte die Krankheit – doch die Intendanz Peter Jonas mit ihrer britischen Nonchalance ist eine bislang unübertroffene Ära. Thanks, Sir Peter!

Wolf-Dieter Peter

 

 

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