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Hintergrund

Hürdenlauf mit Hindernissen

Die Chorsängerinnen Christiane Barth und Petra Koziel kuratieren eine Ausstellung über den Opernchor der Theater Chemnitz

Schon mehrfach schrieb die Oper Chemnitz Musikgeschichte, zum Beispiel mit der Wiederaufführung von Kurt Weills „Der Weg der Verheißung“. Elisabeth Stöpplers Inszenierung der „Götterdämmerung“ unter GMD Guillermo García Calvo erhielt 2019 den deutschen Bühnenpreis „DER FAUST“ (Beste Musiktheater-Regie) auch für die intensiv gestalteten Massenszenen. Giacomo Meyerbeers „Vasco de Gama (Die Afrikanerin)“ unter Leitung von Frank Beermann wurde vom Magazin „Opernwelt“ als „Wiederentdeckung des Jahres 2012/2013“ prämiert. Die Erfolgsreihe reicht von Otto Nicolais „Die Heimkehr des Verbannten“ über die Uraufführung von Benjamin Schweitzers Operette „Südseetulpen“ (2017) bis zu Franco Faccios „Hamlet“. Jedes dieser Spitzenereignisse fand unter Mitwirkung des Opernchors, teilweise des Extrachors und des Kinderchors statt. Heute sind es 39 Sängerinnen und Sänger mit der Option auf Chorgäste für große Werke, die nach einer langen Periode von Haustarifverträgen und dem seit 1998 damit verbundenen Stellenabbau im Zuge kommunaler Finanzprobleme auf der Bühne stehen.

Ursprünglich sollte dieser Beitrag die Würdigung einer Rekordleistung werden. Drei riesige Chor-opern folgten Schlag auf Schlag: In den Mittelpunkt seiner Inszenierung von Arrigo Boitos „Faust“-Oper „Mefistofele“ (Premiere: 27. September 2019) stellte Balázs Kovalik die durch Konsum manipulierten Massen. Joan Anton Rechi versetzte Richard Wagners „Lohengrin“ (Premiere: 26. Januar 2020) in ein Rummelplatz-Biotop von Hipstern, an deren Vorurteilen das Wunder mit echtem Karussell-Schwan scheitert. Arila Siegerts psychologisch aufregende und plausibel kontra-feministische „Carmen“-Inszenierung brachte es am Tag vor der generellen Theaterschließung wegen Corona nur bis zur Generalprobe – ohne Premiere. Als Sicherheitsmaßnahmen gegen die Pandemie entfielen auch zwei große Chorkonzerte.

„Lohengrin“ mit Magnus Piontek (Heinrich der Vogler), Florian Sievers, Tommaso Randazzo, Till von Orlowsky, André Eckert (Vier brabantische Edle) sowie Damen und Herren des Opernchores. Fotos: Nasser Hashemi.

„Lohengrin“ mit Magnus Piontek (Heinrich der Vogler), Florian Sievers, Tommaso Randazzo, Till von Orlowsky, André Eckert (Vier brabantische Edle) sowie Damen und Herren des Opernchores. Fotos: Nasser Hashemi.

Am 17. April hätte man im Zuschauerhaus der Oper Chemnitz eine jetzt zwangsläufig auf später verschobene Ausstellung über die Chemnitzer Musiktheaterchöre seit Mitte des 18. Jahrhundert eröffnet. Diese Idee stammt von den seit 1990 in Chemnitz wirkenden Chorsängerinnen Christiane Barth (Sopran 1) und Petra Koziel (Alt 1). Länger als fünf Jahre beschäftigen sie sich schon mit der Vergangenheit ihres Kollektivs und damit einer klaffenden Lücke in der regionalen Theatergeschichte.

Mit einer Wandzeitung, die sie für den Chorsaal gestalten wollten, begann für Barth und Koziel ein Hürdenlauf mit Hindernissen, den die Musiktheater- und Konzertdramaturginnen Carla Neppl und Christiane Dost mit ihrem früheren Kollegen Volkmar Leimert begleiteten. Im Theaterarchiv gab es kaum historische Dokumente. Durch intensive Recherchen im Stadtarchiv Chemnitz, in der Leipziger Stadtbibliothek und in der Deutschen Nationalbibliothek sowie in Befragungen von Zeitzeugen trugen Barth und Koziel eine Menge an Fakten zusammen. Hilfreich waren zum Beispiel die Chemnitzer Theaterpersonal-Listen im seit 1836 erschienenen „Almanach für Freunde der Schauspielkunst“, die Periodika „Deutscher Bühnen-Almanach“ und „Neuer Deutscher Bühnen-Almanach“ sowie das „Deutsche Bühnenjahrbuch“. Fragen zur Festlegung eines institutionellen Chemnitzer Opernchores seit dem Jahr 1862 beantwortete der Leipziger Musikwissenschaftler Stephan Wünsche.

Bisher wurde die personelle und funktionale Entwicklung von Theaterchören kaum erforscht. In Chemnitz gab es schon im frühen 19. Jahrhundert einen nach heutigen Verhältnissen kleinen Chor aus Berufssängern, in dem auch Solo-Darsteller der zweiten und dritten Fächer und begabte Laien aus den regionalen Chören auftraten. Der Berufsstand professioneller Chorsänger entwickelte sich durch den Übergang vom Aktien- zum Stadttheater der Theater Chemnitz 1862 und durch das zeitweise Bestehen eines Operetten- neben dem Opernensemble bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Chorleiter agieren seit Mitte des 19. Jahrhunderts in einem selten präzise definierten Bereich zwischen Spartenleitung und künstlerischen Hilfstätigkeiten. Es erstaunt nicht, dass zu DDR-Zeiten in der Spielzeit 1970/1971 mit 70 Planstellen der höchste Personalstand überhaupt erreicht wurde. Zur letzten Ausweichspielzeit 1990/1991 im Kino Luxorpalast waren es 49, von 59 festen im neugestalteten Opernhaus 1992 blieben in der Spielzeit 2019/2020 nur noch 39 Chorstellen.

Chorleiter agieren seit Mitte des 19. Jahrhunderts in einem selten präzise definierten Bereich zwischen Spartenleitung und künstlerischen Hilfstätigkeiten.

Ensemblezahlen spiegeln nicht nur das personelle und künstlerische Erstarken der Bühnen parallel zum Aufschwung der Textil- und Industriestadt Chemnitz im 19. Jahrhundert, sondern auch steigende musikalische Anforderungen und Erwartungshaltungen des Publikums. Noch in den ersten Jahren des Stadttheaters konnten sich die Direktoren als privatwirtschaftliche Unternehmer mit Alleinverantwortung für die Material- und Personalkosten keinen Chor in angemessener Stärke leisten, so dass 1865 eine „Fidelio“-Vorstellung mit einer Gefangenengruppe von nur neun Personen stattfinden musste. Es war noch ein weiter Weg zu Arthur Zahns Postulat in der „Einladung zur Vormiete Städtische Theater Chemnitz 1930/1931“: „Der heutige Chorsänger muss den Anforderungen eines singenden Darstellers genügen.“ In der DDR galt die Oper der Städtischen Theater Karl-Marx-Stadt unter ihrem Musiktheater-Chefregisseur Carl Riha als ambitioniertes Haus, zu deren überregionalem Ruf auch der Chor zum Beispiel in Harry Kupfers „Nabucco“-Inszenierung (1962) oder den Opern „Peter I.“ von Andrei Pawlowitsch Petrow (1978) und „Moses“ von Zsolt Durkó (1981) beitrug. Zu den berühmtesten Persönlichkeiten der Chorleitung gehörten Leon Jessel, der Komponist der Operette „Schwarzwaldmädel“, um 1900 und William G. Spaulding, in Chemnitz Solorepetitor mit Choreinstudierungsverpflichtung von 1994 bis 1997, heute Chordirektor von Covent Garden London.

„Carmen“ mit Sylvia Rena Ziegler (Carmen), Andreas Beinhauer (Escamillo) sowie Damen und Herren des Opernchores. Foto: Nasser Hashemi

„Carmen“ mit Sylvia Rena Ziegler (Carmen), Andreas Beinhauer (Escamillo) sowie Damen und Herren des Opernchores. Foto: Nasser Hashemi

Stefan Bilz, seit 2015 als Chordirektor im Amt, teilt sich Aufgaben der Einstudierung und Leitung von Opernchor, Extrachor und Kinderchor mit Dovilė Šiupėnytė, Assistentin des Opernchores. Er bringt Barths und Koziels Leistung für die fast fertige Ausstellung mit dem Aufwand eines wissenschaftlichen Forschungsprojektes großen Respekt entgegen und betont dessen Dringlichkeit für die Chemnitzer und überregionale Theatergeschichte. Auf seine alltäglichen Aufgaben hat die Auseinandersetzung mit der Historie jedoch nur untergeordneten Einfluss. Denn diese sind maßgeblich bestimmt durch Proben zu Neuproduktionen, laufendes Repertoire und Konzerte. „Es ist meine Aufgabe, mit den verschiedenen und einander sich oft ergänzenden Einzeltemperamenten der Gruppe ein Ergebnis zu erreichen, das dem Opernchor seine Arbeit in hoher Qualität und zuverlässig auf die Bühne zu bringen ermöglicht. Die damit verbundene sehr gute Zusammenarbeit mit dem Extrachor und insbesondere mit den von der ZAV vermittelten professionellen Chorgästen zeigt im Proben- und Vorstellungsbetrieb mitunter dennoch Grenzen auf.“

Bilz schätzt die engagierte Spielfreude und den sehr transparenten Klang seines Chorensembles, das auch tänzerisch bewegte Szenen in Arila Siegerts „Carmen“-Inszenierung und die Lounge im ewigen Eis der Chemnitzer „Götterdämmerung“ oder die Rummel-Poetik von Retis „Lohengrin“ mit theatraler Energie erfüllt.

Heute sehen sich Musiktheater und Kommunen mit ansatzweise ähnlichen Problemen wie im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert konfrontiert. Deshalb beenden Barth und Koziel ihren Biographien von Chormitgliedern verschiedener Generationen einschließenden Abriss so: „Was sich für die (heutige) Finanzplanung gut anhört, schafft künstlerische Probleme, die Oskar Malata und Richard Jesse 1912 mit ihrer Reform zu einem festangestellten Chor angemessener Größe überwunden zu haben glaubten.“

Roland H. Dippel

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