Zur Startseite


 

 
Zur Startseite von Oper & Tanz
Aktuelles Heft
Archiv & Suche
Stellenmarkt
Oper & Tanz abonnieren
Ihr Kontakt zu Oper und Tanz
Kontakt aufnehmen
Impressum
Datenschutzerklärung

Website der VdO


Kulturpolitik

25 Jahre Ballettakademie in München

Ein Gespräch mit Jan Broeckx und Kirill Melnikov · Von Malve Gradinger

Die Ballettakademie der Hochschule für Musik und Theater München wird in diesem Jahr 25 Jahre alt. Vor 1987 gab es in München zwar auch schon eine staatliche Tanzausbildung, aber lediglich als kleine Unterabteilung der Musikhochschule. Noch in den 1970er-Jahren exis-tierte nur ein winziger Trainingssaal. Unterrichtet wurde von einem leitenden Professor und zwei Lehrkräften. Dank Konstanze Vernon, die mit ihrer 1978 gegründeten Heinz-Bosl-Stiftung finanzielle Mittel bereitstellte, wurde nach und nach ein adäquater Lehrerstab aufgebaut. Und mit dem Einzug 1987 in das ehemalige, nun von Grund auf renovierte Schwabinger Trambahn-Depot – mit fünf Studios – avancierte die „Abteilung Ballett“ der Musikhochschule zum Status der „Ballettakademie“.

Kirill Melnikov Foto: Sascha Kletzsch

Kirill Melnikov Foto: Sascha Kletzsch

Dieses Jubiläum hat der jetzige Ballettakademie-Leiter Jan Broeckx zum Anlass genommen, seine 144 Studenten in einem Gala-Abend im Münchner Prinzregententheater zu präsentieren (s. dazu den Bericht von Stefan Moser, S. 14). Vorab traf Malve Gradinger Broeckx und Kirill Melnikov zum Gespräch. Der ehemalige Kirow-Solist Melnikov, der von 1992 bis 2005 als Erster Solist im Bayerischen Staatsballett alle großen Rollen zwischen (Neo-)Klassik und Moderne tanzte, begann bereits 1998 seine pädagogische Tätigkeit an der Münchner Ballettakademie und ist seit Oktober 2011 Jan Broeckx’ Stellvertreter.

Malve Gradinger: Herr Broeckx, 1978 gründete Konstanze Vernon, damals schon Leiterin der „Abteilung Ballett“ der Musikhochschule, die Heinz-Bosl-Stiftung zur Förderung der Ballettausbildung. Nach Konstanze Vernons erstem Nachfolger Robert North übernahmen Sie 2010 die Leitung der Ballettakademie. Und Sie möchten ab jetzt Ihre Studenten eigenständig weiterführen, das heißt ohne die Unterstützung der Heinz-Bosl-Stiftung. Wie schaffen Sie das?
Jan Broeckx: Nur mit großer Anstrengung. Wir haben ja kein Repertoire, wie es Konstanze Vernon über Jahre aufgebaut hat, auch keinen Kostümfundus. Das wurde damals alles von der Stiftung finanziert. Die Heinz-Bosl-Stiftung und die Ballettakademie waren dadurch im Bewusstsein der Öffentlichkeit identisch. Seit eineinhalb Jahren sind nun beide Institutionen getrennt. Die Mittel der Stiftung kommen jetzt ausschließlich der Junior Company zu, die im Dreierverbund aus Bosl-Stiftung, Staatsballett und Ballettakademie gegründet wurde. Die Junior Company präsentiert sich auch weiterhin unter dem Titel „Ballettmatinee der Heinz-Bosl-Stiftung“ im Münchner Nationaltheater. Schon um uns ein bisschen davon abzusetzen, gehen wir jetzt ins Münchner Prinzregententheater.

Jan Broeckx, Foto: Ida Zenna

Jan Broeckx, Foto: Ida Zenna

Gradinger: Aber das Problem bleibt das Geld...
Broeckx: Wir werden natürlich staatlich unterstützt, aber wir können jeden Euro brauchen. Wir haben deshalb jetzt auch unseren eigenen Förderkreis und hoffen auf Sponsoren, damit wir bedürftigen Studenten Stipendien ermöglichen können.
Kirill Melnikov: Wir beginnen eigentlich bei Null. Das Budget der Hochschule reicht ja nicht. Wir haben jetzt günstig 24 Tutus in Georgien bestellt. Sponsoren haben uns geholfen. Sehr dankbar sind wir der Deutsch-Russischen Ballettstiftung. Sie hat auch die Kostüme für „Sommernachtstraum“ finanziert.

Gradinger: Der „Sommernachtstraum à la Bavarese“ ist ein neues Ballett von Ihnen, Herr Melnikov, eigens entworfen für die Jubiläumsgala. Sie haben ja schon zuvor choreografiert, 2008 „Cenerentola“ in Ingolstadt, dann den Hauptteil des von Ihnen 2010 initiierten ersten kleineren Akademie-Abends unter dem Titel „Nosferatu & Co.“ in der Münchner Reaktorhalle. Gemeinsam mit anderen Akademie-Lehrkräften war das ein erster Anlauf, sich vom Label „Bosl“ zu emanzipieren. Auch diese Jubiläumsgala wird nun choreografisch ausschließlich von den Akademie-Pädagogen bestritten, mit Ausnahme von Petipas „Paquita“ von 1881.
Melnikov: Ja, Prokofieffs „Symphonie Classique“ haben Jan Broeckx und ich gemeinsam choreografiert. Der Nationaltanz ist von Dimitri Katunin Sokolov und das moderne Stück ist von David N. Russo. So können wir in einem bunten Programm zeigen, was die Studenten in einem Jahr in den verschiedenen Disziplinen gelernt haben.

Gradinger: Konstanze Vernon hat größtenteils Gastchoreografen eingeladen. Als sie sich auf die Bosl-Stiftung zurückzog, kam mit ihrem Nachfolger Robert North zugleich ein renommierter Choreograf an die Akademie, der die zunächst noch fortgeschriebenen großen Bosl-Matineen mit neuen oder mit älteren Stücken aus seinem Œuvre versorgte. Jetzt ist die Situation eine ganz andere...
Melnikov: Die Bosl-Stiftung konnte Gastchoreografen bezahlen. Aber wir sind motiviert. Und wenn es sich weiter so entwickelt wie bisher, werden wir in Zukunft im Prinzregententheater, im Carl-Orff-Saal und in der Reaktorhalle Abschlussvorstellungen geben. Ein akutes Problem ist der Probenplan: Alle, die noch zur Schule gehen, kommen erst nachmittags. Manche unserer Vollstudenten bereiten sich in der Abendschule auf das Abitur vor. Da ist es schwierig, alle zur gleichen Zeit zu den Proben in den Ballettsaal zu kriegen. Deshalb brauchen wir möglichst bald ein Tanzgymnasium. Wenn alle in die gleiche Schule gehen, dann planen wir viel leichter. Außerdem bräuchten wir ein Internat für die Kleinen. Manche kommen aus Bad Tölz oder Rosenheim. Durch einen Kooperationsvertrag mit der Bosl-Stiftung haben wir zurzeit zumindest für Vollstudenten 20 Plätze im Bosl-Studentenwohnheim. Aber das reicht nicht.
Broeckx: Bis jetzt haben wir wenigstens schon erreicht, dass die Kinder nach der Schule nicht erst nach Hause müssen. Vor ihrem Ballettunterricht bekommen sie hier ein Essen und auch Hausaufgabenbetreuung. Aber Berlin, Stuttgart und Dresden haben längst ihr Tanzgymnasium und Internat. Immerhin haben wir ein Bachelor-Programm eingerichtet, das den Studenten eine breitere Ausbildung bietet.
Melnikov: Der Bachelor bedeutet zusätzliche theoretische Fächer, Tanzgeschichte, Musikgeschichte, Tanzmedizin. Dafür sind weitere Räume nötig. Unsere fünf Ballettsäle reichen ja schon nicht mehr für all unsere Trainingsklassen. Wir haben viele Anfragen, viele Bewerber, nicht nur aus Deutschland.
In Stuttgart wird die Tanzausbildung von Stadt und Land unterstützt. Wenn dort ein Jubiläum gefeiert wird, sieht man den Bürgermeister, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Sponsoren auf der Bühne. Leider ist das in Bayern nicht der Fall. Ich glaube, hier konzentriert sich alles auf die Oper. Und das ist schade.

Malve Gradinger

startseite aktuelle ausgabe archiv/suche abo-service kontakt zurück top

© by Oper & Tanz 2000 ff. webgestaltung: ConBrio Verlagsgesellschaft & Martin Hufner