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Kulturpolitik

Lebendiges Chorbiotop

Chor@Berlin setzt neue Impulse für die Chorlandschaft · Von Arne Reul

In der deutschen Chorszene herrscht Aufbruchstimmung. Immer mehr Menschen haben Interesse daran, Kultur nicht nur zu konsumieren, sondern auch einen eigenen Beitrag an ihrem Zustandekommen zu leisten. Kaum ein Bereich bietet ihnen hierfür so gute Möglichkeiten und Zugänge wie das Singen in einem Chor. In Berlin gibt es dafür besonders gute Voraussetzungen, denn bei etwa 60.000 Aktiven, die in der Hauptstadt in Chören singen, kann jeder den Chor finden, der den eigenen musikalischen Interessen und Fähigkeiten entspricht. Insbesondere der Deutsche Chorverband setzt sich als großer Förderer für das Chorsingen ein. Unter seinem Präsidenten Henning Scherf (siehe Interview S. 9) hat der Verband eine ganze Reihe von Initiativen etabliert, die in den kommenden Jahren das gewachsene Renommee für das Singen weiter verstärken. So wurde 2008 in Bremen das Deutsche Chorfest ins Leben gerufen, das alle vier Jahre stattfindet. In diesem Jahr wird es im Juni in Frankfurt veranstaltet. Hunderte von Chören aus ganz Deutschland verwandeln eine ganze Stadt zur Konzertbühne und treten in einen spielerischen und kreativen Wettbewerb. Neu initiiert wurde 2011 auch die chor.com. Hier werden sich zukünftig alle zwei Jahre Chorleiter, ambitionierte Laiensänger, Chorenthusiasten und Verlage zu einer Art Fachkongress begegnen, der alles zugleich ist: Messe, Workshop-Veranstalter, Symposium und Konzertfestival. Und schließlich wurde 2011 mit Chor@Berlin ein alljährlich im Februar stattfindendes Vokalfest gegründet, das ausdrücklich auch andere Städte motivieren soll, Chorfestivals mit ähnlicher Konzeption zu initiieren.

Netzwerk des Chorsingens

Höhepunkt des Festivals: Schaukelnde Solistin initten des Chors und des Publikums beim
„Human Requiem“ im Berliner Radialsystem. Foto: Matthias Heyde

Wie lässt sich das so vielfältige und lebendige Chorbiotop von Berlin so zusammenbringen, dass die unterschiedlichen Chöre mehr übereinander erfahren und in einen produktiven Austausch treten? Vielleicht, so die Überlegung von Folkert Uhde, künstlerischer Leiter des Veranstaltungsortes Radialsystem V, und Moritz Puschke, Geschäftsführer des Deutschen Chorverbandes, indem man ein Festival ins Leben ruft, das ein so breites Angebot bietet, dass sich Chorakteure jeglicher Couleur angesprochen fühlen. Früher war das Radialsystem ein direkt an der Spree gelegenes Pumpwerk, heute zählt es mit seinen ausgeklügelten An- und Umbauten zu den schillerndsten Veranstaltungsorten Berlins – mit gründerzeitlichem Charme und modernem Ambiente. Die berühmte Choreografin Sasha Waltz hat mit ihrer Tanz-Compagnie hier ihre Heimstätte gefunden, gleichzeitig ist das Radialsystem ein gefragter Ort für Ensembles und Gruppen, die neue und unkonventionelle Ideen verwirklichen wollen. Dass auch Chor@Berlin an diesem Ort stattfindet, beweist die Attraktivität, die das Singen im Chor nach Jahrzehnten des Winterschlafs erlangt hat.

Chormusik in vielen Genres

Eine Besonderheit von Chor@Berlin sind die vielfältigen Veranstaltungen, die sich zugleich gegenseitig befruchten sollen. Der Großteil der Interessierten kommt jedes Jahr zu den herausragenden Konzerten. Hier singen international angesehene Profichöre und ambitionierte Laienchöre, Jazzchöre oder herausragende Kinder- und Jugendchöre. Die sicherlich lebendigste Veranstaltung ist dabei die „Nacht der Berliner Chöre“, in der genau diese Mischung in dichter Abfolge zu erleben ist. Jeweils 2 Chöre bieten hintereinander ein zirka 20-minütiges Programm. Bevor es dann weitergeht, sorgen Pausen für gesellige und kulinarische Abwechslung. Sänger wie Publikum können über die Konzerte diskutieren, es werden Adressen ausgetauscht und Pläne für mögliche gemeinsame Projekte geschmiedet. Die „Nacht der Berliner Chöre“ bietet eine besondere Kostprobe des hohen Niveaus von Laienchören in der Hauptstadt. In diesem Jahr sang gegen Mitternacht als letztes Ensemble der Deutsche JugendKammerChor (DJKC). Der DJKC trifft sich für Proben und Projekte an jeweils unterschiedlichen Orten in Deutschland, diesmal in Berlin. Vor knapp zwei Jahren wurde dieser Chor als Auswahlensemble der Deutschen Chorjugend neu aufgestellt, er will unter seinem Leiter Robert Göstl Vorbild für andere Jugendchöre sein. Das Engagement des Chors passt gut zum Konzept von Chor@Berlin, denn Göstl und sein Ensemble möchten durch verschiedene Initiativen für das Singen begeistern. Eines der Projekte findet derzeit an Schulen statt. Wenn Kinder – so die Erfahrung Göstls – in Grundschulen erleben, mit welchem Enthusiasmus die Sängerinnen und Sänger des JugendKammerChors Musik machen, dann findet automatisch der Wunsch nach Identifikation und Nachahmung statt. Im Rahmen von Chor@Berlin bot der DJKC einen Intensivkurs für Chordirigenten an. Die acht Teilnehmer, die ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten, hatten die Möglichkeit, unter der Leitung von Robert Göstl ein Programm mit dem Chor zu erarbeiten, das von der Renaissance bis in die Moderne reichte und auch originelle Poparrangements einschloss. Höhepunkt war ein gesondertes Abschlusskonzert der Absolventen, das von den Besuchern begeistert aufgenommen wurde.

Singen ein Leben lang

„Es geht darum, den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Stimme zu entwickeln. Sie können lernen, sich durch Musik auszudrücken.“ So beschreibt Markus Lüdke, einer der Initiatoren von „Die Carusos“, die Ziele dieses ehrgeizigen musikpädagogischen Projekts. Lüdke leitete bei Chor@Berlin ein Seminar für zukünftige Fachberater, die an Kindergärten und Grundschulen Erzieher und Lehrer dazu anleiten sollen, die Jüngsten kindergerecht zum Singen zu bringen. Gerade in Berlin steht man dabei vor besonderen Herausforderungen, denn in den meisten Stadtteilen kommen die Kinder aus Familien mit unterschiedlicher nationaler und kultureller Herkunft. Das Seminar wurde übrigens für das erwähnte Abschlusskonzert des Dirigierkurses extra unterbrochen. Die jeweiligen Veranstaltungen sollten eben kein abgeschlossenes Eigenleben führen, sondern man wollte, so weit als möglich, Anregungen aus der Arbeit anderer Teilnehmer mitnehmen. Um den direkten Austausch weiter zu intensivieren, wurde, wie schon im letzten Jahr, ein „Runder Tisch“ initiiert. Hier trafen sich am Samstagvormittag Chorsänger, Dirigenten, Veranstalter und Musikinteressierte, um diverse Fragen zu erörtern: Welche Orte lassen sich für Konzerte nutzen? Wie sehen erfolgreiche Konzertprogramme aus? Über welche Kanäle kann man Veranstaltungen besser bewerben? Wie könnte man sich untereinander besser vernetzen und gemeinsame Konzertprojekte planen?

Anregungen durch Meistersinger

Zum Konzept von Chor@Berlin gehört es, auch durch Konzerte von herausragenden Ensembles Impulse zu setzen. Das Alsfelder Vokalensemble machte zusammen mit Solisten des renommierten Gesualdo Consorts Amsterdam auf einige der „apokryphen Bach-Werke“ aufmerksam, Werke also, die im Umfeld von Johann Sebastian Bach entstanden sind, ihm aber nicht eindeutig zugeordnet werden können. Wolfgang Helbich, Leiter des Alsfelder Vokalensembles, hat viele dieser Chorstücke und Kantaten erstmalig wieder aufgeführt und gezeigt, welche herausragende Qualität diese Musik hat. Langsam wächst nun auch bei anderen Chören das Interesse für diese Stücke.

Estonian Philharmonic Chamber Choir im Konzert. Foto: Alexander Zuckrow

Ein ganz anderes Signal setzte der Estonian Philharmonic Chamber Choir, der auf dem Gebiet des osteuropäischen Repertoires zu den besten Chören der Welt gehört. Im Rahmen von Chor@Berlin präsentierte sich der Chor mit Stücken estnischer Komponisten wie Arvo Pärt, Veljo Tormis, Mart Saar und Cyrillus Kreek. Insbesondere die beiden erstgenannten Komponisten setzen sich zunehmend im Repertoire hiesiger Chöre durch. Die 26 Sängerinnen und Sänger aus Estland machten vor, wie diese Musik am besten gesungen werden kann, welche musikalischen Schattierungen sich schon allein durch das Singen in der estnischen Originalsprache erzeugen lassen und welche Klangfülle und Emotionalität ein Kammerchor aus nur 26 Mitgliedern erzeugen kann.

Wie innovativ Chorsingen sein kann, bewies schließlich der Rundfunkchor Berlin unter der Leitung von Simon Halsey im Abschlusskonzert von Chor@Berlin. Mit dem Projekt „Broadening the Scope of Choral Music“, versucht das Ensemble schon seit längerem, Chorgesang neu umzusetzen und zu entdecken. Auf diese Weise begeistert man auch ein Publikum, das bisher Chormusik als altbacken abgestempelt hat. Diesmal präsentierte der Rundfunkchor das Deutsche Requiem von Johannes Brahms, in der Fassung mit zwei Klavieren unter der Überschrift „Human Requiem“. Das Werk gehört natürlich längst zum Repertoire etlicher Chöre, doch in einer szenischen Aufführung hat man es sicherlich noch nie erlebt. Das Publikum versammelte sich in der großen Halle des Radialsystems, deren Bestuhlung weitgehend entfernt wurde. Schon allein der Raum dieser gründerzeitlichen Industriehalle entfaltete jetzt eine ungeahnte Wirkung. Aber noch bis kurz vor Beginn fragte man sich, wo denn Chor und Dirigent ihren Platz finden würden. Und selbst nachdem von den Klavieren die ersten Takte des Requiems bereits angespielt wurden, blickten sich die meisten Besucher vergeblich nach den Sängern um. Als dann der Chor mit dem „Selig sind, die da Leid tragen“ einsetzte, wurde auf einmal klar, dass die Sängerinnen und Sänger des Rundfunkchors unmittelbar im Publikum standen. Was für eine Wirkung, die fantastischen Vokalisten des Rundfunkchors mit ihren einzelnen Stimmen so unmittelbar zu erleben! Die Inszenierung von Jochen Sandig sorgte zugleich dafür, dass sowohl die Sänger als auch das Publikum sich während der Aufführung in der Halle bewegten. So wechselten permanent die akustischen wie auch die optischen Eindrücke, denn auf dezente Weise wurde der große Raum immer wieder neu illuminiert. Und auch wenn die Sängerinnen und Sänger – am Ende sogar unter szenischer Mitwirkung von Kindern – einige einfache, dennoch berührende Regieeinfälle umsetzten, bestand doch die große Wirkung dieser Aufführung darin, dass sich Musiker wie Publikum im Kontext der existentiellen Themen, die Brahms künstlerisch so ergreifend verarbeitet hat, wortwörtlich von Angesicht zu Angesicht begegneten. Was blieb, war die Idee, dass der singende Mensch als mein unmittelbares Gegenüber einen Widerhall der eigenen Empfindungen schenken kann.

Kopieren erlaubt

Beim Festival Chor@Berlin wurden die Teilnehmer und Besucher auf fast allen Ebenen für Chormusik begeistert. Ein erfolgreiches Eigenleben hat übrigens der im vergangenen Jahr in diesem Rahmen zu Stande gekommene „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ von Michael Betzner-Brandt entwickelt. Der Chor trifft sich inzwischen mehrmals im Jahr und eröffnet allen, die schon immer singen wollten, es sich aber nie richtig trauten, Zugänge zum eigenen und gemeinschaftlichen Singen. Es ist der ausdrückliche Wunsch der Veranstalter, dass die Konzeption von Chor@Berlin auch in vielen anderen Städten und Regionen aufgegriffen und kopiert wird.

Arne Reul

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