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Kulturpolitik

Neustart in Leipzig

Ulf Schirmer und seine Pläne als Intendant · Von Midou Grossmann

Ulf Schirmer wird ab der Spielzeit 2011/2012 als Künstlerischer Intendant für das Opernhaus Leipzig verantwortlich sein, zudem agiert er als Generalmusikdirektor, das allerdings schon seit 2009. Warum er sich diese Doppelfunktion zumutet, begründet er wie folgt: „Musiktheater ist etwas Besonderes, es kann einen seelischen Erlebnisraum bieten, der durch nichts anderes zu ersetzen ist, weil hier die Emotionen ungefiltert direkt das Innerste der Menschen berühren können. Ich möchte Erzählformen präsentieren, die viele Menschen ansprechen. Allerdings sollte dies nicht belehrend sein und keine Schwellenängste hervorrufen. Oper bedeutet für mich eine künstlerisch-seelische Erweiterung des Daseins. Ich denke, dass diese Kriterien letztendlich die Existenzberechtigung des Musiktheaters rechtfertigen, denn diese Kunstform ist eigentlich ein Luxus, da extrem personalintensiv, allein schon wegen des Orchesters; das aber ist nun einmal der Motor einer jeden Aufführung. Immer noch gilt ein Opernbesuch für manche Menschen als elitäres Vergnügen, das gilt es zu ändern. Ich möchte zuallererst aus der Oper Leipzig wieder einen Musiktreffpunkt für viele Bürger dieser Stadt machen.“

Übergangszeiten

 
Ulf Schirmer. Foto: Andreas H. Birkigt
 

Ulf Schirmer. Foto: Andreas H. Birkigt

 

Das Angebot, als GMD auch den Intendantenposten zu übernehmen, kam für Schirmer wohl doch etwas überraschend. Alexander von Maravic, Kommissarischer Intendant und Geschäftsführender Direktor seit dem plötzlichen Weggang von Henri Maier im Jahr 2007, bot der Stadt seinen Rücktritt an. Dies sicherlich auch als Reaktion auf die extremen Kürzungen sowie den permanenten Rückgang der Besucherzahlen; die aktuelle Auslastung beträgt sechzig Prozent. Glauben wir also, dass der Wechsel im gegenseitigen Einverständnis stattgefunden hat. Im Leipziger Opern-Magazin bedankt sich Schirmer bei Maravic für eine überaus harmonische Zusammenarbeit, die durch einen hohen Grad an Menschlichkeit und ein starkes Engagement für die Menschen, die im Hause arbeiten, sowie von der Liebe zum Theater geprägt worden sei. Am 23. Mai präsentierten Schirmer und sein Team die neue Spielzeit, die für ihn allerdings eine Übergangsspielzeit ist. Hier konnte er noch nicht so prägend eingreifen wie gewünscht. Vorrangiges Ziel ist es, wieder ein Repertoire aufzubauen. Das Stagione-System hat in Leipzig versagt. Kürzungen von 900.000 Euro muss das Haus nun verkraften, die Mittel betragen momentan knapp 41 Millionen Euro, in der nächsten Spielzeit steht eine erneute Kürzung von 450.000 Euro ins Haus. Die Einnahmen von Oper, Ballett sowie der Musikalischen Komödie dagegen belaufen sich auf nur knapp zehn Prozent des Etats.

Hanseatisch zurückhaltend präsentierte der Bremer Ulf Schirmer seine Pläne für das Haus am Tag der Pressekonferenz. Das Maravic-Team bleibt vorerst im Amt, wenngleich auch Kürzungen im Personalbereich stattfinden werden. Kündigungen sind aber nicht vorgesehen, einige freiwerdende Stellen sollen erst einmal nicht besetzt werden. Schirmer will zudem versuchen, die Verwaltungsstrukturen zu festigen und zu straffen. Schon als GMD hat er sich mit den Gegebenheiten des Hauses intensiv auseinandergesetzt und kann nun Änderungen ohne lange Anlaufzeit einleiten. Gleichzeitig denkt er daran, auch die internen Finanzstrukturen flexibler zu gestalten, weil im Haus momentan vieles zu festgezurrt sei. Außerdem setzt er auf eine intensive Teamarbeit, auf Kommunikation nach innen sowie nach außen. Schirmer bezeichnet seine Stimmung als verhalten positiv und gibt sich eine Anlaufzeit von drei Jahren, um das Publikumsvertrauen zu gewinnen. Eine profunde Selbstanalyse nach dieser Zeit sei bereits angedacht.

Pluspunkte: Chor und Orchester

 
Ulf Schirmer dirigiert „Das Rheingold“. Foto: Andreas H. Birkigt
 

Ulf Schirmer dirigiert „Das Rheingold“. Foto: Andreas H. Birkigt

 

Als wichtige Pluspunkte auf der Habenseite bezeichnet er das hervorragende Gewandhausorchester, den famosen Chor sowie ein engagiertes technisches Team. Im Repertoire sieht er langfristig als eine Art Rückgrat die Opern von Richard Wagner und Richard Strauss, ergänzt von den Werken Verdis, Puccinis und Mozarts. Zeitgenössische Werke sowie Raritäten sollen etwa fünfzehn Prozent des Spielplans ausmachen. Der konzertante Wagner-Ring wird im November 2011 mit „Siegfried“ vorzeitig beendet, eine szenische Ring-Inszenierung ist mit der geplanten „Rheingold“-Premiere am 4. Mai 2013 schon fast in trockenen Tüchern. Das Inszenierungsteam wurde noch nicht genannt, bekannt ist allerdings, dass Peter Konwitschny nicht dabei sein wird. Dessen Vertrag läuft noch bis 2014, und er wird mit drei Inszenierungen, von aktuell circa sieben Premieren, pro Spielzeit vertreten sein. In der kommenden Spielzeit sind dies „Macbeth“ (Koproduktion mit Tokio), „Iphigenie auf Tauris“ und das „Bach-Projekt IV“ im Kellertheater. Auch die Musikalische Komödie, die mit einem eigenen Orchester die Finanzplanung stark belastet, ist weiterhin gut platziert, fünf Premieren sind für die neue Spielzeit geplant. Unvorhergesehene Kosten werden schwer finanzierbar sein, denn das Haus agiert finanziell permanent über dem Abgrund.

Das Ballett ist ein Pfund

 
Neuer Glanz für die Oper Leipzig? Foto: Andreas Schmidt
 

Neuer Glanz für die Oper Leipzig? Foto: Andreas Schmidt

 

Im Herbst wird der neue Intendant eine Befragung der Bevölkerung starten, er möchte ganz genau wissen, wo sein Haus im Bürgerbewusstsein verankert ist. Des Weiteren plant er, einen Dachverband für die Jugendarbeit aller Institutionen in Leipzig zu gründen, um die Energien noch effizienter zu bündeln. Auch das Tanztheater hat bei ihm einen wichtigen Stellenwert: „Das Ballett ist ein Pfund, mit dem die Oper wuchern muss. Es genießt höchste Akzeptanz und bietet fantasievollste Choreografien. Von daher habe ich mich entschlossen, in den nächsten Jahren mindestens eine Ballettpremiere pro Spielzeit zu dirigieren, um meine Verbundenheit mit den Tänzern zum Ausdruck zu bringen.“ Unter dem Motto „Leipzig tanzt“ soll im Herbst die ganze Stadt zum Tanzen gebracht werden. Gastspiele in Kolumbien, Brasilien und Ludwigsburg wurden von Ballettdirektor Mario Schröder angekündigt, ebenso vier große Premieren: „Cinderella“ (Prokofjew), „Intershop/Leipzig“, „Mörderballaden“ (nach Nick Cave), „Herzbrennen“ (Bartók, Rachmaninow, Orff). Zudem wird Schirmer wieder ein Chorkonzert leiten, schon lange setzt er sich für eine spezialisierte Ausbildung zum Chorsänger ein: „Der Beruf des Chorsängers ist ein anspruchsvoller und ein eigenes Berufsbild. Und genauso sollte er gelehrt werden.“ Mit Alessandro Zuppardo hat das Haus wieder einen hervorragenden Chordirektor verpflichtet, der schon an der Oper Frankfurt großes Können und ein hervorragendes Klangverständnis gezeigt hat.

Vielseitige Erfahrungen

Mit Ulf Schirmer hat die wichtige Musikstadt Leipzig einen außergewöhnlichen Musiker sowie einen enorm kreativ denkenden Kopf gewonnen, der schon immer Verantwortung gesucht hat. So war der heute 52-Jährige in jungen Jahren, an der Seite von Ioan Hollaender und Eberhard Wächter, Musikalischer Berater an der Wiener Staatsoper, erstmals im Graben stand er dort mit 22 Jahren. Auch die Bregenzer Festspiele prägte er musikalisch seit 1989, nachdem der legendäre Intendant Alfred Wopmann ihn als jungen Dirigenten in Wien entdeckt hatte. In diesem Sommer dirigiert Schirmer am Bodensee mit „André Chénier“ seine achte große Opernproduktion. Auch die erfolgreiche Arbeit mit dem Münchner Rundfunkorchester hat bewiesen, dass er die Zeichen der Zeit versteht, gleichzeitig die elementaren Aufgaben der Musik ernst nimmt und vehement verteidigt und sich nicht von einer schnelllebigen Eventprofilierung beeindrucken oder gar verführen lässt. Die Voraussetzungen für die Oper Leipzig sind also nicht ganz hoffnungslos, falls nicht weitere Etat-Kürzungen zum Alltag werden. Zudem hat Riccardo Chailly jetzt wieder Interesse an einem Operndirigat bekundet, das für die Saison 2013/2014 angedacht wurde. Eine behutsame internationale Profilierung würde dem Haus gut bekommen, denn es gibt nicht viele Opernhäuser, die einen solch wunderbaren Klangkörper wie das Gewandhausorchester im Graben sitzen haben. Für die aktuelle Krisenzeit ist die Stadt musikalisch momentan sehr gut bestückt, hoffen wir, dass man dies in Leipzig auch zu schätzen lernt.

Midou Grossmann

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