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Kulturpolitik

Quo vadis Halle?

Zum Opernstreit in Halle an der Saale

Gesetze wurden eingehalten. Mutmaßlich jedenfalls. Ebenso die Satzung der Theater Oper und Orchester GmbH (TOOH). Verletzt ist bisher auch niemand – zumindest rein körperlich. Und doch gibt es seit dem 22. Februar einen imaginären, rauchenden Trümmerberg. Nicht etwa, weil die Premiere von „Ariadne auf Naxos“ im Opernhaus schief gegangen wäre. Ganz im Gegenteil. Sie war ein voller Erfolg.

Es ging eher um das Vorspiel der besonderen Art, das vorher im Rathaus stattfand. In der Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalts hat die Aufsichtsratsmehrheit des eigentümlichen Dachkonstrukts der wichtigsten Kulturinstitutionen in Halle, dem der parteilose Oberbürgermeister Bernd Wiegand vorsteht, in einer Kampfabstimmung beschlossen, den Vertrag mit Opernintendant Florian Lutz (40) nicht über 2021 hinaus für eine zweite Intendanz zu verlängern. Für die einen ein Grund zum Jubel, für die meisten anderen aber ist das ein Schock. 

Ein voller Erfolg auf der Bühne: „Ariadne auf Naxos“ in der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich, hier mit Ali Aykar als Haushofmeister, Svitlana Slyvia als Komponist und der Statisterie. Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Ein voller Erfolg auf der Bühne: „Ariadne auf Naxos“ in der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich, hier mit Ali Aykar als Haushofmeister, Svitlana Slyvia als Komponist und der Statisterie. Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Florian Lutz wurde 2016 nach Halle geholt, um aus einem eher durchschnittlichen Haus mit meist durchgewunkenen Produktionen ein emotionales Kraftzentrum für die Stadt zu machen, also einen Aufbruch zu wagen. Als Regisseur steht der 40-Jährige genau für den ästhetischen Paradigmenwechsel, ohne den so etwas nicht zu haben ist. Widerstände gegen das Neue inklusive.

Bereits nach zweieinhalb Spielzeiten kann man sagen: Er hat genau das geliefert, wofür er geholt wurde. Mit seinen eigenen Raumbühneninszenierungen, mit Gästen wie Jochen Biganzoli und Tatjana Gürbaca (sowie demnächst Peter Konwitschny), mit Experimenten und einer offensiven Kommunikation in die Stadt hinein. Samt Vernetzung mit anderen Kulturinstitutionen, die es so bisher nicht gab. Das Feuilleton ist sich da nahezu einig. Und ein wachsender Teil des Publikums findet das auch. Andere nicht. Aber das ist normal. 

Das Problem waren und sind weniger Widerstände, die dazugehören. Es ist nicht mal die Konstruktion der GmbH, die dem Geschäftsführer die Entscheidungsbefugnis eines faktischen Generalintendanten zubilligt (so der Chef des Deutschen Bühnenvereins Ulrich Khuon bei einer Podiumsdiskussion in der Oper). Es liegt in der Berufung von Stefan Rosinski auf diesen Posten. Der Kulturmanager, der sich in seinen Engagements an der Volksbühne und bei der Opernstiftung in Berlin oder auch in Rostock einen geradezu legendären Ruf erwarb, arbeitet in Halle mit all seinen Mitteln so vehement gegen die Künstlerische Leitung der Oper, dass es mehrere Misstrauens-Erklärungen von drei der vier Spartenchefs gegen den Geschäftsführer an den neunköpfigen Aufsichtsrat gab. Doch der versuchte, das lange Zeit einfach auszusitzen.

Florian Lutz. Foto: Anna Kolata

Florian Lutz. Foto: Anna Kolata

Das Zerwürfnis begann bereits in der ersten Spielzeit öffentlich zu werden, als ein merkwürdig manipulierendes „internes“ Zahlenwerk des Geschäftsführers seinen Weg in die Lokalpresse fand. Diese gezielt platzierte „fake news“, die eine kurz bevorstehende Pleite suggerieren sollte, entfaltete nachhaltige Wirkung in den Leserbriefspalten. Einmal in der Welt, hilft auch das Vorrechnen der realen, weit weniger aufregenden Zahlen nichts. Jeder, der jetzt etwas gegen die Ästhetik und ihre gesellschaftliche Relevanz hatte, berief sich fortan auf diese „Zahlen“. Während sich der Intendant offen und öffentlich der Diskussion stellte, blieb der Geschäftsführer in dieser Debatte stets betont unsichtbar. Er konzentrierte sich lieber auf‘s Netzwerken im Hintergrund. So erfuhr der mit der Opernleitung an einem Strang ziehende GMD Josep Caballé-Domenech von seiner Nichtverlängerung – desavouierend vorfristig – aus der Zeitung. Während seine jetzt gerade (mit Zustimmung von Lutz!) engagierte Nachfolgerin Ariane Matiakh in einem Brief dem Aufsichtsrat die Nichtverlängerung von Lutz empfahl….

Also alles ein Exempel für die sprichwörtliche Schlangengrube Theater? Oder ein Ringen um die Deutungshoheit in einem Genre für eine Stadt? Kampf um persönliche Macht? Beobachter vor Ort kommen zu dem Ergebnis, dass hier offensichtlich jemand selbst Generalintendant werden will. Davor warnt jedenfalls die Opernleitung in ihrer Stellungnahme zur Nichtverlängerung. 

Stefan Rosinski. Foto: Falk Wenzel

Stefan Rosinski. Foto: Falk Wenzel

Im Aufsichtsrat nutzen vor allem die Vertreter der Parteien ihre Chance, dem parteilosen OB, der sich wie die Grünen an die Seite des Intendanten gestellt hat, eins auszuwischen. Einige (wie der SPD-Vertreter) machen ganz offen ihren Geschmack zur Grundlage für Richtungsentscheidungen. Sie bekunden obendrein ihre Verärgerung, wenn öffentlich und nicht nur hinter verschlossenen Türen diskutiert wird. Dabei wird dann gleich das nahezu komplette Votum der Fachkritik für die neue Ästhetik und der Theater-Preis „FAUST“ für die Raumbühne Heterotopia nach dem Motto „man weiß ja, wie so was zustande kommt“ – verschwörungstheoretisch – vom Tisch gefegt.

Der Kleinmut dieser politischen Entscheidungsträger (von CDU, SPD und Linken), Vorbehalte bei einem Teil des Publikums und des Orchesters gegenüber Ungewohntem, nicht zuletzt aber der persönliche Ehrgeiz eines Geschäftsführers mit der Durchsetzungskraft und dem kühl kalkulierenden Furor eines Shakespeare-Helden haben der Stadt Halle vorerst jedenfalls die Chance verbaut, einen vielversprechenden Aufbruch in der Oper zu einem nachhaltigen Erfolg zu machen.

Joachim Lange

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