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Berichte

Abenteuer Oper

„Pollicino“-Projekt in Hamburg

Umarmen? Ein Mädchen? Und dann noch vor seinen sechs Bühnen-Brüdern? Nein, niemals. Luciano schüttelt nur entsetzt den Kopf. Und Christoph von Bernuth hat ein ernsthaftes Problem: Wie kann der Regisseur seinen 12-jährigen Hauptdarsteller von dieser Idee überzeugen? Dass er als Pollicino am Ende von Hans Werner Henzes gleichnamiger Kinderoper die gleichaltrige Clotilde, eine der sieben Töchter des Menschenfressers Fürchterlich, liebevoll in seine Arme schließt – als Zeichen der Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft nach all dem Leid und Elend zuvor?

Am Ende hat sich von Bernuth mit seiner Inszenierungsidee durchgesetzt. Pardon, natürlich nicht durchgesetzt, sondern alle davon überzeugt. Eines hat der 33-jährige Regie-Debütant, nach den fünf Probemonaten gelernt: „Kinder fragen immer wieder nach dem ‚Warum?‘ Also muss man immer wieder die eigenen Regie-Beweggründe erklären – eine gute Schule, da man so nicht in die Versuchung gerät, etwas nur aus Effektheischerei zu machen.“

 
 

Fantasievolle Choreografien: Kinderdarsteller als sprechende Tiere. Foto: Staatsoper Hamburg

 

Sicher ist auch dieses Einfühlungsvermögen in die kindliche Gedankenwelt Grund dafür gewesen, dass bei den 40 Kinder-Darstellern nur begeisterte Worte über den chronisch freundlichen von Bernuth zu hören sind. Zumal der Applaus, den die Youngsters in den acht Vorstellungen einheimsten, gewaltig war. Und auch Staatsopern-Intendant Louwrens Langevoort, der den Kölner Bewegungstheater-Absolventen schon aus seiner Zeit am Rhein kannte und nun als Spielleiter in die Elbmetropole nachgeholt hat, schwärmt: „Ich habe mit Christoph von Bernuth einfach großes Glück gehabt, weil er die Sprache der Kinder gesprochen hat.“

Und das ist schließlich eines der Hauptziele von Langevoorts jüngster Hamburger Projekt-Reihe, die den ambitionierten Titel „Opera piccola“ trägt und mit den Aufführungen von Henzes Kinderoper „Pollicino“ eine gelungene Premiere feiern konnte. Sein Ziel: „Opern mit Kindern zu machen und damit Stücke im Spielplan zu haben, die auch Kinder sehen können.“ Dass letztere dafür nun nicht auf den roten Plüsch-Sesseln Platz genommen haben, sondern in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, ist für den Holländer mehr als ein Kompromiss aus der eigenen Bühnen-Not: „Mit solch einem Projekt und diesen Stimmen können wir natürlich nicht die 1.700 Plätze der Staatsoper besingen. Kampnagel finde ich als Spielstätte wunderschön.“

Treffend auch noch aus einem anderen Grund, wie sich im Laufe der Proben herausstellen sollte. In der Inszenierung leben Pollicino und seine Brüder zusammengepfercht in einem kargen Wohnwagen – wer das Kampnagel-Gelände durch die Hintertür verlässt, stößt dort auf eben solche Camping-Anhänger. „Hier wohnen jene Menschen vom Rande der Gesellschaft – für die Kinder eine Form der Aktualität, die ihnen den Zugang zum ungewöhnlichen Bühnenheim erleichtert hat“, sagt von Bernuth. Ob die Hamburger Kinder das auch schon so gesehen haben? Für sie lag das Abenteuer der Inszenierung vor allem im Neuen. In jeder neuen Szene, in den neuen Kostümen, in der neuen gewöhnungsbedürftigen Musik („ziemlich schrecklich“) oder der Erkundung des Abenteuerspielplatzes, der da Bühne hieß. Begeisterung zu wecken war nicht nötig – aber umso mehr diese zu bewahren und Gefühle zu verdeutlichen: „Christoph, warum müssen wir denn alle zusammenzucken, wo doch nur einer von uns vom Vater geschlagen wird?“

Am Ende ist dann alles gut geworden. Ja, sogar auf professionellem Niveau: Wenn im Wald die sprechenden Tiere aufmarschieren, sind dies keine Ansammlungen von Menschen, sondern fantasievolle Choreografien. Ansonsten führte hier vor allem Cornelius Meister souverän das Regiment – genauer gesagt: den Taktstab. Der 21-jährige Dirigent traf die parodistischen Elemente der nur behutsam avantgardistischen Musik ebenso wie die Marschrhythmen, die an Weill und Eisler erinnern. Bravourös meisterten die jungen Sänger ihre komplexen Partien, ihre kaum älteren Orchester-Kollegen standen ihnen am Orffschen Instrumentarium in puncto Klangfarben und Souveränität nicht nach. Allein die fünf Erwachsenen-Rollen wurden auch von erwachsenen Sängern übernommen, im Orchester saßen mit der Solo-Geigerin und dem Pianisten lediglich zwei Profi-Musiker, und an den farbenprächtigen Tier- und Pflanzen-Dekorationen hatten Jugendliche des Gymnasiums Buckhorn mitgewerkelt. „Und das lässt sich noch ausbauen“, meint Langevoort, „das gesamte Bühnenbild kann in Schulen erstellt und auch die Kostümgestaltung noch mehr mit den Kindern entwickelt werden.“ Große Pläne, doch bei dem Hamburger Opernlenker haben diese bereits Hand und Fuß. Und – dank eines vierjährigen Sponsoren-Engagements durch die Mercedes-Benz-Niederlassung – Substanz. So wird es in den kommenden Jahren erneut eine „Opera piccola“ geben. Denn letztlich, davon ist der Opern-Chef überzeugt, liege in solch aktiver Teilnahme auch ein Stück Zukunft. „Das Mitmachen ist ein noch viel größeres Stimulans, um später vielleicht auch einmal als konsumtiver Besucher in die Oper zu gehen.“

Christoph Forsthoff

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