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Aktuelle Ausgabe

Editorial von Gerrit Wedel
Theater-Glück mit Luft nach oben

Kulturpolitik

Brennpunkte
Zur Situation deutscher Theater und Orchester

Auf ein Wort mit...
Nanine Linning, Künstlerische Leiterin und Chefchoreografin der Dance Company Nanine Linning / Theater Heidelberg

Musik kann Leben retten
Der Coro Papageno im italienischen Dozza-Gefängnis

Portrait

Bewegte Geschichte
200 Jahre Dresdner Opernchor

Fehlende Wertschätzung
Falk Joost, VdO-Ortsdelegierter im Sächsischen Staatsopernchor, im Gespräch mit Michael Ernst

Hauptsache Show
Simone Kermes im Gespräch mit Christoph Forsthoff

Explosion des Rhythmischen
Der Tanz und das Kino – Sonderausstellung im Filmmuseum Potsdam

Technologischer Riesensprung
Der Theater-Website-Check: Theater Erfurt

Berichte

Ein großer Wurf
Othmar Schoecks begeisternde »Penthesilea« unter neuer musikalischer Leitung in Bonn

Eine vertane Chance
»Les Troyens“ von Hector Berlioz am Staatstheater Nürnberg

Eine Menge krasser Fieslinge
Hector Berlioz‘ »Die Trojaner« an der Sächsischen Staatsoper

Puppen und Marionetten
„Der fliegende Holländer“ am Theater Hof

Kluger Cranko – kluger Anderson
Reid Anderson in seiner letzten Spielzeit als Ballettchef in Stuttgart

VdO-Nachrichten

NV Bühne: Auftakt zur neuen Verhandlungsrunde +++ Stabile Entwicklung bei der VddB +++ Wir gratulieren

Buch aktuell

Oper, Religion und Geschichte
Judaism in Opera – Judentum in der Oper

Tanz praktizieren
Jenny Coogan (Hrsg.), Tanz praktizieren. Ein somatisch orientierter Ansatz

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Spielpläne 2017/2018

Berichte

Eine Menge krasser Fieslinge

Hector Berlioz‘ »Die Trojaner« an der Sächsischen Staatsoper

Die Chöre spielen die Hauptrolle in Hector Berlioz‘ Großer Oper „Die Trojaner“, der man gerne die Rolle eines ästhetischen Gegenentwurfs zum Musikdrama Richard Wagners zuschreibt. Zu seinem 200. Geburtstag hat die Leitung der Semper-Oper dem Staatsopernchor dieses Werk „geschenkt“. Die Massenszenen „Die Einnahme von Troja“ im ersten und zweiten Akt und „Die Trojaner in Karthago“ in den Akten drei bis fünf sind an Spannung fast jedem Antikenfilm ebenbürtig.

Lydia Steier beginnt dort, wo Inszenierungen von Offenbachs „Schöner Helena“ enden müssen. Gedankenleer tänzelt das endlich wieder vergnügungslustige Volk der Trojaner nach zehn Jahren Krieg ins Verderben. König Priam ist ein pomadiger Operetten-Grandeur und die portalhohe Skizze des „Königlich-sächsischen Hoftheaters“ signalisiert Weltläufigkeit wie auf den Champs-Elysées. In die Feierfreude der Trojaner stoßen die schmerzzerrissene Andromaque und die als tumbe Kampfmaschinen paradierenden Militärs mit ihrem Anführer Énée und seinem Früchtchen Ascagne (Emily Dorn), das beim Abknallen von Soldaten und nordafrikanischen Angreifern noch größere Lust empfindet als der Papa. Die überlebenden trojanischen Soldaten scheuen sich nach ihrer Flucht nicht, den Spieß umzudrehen: von der Rolle der Besiegten in die der gewalttätigen Schmarotzer bei ihren arglosen Gastgebern in Karthago. So werden sie zu ebenso krassen Fieslingen wie die Griechen bei der Einnahme Trojas. Zum Höhepunkt kommt es in der Szene, in der zwei Soldaten eine entblößte junge Frau vergewaltigen, bevor die trojanische Meute dem olympischen Ruf nach Italien folgt.

Bryan Register als Énée, Alexander Stavrakakis als Mercure. Foto: Forster

Bryan Register als Énée, Alexander Stavrakakis als Mercure. Foto: Forster

In dieser Konfrontation der im Krieg abgestumpften Décadents aus Troja mit der Tyrischen Folklorerepublik Karthago erfindet Lydia Steier immer wieder starke Bilder von menschlicher Verrohung und Verirrung. Dabei riskiert sie Abstürze in Plumpheit und grobe Banalität. Diese Kontraste will das Publikum am Premierenabend nicht, es gibt heftige Buhs. Möglich, dass die mehrfach für den Theaterpreis „Der Faust“ nominierte Regisseurin den Ideen ihres Bühnenbildners Stefan Heyne und den wunderschönen Kostümkreationen Gianluca Falaschis allzu sehr nachgibt. Vielleicht hat Lydia Steier kein allzu profundes Interesse an der Psyche von Männern in Führungspositionen.

Es ist bezeichnend für den Abend, dass Details eher in Erinnerung bleiben als zentrale Szenen der Oper. Etwa der Moment, in der die an ihrem Weitblick verzweifelnde Cassandre die trojanischen Frauen mit mörderischer Brutalität zum Massenselbstmord zwingt. Da ist Jennifer Holloway, die sich in der Mezzodramatik der Seherin stimmlich perfekt und dramatisch bewegend auslebt, das Ereignis des Abends. Christa Mayer als First Lady der Ökorepublik Karthago zeigt sich im Vollbesitz aller von Berlioz geforderten Ausdrucksmittel und bewegt das Publikum deshalb zu Beifallsstürmen. Aber zu dieser Figur mit der enormen Fallhöhe von der geliebten Herrscherin zur innenpolitischen Versagerin fällt Lydia Steier wenig ein. Auch nicht zu Énée, einer formidablen Führer-Kampfdrohne, dem erst in der großen Arie kurz vor Schluss ein kleines emotionales Licht aufgeht. Da kann Bryan Register nicht ganz überzeugen. Den Sympathieträger Chorèbe, markant und schön gesungen von Christoph Pohl, hat man in den Blut- und Waffenmassen leider schnell vergessen. Poussiert und geflirtet wird allerdings von den meisten Chorherren weitaus besser.

Auch in den stark gestrichenen Ballettszenen hat der Chor ohne tänzerische Unterstützung vollauf zu tun. Insgesamt 120 Frauen, Männer, Kinder spielen und singen mit einer energischen Präsenz, die diese Premiere trotz mancher Flachheit zum großartigen Erlebnis machen. Jörn Hinnerk Andresen ermöglichte seinen Kollektiven Bravour und Feinschliff, genaue Diktion und erstaunliche Energie. Die Chöre, auch weil sie in der Staatskapelle einen mustergültigen souveränen Mitspieler haben, erweisen sich als bessere Botschafter dieses hochkomplizierten Opernmonuments als das Produktionsteam, in dessen Auftrag die Trojanerinnen nicht nur von Soldaten geschändet werden, sondern sich auch untereinander abschlachten. John Fiore scheut sich am Pult etwas vor dramatischer Profilierung. So kommt es, dass die Bläser und alle anderen Gruppen eine Spur zu schön und viel zu elegant klingen. Sollte diese weiche musikalische Gestaltung den brutalen Zugriff auf der Bühne abfedern?

Roland H. Dippel

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