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„Der fliegende Holländer“ am Theater Hof

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Puppen und Marionetten

„Der fliegende Holländer“ am Theater Hof

Intendant Reinhardt Friese macht aus seiner Skepsis gegenüber Richard Wagner keinen Hehl, und für den Chefdirigenten Walter E. Gugerbauer ist es eines der ersten Großprojekte am Theater Hof, das auch beim Gastspiel im Rosenthal Theater Selb einen beträchtlichen Aufwand betreibt. Seit Jahren erarbeitet sich das Haus im Musiktheater eine geschickte Repertoire-Erweiterung, die im Frühjahr mit Aribert Reimanns Oper „Ein Traumspiel“ einen neuen Höhepunkt ansteuert.

Zuerst klingen die Hofer Symphoniker wenig stürmisch, dann im zweiten Akt bei der zentralen Begegnung des erlösungsgierig über die Meere schippernden Holländers und der Kapitänstochter Senta eine Spur zu harmlos. Erst im dritten Akt gelangt das Orchester in eine stimmige Balance. Zwar kommen die Rufe der Geistermannschaft aus der Tonkonserve, aber die Mitwirkung der gesamten Hofer Ballett-Compagnie lässt staunen: Frauen als funktionale Puppen in angegrauten Röcken und später auch Männer an Marionettenfäden zeigen, wie freudlos die Geschlechter in dieser starren Welt funktionieren müssen. Dahinter agiert der Chor in biedermeierhaft-gründerzeitlichen Roben. Warum Senta sich gegen das ihr vorbestimmte Frauenleben zur Wehr setzt, wird schnell deutlich: Die Chordamen sind gruftig-eisige Matronen, die nicht einmal untereinander Mitgefühl zeigen: verbitterte Frauen ohne Liebe. Kein Wunder, dass Senta letztlich weder den bleichen Mann vom Meer noch den Jäger Erik will. Aus ist das Traumgespinst, bei dem das Bild des Holländers bis zum Ende mehr Bedeutung hat als die realen Begegnungen.

Tanja Christine Kuhn (Senta, Gesang), Alexander Geller (Erik). Foto: H. Dietz

Tanja Christine Kuhn (Senta, Gesang), Alexander Geller (Erik). Foto: H. Dietz

Von der ersten Sekunde an ist Senta auf der Bühne – zunächst als kindliche Beobachterin (die Schauspielerin Susanna Mucha), mit Beginn des zweiten Aktes dann als Sängerin. Sie beobachtet den Heiratsschacher ihres Vaters Daland. Mit wenigen symbolkräftigen Accessoires wie Spinnrad, Schiff, Globus und Kruzifix kommt das Traumspiel der höheren Tochter in Fluss. Annette Mahlendorf entfesselt dafür neben blau-weißen Lichtspielen einen satten Kostümzauber. Daland wird wie eine Figur von Charles Dickens zum herzlosen „Geldbürger“. Hier umspielt den Holländer ein Hauch vom Fluch der Karibik. Erik, der ein totes Reh schultert, und die düstere Mary geistern heran wie viktorianische Lemuren bei Robert Wilson. Es ist klar: In diesem Ambiente ist Senta mindestens ebenso erlösungsbedürftig wie das Objekt ihrer Jungfrauensehnsucht. Reinhardt Friese hat das mit den Solisten klar und sinnfällig entwickelt.

Der leidenschaftliche Ton kommt aber an diesem Abend nicht in voller Intensität auf. Das liegt vor allem daran, dass die Hofer Symphoniker auf der Hinterbühne sitzen müssen, weil die vorgesehene Personenstärke sich nicht in den Selber Orchestergraben pressen lässt. Aber auch daran, dass sich Walter E. Gugerbauer nicht entscheiden will, ob er das Werk aus dem Ungestüm der Urfassung oder aus dem Farbreichtum des späteren Wag-ner erschließen will. Dabei siegt James Tolksdorf als Holländer glattweg über den mehr knarzigen als eleganten Strategen Daland von Rainer Mesecke. Liine Carlsson gibt die Senta mit ungewohnt dunkler Timbrierung. Das nimmt ein bisschen von der Erlösungsattacke aus dem Part und – wahrscheinlich liegt es an den Begleitumständen des Gastspiels – hat nicht ganz die erwartete Binnenspannung. Alexander Geller gehört zu den wichtigen jungen Wagner-Nachwuchsstimmen, die sich an kleineren Häusern in die größere Kondition bringen.

Für die Positionen hinter der Marionetten-Choreografie Barbara Busers leisteten Hsin-Chien Fröhlich und Claudio Novati bei der Choreinstudierung Außerordentliches. Die mit nur zehn Frauen- und siebzehn Männerstimmen besetzte Formation klingt bemerkenswert homogen und rund. Hier bricht sich jenes Ungestüm Bahn, das man sich von den Orchestermusikern gewünscht hätte: mit Spannung, Sturm und Drang, die die Erregungskurve von Sentas Traum rasant in die Höhe schnellen lassen. Unbedingt erfreulich ist der Enthusiasmus des Publikums, das seinem Theater Hof in herzlicher Liebe zugetan ist.

Besuchte Vorstellung: 28. September, Rosenthal Theater Selb (Gastspiel)

Roland H. Dippel

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