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Aktuelle Ausgabe

Editorial von Gerrit Wedel
Theater-Glück mit Luft nach oben

Kulturpolitik

Brennpunkte
Zur Situation deutscher Theater und Orchester

Auf ein Wort mit...
Nanine Linning, Künstlerische Leiterin und Chefchoreografin der Dance Company Nanine Linning / Theater Heidelberg

Musik kann Leben retten
Der Coro Papageno im italienischen Dozza-Gefängnis

Portrait

Bewegte Geschichte
200 Jahre Dresdner Opernchor

Fehlende Wertschätzung
Falk Joost, VdO-Ortsdelegierter im Sächsischen Staatsopernchor, im Gespräch mit Michael Ernst

Hauptsache Show
Simone Kermes im Gespräch mit Christoph Forsthoff

Explosion des Rhythmischen
Der Tanz und das Kino – Sonderausstellung im Filmmuseum Potsdam

Technologischer Riesensprung
Der Theater-Website-Check: Theater Erfurt

Berichte

Ein großer Wurf
Othmar Schoecks begeisternde »Penthesilea« unter neuer musikalischer Leitung in Bonn

Eine vertane Chance
»Les Troyens“ von Hector Berlioz am Staatstheater Nürnberg

Eine Menge krasser Fieslinge
Hector Berlioz‘ »Die Trojaner« an der Sächsischen Staatsoper

Puppen und Marionetten
„Der fliegende Holländer“ am Theater Hof

Kluger Cranko – kluger Anderson
Reid Anderson in seiner letzten Spielzeit als Ballettchef in Stuttgart

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NV Bühne: Auftakt zur neuen Verhandlungsrunde +++ Stabile Entwicklung bei der VddB +++ Wir gratulieren

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Judaism in Opera – Judentum in der Oper

Tanz praktizieren
Jenny Coogan (Hrsg.), Tanz praktizieren. Ein somatisch orientierter Ansatz

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Kulturpolitik

Musik kann Leben retten

Der Coro Papageno im italienischen Dozza-Gefängnis

Betonmauern, Gitter, Sicherheitskontrollen und lange Gänge, an deren Ende Stahltüren krachend ins Schloss fallen. Das Dozza-Gefängnis an der Peripherie der norditalienischen Stadt Bologna ist kein Ort, den man spontan mit Musik in Verbindung bringen würde. Und doch spielt Singen gerade hier eine wichtige Rolle. Viele Strafgefangene können sich ein Leben ohne den Coro Papageno nicht mehr vorstellen. Sie entdecken ihre eigene Stimme, hören aufeinander und arbeiten mit dem Chorleiter Michele Napolitano daran, aufführungsreife Programme zu präsentieren.

Die Chorwerkstatt, in der sie gemeinsam mit Laiensängern ein Repertoire quer durch alle Genres und Epochen einstudieren, entstand 2011 auf Initiative von Claudio Abbado. Der weltbekannte Dirigent war fest davon überzeugt, dass Musik Leben retten kann, auch hinter Gefängnismauern.

Als Künstlerischer Leiter des Orchestra Mozart der Regia Accademia Filarmonica in Bologna, an der bereits Wolfgang Amadeus Mozart studiert hatte, lud er Freigänger des Dozza-Gefängnisses auch regelmäßig zu Proben und Konzerten des Orchesters ein. Nach Abbados Tod im Januar 2014 gründete seine Tochter Alessandra die Associazione Mozart14, einen Verein, der die sozialen Musikprojekte ihres Vaters fortsetzt. Neben dem Papageno-Chor bietet das Projekt Tamino auf den Pädiatrie-Stationen im Poliklinikum Sant’Orsola-Malpighi kleinen Patienten und ihren Eltern Musiktherapie und gemeinsames Singen. In der Jugendhaftanstalt Pratello können 14- bis 24-Jährige dank des Projekts Leporello unter Anleitung von Musiktherapeuten Lieder komponieren. Seit 2017 gibt es außerdem den Chor des Projekts Cherubino für Kinder mit Behinderungen wie dem Down-Syndrom.

Konzert im italienischen Senat am 21. Juni 2016. Foto: Giacomo Maestri

Konzert im italienischen Senat am 21. Juni 2016. Foto: Giacomo Maestri

Die Entwicklung des Coro Papageno dokumentiert auf beeindruckende Weise der kürzlich in Italien auf DVD erschienene Film „Shalom – La musica viene da dentro“ („Shalom – Musik kommt von innen“). Mit der Kamera begleitete die Regisseurin Enza Negroni den Chor während Proben und öffentlichen Konzerten im Dozza-Gefängnis, im italienischen Senat in Rom und im Vatikan. Der Anfang sei immer am schwersten, erklärt im Film die Gesangspädagogin Stefania Martin, während sie mit einigen Frauen Aufwärmübungen macht. Man dürfe nichts erzwingen, die Stimme müsse so leicht fliegen wie ein Schmetterling.

Mehr als 400 männliche und weibliche Gefangene aus 20 Ländern haben bereits an dem Chorprojekt teilgenommen. Unter Anleitung von Napolitano und seinen Kollegen üben sie klassische Stücke wie Mozarts Motette „Ave Verum Corpus“, Gospel- und Popsongs sowie Volkslieder aus Europa, Afrika und Lateinamerika. Das hebräische Lied „Shalom Chaverim“, auf das sich der Filmtitel bezieht, hat Napolitano gemeinsam mit einem Häftling instrumentiert. Die Proben finden meist nach Geschlechtern getrennt statt, einmal im Monat trifft sich der gesamte Chor. Einige wenige Mitglieder hatten sich schon vorher mit Musik beschäftigt, doch für die meisten ist der Coro Papageno eine ganz neue Erfahrung. Ehrenamtliche aus anderen, ebenfalls von Napolitano geleiteten Amateurchören, singen mit, um den Anfängern eine Orientierung zu geben. Unter den freiwilligen Helfern sind Bankmanager, Ärzte, Rechtsanwälte und Rentner.

Konzert im Vatikan, 6. November 2016. Foto: Giacomo Maestri

Konzert im Vatikan, 6. November 2016. Foto: Giacomo Maestri

Napolitano hat keine einfache Aufgabe, denn die Zusammensetzung des Chores ändert sich ständig. Sänger scheiden aus, weil sie aus der Haft entlassen werden, und Neuzugänge stoßen dazu. Die Teilnahme ist freiwillig; jeder kann aufhören, wann er will. Viele bleiben aber dabei, weil ihnen das Singen inneren Halt gibt. „Ich habe mich mit dem Chor weiterentwickelt“, sagt Elizabete aus Lettland, die mit 20 Jahren hinter Gitter kam. „Man muss lernen, sich und den anderen zuzuhören.“ Der 27-jährige Marokkaner Hicham, der als Teenager nach Italien kam, bleibt noch bis 2036 in Haft. Wenn er singe, vergesse er, dass er im Gefängnis sei. „Jeder hier muss stark sein, um sich mit belastenden Dingen auseinandersetzen zu können“, meint Mario. „Beim Singen finde ich zu mir selbst.“ Sergio, der nach eigenen Angaben im Gefängnis sitzt, weil er für den Tod eines Menschen verantwortlich ist, hatte früher ein Instrument gespielt. „Wir sprechen über die Stücke, beginnen sie zu proben und sehen, dass daraus etwas entsteht“, sagt er. „Gemeinsam finden wir die richtige Harmonie, um zu einem Ergebnis zu kommen. Das, was am meisten zählt, ist aber nicht das Resultat, sondern der Weg, der dorthin führt.“

Das Singen im Chor begreifen die Häftlinge als wichtige Selbsterfahrung. Sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen, kann ihnen dabei helfen, sich auf eine spätere Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorzubereiten. „Hier habe ich gelernt, dass das Leben weitergeht, dass man dessen Wert erkennen muss und draußen nicht noch einmal kriminell werden darf“, sagt eine Frau, die Suleika heißt. Claudia Clementi, die Direktorin des Dozza-Gefängnisses, betont in einem Beitrag für das DVD-Booklet, dass die Sänger Disziplin und kontinuierlichen Einsatz zeigen müssen. „Musik zu machen bedeutet, dass man studiert, übt und sich anstrengt. Man muss sich Ziele setzen und darauf hinarbeiten, sie zu erreichen.“

Eine besondere Herausforderung sind die Konzerte, bei denen die Sänger nicht nur vor Mitgefangenen, sondern auch vor einem breiten Publikum auftreten. Dabei werden sie von Kammermusikern begleitet, von denen viele unter Abbados Leitung im Orchestra Mozart gespielt hatten. „In solchen Momenten fühle ich, dass ich andere Menschen mit meiner Stimme berühren kann“, bekennt Ilenia, die seit zwei Jahren im Gefängnis ist. Manchmal applaudiere das Publikum minutenlang im Stehen, erinnert sich Hicham. „Manche Sänger fangen dann sogar an zu weinen.“

Im Juni 2016 folgte der Chor einer Einladung des Senats in Rom, wo er anlässlich des Europäischen Musikfestes auftrat. „Der Coro Papageno zeigt allen von uns, dass Musik tatsächlich Leben retten und alle Grenzen überschreiten kann“, erklärte Senatspräsident Pietro Grasso. Chormitglieder, die hohe Strafen verbüßen müssen, durften das Dozza-Gefängnis allerdings nicht verlassen. In dem Film ist zu beobachten, wie sie vor einem Bildschirm in einem Gang der Haftanstalt die Konzertübertragung im Fernsehen verfolgen. Einige von ihnen dirigieren mit und bekommen feuchte Augen, als sie ihre Zellengenossen singen hören.

Der Senat verstand das Konzert auch als posthume Ehrung Abbados, der wenige Monate vor seinem Tod aus Anerkennung seiner künstlerischen Verdienste zum Senator auf Lebenszeit ernannt worden war. Auf Einladung des Vatikans sang der Chor im vergangenen November außerdem im Petersdom vor Papst Franziskus und zahlreichen anderen Zuhörern. Vor der Basilika gaben die Sänger dann noch eine spontane Zugabe – zum ersten Mal unter freiem Himmel.

Corina Kolbe

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