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Berichte

Komödie ohne Komik

Uraufführung von Jonathan Dove‘s »Marx«-Oper in Bonn

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Der Mann, der den Menschen das Kapital erklärt hat, war – was seine eigenen Finanzen anbetrifft – ökonomisch eine ziemliche Niete. Ständig klamm, war Karl Marx immer wieder auf mehr oder weniger großzügige Hilfe von Freunden angewiesen. Den zweiten Band seines Opus Magnum schaffte er dennoch nie fertigzustellen, zu widrig die Verhältnisse, zu turbulent seine familiäre Situation. Stoff genug also für eine Komödie, möchte man meinen. Das hat sich auch der Regisseur Jürgen R. Weber gedacht, der die zündende Idee für eine Oper über den Finanzphilosophen Marx hatte. Weber schlug das Projekt dem britischen Komponisten Jonathan Dove vor, seines Zeichens einer der bekanntesten und wohl auch produktivsten Vertreter seiner Zunft. Allein 29 Opern gehen bereits auf sein Konto. Entstanden ist jetzt ein Szenario, das einen Tag des Lebens in Marx‘ Exil in London zeigt, historisch fundiert zwar, aber nicht als Tatsachenbericht.

Durchaus gute Voraussetzungen also, um mit „Marx in London“ unterhaltsames und auch massentaugliches Musiktheater zu machen, dafür garantieren schon der Regisseur, der bereits mehrfach in Bonn inszeniert und auch mit Dove zusammengearbeitet hat, mit der ihm eigenen Mischung aus solidem Handwerk und salopper Wurstigkeit, die seine Inszenierungen immer wieder auszeichnet, und der Komponist, der unbekümmert tonal und polystilistisch schreibt, wofür man hierzulande schon längst eine quälende ästhetische Diskussion an der Backe hätte. Die Frage ist nun, ob diese Voraussetzungen auch zu einem entsprechenden Ergebnis geführt haben; da muss die Antwort indes lauten: nur zum Teil.

Di Yang als Franz, Jonghoon You als Melanzane, Johannes Mertes als Engels, Mark Morouse als Marx, Chor und Statisterie der Oper Bonn. Foto: Thilo Beu

Di Yang als Franz, Jonghoon You als Melanzane, Johannes Mertes als Engels, Mark Morouse als Marx, Chor und Statisterie der Oper Bonn. Foto: Thilo Beu

Auf der Haben-Seite dieser Produktion ist sicherlich die Musik zu verzeichnen. Dove bewegt sich in seiner Partitur quer durch die Musikgeschichte, nimmt ungeniert stilistische Anleihen, wo es ihm gefällt. Unüberhörbar sind das minimalistische Kompositionsverfahren, aber auch vor postromantischer Üppigkeit schreckt er nicht zurück, Hauptsache es bleibt tonal und maßvoll dissonant. Das Ergebnis tut keinem weh, ist zuweilen durchaus schmissig und lässt sich gut anhören. Etwaige Befürchtungen vor allzu neutönender Musik sind also völlig unbegründet. Gleichzeitig beherrscht Dove sein Handwerk mit einer polyglotten Gewandtheit, schreibt dramaturgisch versierte Musik, die das Geschehen auf der Bühne immer wieder befeuert.

Im Falle der Bonner Aufführung hat er die Partien nach einem Libretto von Charles Hart sogar dem Ensemble quasi auf den Leib geschrieben, da es hier – ähnlich wie bei der Konzeption mit dem Regisseur – zu einer intensiven Zusammenarbeit kam. Kein Wunder also, dass die sängerische Umsetzung in Bonn wunderbar funktioniert. Mark Morouse gibt einen äußerst würdevollen und stimmlich wohltönenden Marx, der die inneren Konflikte des Protagonisten spiegelt, aber auch sein Talent, die Massen, etwa als mitreißender Redner, zu verführen, nachvollziehbar macht. Einen außerordentlichen Eindruck hinterlässt auch Yannik-Muriel Noah, die Marx‘ Frau Jenny spielt. Ihre stimmliche wie szenische Präsenz ist wie immer ein Ereignis, ebenso wie Ceri Williams, die als Marx‘ Haushälterin und Geliebte auf Augenhöhe mit selbigem spielt – im wirklichen Leben wie auf der Bühne. Die technisch wohl anspruchsvollste Partie hat Marie Heeschen als Marx‘ Tochter Tussy. Jonathan Dove hat ihr haarige Koloraturen in die Kehle komponiert, die Heeschen jedoch hervorragend meistert und der Rolle der zerrissenen Tochter des Revolutionärs darstellerisch wie musikalisch eine schlüssige Kontur verleiht. Auch die anderen Mitglieder des Ensembles wissen durchweg zu überzeugen: Christian Georg als Marx‘ unehelicher Sohn Freddy, Johannes Mertes als Engels, David Fischer als Spion oder etwa Boyan Di als Pfandleiher und Jonghoon You als Melazane.

Mark Morouse als Marx, Di Yang als Franz und der Chor der Oper Bonn. Foto: Thilo Beu

Mark Morouse als Marx, Di Yang als Franz und der Chor der Oper Bonn. Foto: Thilo Beu

Das von Davis Parry geleitete Beethoven Orchester Bonn spielt durchweg ausgezeichnet. Parry treibt es stetig am Puls der nie im Stillstand verharrenden Musik durch die Partitur, setzt motorische Impulse und steuert auch das Zusammenwirken mit der Bühne routiniert. Dazu zählen auch die zahlreichen Szenen, mit der Komponist und Regisseur den Chor bedacht haben, vor allem die Szene am Ende des ersten Aktes, in der Marx in einen Tagtraum verfällt und der Chor – von Dove mit einer ungeheuer kitschigen, aber auch sehr effektvollen Musik versehen – einen jeder Bollywood-Apotheose würdigen Auftritt hat. Auch die anderen Massenszenen sind nicht nur ausgezeichnet gesungen, sondern auch effektvoll choreografiert.

Hier merkt man immer wieder die erfahrene Hand von Jürgen R. Weber, der das Bühnengeschehen ebenso routiniert wie sinnstiftend dirigiert und darüber hinaus mit einigen symbolträchtigen und eindrucksvollen Bildern aufwarten kann. Dass die Arbeiter seinerzeit wirklich geknechtet waren und nicht nur sprichwörtlich mit Füßen getreten wurden, trieft dieser Inszenierung gewissermaßen aus jeder Pore, und auch der Einfall, dass das den industriellen Charme der Dampfmaschinen-Ära versprühende Bühnenbild (Ausstattung: Hank Irwin Kittel) über die kompletten zwei Stunden Spieldauer nahezu gleich bleibt und stattdessen die unterschiedlichen Spielorte auf Karren herangefahren werden, besticht durch ihre geniale Effizienz und verblüffende Einfachheit. Was man hier jedoch etwas vermisst, ist Webers – mal passender, mal deplatzierter – Sinn für Schrulligkeiten und Komik, die sonst viele seiner Inszenierungen auszeichnet.

Denn wirklich komisch ist diese ausdrücklich als Komödie deklarierte Oper nicht. Zwar sind Anleihen bei der musikalischen Komödie – zum Beispiel im Sinne Mozarts – durchaus erkennbar, etwa wenn die dramaturgische Schlagzahl und die Verwicklungen gegen Ende der Akte kontinuierlich zunehmen, doch richtig zündend wirkt das nicht. Natürlich muss sich auch eine komische Oper nicht von Schenkelklopfer zu Schenkelklopfer hangeln, im Falle von Dove‘s „Marx in London“ aber bleibt das komödiantische Profil mancher Situationskomik zum Trotz erstaunlich blass. Nichts desto trotz, insgesamt ist Jonathan Dove‘s „Marx in London“ eine sehenswerte Produktion, die einmal mehr das ausgezeichnete Niveau des Hauses widerspiegelt.

Guido Krawinkel

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