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Kulturpolitik

Auf ein Wort mit...

Joana Mallwitz, Generalmusikdirektorin an der Staatsoper Nürnberg

Seit der Spielzeit 2018/2019 ist Joana Mallwitz Generalmusikdirektorin in Nürnberg. Ihre Karriere begann die Dirigentin als Solorepetitorin mit Dirigierverpflichtung am Theater Heidelberg, wurde dort Kapellmeisterin und wechselte 2014 als Generalmusikdirektorin ans Theater Erfurt. Tobias Könemann und Barbara Haack sprachen für „Oper & Tanz“ mit der jungen Dirigentin über ihren Start in Nürnberg, ihre Pläne und ihren Beruf.

Oper & Tanz: Sie sind seit Beginn der Spielzeit in Nürnberg. Sind Sie schon angekommen?

Joana MallwitzFoto: Nikolaj Lund

Joana MallwitzFoto: Nikolaj Lund

Joana Mallwitz: Ja. Für mich definiert sich das in erster Linie über die Arbeit mit dem Orchester. Das war mit der Staatsphilharmonie ein sehr schöner und intensiver Start, weil ich im September und Oktober fast jeden Tag morgens und abends zu dirigieren hatte. Wir haben einfach angefangen zu arbeiten, und das ist das Beste, was uns passieren konnte.

O&T: Sie haben eine ganze Reihe von Gastverpflichtungen in dieser Spielzeit. Das Hin- und Herreisen macht es sicher nicht einfacher anzukommen?

Mallwitz: Es war immer ein Teil meines Lebens, dass ich viel auf Reisen bin. Das ist auch wichtig, solange man eine gute Balance hält: im eigenen Haus präsent ist, aber auch anderswo Erfahrungen macht. Aber wenn ich jetzt zurückkomme, habe ich schon das Gefühl: Hier komme ich zu meinem Orchester, hier komme ich nach Hause.

O&T: Sie hatten auch zu Beginn keine Akzeptanzprobleme mit dem Orchester? In anderen Städten wurde ein neuer Dirigent nicht immer sofort vom Orchester angenommen...

Mallwitz: Hier hat das sehr gut geklappt. Ich hatte von Anfang an ein starkes Bauchgefühl – das war auch der Grund, warum ich gerne hier arbeiten wollte –, dass dies ein Orchester ist, mit dem ich auf einer Wellenlänge ticke. Eigentlich habe ich gerade gar nicht nach einem neuen festen Engagement gesucht. Aber als ich hierher kam, war für mich klar: Hier möchte ich gerne sein. Zum Glück hat sich das genauso bewahrheitet. Die Orchestermusiker sind enthusiastisch und motiviert. Und wir hatten eine schöne erste Premiere mit Prokofjews „Krieg und Frieden“.

O&T: Sie haben in Erfurt eine ganze Menge Dinge ins Rollen gebracht, eigene Formate initiiert wie zum Beispiel die „Neuen Noten“ oder auch die Expeditionskonzerte, bei denen in der Regel ein Werk vorgestellt und erklärt wird. Was davon wollen Sie hier übernehmen?

Mallwitz: Die Expeditionskonzerte haben wir hier schon gestartet, das hat sehr gut eingeschlagen. Vom ersten Konzert waren die Menschen begeistert, das nächste war eine Woche später schon ausverkauft. Das Format soll kein musikdramaturgischer Vortrag sein. Ich erzähle viel, zeige viel am Klavier. Der Flügel steht auf der Bühne, das Orchester ist auch auf der Bühne. Vor allem geht es ums Hören. Am Schluss wird das ganze Werk gespielt. Es ist ein lockeres Format, das den Kontakt zum Publikum ermöglicht. Es freut mich, dass wir ein gemischtes Publikum hatten, alle Altersgruppen kommen dorthin, auch ganze Familien.

O&T: Man sagt ja, die Oper sei etwas für die ältere Generation. Wie kommen große Schlachtschiffe wie Oper oder Sinfoniekonzert bei jungen Menschen an? Sind das Genres, die auch in die gesellschaftliche Breite hinein eine Zukunft haben?

Hardcore fürs Publikum: „Krieg und Frieden“ in Nürnberg. Foto: Ludwig Olah

Hardcore fürs Publikum: „Krieg und Frieden“ in Nürnberg. Foto: Ludwig Olah

Mallwitz: Ich empfinde es als ein bisschen gefährlich, dass das immer als ein Problem dargestellt wird. Es ist ja schön, dass diese Menschen zu uns kommen. Und es ist klar, dass man in diesem Abschnitt des Lebens mehr Zeit und mehr Geld dafür hat. Man redet immer über die Frage, wie man ein neues Publikum in die Oper bekommt. Das ist natürlich wichtig. Aber man muss sich genauso um diejenigen kümmern, die schon da sind. Zu der Frage, wie Oper bei jüngeren Menschen ankommt: Es kommt sehr darauf an, wie Oper gemacht wird. Bestimmte Theater, bestimmte Städte kriegen das hin. Ich habe vor einiger Zeit in Lyon „Lady Macbeth von Mzensk“ angeschaut. Serge Dorny schafft es dort an einem normalen Repertoireabend, dass das Haus nicht nur komplett voll ist, sondern dass auch sehr viele Menschen zwischen 16 und 25 Jahren dort sind. Auf dem Platz vor der Oper Lyon haben sich die Hiphop-Tänzer getroffen. Anstatt denen den Platz zu verbieten, weil der der Oper gehört, hat sie sie gesponsert. Seitdem kommen sie auch in die Oper. Für eine Stadt Theater machen heißt zu fragen: Wie tickt die Stadt? Heißt, auf die Bevölkerung zuzugehen. Manche Städte schaffen das, auch Frankfurt ist dafür ein gutes Beispiel. Es kommt immer auf die Qualität an. An den Orten, wo etwas passiert, kommt Oper auch gut an.

O&T: Wie erleben Sie das in Nürnberg?

Mallwitz: Hier war „Krieg und Frieden“ bisher die einzige Oper, die ich dirigiert habe. Das ist ein Stück, das auch von der Gegenwart handeln könnte, ein ganz direktes Stück. Es gibt eine Arie, aber ansonsten ist es fast wie Prosa komponiert, auch in der Ansprache des Publikums ist es Hardcore. So war es auch von Jens-Daniel Herzog inszeniert, sehr real, fast schon filmisch. Man merkte, dass sich die Qualität hier herumsprach, die letzten Vorstellungen waren voll. Die Menschen haben sich darauf eingelassen und sind am Ende richtig ausgerastet.

O&T: Haben Sie – vielleicht auch mit dem ja ebenfalls neuen Intendanten – Ideen, in die Stadt hineinzugehen?

Mallwitz: Ich glaube, in die Stadt hineinzugehen, ist insofern wichtig, dass man sich als GMD oder Intendant als Bestandteil der Stadtgesellschaft zeigt. Das heißt nicht unbedingt, dass man dauernd in Museen oder Hotels oder in der Stadt an neuen Spielorten spielen muss. Alle diese Aktionen verwässern das, was wir hier wirklich tun, den Überwältigungsmoment im Theater: diesen Moment, wenn man sich von diesem Ort verzaubern lässt. Es gibt Dinge, die nur das Theater kann. Auf diesen Kern muss man sich wieder viel mehr konzentrieren.

O&T: Es gibt allerdings auch die Diskussion über das Streaming von Aufführungen – einige Opernhäuser machen das bereits. Manches kann man sich zu Hause anschauen. Es gibt aber auch, wie es zum Beispiel die Met in New York macht, Opern, die direkt in große Kinos übertragen werden. Halten Sie das für eine sinnvolle oder sogar notwendige Ergänzung in heutiger Zeit?

Mallwitz: Es hat sich gezeigt, dass das nicht das bewirkt, was man sich davon erhofft hat, dass man dadurch kein neues Publikum für die Oper gewinnt. Was passiert: Menschen, die ein bisschen außerhalb von New York wohnen, gucken sich die Oper dann lieber im Kino an statt in der Stadt – wo das Ticket dann auch vielleicht 10 Dollar kostet anstatt 80.
Warum die Menschen immer wieder in die Oper gehen, das ist dieser Moment, wenn man da sitzt, körperlich getroffen wird vom Ton des Sängers, des Orchesters, wo alles zusammenarbeitet, um dich emotional zu treffen. Allein die Stimme eines Sängers kann auf der besten Anlage, die es gibt, nicht so tragen wie im Live-Erlebnis. Jeder, der diesen Moment einmal erlebt hat, wird wieder in die Oper kommen mit der Sehnsucht, diesen Moment erneut zu erleben. So etwas passiert nie und nimmer in einer Live-Übertragung.

Jeder, der diesen Moment einmal erlebt hat, wird wieder in die Oper kommen mit der Sehnsucht, diesen Moment erneut zu erleben.

O&T: Sie arbeiten hier in Nürnberg viel und eng mit dem Orchester. Wie viel arbeiten Sie mit dem Chor? Wie gut ist die Zusammenarbeit?

Mallwitz: Für „Krieg und Frieden“ haben wir viel zusammengearbeitet. Und natürlich bin ich immer bei Chorproben dabei, wenn der Chor an einer Oper beteiligt ist. Es macht mir Spaß, die Chorsänger als einzelne Darsteller zu sehen. Aber auch im Klang ist es so wichtig, dass jeder im Chor sich als individueller Charakter begreift, der diese Oper bereichert. Bei „Krieg und Frieden“ haben wir im Vorfeld viel experimentiert. Wir haben mit dem Chor Aufnahmen gemacht, einiges probiert. Dieses Proben im Sinne von Ausprobieren ist toll.

O&T: Wenn man Chor und Orchester als Kollektive sieht, die aus Individuen bestehen: Gibt es signifikante Unterschiede zwischen den Klangkörpern?

Mallwitz: Es gibt viele Unterschiede. Allein dadurch, dass es vier verschiedene Stimmen im Chor gibt, aber 35 im Orchester. Für den Chor ist ja zunächst der Chorleiter zuständig. Zum Chor gehe ich, wenn ich eine konkrete Idee habe, etwas Konkretes von ihm will. Ich bin vorrangig für das Orchester zuständig, aber natürlich auch für den Chor, weil man als GMD für alle Bereiche verantwortlich ist.

O&T: Welche Bedeutung hat die Position des Chordirektors in künstlerischer Sicht für Sie? Ist das jemand, der Ihre Intentionen übernimmt und einstudiert? Ist es jemand, mit dem Sie künstlerisch auch zusammenarbeiten und vielleicht gemeinsam zum Ergebnis kommen?

Mallwitz: Das ist auf jeden Fall ein enges Verhältnis, weil man viel miteinander spricht und sich darauf verständigen muss, in welche Richtung es gehen soll. Gleichzeitig ist der Chordirektor autonom, und ich muss ihm vertrauen, dass er – mit seinem Wissen über die Technik – diesen Chor voranbringt. Unabhängig davon, dass wir uns bei den Produktionen, die ich dirigiere, musikalisch verabreden müssen.

O&T: Sie haben in Erfurt eine Orchesterakademie initiiert. Sehen Sie die Möglichkeit, so etwas auch für den Chor zu denken?

Joana Mallwitz. Foto: Lutz Edelhoff

Joana Mallwitz. Foto: Lutz Edelhoff

Mallwitz: Die Situation von Chor- und Orchestermusikern ist insgesamt eine andere. Im Orchester wird man heute, wenn man sich auf eine Tutti-Geigenstelle in einem mittleren Orchester bewirbt, gar nicht mehr eingeladen, wenn man nicht so etwas wie eine Akademie vorzuweisen hat, weil sich auf eine Stelle 250 Menschen bewerben. Der Konkurrenzkampf ist dort unglaublich hoch. Orchesterspielen kann man – genau wie das Dirigieren – eigentlich nur in der Praxis lernen. Deshalb sind wir verpflichtet auszubilden.

O&T: All das gilt für den Chor auch. Dazu kommt, dass in den Hochschulen die Gesangsausbildung sehr stark auf Solo ausgerichtet ist. Von den Chorsängerinnen und -sängern hören wir oft, dass eine Zwischenstufe fehlt zwischen der Ausbildung an der Hochschule und dem Berufseinstieg in den Chor.

Mallwitz: Die Frage ist, ob das Bedürfnis nach einer solchen Chorakademie so stark ist. Bisher bin ich diesem Bedürfnis noch nicht begegnet, aber das Thema finde ich spannend. Ich glaube, dass dieses Problem für Deutschland typisch ist. Bei uns verheimlichen es Solisten, wenn sie einmal zwei Jahre im Chor gesungen haben, weil sie dann keine Chance mehr haben, als Solisten ernst genommen zu werden. In Lettland ist das zum Beispiel ganz anders. Da fängt jeder Sänger im Chor an, bekommt dann einzelne Solorollen. Dann wird man entweder Solist, oder man bleibt im Chor. Das ist eine Frage der Wertschätzung. Bei diesem Thema sehe ich die Hochschulen viel mehr in der Pflicht. Dort sollte man den Gesangsstudenten auch die Option im Chor zu singen aufzeigen. Chorsingen ist nicht ein Weniger als Sologesang, es hat andere Anforderungen. Kein Solosänger muss zum Beispiel Modernes vom Blatt singen, sich schnell einfügen können oder sauber in eine Stimmgruppe passen. Dafür wäre so eine Chorakademie sinnvoll. Dafür muss dann aber an den Hochschulen erst einmal entsprechend ausgebildet werden.

Nur, wenn an einem Haus alles, was passiert, auch die Grundstimmung, oben ankommt, kann es funktionieren. Sobald diese Verbindung unterbrochen ist, funktioniert ein Haus nicht mehr.

O&T: Wertschätzung ist das eine Thema, ein anderes ist die soziale Sicherheit. Da hat man im Orchester oder Chor ein ganz anderes Setting als die Solisten. Insbesondere hat man auch tarifvertragliche Rechte. Wie gehen Sie mit diesen Rechten um?

Mallwitz: Ich mache mir darüber, dass Chor und Orchester Gewerkschaften haben, gar nicht so viele Gedanken. Was mich viel mehr ärgert, ist dieses Ungleichgewicht. Solo-Sänger (vom Ballett muss man gar nicht anfangen), die eigentlich die Zugpferde unserer Arbeit sind, stehen ganz am Ende der Nahrungskette und haben absolut nichts zu melden. Das ist einer der grundsätzlichen Fehler im System: dass zum Beispiel für einen Solisten, gerade für einen, der sich sehr für sein Ensemble einsetzt, der vielleicht nicht so viel gastiert, theoretisch in jedem Moment alles, was bisher war, nichts mehr wert sein kann…
O&T: Ist das ein Postulat für mehr soziale Sicherheit auch im Solo-Bereich?

Mallwitz: Vor allem ist es ein Postulat für mehr Mitspracherecht für Solisten an den Häusern. Es ist schwer für ein Solistenensemble, sich zu organisieren. Das klappt nie, weil jeder seine eigenen Interessen hat. Aber warum sind keine Ensemblemitglieder in den Sitzungen? Warum sitzen Ensemblemitglieder nicht in den Vorsingen? Vor allem ist es auch ein Postulat an Intendanten und GMDs, die es den Menschen ermöglichen sollten, langfristig zu planen. Heute kann es mit jedem Intendantenwechsel sein, dass jeder am Haus gehen muss.

O&T: Das ganze hängt aber auch mit gewerkschaftlicher Arbeit zusammen. Dass es den Solisten relativ schlecht geht am Theater, hat auch mit dem mangelnden Organisationsgrad in dieser Berufsgruppe zu tun.
Mallwitz: Aber wie soll das funktionieren bei Solo-Sängern? Jeder hat einen anderen Vertrag, der eine gastiert viel, der andere singt viele kleine Rollen. Ich habe großes Mitleid mit den Sängern. In dem Moment, wo ein Ensemble sagt: Wir organisieren uns und versuchen, etwas durchzusetzen, werden einfach alle gekündigt.

O&T: Das Thema Nicht-Verlängerung steht in den Verhandlungen mit dem Deutschen Bühnenverein derzeit auf dem Prüfstand. Die Intendanten, die jemanden rausschmeißen, weil er sich organisiert, werden immer weniger.

Mallwitz: Das erlebe ich ganz anders. Letztendlich kommt der Intendantenwechsel, und du bist weg. Und es wird auch nie ein Ensemble geben, in dem sich alle unter einen Hut bringen lassen, in dem es nicht Mitglieder gibt, die sich aus allem raushalten wollen. Das ist auch deren gutes Recht.

O&T: Sie sind noch sehr jung, haben aber schon die Tour durch die Karrierestufen gemacht. Wie haben Sie das geschafft, abgesehen davon, dass Sie als Dirigentin überzeugt haben? Was braucht man – neben der künstlerischen Begabung?

Mallwitz: Bei mir persönlich kam jeder Schritt, als ich noch keine Ahnung hatte, was er bedeuten würde. Ich habe mit 19 im Theater angefangen, ich habe mich aber nicht hingesetzt und meine Karriere durchgeplant. Im Gegenteil, ich war mit manchem überfordert. Im Nachhinein bin ich sehr glücklich, dass ich diese Art der Karriere verfolgt habe. Ich hatte einen Job am Theater, plötzlich musste ich dirigieren und einspringen, plötzlich war ich Kapellmeister.

Der andere Weg ist der über Assistenzen; dann gewinnt man vielleicht einen Wettbewerb, so dass man auf sich aufmerksam, sich einen Namen machen kann. Ich war nie der Wettbewerbstyp, weil ich finde, dass Wettbewerb und Dirigieren in einem Missverhältnis zueinander stehen. Was im Wettbewerb gefragt ist, ist nicht das, worum es im Job geht. Es gibt aber einige Beispiele, wo tolle Leute dadurch entdeckt wurden.

O&T: Es geht aber immer auch um Menschenführung in einer solchen Position. Inwieweit ist das künstlerische Profil desjenigen, der vor dem Orchester steht, wichtig und reicht vielleicht schon aus, um den Funken überspringen zu lassen, weil es eine sehr sachbezogene Führungsaufgabe ist? Inwieweit bedarf es Führungsqualitäten, persönlicher Qualitäten, die über diese sachliche Führungsaufgabe hinausgehen?

Mallwitz: Das Dirigieren an sich ist eine Führungsposition. Dafür braucht man keinen GMD-Job. In dem Moment, wo Sie zu einem Orchester kommen, reicht absolut das Künstlerische. Es muss in dem Moment um die Sache gehen. Wenn man verantwortlich ist für ein Haus, sind genauso andere Qualitäten gefragt. Es gibt auch Beispiele von Menschen, die tolle Dirigenten sind und daran scheitern.

O&T: In normalen Betrieben können Sie Führungsseminare ohne Ende besuchen. Das ist für Dirigenten nicht vorgesehen?

Mallwitz: Nein. Für mich war es gut, dass ich den ganzen Betrieb von der Pike auf kennengelernt habe und überall beobachten konnte, was funktioniert und was nicht. Was ich immer wieder gemerkt habe: Nur wenn an einem Haus alles, was passiert, auch die Grundstimmung, oben ankommt, kann es funktionieren. Sobald diese Verbindung unterbrochen ist, funktioniert ein Haus nicht mehr. Ein Lehrer hat mal zu mir gesagt: Man kann den Leuten eigentlich nur das beibringen, was sie schon können. Bei mir war es learning by doing.

O&T: Nicht nur in der Musikwelt, aber hier im Besonderen, gibt es wenige weibliche Führungskräfte. Wie sehr nervt es Sie, auf dieses Thema immer wieder angesprochen zu werden?

Mallwitz: Ich finde es traurig, dass man noch so viel darüber sprechen muss und dass man so häufig als Frau Dinge gefragt wird, die überhaupt nichts mit der Qualität der Arbeit zu tun haben. Ich merke aber, dass wir noch längst nicht an dem Punkt sind, wo man nicht mehr darüber sprechen muss, und es wird immer wieder durch Journalisten, Medien, Publikum an mich herangetragen. Ich würde mir aber wünschen, dass sich die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird, verändert. Es würde viel mehr bringen, wenn man auch in Interviews mit Frauen einfach über ihre Arbeit spricht und dadurch zeigt: Es gibt immer mehr Frauen.

O&T: Meinen Sie nicht, dass es tatsächlich für eine Frau schwieriger ist, in eine Position wie die Ihre zu kommen, als für einen Mann?

Mallwitz: Das wird immer so gesagt. Eine Generation vor mir war es vielleicht auch noch so, dass man sich als Frau männlicher geben musste, um überhaupt zu überleben. Ich selbst kann das aber gar nicht. Für mich ist die Tatsache, dass es bei mir geklappt hat, ein Zeichen dafür, dass sich in der letzten Generation doch etwas geändert hat. Dass es mir möglich ist, als Frau Karriere zu machen, ohne mich männlich zu geben, ohne mich zu verstellen. Wichtig ist vor allem, authentisch zu sein. Ohne das funktioniert es nicht, gerade vor einem Orchester.

Das streift natürlich auch noch andere Themen. Hätte ich bis heute vier Kinder bekommen, wäre ich vielleicht jetzt nicht in Nürnberg. Das ist für Frauen immer noch anders, selbst wenn man einen Ehemann hat, der viel tut. Bestimmte Dinge kann halt nur die Frau. Das wird immer ein Unterschied bleiben. Aber eine Entwicklung hat es gegeben. Man kann das auch nicht überstürzen.

O&T: Und hat das wiederum nicht auch damit zu tun, dass die Frage in den Medien, in der Öffentlichkeit immer wieder zum Thema gemacht wird?

Mallwitz: Ich glaube, die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird, ist wichtig. Und da sind auch die Medien in der Verpflichtung. Man sollte versuchen, allen Dirigenten und Dirigentinnen mit der größtmöglichen Offenheit zu begegnen. Für jemanden im Publikum, für den das neu ist, wäre es viel spannender, von einer Dirigentin zu erfahren, wie sie arbeitet, wie sie das Stück sieht, und nicht, wie sie sich als Frau mit High Heels am Pult fühlt. Gleichzeitig ist jetzt auch die Zeit, wo Frauen einfach zeigen müssen, was sie können.

O&T: Gibt es für Sie einen Unterschied darin, wie Frauen musizieren/dirigieren im Vergleich zu Männern?

Mallwitz: Nein, das ist personenabhängig. Es gibt einen Unterschied zwischen jeder einzelnen Person und der Art wie diese musiziert oder dirigiert. Es gibt keine zwei Dirigenten, die sich ähneln, egal ob Mann oder Frau. Das andere ist Teil des Klischees. Jedes Mal, wenn eine Frau dirigiert, ist das vielleicht „elegant“… Aber wenn Sie sich verschiedene Dirigentinnen angucken: Manche sind sehr sportlich, andere zackig. Und bei den Männern ist es genauso. Vielleicht gibt es männliche und weibliche Energien. Jeder von uns hat beides in sich, in verschiedenem Maß. Und beides macht die Persönlichkeit aus. Wenn man bei diesen Klischees einmal bleibt, muss auch ein Mann seine männlichen und seine weiblichen Seiten zeigen. Letztendlich ist das Stichwort immer Authentizität.

O&T: Noch einmal zurück nach Nürnberg. Wie sind Ihre künstlerischen Pläne?

Mallwitz: Zusammen mit dem Intendanten habe ich das große Ziel, dass Nürnberg ein offenes und vielseitiges Haus ist, das mit dem Programm, das wir spielen, alle anspricht. Im Prinzip das, was wir mit „Krieg und Frieden“ schon angefangen haben. Da hatten wir ein tolles Ensemble, das gut zusammengearbeitet hat. Es hat alles gestimmt, ich denke, nur so kann man Oper machen.

Mit dem Orchester ist es mir wichtig, langfristig zu arbeiten. Ich werde mindestens fünf Jahre hier sein. Da will ich mit Wagner, Strauss – diese Tradition gibt es hier ja schon – weiterarbeiten. Mein Ziel ist es auch, dass wir das Kammermusikalische im Orchester, das Sich-Vertrauen und Zuhören, an alleroberste Stelle heben. Diese Energien spüre ich im Orchester.

O&T: Wagner und Strauss – auch zeitgenössisches Repertoire?

Mallwitz: Ja, natürlich. Für ein Orchester dieser Größe und in dieser Stadt ist es wichtig, dass wir die großen Orchester- und Opernwerke spielen, mit denen sich ein Orchester auch ein Standing schaffen muss. Nürnberg hat eine Größe, bei der man sagen muss: In Nürnberg klingt Wagner so. Da habe ich das Ziel, das Profil noch zu schärfen. Aber natürlich: Ich dirigiere alles, was gut ist!


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