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Hintergrund

Kultur statt Kohle

Die RuhrKultur.Card will zu Kulturgenuss im Ruhrgebiet anregen

Es ist ein Bild mit Symbolwert: Ein einsamer Kumpel steht in voller Montur in der Waschkaue der Zeche Prosper Haniel, dort, wo die Bergmänner sich für ihre Schicht unter Tage umziehen. Unter der Decke hängen die Körbe mit der Arbeitskleidung – und der Kumpel hat eine VR-Brille auf der Nase. Seit Ende 2018 ist die Steinkohleförderung in Deutschland Geschichte, dann wird sie nur noch als Virtual Reality erlebbar sein. Und das Ruhrgebiet? Das war für Jahrzehnte ein Inbegriff der Kohle- und Stahlindustrie. Für das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit war es von entscheidender Bedeutung, doch nach dem Niedergang der Großindustrie hatte sich das Ruhrgebiet quasi neu zu erfinden. War die Kohle einst das „Schwarze Gold“, so galt es nun neue Schätze zu erschließen.

Die Erhaltung der Industriekultur mit Zechen und Fördertürmen, Kanälen und Halden als prägende Landmarken ist einer dieser Schätze, doch kann man gerade im Ruhrgebiet ganz allgemein auch Kunst und Kultur dazu zählen. Allein die Dichte an kulturellen Institutionen, die auf einer Fläche von 4.435 Quadratkilometern – dem größten Ballungsraum Deutschlands – versammelt sind, und die nicht nur von den 5,1 Millionen Einwohnern genutzt werden, sondern auch zahlreiche auswärtige Besucher anziehen, spricht hier für sich. Aus dem einstigen schwarzen Schaf ist längst ein kulturelles Schlaraffenland geworden, eine Region mit einer sehr starken kulturellen Identität – jedenfalls, wenn man die schiere Anzahl der potentiellen kulturellen Möglichkeiten bedenkt, die hier zur Verfügung stehen.

Die RuhrKultur.Card will zu Kulturgenuss im Ruhrgebiet anregen

Die RuhrKultur.Card will zu Kulturgenuss im Ruhrgebiet anregen

Mit diesem Pfund will man nun verstärkt wuchern; die RuhrKultur.Card soll dazu das passende Vehikel sein. „20 Museen, 11 Bühnen, 3 Festivals in 16 Städten“, so wirbt man, lassen sich mit der neuen Karte nutzen, die für 45 Euro inklusive eines Reiseführers erhältlich ist. Mit dem RuhrKultur.Guide bekommt man dabei einen handlichen Kulturführer an die Hand, fast 200 Seiten stark, der in kurzer und bündiger Weise das Wesentliche zu den beteiligten Institutionen und ein paar touristische Highlights in Taschenbuchgröße bündelt. Die RuhrKultur.Card kommt im Scheckkartenformat daher, passt in jedes Portemonnaie und soll sich für die Kulturliebhaber auszahlen. Für die beteiligten Institutionen freilich auch, die mit dieser Aktion den kulturellen Fokus des Ruhrgebietes stärker betonen möchten.

Das Theater Dortmund macht mit bei der RuhrKultur.Card. Hier mit „Inferno“, Teil 1 der Dante-Trilogie. Foto: Maria-Helena Buckley

Das Theater Dortmund macht mit bei der RuhrKultur.Card. Hier mit „Inferno“, Teil 1 der Dante-Trilogie. Foto: Maria-Helena Buckley

Doch was bekommt man als Endverbraucher außer einem kleinen Büchlein an Mehrwert? Die 45 Euro für die RuhrKultur.Card wollen schließlich amortisiert sein. Das kommt darauf an und hängt von der jeweiligen Institution ab. Im Falle der Museen gibt es entweder einmalig freien Eintritt oder – in Häusern, die ohnehin eintrittsfrei sind – ein kleines Geschenk. Oder es gibt – wie bei den teilnehmenden Bühnen und Festivals – einmalig 50 Prozent Rabatt auf ein Ticket ab der zweiten Preiskategorie – und nach Verfügbarkeit, denn hierfür gibt es nur ein spezielles Kontingent. Es gilt also erstens früh dran zu sein und zweitens mit spitzer Feder zu rechnen. Grob gerechnet sollte sich der Wert der RuhrKultur.Card aber schon mit ein bis zwei Theater- beziehungsweise Opernbesuchen amortisieren. Bei der Vorstellung der Kulturkarte kam die Oper zwar noch ein bisschen kurz, doch mit Dortmund, Hagen, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen sind die Ruhrbühnen auch in diesem Segment gut vertreten.

Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen für die RuhrKultur.Card, die zeigen soll, „wie stark und intensiv das Ruhrgebiet als Kulturregion“ ist, so Axel Biermann, Geschäftsführer der Ruhr Tourismus GmbH. Ziel sei es, die Leute zu mobilisieren, wie Stefanie Reichart von den RuhrKunstMuseen es ausdrückt. „Die Leute sollen sich auf den Weg machen.“ Die RuhrKultur.Card sei hierfür aber nicht mehr als eine Hülle. „Für den Inhalt sind zum Beispiel die Museen verantwortlich.“ Und die Wege sind im Ruhrgebiet bekanntlich kurz, auch mit Bus und Bahn. Vergünstigungen für den ÖPNV bietet die Kultur.Card als Jahreskarte zwar nicht, dafür könnte man sie aber zum Beispiel mit der WelcomeCardRuhr kombinieren, mit der man 24, 42 oder 78 Stunden lang freie Fahrt in der Metropole Ruhr hat, und die darüber hinaus eine Vielzahl an weiteren Vergünstigungen beinhaltet. Das Potenzial dieser Karte könnte nicht nur darin bestehen, dem Verbraucher einen Mehrwert zu bescheren, sondern auch althergebrachtes Kirchturmdenken aufzubrechen. Diese Erfahrung machte man jedenfalls während der Vorbereitung der RuhrKultur.Card. „Unsere Stärke besteht darin, dass wir uns zusammenrotten. Wir nehmen uns gegenseitig nichts weg“, wie Michael Schulz, Sprecher der RuhrBühnen, es formulierte.

Das Theater Dortmund macht mit bei der RuhrKultur.Card. Hier mit „Inferno“, Teil 1 der Dante-Trilogie. Foto: Maria-Helena Buckley

Das Theater Dortmund macht mit bei der RuhrKultur.Card. Hier mit „Inferno“, Teil 1 der Dante-Trilogie. Foto: Maria-Helena Buckley

Leckerbissen aus dem reichhaltigen Kulturangebot gab es bei der Vorstellung der RuhrKultur.Card im Übrigen auch, zum Beispiel Ballett in der Oper Dortmund. Xi Peng Wang, seit 15 Jahren Ballettchef am Opernhaus, stellte den ersten Teil seiner Dante-Trilogie vor. Der nach dem ersten Band der Göttlichen Komödie folgerichtig „Inferno“ benannte Abend hatte gerade erst seine Premiere erlebt und erstaunlich war zunächst mal der gute Publikumszuspruch, unter der Woche und für ein so experimentelles Stück gewiss keine Selbstverständlichkeit. Die vorab verbreitete Warnung vor dem tinnitusverdächtigen Soundtrack erwies sich als überzogen.

Offenbar gab es diesbezüglich Kritik, doch möge sich jeder persönlich von der Ungefährlichkeit überzeugen. Das öffentliche Echo war jedenfalls einhellig positiv, so dass man durchaus gespannt auf die beiden weiteren Teile der Dante-Trilogie sein darf, die 2019 („Purgatorio“) und 2020 („Paradiso“) kommen sollen, dann alle inklusiv an einem Abend aufgeführt. Viel verstörender als die Musik waren die Bilder, die Xi Peng Wang gefunden hat und die das Grauen der Hölle in beklemmende tänzerische Aktionen fassen. Das Ballettensemble der Dortmunder Oper findet im kargen Bühnenbild von Frank Hallmann zu einer grandiosen Leistung, die nicht zuletzt neugierig auf die Fortsetzung macht. Man darf also gespannt sein.

Guido Krawinkel

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