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Berichte

Ohne szenische Nachwirkung

»Otello« an der Bayerischen Staatsoper

Verdis berühmte Sturmszene: kein Orkan – der geballt fabelhaft klingende Staatsopernchor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) steht als schwarzer Block unter Desdemonas weißem Salon, in dem sie die tobende Natur gleichsam in ihrem Inneren nachempfindet. Das Edelambiente betritt Otello mit einem jetzt eher befremdlichen „Esultate!“ (an wen bitte?) und akkurat gescheitelter, gegelter Kurzhaarfrisur, in grauem, undefiniertem Uniform-Imitat – eher IT-Offizier aus einer Leitzentrale für Drohnen-Einsatz, leider auch nahe am Eindruck „Buchhalter-Typ“. Schon für sein Londoner Otello-Debüt setzte Jonas Kaufmann durch, nicht zum dunkelhäutigen Mohren geschminkt zu werden, ein „Weißer“ zu bleiben. Darin traf er sich mit Regisseurin Amélie Niermeyer. Sie wollte ohnehin Desdemonas Schicksal mehr ins Zentrum ihrer Interpretation rücken. All das führte eher weg von Shakespeare, Boito und Verdi.

Gerald Finley, Jonas Kaufmann und der Chor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Gerald Finley, Jonas Kaufmann und der Chor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Schon Amélie Niermeyers Entscheidung, das Scheitern einer Ehe und Liebe zwischen zwei „Weißen“ ins Zentrum zu rücken, verkleinerte und ließ zentrale Konflikte beiseite: Otello als siegreicher Anführer der afrikanischen Widerstandsbewegung gegen die Türken; seine völlig außergewöhnliche Ernennung zum Oberbefehlshaber der venezianischen Flotte; seine aus dem Kontrast zu den venezianischen Playboys erwachsende Faszination als „der ganz Andere“ für das Millionärstöchterchen Desdemona; seine für die Handelsmacht Venedig zentrale Vernichtung der türkischen Flotte. Doch „Black lives matter“ eben nur begrenzt, denn Otellos Machtfülle kann für die Dogenmetropole eventuell auch gefährlich sein, daher ist seine Ablösung bereits per Schiff unterwegs, bevor seine Siegesmeldung in Venedig eingetroffen sein kann – daraus folgend bei Verdi: Otellos ungesicherter sozialer Status, seine reale und emotionale Verunsicherung, seine Anfälligkeit für Einflüsterungen, all dies gepaart mit einem leidenschaftlichen Temperament, dem mitteleuropäische Mäßigung schwer fällt – was Boito und Verdi in „il sangue mio ribolle – mein Blut kocht“ und mit den wildesten „Sangue! Sangue! Sangue!“-Rufen der bisherigen Opernliteratur in Verzweiflung, Mord und Selbstmord fassten.

Gerald Finley als Jago, Anja Harteros als Desdemona und der Chor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Gerald Finley als Jago, Anja Harteros als Desdemona und der Chor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

All das hat Regisseurin Niermeyer in Christian Schmidts edel-schöne Innenräume einer Villa verlegt. Zwar gibt es diese Räume auch als beeindruckend verschwurbelnde bühnengroße Video-Zuspielungen (Philipp Batereau) – doch das bleibt ungenutzte Zutat. Desdemonas auf halber Höhe im schwarzen Raum schwebendes weißes Kaminzimmer mit Bett fährt nach hinten, und der gleiche Raum bildet dann in Bühnengröße die weitere Spielfläche, auch für die Garten-Szene mit Blumenchor, mehrfach im Wechsel mit dem kleineren Raum, in dem Otello am Ende Desdemona erwürgt und sich selbst am Bühnenrand vorne am selben Bettmodell mit einem Messerchen ersticht – kein vereinender Kuss also. Mit ihm und der als liebende reife Frau agierenden Desdemona führt Regisseurin Niermeyer dann ein in etlichen Details fein gezeichnetes Kammerspiel à la „Mann eventuell mit Kriegstrauma, Frau ohne Aufgabe“ vor – viel zu nahe an Strindberg und Ibsen, also an allzu alltäglichen „Szenen einer Ehe“ im zeitlos heutigen Kostüm (Annelies Vanlaere) – alles verkleinert, keine exemplarischen Figuren, keinerlei Fallhöhe… So schlicht konsumierbar, dass das Premierenpublikum unerschüttert für das Inszenierungsteam ein bisschen weniger klatschte, aber eben auch zu keinem Buh gereizt war.

Jonas Kaufmann als Otello, Anja Harteros als Desdemona. Foto: Wilfried Hösl

Jonas Kaufmann als Otello, Anja Harteros als Desdemona. Foto: Wilfried Hösl

Jubelstürme aber für die sehr schön singende, wie eine Gräfin agierende Anja Harteros, deren Edel-Sopran nun über die mädchenhaft süße Innigkeit des Liebesduetts, des „Weiden-Lieds“ und des „Ave Maria“ hinaus ist. Jonas Kaufmann führte seinen „weißen Otello“ aus dem Londoner Debüt vor; für die dunklen Phrasen passt sein Tenor ideal, bei den Ausbrüchen werden Grenzen hörbar. Im Gegensatz zu den beiden Stars war Jago-Debütant Gerald Finley die ganze Probenzeit anwesend: ein fein nuanciertes Intriganten-Porträt – er profitierte erkennbar von der Schauspiel-Regisseurin Niermeyer, sang ohne italienische Bösewicht-Brüllerei beeindruckend und wurde als Star des Ensembles gefeiert. Uneingeschränkter Jubel auch für alle Chöre, das Staatsorchester – gesteigert noch für Dirigent Kirill Petrenko. Auch wenn die kalte Härte, die sehrende Dramatik und die fahlen Abgründe der Toscanini-Aufnahme unerreicht bleiben: Es gab sonst untergehende Chor-Zwischenruf-Abstufungen, einen staunenswerten Nuancenreichtum in der Feinzeichnung und dann mitreißende Orchesterausbrüche – dieser Münchner „Otello“ beeindruckt als Hör-Oper, szenisch bleibt er ohne Nachwirkung.

Wolf-Dieter Peter

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