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Klassik im Stream

Digitale Zugänge zu Oper und Tanz

„Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ – dieser klassisch gewordene Satz Willy Brandts muss auch auf die sogenannte Hochkultur angewandt werden: von 302 Euro abwärts für eine gute Karte in der Wiener Staatsoper, in München ab 243 Euro, in Londons Royal Opera ab 285 Pfund oder ein „Ring“-Zyklus in der New Yorker „Met“ ab 2.600 Dollar abwärts… Ist es da nicht „sozial“ und „demokratisch“, wenn Aufführungen dieser Opernhäuser im Kino geboten werden – London für 23, die „Met“ für 36 Euro und die Bayerische Staatsoper via Stream sogar kostenlos?

Wer den undemokratischen Premieren-Zirkus etwa zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele – Privat-Auto-Umleitung, Absperrung des Vorplatzes für den Promi-Aufmarsch, in den Pausen Gitterabsperrungen, damit Ehrengäste bestaunt werden und ungehindert ins Edel-Restaurant gehen können, kein Rundgang ums Festspielhaus – zähneknirschend erduldet hat, kann den 25. Juli ab 18 Uhr auch ganz anders erleben: im Kino. Seit 2012 wird die jeweilige Neuinszenierung unter Kürzung der zweimal einstündigen Pausen leicht zeitversetzt live übertragen. Für 25 Euro sitzt man in einem bequem gepolsterten, eventuell leicht kippbaren Fauteuil. Die vom Veranstalter für die Übertragung zugelassenen Kinos verfügen über eine große Leinwand und ein erstklassiges 5.1-Surround-Soundsystem – Ergebnis: erstklassiger Klang, gestochen scharfes Bild und „Film-Eindrücke“.

Bayerische Staatsoper mit ihrem „TV-Angebot“.

Bayerische Staatsoper mit ihrem „TV-Angebot“.

So war in der „Meistersinger“-Übertragung 2017 mit zwei herausragend begabten Sängerschauspielern wie Michael Volle und Johannes Martin Kränzle ein bewegendes Drama zwischen Sachs und Beckmesser in Nah- und Großaufnahme zu erleben, wie es selbst die ideale fünfte Reihe Mitte im Festspielhaus nicht möglich macht; auch Sachsens „Anleitung zum Meistersang“ an den Spontankünstler Stolzing in der Schusterstube geriet zum singulären Naherlebnis. Im „Lohengrin“ von 2018 frappierten dann sogar Kamera-Bilder von der Seitenbühne oder Szenen-Draufsichten aus dem Schnürboden bis hin zur schonungslosen Vorführung, wie premieren-angespannt und/oder erschöpft Piotr Beczala war, so dass er in Lohengrins „Gralserzählung“ textfremd dahinimprovisierte. Wirklich feinsinnige Musikfreunde werden dagegenhalten „Aber die singuläre Festspielakustik…“. Ja, aber selbst geschulte Ohren hören in solchen Übertragungen etwa orchestrale Pianissimi oder Nebenstimmen wie sonst kaum im Opernhaus.

Diese beeindruckend hohe Qualität kommt daher, dass Bayreuth oder München Profi-Firmen für einen „niedrigen fünfstelligen“ Betrag engagieren. Sie kommen mit vier bis sechs Kameras: zwei im Parkett hinten, zwei im 1. Rang links und rechts, dazu in Einzelfällen Proszeniumsloge und/oder 2. Rang, manchmal Parkett seitlich – je nach Inszenierung und Bühnenbild. Wieder einmal ist an den unvergessenen Gérard Mortier zu erinnern: Er wurde schon vor seiner dortigen Intendanz (ab 2010) von den Verantwortlichen des Teatro Real Madrid um Ratschläge gebeten und setzte ein komplettes Radio- und Fernsehstudio samt Team im Haus durch, so dass alle Produktionen des Hauses seither aufgezeichnet oder übertragen werden können. Damit war das mediale Übertragungsteam bei allen Bühnenproben anwesend und konnte über den Bildschnitt mit dem Regieteam sprechen. Heute dominiert die Vorgehensweise, dass – wie an der Bayerischen Staatsoper – von der Kommunikationsabteilung und der Intendanz ein Bildregisseur ausgewählt und engagiert wird. Die Übertragung vermittelt somit eine „zweite Regie“, also andere Bildeindrücke als die Bühneninszenierung durch die Guckkastenperspektive im Theater. Andererseits bekommt der Kinobesucher oder häusliche Fernsehzuschauer/Internetnutzer eventuell raffinierte oder kleine Spielzüge, vor allem aber die Protagonisten „nahe gerückt“. Das ist für viele ein Hauptargument: Sie erleben „ihren“ Star gleichsam aus der Nähe, den Tenor oder Danseur Noble, die Diva oder Primaballerina, die nie in ihrem Theater auftreten werden, zu denen eine teure „Festspielreise“ nicht möglich ist.

Das lässt sich auch an den Nutzungszahlen von live im Netz gestreamten Neuproduktionen der Bayerischen Staatsoper ablesen: Weniger populäre Werke werden rund 15.000 mal aufgerufen, eine Neuproduktion wie „Otello“ mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros rangiert mit rund 115.000 Abrufen bisher an der Spitze. Außerdem bietet die Staatsoper zusätzlich an, dass vom Publikumsliebling und doch wohl schon mit dem Etikett „Stardirigent“ zu versehenden Dirigenten Kirill Petrenko geleitete Aufführungen sogar noch einen Tag länger als Stream abrufbar bleiben – kostenlos.

Das ist ein Unterschied etwa zur Wiener Staatsoper, wo der Opernfreund sich anmelden muss und für ein einmaliges Live-Erlebnis 14 Euro, für ein 12-Monate-Abonnement aller angebotenen Live-Übertragungen 159 Euro zu bezahlen hat – dafür einen ganzen „Ring“, einen breit gefächerten Repertoire-Querschnitt und drei Ballettabende zuhause genießen kann. Außerdem bietet die Wiener Oper eine Videothek an, aus der man für 5 Euro bestimmte, wohl von der Intendanz als „wichtig“ oder „herausragend“ eingestufte Aufzeichnungen für eine Woche abrufen kann, darunter auch Ballett und Kinderoper.

All das wirkt „sozial“ und „demokratisch“, denn damit wird „niederschwellig“ zugänglich und erschwinglich gemacht, was der oft ungenannte Hauptsponsor des europäischen und speziell deutschen Theaterreichtums möglich macht: der Steuerzahler, der jede Vorstellung mit bis zu 120 Euro pro Sitz mitfinanziert.

Diese erfreulichen Aspekte sind nur leider durch etwas ernüchternde Fakten einzuschränken. Zwar liegen bislang nur wenige wissenschaftlich fundierte Analysen vor. Doch die hauptsächlich von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durchgeführten zahlenmäßig kleinen Befragungen zeigen komprimiert: Kinobesucher wie Stream-Nutzer sind grundsätzlich höher gebildet, „kino-affin“ und zum Großteil auch Theatergänger; sie würden den Theaterbesuch bevorzugen, auch des „festlichen Ambientes außerhalb des Alltags“ wegen; von einer sozial heterogenen Zusammensetzung kann nicht die Rede sein. Sie gehen ins Opern-Kino, um ihr Repertoire zu erweitern oder Stars zu erleben; bei Stream-Nutzern ist nicht greifbar, ob sie das Werk ganz oder teilweise sehen. Jugendliche Besucher sind stark „kino-affin“ und probieren Oper im Kino eher mal aus, aber es ist keine „Verjüngungsoffensive“ belegbar; durchweg sind Opern-Kinobesucher älter als das Opernpublikum.

Insgesamt zeigt sich, dass die neuen Medien die alten nicht verdrängen, sondern neue Kombinationen eingehen, also den Opernhäusern durch Kino oder Stream keine Gefahr erwächst – was auch die 97-Prozent-Auslastung der Bayerischen Staatsoper beweist. In Ländern jenseits des „Theaterparadieses Deutschland“ wirken die neuen Medien positiver: Met-Aufführungen werden in 2.000 Kinos weltweit übertragen und von rund 2,7 Millionen Menschen gesehen… also doch etwas von „mehr Demokratie“… Allerdings ist die Auslastung der Met in diesem Zeitruam von 90 auf 67 Prozent gesunken.

Wolf-Dieter Peter

  • Für die genannten Nutzungsarten bedarf es auch rechtlicher Klärungen. Mehr dazu auf der Seite VdO aktuell (S. 35 in diesem Heft).

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