Allerdings ist Regisseur Christian Schuller weniger an einem naturalistischen Armutsstück gelegen. Ihn interessieren wie Humperdinck die psychischen Prozesse, die durch den Hunger – oder allgemeiner: durch die versagte Bedürfnisbefriedigung – im Innern der Kinder ausgelöst werden. Diese Erfahrungen kulminieren in der Fantasiefigur der Hexe, für die der Regisseur weitab von allen Aufführungsklischees eine sehr zeitgemäße und ungemein stichhaltige Deutung findet. Die böse Magierin erscheint als gleisnerischer Verführungsapparat, gesteuert von den Handgriffen eines öligen Zirkusdompteurs aus dem Dunstkreis der Unterhaltungsindustrie. Als ein individuelles Wesen existiert die Hexe überhaupt nicht. Sie ist vielmehr nur das Erzeugnis der schimärischen Verheißungen einer inhumanen Wohlstandswelt. Ohne sich pädagogisch zu ereifern leistet diese Interpretation wertvolle Aufklärungsarbeit über die für Jung und Alt verheerenden Suggestionskünste der allgegenwärtigen Agenten einer geist- und seelenlosen Massenkultur. Nun sind Hänsel und Gretel bekanntlich zu gewitzt, um solchen Versuchungen anheimzufallen. Doch warum die Hexe von den Kindern besiegt werden kann, wird in Bremen nicht deutlich genug. Das Singen, Tanzen und Spielen macht die beiden jungen Helden intelligent und selbstbewusst und damit lebenstüchtig. Humperdinck hat seine sublimsten kompositorischen Eingebungen darauf verwendet, die ästhetische Form der Realitätsverarbeitung durch seine Protagonisten zu illuminieren. Diesen Momenten schenken Schuller und Choreografin Jacqueline Davenport zu wenig Liebe und Aufmerksamkeit. Fast völlig abhanden gekommen ist der Aspekt der Natur- und Weltgeborgenheit. Die religiös melierte Spätromantik Humperdincks löst Schuller in bisweilen ernüchternde Bilder auf: Zu den friedlichen, zärtlich-sanften Klängen des Abendsegens trippeln zwergartige, wasserköpfige Oberkellner um die schlafenden Kinder herum, bereit ihre Bestellungen entgegenzunehmen und Menüs zu servieren. Eine wohl kalkulierte Denunziation der zauberhaften Musik? Die Natur fällt als echter Dialogpartner der Kinder aus. Beim Taumännchen mit seinem Sprühkanister auf dem Rücken denkt man unwillkürlich an einen Schädlingsbekämpfungseinsatz. Die angestrebte Anpassung an eine zeitgemäße, für heutige Kinderaugen lesbare Bühnenoptik wird mit einer erklecklichen Portion Poesielosigkeit erkauft. Ob sich darin vielleicht doch ein Altern des gerne für unsterblich ausgegebenen Werkes ankündigt? Oder sollte man eher von dem Altern einer naturentfremdeten Zivilisation vor der Jugendfrische der Humperdinck‘schen Schöpfung sprechen?Wie schon bei Ligetis „Le Grand Macabre“ springt Bre-mens Kapellmeister Daniel Montané für die Schwächen der Szene in die Bresche. Schon die Ouvertüre geht ihm flüssig und leicht von der Hand. Montanés Interpretation der Orchesterintermezzi sprüht vor Lebendigkeit und Feuer, scheut das Schwelgerische nicht und bewahrt sich auch noch in der wild-fantastischen Episode des Hexenritts ein Lächeln. Es ist nicht zu überhören, dass mit Montané abermals ein künftiger Spitzendirigent für das Theater Bremen verpflichtet werden konnte. Meisterlich gelingt die klangliche Balance von Gesang und Orchester. Bis in die kleinen Partien hinein verkörpern die Sänger Idealbesetzungen. Mit klarer, großer, jugendlich leuchtender Sopranstimme öffnet Nadine Lehner ihre Interpretation der Gretel, ohne ein unnatürliches Kindertimbre aufsetzen zu müssen. Chordirektor Tarmo Vaask hat den professionell agierenden Kinderchor zu bemerkenswerter Fülle und Strahlkraft und einem lupenreinen stimmlichen Gleichmaß geführt. Der einzige Schönheitsfehler einer sonst tadellosen musikalischen Einstudierung bleibt die nicht immer vorbildliche Wortdeutlichkeit. Christian Tepe |
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