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Kulturpolitik

Zwischen Kunst und Pädagogik

Symposium zu Perspektiven der Gesangskunst · Von Andreas Hauff

„Dies Füßchen so zierlich und klein, ah“ – wer kennt es nicht, das Couplet der Adele aus der „Fledermaus“, affektiert, mit großer Stimme und nahezu unverständlich aus geläufiger Sopranistinnen-Kehle gedonnert – eben nicht als keckes Liedchen einer pfiffigen Kammerzofe, sondern als (wohl eher unfreiwillige) Karikatur einer großen Dame?

 
 

Vortrag über die Sängerstimme von Daniel Käsmann. Foto: Universität

 

So etwas hört man von gestandenen Sängerinnen. Ist es ein Wunder, dass eine Gesangsstudentin dieses Vorbild vor etwa 100 Zuhörern im Hörsaal der Mainzer Uniklinik reproduziert? Erstaunlich ist hingegen, was dann passiert: Oren Brown, Nestor der US-amerikanischen Gesangspädagogik, beginnt mit der jungen Frau zu arbeiten. Er spricht über die Entspannung der Außenmuskulatur, lässt die Studentin Kopf und Schultern lockern und dann den Anfang des Couplets („Mein Herr Marquis“) sprechen – geleiert und nahezu spannungslos. Die Studentin tut sich schwer. „It’s hard to not do a lot”, kommentiert der erfahrene Pädagoge verständnisvoll und lässt den Text stumm sprechen, danach auch die Melodie ohne Worte herunterleiern. Die Überspannung weicht. Jetzt, so Brown, komme es darauf an, Melodie und Artikulation zu kombinieren – „to do two separate things at the same time“. Auf einmal ist nicht nur die Sängerin entkrampft, sondern auch der musikalische Ausdruck, ja die ganze Bühnengestalt wirkt stimmig.

Zurückgeblieben

Besser als auf diese Weise hätte sich die Intention des Symposiums kaum veranschaulichen lassen, zu dem der Fachbereich Musik der Johannes-Gutenberg-Universität und die Lohmann-Stiftung Wiesbaden gemeinsam eingeladen hatten. „Neue Perspektiven der Gesangskunst“ lautete der Titel der Veranstaltung; dass nun gerade ein 94-jähriger Nordamerikaner als Repräsentant jahrzehntelanger und erfolgreicher Verknüpfung von Kunst, Wissenschaft und Pädagogik geladen wurde, deutet daraufhin, dass die zu eröffnenden Perspektiven im Prinzip so neu nicht sind. Die Mainzer Gesangsdozentin Julia Bauer, zuständig für Konzeption und Organisation der Veranstaltung, hält die deutsche Gesangspädagogik denn auch im internationalen Vergleich für zurückgeblieben. Dass Absolventen deutscher Gesangsklassen inzwischen selbst mit Bestnoten Schwierigkeiten hätten, im internationalen Vergleich zu bestehen, deute auf einen erheblichen Reformbedarf in der Ausbildung hin.
Julia Bauer stellte bemerkenswerte Ergebnisse einer Umfrage im Bundesverband deutscher Gesangspädagogen vor. Demnach zählt die große Mehrheit der Gesangslehrer und -lehrerinnen zwar die Vertrautheit mit verschiedenen Methoden und die umfassende Kenntnis der Fachliteratur zu den Eigenschaften eines guten Gesangspädagogen. Bei stimmlichen Problemen eines Schülers belässt man es aber weitgehend beim Rückgriff auf bewährte Methoden, insbesondere das Vor- und Nachsingen und das Ausprobieren von Übungen. Der Blick in die Fachliteratur oder das beratende Gespräch mit Kollegen kommt hingegen in der Regel kaum vor. Und auch die Fähigkeit zur Vermittlung verschiedener Gesangstechniken (über deren bloße Kenntnis hinaus) wird kaum für wichtig gehalten. Weitere Defizite zeigten sich im Verlauf der zwölf Vorträge und zwei Podiumsdiskussionen. Deutsche Gesangslehrer- und -lehrerinnen, so kann man den inhaltlichen Tenor resümieren, reflektieren insgesamt zu wenig über den pädagogischen Anteil ihrer Tätigkeit, und sie schauen nur geringfügig über den Tellerrand ihrer eigenen Disziplin.

Nachholbedarf

Unter den Referenten fanden sich neben Sängern und Gesangspädagogen auch Stimmwissenschaftler, Fachärzte und Logopäden, Musikwissenschaftler und Praktiker des Musikbetriebs. Die Beiträge aus medizinischer, naturwissenschaftlicher und empirischer Sicht bestätigten teilweise sängerische Alltagserfahrungen, teils lenkten sie den Blick auf bisher vernachlässigte Zusammenhänge. Dass Sänger und Logopäden etwa Sängerstimmen durchaus unterschiedlich beschreiben und bewerten, deutet auf einen erheblichen Nachholbedarf an Vergewisserung und Verständigung über stimmliche Prozesse und Vorstellung hin. Dem schwedischen Stimmforscher Johan Sundberg kann man nur darin beipflichten, dass die visuelle Anschauung auf dem Papier oder dem Bildschirm stimmliche Phänomene anschaulicher und besser begreifbar macht. Dass physiologische Untersuchungen gewichtige Indizien für die Stimmgattung zu Tage fördern und dass es in Berlin und Hamburg bereits geglückte Modelle der Zusammenarbeit zwischen Sängern und Phoniatern gegeben hat, gehört mit Sicherheit auch zu den Erkenntnisgewinnen der Tagung.

Rock und Pop einbinden

Claus Ocker von der Lohmann Stiftung zeigte sich in seinem Schlusswort hoch zufrieden mit Verlauf und Ergebnissen der Tagung. Ocker hatte allerdings vorher im Anschluss an den Vortrag von Jürgen Kesting über die Wandlungen des Stimmideals in den letzten 100 Jahren eine Frage gestellt, die im Lauf der Veranstaltung nicht beantwortet wurde. Dazu, wie mit den Stimmidealen aus Pop, Rockmusik und HipHop umzugehen sei, die den musikalischen Geschmack der aufwachsenden Generation ganz selbstverständlich prägen, sind Erfahrungsaustausch und Konzepte noch dringend erforderlich. Dass es genügend engagierte und kompetente Gesangspädagogen gibt, die den Gesprächsbedarf über die Probleme und Perspektiven ihrer Tätigkeit sehen und auch die notwendige Gesprächsbereitschaft mitbringen, ist vielleicht das wichtigste Ergebnis der Mainzer Veranstaltung.

Andreas Hauff

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