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Kulturpolitik

Verona in Thule (Teil 2)

Nordische Oper und Chortradition
Von Armin Diedrichsen und Jochem Wolff

Das jüngste Land im Norden ist Island, das erst seit 1944 seine Selbständigkeit besitzt. Mit seinen nur 280.000 Einwohnern und einem landschaftlichen Szenario aus Gletschern, Geysiren und Vulkangebirgen lässt es den Betrachter im ersten Moment kaum an die Existenz eines florierenden Opernbetriebes denken. Und doch ist während der letzten Zeit in der Hauptstadt Reykjavík unter anderem eine beachtliche Musiktheaterszene gewachsen, in der sich die ganze Breite von der Oper bis zum Musical spiegelt. Musiktheater in Island, das ist bisweilen immer noch mit abenteuerlichen Umständen verbunden, jedenfalls was die Spielstätten und Realisationsmöglichkeiten auf der Bühne betrifft. Zwar leistet sich das kleine Land heutzutage schon zwei Sinfonieorchester und an der Basis hervorragende musikalische Ausbildungszentren, aber der Aufwand für einen regelmäßigen großen Opernbetrieb übersteigt vorläufig doch noch die gegebenen Kapazitäten. Die 1981 ins Leben gerufene Isländische Operngesellschaft hat dafür gesorgt, dass ein Kino für Musiktheaterzwecke umgebaut wurde und dass das Ensemble vor Ort zusätzlich ein Gastrecht auf der Bühne des Nationaltheaters nutzen kann. Dennoch ist es verständlich, dass sich nicht wenige, hochtalentierte isländische Opernsänger und -sängerinnen vorerst in Mitteleuropa verpflichtet haben. Trotzdem werden in Island in deutlich zunehmendem Maße Opern komponiert, was wohl in erster Linie darauf beruht, dass Schaffenslust und Schaffensenergie in dieser jungen Nation offensichtlich in Überfülle vorhanden ist.

Musik-Pionier

 
 

Ein besonderes musikalisches Ereignis in Reykjavik war die Produktion des „Fliegenden Holländer“ unter der Leitung von Gregor Bühl. Eine Kooperation zwischen der isländischen Oper, dem Nationaltheater, dem isländischen Symphonieorchester und dem Reykjavik Arts Festival. Foto: Björg Björnsdottir

 

Der erste nennenswerte Komponist Islands war Jón Leifs ( Jahrgang 1899), ein Pionier in jeder Weise, der auch in organisatorischer Hinsicht als Erbauer der eigenen Musikkultur bezeichnet werden muss. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren in Mitteleuropa kehrte Leifs 1950 endgültig nach Island zurück, war dann wesentlich an der Gründung des ersten Orchesters beteiligt, rief Chöre ins Leben und formte junge Kammermusik-Ensembles. In den darauffolgenden achtzehn Jahren schrieb Leifs vorzugsweise Orchesterwerke, Streichquartette und Vokalkompositionen. Nach seinem Tod, 1968, blieb die Partitur seines choreografischen Dramas „Baldur“ immer noch unaufgeführt liegen. Erst im Jahre 2000, als Reykjavík zur Europäischen Kulturhauptstadt ernannt war, wurde der Zweiakter „Baldur“ mit der Opuszahl 34 szenisch-musikalisch realisiert und damit zur posthumen Uraufführung deklariert.

Führende Köpfe

 
 

Malgorzata Walewskaals Aida in Savonlinna 2001. Foto: Matti Kolho

 

Zum Kreis der zeitgenössischen Musiktheater-Komponisten in Island zählen als führende Köpfe Atli Heimir Sveinsson, Thorkell Sigurbjörnsson, Karólína Eiríksdóttir und Haflidi Hallgrimsson. Hallgrimsson ist vom Theater Lübeck, wo nach Worten des Intendanten Marc Adam unter anderem „eine skandinavische Linie fortgeschrieben wird“, mit einer Uraufführung in deutscher Sprache für das Jahr 2004 beauftragt worden. Diese Oper trägt den bewusst irritierenden Titel „Die Wält der Zwischenfälle“ und soll sich inhaltlich, nach den skurrilen Texten des russischen Schriftstellers Daniil Charms, mit politischer Willkür und mit der Zerstörung menschlicher Beziehungen auseinandersetzten.

Der produktivste Opernkomponist in Island ist Atli Heimir Sveinsson (geboren 1938). Grundsätzlich gilt er mit seinem kompositorischen Gesamtwerk, mit seinen Ämtern, Funktionen und internationalen Auszeichnungen als der wichtigste Repräsentant der gegenwärtigen isländischen Musikkultur. Als Kosmopolit hat er viele internationale Einflüsse aufgenommen, auch während seiner Studienzeit, die er als Schüler von Bernd Alois Zimmermann und Karlheinz Stockhausen in Köln verbrachte. Sein Opernschaffen eröffnete Sveinsson im Jahre 1980 mit dem Stück „Die Seidentrommel“, gefolgt von einer mit dem Titel „Vikivaki“ überschriebenen Fernsehoper, die von allen fünf nordischen Ländern in arbeitsteiliger Funktion produziert und danach synchron ausgestrahlt wurde.

Dichtes Musikschulnetz

Island hat, bezogen auf seine geringe Besiedlung (280.000 Einwohner, von denen über 140.000 in Reykjavík leben, Tendenz steigend), das dichteste Musikschulnetz der Welt. Musik und Literatur gehören so eng zum Alltag und zum Selbstverständnis der Isländer, dass man ohne Übertreibung behaupten kann: Island als Gemeinwesen ist eine kulturtragende Gemeinschaft. Die Komponistenvereinigung, durch Jón Leifs 1945 gegründet, nimmt eine wichtige Rolle ein; aus ihr ging STEF hervor, die der GEMA vergleichbare Urheberrechtsgesellschaft. Die bedeutendsten Kulturträger sind das Reykjavík Byorkester (Städtisches Orchester), das Kammersveit Reykjavík (Kammerorchester) und das Isländische Radio, in dem alle nur vorstellbare inländische Musik ihren festen Platz hat. Die Philharmonische Gesellschaft, 1932 gegründet, fördert zeitgenössische Aktivitäten; in einem Land, dessen Einwohner erst nach dem 2. Weltkrieg ihre Identität zurückerhielten, nicht verwunderlich.

Opernboom

In Finnland herrscht seit etwa drei Jahrzehnten geradezu ein Opernboom. Schon vor über 20 Jahren tauchten finnische Opern-komponisten auf deutschen Spielplänen auf und finnische Gesangssolisten – es begann einst mit Martti Talvela und Matti Salminen – sind längst zu wichtigen Größen im internationalen Starbetrieb geworden. Mittlerweile führt Finnland nicht nur die Opernproduktion im gesamten skandinavischen Bereich an, sondern gilt als eine der wichtigsten Opernnationen europaweit. Das betrifft ebenso sehr die Qualität wie auch die Quantität: Nicht nur relativ gesehen finden dort die meisten Opern-Uraufführungen im europäischen Vergleich statt – in manchen der zurückliegenden Jahre basiert dieser statistische Wert sogar auf absoluten Zahlen. Finnland erhielt 1993 institutionell eine neue Nationaloper, und zwar mitten in einer der bedrückendsten ökonomischen Rezessionen des Landes.

Savonlinna

Daneben gibt es in Finnland noch eine weitere, international berühmte Institution: die Opernfestspiele von Savonlinna, 300 Kilometer nordöstlich von Helsinki. Bereits zwischen 1912 und 1930 wurden im Innenhof der dortigen Burg Olavinlinna Opern-festspiele abgehalten, die als Vorläufer der nunmehr seit 1967 regelmäßig inszenierten Festspie-le gelten. Die militärisch-historische und die kulturell neue Funktion von Olavinlinna fielen symbolisch zusammen, als 1975 zur 500-Jahr-Feier der Burg Aulis Sallinens Oper „Der Reitersmann“ als Auftragswerk im Rahmen des Festivals uraufgeführt wurde. Sallinens „Reitersmann“ gelangte nach den großen Erfolgen in Savonlinna im Jahre 1980 in Kiel zur deutschen Erstaufführung.

Das erste Produkt neuerer Trends kam aus der älteren Generation vom damaligen „grand old man“ der finnischen Musikszene, Joonas Kokkonen, mit seinem Bühnenwerk „Die letzten Versuchungen“ – ein Stoff, der sich mit den für Finnland historisch typischen Glaubensauseinandersetzungen befasst.

In unmittelbarer zeitlicher Nähe zu Kokkonen war der Aarre-Merikanto-Schüler Aulis Sallinen aktiv geworden. Seine etwas älteren Komponisten-Kollegen zogen in ihrem Opernschaffen nach und dabei sind zum Beispiel Erik Bergman und besonders Einojuhani Rautavaara (Jahrgang 1928) zu nennen. Rautavaara, dessen Gesamtoeuvre mehr als ein Dutzend abendfüllender Opern, ähnlich viele Sinfonien sowie zahlreiche Orchester- und Kammermusik-Werke umschließt, ist hierzulande durch verschiedenste Aufführungen, Musiktheaterpremieren und CD-Einspielungen bekannt geworden.

Opernproduktionen ziehen sich in Finnland quer durch die Reihen der Komponisten und Komponistinnen.

Staatliche Förderung

Dass die Finnen dem Musiktheater recht unkonventionell begegnen, mag an der unterschiedlichen finnischen Kulturgeschichte, mag auch am finnischen Naturell direkt liegen, auf jeden Fall aber werden schon durch die Schulerziehung viele Impulse geliefert. Eine rege Förderung durch den Staat kommt hinzu. Neben der Vergabe gezielter Kompositionsaufträge verfügt das finnische Unterrichtsministerium über ein System von Staatsstipendien, die jungen, aber auch schon etablierten Künstlern über beachtliche Zeiträume zuteil werden. Ebenfalls hoch ist der staatliche Einsatz für den musikalischen Nachwuchs: Neben der renommierten Sibelius-Akademie in Helsinki bestehen im ganzen, flächenmäßig großen Lande staatlich subventionierte Musiklehranstalten, Musikinstitute und Musikschulen, und zwar auch in den entlegensten Winkeln.

Die Chormusik ist eine der Wurzeln skandinavischer Musiktradition und kann in ihrer überreichen Fülle nur gestreift werden. Nicht nur, dass sich nationales Selbstbewusstsein bis hin zur Überlebensstrategie hier niederschlug – wie etwa im Falle Islands und der Färöer –, Chorgesang als elementare Ausdrucksbasis für Kunstmusik ist bis heute unabdingbare Voraussetzung jeden künstlerischen Schaffens. Die wichtigsten Impulse erhielt die traditionelle Chormusik durch den Schweden Eric Ericsson, der in Ausbildung und Qualifizierung von Chorleitern international neue Maßstäbe setzte. Zu nennen wären viele herausragende Ensembles und Komponisten, so der Hamrahlidkorinn aus Reykjavík, der finnische Tapiola Chor, der schwedische Gustaf Sjökvist Kammerchor oder der Göteborger Bachchor, Lars Edlund in Schweden, die Jazzchorbewegung in Dänemark und vieles mehr: Verona – das könnte heute auch in Thule zu finden sein!

Armin Diedrichsen und Jochem Wolff

>>> (1. Teil des Artikels: O&T, 5/03)

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