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Berichte

Struwwelpeter in der Pubertät

Der Kinderbuchklassiker als Ballett am Theater Braunschweig

„Lustige Geschichten und drollige Bilder“ versprach der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann seinen Lesern mit dem „Struwwelpeter“. Seit der Entstehung im Jahre 1844 wurde das Kinderbuch in mehr als 40 Sprachen übersetzt, umgedichtet und parodiert. Wegen seiner Mischung aus Humor und Grausamkeit ist es bis noch heute ebenso beliebt wie umstritten. Welche Erziehungsbotschaften in dem Werk stecken, welchen Einfluss Verbote, Strafen und die Manipulationen der Erwachsenen auf das Leben der Kinder ausüben, diesen Fragen widmet sich Gregor Zöllig mit dem Tanztheater Braunschweig in seinem Stück „Struwwelpeter“. Auf Basis der schrägen Junkoper „Shockheaded Peter“ der britischen Band „Tiger Lillies“ interpretiert der Choreograf die zehn Geschichten noch viel drastischer, führt sie erzählerisch fort und Paulinchen, Konrad und den bösen Friederich in die Pubertät.

So krass wie die überdimensionalen Proportionen des Bühnenbildes ist die 100-minütige, pausenlose Bilderflut. Wie gedrillte Rekruten lässt eine Lehrerin ihre uniform in Weiß gekleideten Schützlinge aufmarschieren und demütigt sie mit Genuss. Der Zappelphilipp wird von einem riesigen Tischtuch begraben und verblutet, verletzt durch das herabgefallene Messer. Und Konrad entdeckt, dass es weitaus mehr Körperteile als den Daumen gibt, an denen man lutschen kann. Viel Gewalt ist im Spiel: Massenschlägereien, ausgelöst durch das Aggressionspotenzial des bösen Friederich, und überhaupt müssen beinahe alle sterben.
Doch Zöllig entwickelt auch sehr zarte Bilder. Geradezu ätherisch tanzt Mara Sauskat als weiblicher Hans Guck-in-die-Luft, in deren Träumen das Gemälde eines Meeres Gestalt annimmt, bis sie schließlich in den Wellen versinkt. Der Suppenkasper (Joshua Haines) begehrt nicht bloß bockig auf, sondern entzieht sich vielmehr leise, aber konsequent den elterlichen Versuchen, ihn zum Essen zu bewegen. Dazu entlockt Haines seiner Gitarre melancholische Klänge und singt dazu so berührend, dass Kaspars Wunsch, den streitenden Eltern durch Nahrungsverweigerung zu entkommen, geradezu nachvollziehbar erscheint.

Aufmarsch der Zöglinge. Foto: Lioba Schöneck

Aufmarsch der Zöglinge. Foto: Lioba Schöneck

Gesungen wird viel in dem 2008 in Bielefeld uraufgeführten Tanzstück, gesprochen noch mehr. Leider sind die Worte nicht immer gut zu verstehen, und es ist durchaus von Vorteil, vorab einen Blick auf die Texte im Programmheft zu werfen. Die Songs sind neu arrangiert von Laurenz Gemmer. Der steuert auch eigene Kompositionen bei und sorgt zudem gemeinsam mit vier Musikern des Staatsorchesters live für die akustische Umsetzung. Die Choreografie dagegen ist nahezu gleich geblieben. Dabei hätte sich gerade die „Geschichte von den bösen Buben“ angeboten, durch eine Rückbesinnung auf die literarische Vorlage mehr Bezug zur Gegenwart herzustellen. In Zölligs Interpretation treten die jungen Männer als testosterongeschwängerte Truppe auf und geben provozierend Obszönitäten von sich. Die Szene gibt zwar einen Hinweis auf das veränderte Bild der Sexualität vom damaligen Tabu zur heutigen Freizügigkeit, ist aber als Thema nicht gerade neu. Hingegen wirkt die ursprüngliche Geschichte über Kinder, die einen Menschen anderer Hautfarbe verspotten, angesichts steigender Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft heute aktueller denn je.

Andere Abweichungen vom Original sind dagegen bereichernd. Verstörend gut umgesetzt ist etwa das Schicksal von Paulinchen. Die bekommt von einem Mann nicht nur Streichhölzer geschenkt, sondern auch ein hübsches Kleid. Als sie es unschuldig anprobiert, wandelt sich der scheinbar freundliche Fremde in einen gnadenlosen Vergewaltiger. Dieses aufwühlende Pas de deux wird von Jonathan Bringert und Brigitte Uray so eindringlich getanzt, dass dem Publikum der Atem stockt.

Nach all den Szenen voll schwarzen Humors und den vorwiegend negativen Folgen einer repressiven Pädagogik endet der „Struwwelpeter“ überraschend poetisch. Begleitet vom Gesang des Tanzensembles steigt der fliegende Robert in ein Boot und wirft sein Spielzeug über Bord. An Seilen gezogen, steigt der Kahn in die Höhe, und Robert entschwebt vor einer Wolkenleinwand seiner Kindheit.

Kirsten Pötzke

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