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Berichte

Perspektivwechsel

Meyerbeers »L‘Africaine« an der Oper Halle

Mit der Neuinszenierung der „Africaine“ von Giacomo Meyerbeer widmet sich die Oper Halle im Rahmen des Kooperationsprojektes „I like Africa and Africa likes me – I like Europe and Europe likes me“ mit der Oper Lübeck und dem Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes dem letzten Meisterwerk des lange verkannten Komponisten. Ein europäisch-afrikanisches Inszenierungsteam unterzieht ab September 2018 in der neuen Raumbühne „Babylon“ die „europäische Africaine“ in vier eigenständigen Versionen einem szenisch-musikalischen Übermalungsprozess. Ausgehend von der ersten Inszenierung, über die wir im Folgenden berichten, entstehen zu jedem neuen Raumbühnenblock im Januar und März 2019 neue Versionen und Fortschreibungen, an deren Ende, im Juni 2019, eine „afrikanisierte Africaine“ stehen soll.

Eigentlich ist Meyerbeers letzte eine richtige große Oper mit satten Aufgaben für Chor und Ballett. Man hätte also nicht erwartet, dass der von Markus Fischer einstudierte Chor und Extrachor der Oper Halle im ersten Teil dieses die gesamte Spielzeit umfassenden Großprojektes fast nur herumsteht: erst als Portugiesen in Schwarz, dann als Exoten in Weiß und beim Tod der Königin Sélica als himmlische Stimmen im alltagsgrauen Casual Dress.

Gerd Vogel als Nélusco und der Chor der Oper Halle. Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle / Falk Wenzel

Gerd Vogel als Nélusco und der Chor der Oper Halle. Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle / Falk Wenzel

Auf der zweiten Raumbühne „Babylon“ geht das phänomenale Mehrsparten-Happening der Bühnen Halle, begonnen vor zwei Jahren in der Raumbühne „Heterotopia“, mindestens ebenso farbig, munter und gedankentief in die zweite Runde. Unter der Dramaturgie Michael von zur Mühlens, die sich durch eine bemerkenswerte Offenheit und Spontaneität auszeichnet, wird es in den vier Perioden dieser Spielzeit auf der Raumbühne auch vier immer weiter von der Originalpartitur abrückende „Überschreibungen“ von Meyerbeers Oper mit neukomponierten Teilen des Südafrikaners Richard van Schoor geben. Man erlebt hier die europäische Repräsentationsgattung aus der Perspektive westafrikanischer Künstler und Intellektueller von heute. Es geht darum, wie das „System Oper“ von Menschen erlebt wird, denen das europäische Ritual des Kunsterlebnisses fremd ist. Von Meyerbeers vollständiger Partitur erklingen etwa 55 Prozent, also noch weniger als in früheren Stadttheater-Fassungen. „L‘Afri-caine“ ereignet sich zwischen den szenischen und visuellen Interventionen von Lionel Poutiaire Somé (Textbuch, Video) und Abdoul Kader Traoré (Sound Design). In den Zuspielungen tragen auch Rosina Kaleab und Karmela Shako nach sachlichen und witzigen, aber nie spöttischen Kommentaren zu diesem Operntraum der besonderen Art ganze Müllberge eurozentrischer Afrika-Klischees ab. Schamanische Zeichen verschmelzen mit Meyerbeers Oper, die dadurch einen ungewohnten Rahmen und ein neues, alle Teile ordnendes Gliederungsprinzip erhält. Der Perspektivenwandel hat also System, die Entlarvung von Opernpomp und rauschhafter Theatralik auch.

Weitere drei Teile dieses Großprojektes sind im kommenden Jahr geplant: ein gewaltiger Zyklus also! Dabei stellt sich die Oper Halle auf die Seite einer mitteleuropäischen Theatertradition, in der seit langem Stücktexte und Partituren für den Aufführungsanlass kräftig bearbeitet wurden. Dazu gehört allerdings auch die angemessene musikalische Umsetzung. Vor allem Romelia Lichtenstein in den verbliebenen Teilen ihres Parts und die neue Sopranistin Liudmila Lokaichuk als ihre operntypische Liebesrivalin Inès zeigen sich den höchst anspruchsvollen Aufgaben gewachsen. Insgesamt gleicht die musikalische Realisierung dieses Opernmonuments jedoch einer grauen Kiesbank unter Wolken. Das Schimmern der Partitur mit ihren Bombast- und Smaragdklängen hört man aus dem Graben der Staatskapelle Halle nicht. Die meisten Solisten glänzen mehr durch generösen Krafteinsatz als stilistische Kompetenz.

Im Panorama der Raumbühne Babylon geht unter, dass Meyerbeers Oper sicher keine legitimierende Feier der Kolonialideologie ist, der „stupid white man“ in der Gefühlskälte Vasco da Gamas nur allzu genau erkennbar ist und in der bürgerlichen Oper immer genau das verherrlicht wird, was der herrschenden Konvention zuwider lief. Einem Teil dieser großen Fragen und Lücken stellen sich die nächsten Überschreibungen von „L‘Africaine“.

Roland H. Dippel

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