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Editorial

Verpasste Chance(n)?

Was hat uns SARS-CoV2 eigentlich bislang gelehrt? Zunächst: das Fürchten. Der homo digitalis ist eben nicht der Gipfel der Evolution, der die Welt souverän versteht und beherrscht, sondern nur ein Zwischenschritt, unvollkommen und verwundbar auf allen nur denkbaren Ebenen.

Foto: Johannes List

Foto: Johannes List

Kurze Zeit schien es jedoch so, als eröffne die Pandemie auch so etwas wie Chancen: Sowohl zwischen Menschen als auch den Nationen war ein Hauch von Solidarität, von Zusammenstehen gegen die Bedrohung zu spüren. Die von den Lockdowns hervorgerufene Entschleunigung gab vielen eine Ahnung davon, dass auch ein Leben außerhalb des Hamsterrades möglich ist. Und selbst das Klima profitierte, nicht zuletzt von der drastischen Einschränkung des zuvor aberwitzigen Flugverkehrs. Und manch ein Optimist fing an davon zu träumen, dass die überentwickelten Gesellschaften der alten Welt sich vielleicht doch strukturell reformieren könnten.

Doch das hatte ein erschreckend schnelles Ende: Im Kleinen beim Klopapier, im Großen u. a. bei unbelegten Schuldzuweisungen für die Pandemie, um vom eigenen Versagen abzulenken (in den USA hat Covid-19 dank der Weisheit des Präsidenten bereits jetzt 3x so viele Todesopfer gefordert wie der gesamte Vietnam-Krieg!), der Sicherung exzessiver Exklusivrechte auf potenzielle Impfstoffe weit über den Bedarf der eigenen Bevölkerung hinaus oder dem Verteilungskampf um die von den sonst so klammen öffentlichen Kassen weltweit plötzlich lockergemachten Billionen-Hilfen (wohlmeinend als „Waffe“ gegen das Virus im Angesicht der eigenen Hilflosigkeit zu interpretieren), an dem sich – mit der üblichen und immer wirksamen Drohung des massenweisen Abbaus von Arbeitsplätzen – an vorderster Front genau die kapitalstarken Konzerne beteiligen, die ihre Inlandsgewinne der deutschen Steuer entziehen und ihren Topmanagern ungeachtet der „Krise“ Millionen-Boni zahlen. Und um zukünftige Gewinne zu optimieren, dient die Corona-Krise als willkommener Anlass für die Forderung, die Klimaziele, deren Erreichung mittelfristig ungleich wichtiger ist als die Überwindung dieser Krise, erst einmal kräftig nach hinten zu schieben. Wieder einmal stimmt das alte Krisen-Schlagwort „Sozialisierung der Verluste, Privatisierung der Gewinne“.

Wohlgemerkt: die überlebensnotwendigen drastischen Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie haben viele Menschen und Bereiche existenziell getroffen, und hier sind staatliche Hilfen mehr als angesagt. Einer dieser Bereiche ist die Kunst, insbesondere die, die davon lebt, dass sie live vor Publikum stattfindet – was ja plötzlich auf absehbare Zeit nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Immerhin hat die Politik dies zumindest verbal erkannt und, insbesondere in Person der Kulturstaatsministerin, vollmundig umfangreiche Hilfen zugesagt.

Doch wie ist die Realität? Viele, insbesondere freischaffende, Künstler/innen erfüllen gar nicht die Voraussetzungen, um an den der Kultur zugesagten Milliönchen zu partizipieren, etwa weil sie – da ihr Kapital ja nun einmal primär ihre eigene Schaffenskraft ist – keine formellen „Betriebsausgaben“ haben, die erstattungsfähig wären, oder weil sie mangels langfristiger vertraglicher Bindungen keine Verdienstausfälle beweisen können. Und jedenfalls im Normalbetrieb öffentlich geförderte Kulturveranstalter durften gar keine Rücklagen bilden, die sie in Krisenzeiten abfedern könnten. Liebe Frau Kulturministerin: Hier stinkt es nach Mogelpackung!

In einer besonderen Situation sind in Deutschland die öffentlich getragenen Theater, deren Beschäftigte einerseits zu einem großen Teil über feste oder privilegierte Zeitverträge verfügen, und die andererseits nur einen geringen Teil (durchschnittlich ca. 20%) ihrer (auch Personal-)Aufwendungen selbst erwirtschaften müssen. Für sie war es natürlich zunächst ein Schock, ausgerechnet in einer Situation, die eigentlich Gelegenheit gäbe, die eigene gesellschaftliche Relevanz zu dokumentieren, von einem Tag auf den anderen zunächst vollständig „dichtmachen“ zu müssen – ihren Auftrag schlichtweg nicht mehr erfüllen zu können, zwangsweise stumm und lahm zu werden. Keine der vielen mit viel Kreativität aus dem Boden gestampften online-Aktivitäten konnte das kompensieren.

Mittlerweile sind begrenzte live-Aktivitäten vor begrenztem Publikum wieder möglich. Aber mancherorts lauert ein anderer Feind: Zu Beginn der Krise entdeckten Theater etwas, das man im öffentlichen Dienst bis dahin für undenkbar gehalten hätte: die Möglichkeit, die Kurarbeitergeldkasse der BA anzuzapfen. Das wurde schnell zur Sucht, denn durch beherzte Kurzarbeits-Rechenmodelle kann man auch über den Einnahmeausfall hinaus prima Haushaltsdefizite ausgleichen. Und das führt manche Geschäftsführung in Versuchung, in Kurzarbeit zu schwelgen und im Extremfall den Laden dicht zu halten, obwohl die Künstler/innen händeringend arbeiten wollen und – coronatechnisch – dürften.
Eigentlich sind wir vom Theater ja gesellschaftspolitische Weitsicht gewohnt. Ob´s aber edler im Gemüt zu sparen (und sei es auf Kosten anderer öffentlicher Kassen) oder zu spielen, das ist hier die Frage.

Tobias Könemann

 

 

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