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Hintergrund

Utopie und Niedergang

Die Geschichte der Bayreuther Festspiele

Die ersten Festspiele wurden am 13. August 1876 mit der ersten kompletten Aufführung des Nibelungenrings gegeben. Richard Wagner erstrebte eine Revolution des Musiktheaters zur mustergültigen Aufführung seines Œuvres. Die Festspiele sollten von Anfang an „die Utopie einer totalen Alternative“ sein (Oswald Georg Bauer). Eine Alternative zum vorherrschenden, kommerziell orientierten Theaterbetrieb jenseits der Metropolen! Wagners Idee stand dem, was wir heute Entertainmentindustrie nennen, diametral entgegen.

Wagner hatte die besten Bühnenbildner, Maschinisten und Sänger seiner Zeit verpflichtet sowie den renommierten Dirigenten Hans Richter. Das gesellschaftliche Echo war zwiespältig, die Pressereaktionen waren überwiegend ablehnend, die ersten Bayreuther Festspiele wurden ein gewaltiges finanzielles Debakel. Wagner zweifelte grundsätzlich an seiner Festspielidee. An eine Wiederholung war nicht zu denken. Erst nach einer Pause von sechs Jahren fanden die zweiten Festspiele statt. In dieser Zeit schrieb Wagner seinen „Parsifal“, der 1882 uraufgeführt wurde. Dessen Uraufführung wurde zum Triumph für Wagner. Dennoch sah er für die Zukunft seiner Festspiele schwarz.

Am 13. Februar 1883 starb Wagner in Venedig. Nach seinem Tod übernahm seine Gattin Cosima die Leitung des Bayreuther Familienunternehmens. Nur der „Parsifal“ stand im Sterbejahr Wagners auf dem Programm. Seine Aufführung wurde zum Quasi-Gottesdienst, zum Requiem erhoben und das Festspielhaus zum Tempel. Es war der Auftakt einer folgenreichen Wagner-Idolisierung. 1886 brachte Cosima in eigener Regie den „Tristan“ heraus und demonstrierte schon mit ihrer ersten Inszenierung pedantische Buchstabentreue gegenüber Wagners Regieanweisungen, was für ihren Bayreuther Regiestil kennzeichnend wurde. Und sie hielt sich an naturalistische Draperien des 19. Jahrhunderts, bestand auf Verharmlosung alles Erotischen und weihevoll pathetische Distanz der Personenregie. Sie hatte zwar als Leiterin der Festspiele die Nagelprobe bestanden, doch die Besucherzahlen waren besorgniserregend. Sie lagen im Schnitt bei 960 verkauften Karten pro Vorstellung. Das Festspielhaus hat aber rund 2.000 Plätze! Das Überleben der Festspiele stand auf dem Spiel. Man pausierte zwei Jahre. Mit der Bayreuther Erstaufführung der „Meistersinger“ 1888 erreichte Cosima für die Festspiele den großen Durchbruch. Bayreuth wurde zum gesellschaftlichen Ereignis schlechthin. Die Festspiele zogen genau jene modeorientierten Publikumsmassen, die Neureichen und den europäischen Hochadel an, die Wagner eigentlich ausschließen wollte. Bayreuth war eine Weltattraktion geworden. Cosimas Sohn Siegfried, der ab 1906 offiziell die Festspiele leitete und nur vier Monate nach seiner Mutter verstarb, hat nicht viel verändert in Bayreuth. Immerhin gelang ihm die Einführung bedeutender technischer Neuerungen und mit dem Engagement Arturo Toscaninis der Höhepunkt der Festspielgeschichte vor 1945.

Die Situation der Festspiele hatte sich allerdings gewandelt. Bayreuth war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein Pilgerzentrum für das kunstbeflissene Großbürgertum, den europäischen Adel, die Kulturschaffenden und für sensationshungrige Gäste aus ganz Europa und Übersee. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es die alten Wagnerianer nicht mehr. Aus der wirtschaftlichen Not und der katastrophalen Inflation, die dem Krieg folgten, gingen die Bayreuther Festspiele bankrott hervor.
Erst 1924 wurden sie wiedereröffnet. Siegfried Wagner hatte 1915 die gebürtige Engländerin Winifred Williams geheiratet. Gemäß seinem Testament übernahm sie nach Siegfrieds Tod 1930 die Leitung der Festspiele. Mit Hitlers Machtübernahme 1933 erfüllte sich Winifreds persönlicher Wunsch. Sie machte sich ganz bewusst zum Steigbügelhalter für Hitler und den Nationalsozialismus. Hitler revanchierte sich. Er stellte die Bayreuther Festspiele unter seinen persönlichen Schutz und sorgte für beträchtliche finanzielle und logistische Unterstützungsmaßnahmen. Hitlers persönliche Zuneigung zu Winifred rettete ihre künstlerische Entscheidungsfreiheit. Das sängerische wie dirigentische Niveau der Bayreuther Festspiele war bis zur Schließung 1944 enorm hoch. Dennoch war die Kartennachfrage im Dritten Reich besorgniserregend. Die Nazis waren größtenteils keine Wagnerianer. Sie liebten eher die Operette. Die Theaterstatistiken belegen es. Winifred wollte nach Kriegsausbruch 1939 Bayreuth schließen, doch Hitler bestand auf „Kriegsfestspielen“, zu denen nicht mehr die Öffentlichkeit Zugang hatte, sondern nur Personen, die „des Führers Gäste“ genannt wurden. Allein die „Meistersinger von Nürnberg“ standen auf dem Programm. Die letzte Aufführung fand am 9. August 1944 statt.

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches, nach Kriegsende und Spruchkammer-Verurteilung Winifred Wagners wurden ihre beiden Söhne Wieland und Wolfgang mit der Wiederaufnahme des Festspielbetriebs betraut. Am 30. Juli 1951 hob sich der Vorhang im Bayreuther Festspielhaus, zur „Parsifal“-Eröffnungspremiere der ersten Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wagner-Enkel Wieland war für Regie und Bühnenbild verantwortlich. Man spielte auf nahezu leerer Bühne, fast ohne Requisiten und ohne jeden Bezug zu historischer Konkretheit und Realität. Der Bayreuther Neuanfang war im In- und Ausland als ein theatergeschichtliches Ereignis allerersten Ranges gefeiert worden. Schlagworte von der Entrümpelung machten die Runde. Es war eine szenische Revolution der Wagnerbühne. Vorwiegend unbelastete Dirigenten-Persönlichkeiten wurden nun in Bayreuth engagiert. Man hatte ein Sängerteam zur Verfügung, das bis heute nicht wieder erreicht wurde. Es war ein Modell-Ensemble (aus dem Martha Mödl, Astrid Varnay und Birgit Nilsson herausragten), das Maßstäbe setzte. „Neubayreuth“ wurde die führende Wagnerbühne der Welt.

Als Wieland Wagner 1966 – kaum 50 Jahre alt – starb, fiel seinem Bruder Wolfgang das alleinige Erbe der Festspielleitung zu. Er inszenierte zwar auch selbst, aber seit 1969 überließ Wolfgang Wagner die Bayreuther Bühne vornehmlich anderen Regisseuren. Mit Patrice Chéreaus „Jahrhundertring“, Werner Herzogs cineastisch-märchenhaftem „Lohengrin“, Heiner Müllers „Tristan“ und Stefan Herheims „Parsifal“ sorgte er für Sternstunden des Musiktheaters. Bayreuth wurde zur „Werkstatt“.

1987 wurde Wolfgang Festspielleiter auf Lebenszeit. Er war alleiniger Gesellschafter der Festspiel-GmbH (Bayreuth ist seit 1973 kein Familienunternehmen mehr, sondern quasi Staatstheater). Mehr als fünf Jahrzehnte leitete er als beispielhafter Impresario das Bayreuther Unternehmen. Die Festspiele sind unter seiner Ägide eines der materiell erfolgreichsten Festspielunternehmen der Welt geworden, mit den vergleichbar billigsten Eintrittspreisen. Seine wichtigste Lebensleistung war sicher 1973 die Gründung der „Richard Wagner Stiftung“ zur Erhaltung der Festspiele, Immobilien, Noten und Archivalien.

Im Juli 1998 eröffnete Wolfgang Wagner das Verfahren zur Findung seines Nachfolgers. Als plötzlich und unerwartet am 28. November 2007 Wolfgangs Gattin Gudrun verstarb, war der Weg frei für eine Annäherung zwischen der seinerzeit verstoßenen Wolfgang-Tochter Eva (aus erster Ehe) und Katharina, die als Wunschnachfolgerin ihrer Eltern galt. 2008 erklärte Wolfgang seinen Rücktritt, und der Stiftungsrat wählte Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner zu gleichberechtigten Leiterinnen der Bayreuther Festspiele. Katharina und Eva Wagner haben vor allem kosmetische Veränderungen vorgenommen, um Bayreuth zur Eventlocation zu machen. Andererseits biederten sie sich dem Massenpublikum an, per Internet-Livestream oder Public Viewing auf dem Volksfestplatz. Mit dem umstrittenen „Ring“ von Frank Castorf 2013 gelang immerhin ein coup de théâtre. Dennoch befindet sich das heutige Bayreuth auf steiler Talfahrt.

Mit austauschbarem, zeitgeistigem Regietheater und teils fragwürdigen Sängerleistungen hat Katharina Wagner (seit 2015 ist sie alleinige Festspielleiterin) einen Großteil des Festspielpublikums gegen sich aufgebracht. Ihre Konzeption ist nicht nur eine große Gefahr für die Zukunft der Bayreuther Festspiele, denen viele ehemals treue Festspielbesucher aus Verärgerung fernbleiben, es ist vor allem das größte Missverständnis dessen, was Richard Wagner mit seiner Festspielidee ursprünglich vorschwebte.

Ende April 2020 wurde bekannt gegeben, dass Wagner „längerfristig erkrankt“ sei und deshalb die Leitung der Bayreuther Festspiele „bis auf weiteres“ nicht wahrnehmen könne. Erst im November 2019 hatte sie ihren Vertrag bis 2025 verlängert. Einstweilen führen Heinz-Dieter Sense und Holger von Berg als Geschäftsführende Direktoren die Festspiele GmbH, aber auch von Bergs Vertrag wurde über 2021 hinaus nicht verlängert. Noch ist Christian Thielemann Musikdirektor der Bayreuther Festspiele. Am 31. März 2020 wurde bekannt gegeben, dass auf Grund von COVID-19 die Festspiele im Jahr 2020 abgesagt wurden. Wie es weitergeht in Bayreuth, personell wie künstlerisch, ist ungewiss. Die Nornenfrage steht im Raum: „Weißt Du, wie das wird?“

Dieter David Scholz

 

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