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Schwerpunkt: Musiktheaterbau

In der Mitte der Stadt

Musicaltheater-Bauten in Deutschland

„Es gab keine Vorbilder für uns, wir mussten alles selbst entwerfen und alle Konzepte selbst entwickeln – doch vor irgendwelchen Problemen haben wir uns nie gefürchtet.“ Selbstbewusstsein schwingt noch immer in der Stimme des 81-jährigen Heinz Pack: Kein Wunder, schließlich ist sein vor mehr als drei Jahrzehnten entworfener Theaterbau bis heute Haltestation für zahlreiche Musical-Fans, bietet Bochums seinerzeit für 24,5 Millionen Mark maßgeschneiderter Lokomotiv-Schuppen eine Zug-Nummer, mit deren Attraktivität nicht allein die grauen VfL-Kicker im benachbarten Ruhrstadion schon seit langem nicht mehr konkurrieren können. Und obendrein den Superlativ, inzwischen Deutschlands längstes ununterbrochen laufendes Musical zu sein: Der „Starlight Express“ rollt und rollt und rollt – und da spielt es auch keine Rolle, dass die Architektur des Hauses eher einer Sportarena als einem Theatergebäude gleicht...

Starlight-Theatereingang. Foto: Jens Hauer/STARLIGHT EXPRESS

Starlight-Theatereingang. Foto: Jens Hauer/STARLIGHT EXPRESS

Hatten die damaligen SPD-Stadtväter der finanzschwachen Ruhrgebietskommune das Rollschuh-Musical Andrew Lloyd Webbers noch mit offenen Armen begrüßt, flogen zwei Jahre später beim zweiten Neubau eines Musical-Theaters die Steine, auf den Straßen im Hamburger Schanzenviertel brannten die Barrikaden, und 4.000 Polizisten mussten die Eröffnungs- und Premierenfeierlichkeiten zum „Phantom der Oper“ im Juni 1990 mit Wasserwerfern schützen: Nachdem die alternative Szene erfolgreich gegen die kommerzielle Umwidmung des ehemaligen maroden „Flora“-Theaters im Schanzenviertel mobil gemacht hatte, entstand keinen Kilometer entfernt die „Neue Flora“ – allen Klagen von Anwohnern und Protesten von Autonomen zum Trotz. „Aus Angst vor Vandalismus haben wir jeden Abend die Pläne per Hand aus dem Büro getragen“, erinnert sich Architekt Uwe Köhnholdt, der damals mit seinem Büro die Pläne für den in nur 22 Monaten hochgezogenen Neubau entwarf. Und der bis heute nicht mit Kritik an dem Projekt spart: sowohl an die Adresse der Politik – „dem Senat mangelte es an Feinfühligkeit für eine ausgewogene politische Stadtentwicklung, man hat es durch alle Behörden gepeitscht“ – wie auch an den Bauherren selbst. „Die Investoren sahen in dem Projekt nur eine Gelddruckmaschine, der Rohbau musste im Grunde bereits die Endgestalt geben: Für den Innenausbau war kaum mehr Geld da.“

Starlight-Innenraum. Foto: Jens Hauer/STARLIGHT EXPRESS

Starlight-Innenraum. Foto: Jens Hauer/STARLIGHT EXPRESS

Mag am inneren Rohzustand mit Fliesenböden und unverputzten Betonnähten inzwischen auch nachgebessert worden sein, nach außen wirkt die rot-gelbe, an einem der Verkehrsknotenpunkte der Hansestadt gelegene Klinkerfassade des Theaters bis heute wie eine Trutzburg im unaufhörlich pulsierenden Autoverkehr. Über dem Eingang ragt noch immer das markante Stahldach von der Größe zweier Tennisfelder, während das eigentliche Foyer, Zuschauerraum und Bühne hinter zwei Bürohausflügeln verborgen liegen. „Im Grunde ist das Theater versteckt worden, denn wir mussten ja noch Gewerbe-, Laden und Restaurantflächen unterbringen“: Der ironische Unterton in Köhnholdts Stimme ist nicht zu überhören. Und doch hält der inzwischen 79-jährige Hamburger an seiner damaligen Überzeugung bis heute fest: „Ein Theater ist ein gemeinschaftlicher Wille. Solche Gebäude gehören ins Zentrum einer Stadt und müssen für alle erreichbar sein.“

Ein Credo, das auch Stephan Jaekel pflegt: „Es ist eine irrige Annahme zu glauben, man bräuchte nur irgendein Stück und dann kämen die Leute schon mit Bussen angekarrt“, schüttelt der Unternehmenssprecher der Stage Entertainment (SE) den Kopf. „Ein Theater gehört in die Mitte der Stadt!“ Nun, Pleiten wie in der Taunus-Gemeinde Niedernhausen, wo Mitte der 90er-Jahre das Rhein-Main-Theater auf der grünen Wiese errichtet wurde, um dort mit Lloyd Webbers „Sunset Boulevard“ einen finanziellen Sonnenaufgang bis in alle Ewigkeit zu erzielen, geben Jaekel Recht. Selbst den Musical-Profis der SE war in weniger guten Lagen mittelgroßer Städte kein Zuschauer-Glück beschieden: So hat der Marktführer, der in Hamburg, Berlin und Stuttgart zehn Bühnen bespielt, nach 15 Jahren den Betrieb im Oberhausener Metronom-Theater eingestellt. Und der Stage-Sprecher dämpft auch die Hoffnungen auf Neueröffnungen oder gar den Bau neuer Spielstätten: „Wir werden zwar immer wieder von Kommunen angesprochen, doch für uns kommen nicht mehr so viele neue Standorte in Frage.“ Allein München wäre für den einst von Joop van den Ende gegründeten Konzern noch eine reizvolle Spielwiese – doch „die Stadt braucht uns nicht“, stellt Jaekel nüchtern fest. Schon gar nicht im Zentrum, wo die Flächen knapp sind und der Immobilienbereich abgegrast ist und private Investoren mit Vermietung an mehrere kleinere Interessenten weit höhere Renditen erzielen können.

Theatersaal des Mehr!Theaters am Hamburger Großmarkt. Foto: Jochen Quast

Theatersaal des Mehr!Theaters am Hamburger Großmarkt. Foto: Jochen Quast

In Hamburg war dies vor einigen Jahren noch ganz anders, als die Stage dort 2014 mit dem Neubau ihres Theaters an der Elbe für „Das Wunder von Bern“ ihre vierte Musical-Bühne in der Hansestadt eröffnete: Erst nach und nach erwachte die kühle Schöne des Nordens da aus ihrem Dornröschenschlaf – und natürlich sei dort auch mit der Architektur „ein Ausrufezeichen“ gesetzt worden. Für die neu errichteten SE-Spielstätten hieß und heißt dies vor allem viel Glas, Stahl und Marmor, während im Inneren gern auf die klassischen Theaterfarben Schwarz und Rot gesetzt wird und auch der Teppichboden den Wiedererkennungseffekt in den verschiedenen Häusern garantiert. Dass ein Stararchitekt wie Renzo Piano im Theater am Potsdamer Platz die (Zeichen-)Federführung übernimmt, ist indes eher die Ausnahme: In Berlin hat der Italiener am Marlene-Dietrich-Platz mit der Musical-Spielstätte und der angrenzenden Spielbank zwei monumentale, kantige Baukörper geschaffen, deren schräge, überlappende Formen wie ineinander geschoben wirken und mit ihrer goldglänzenden Aluminium-Fassadenhaut einen Kontrast zur Umgebung bilden. Doch in der Regel müsse ein privates Unternehmen immer auch den Rechenstift ansetzen, zeigt Jaekel die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeiten auf – was schon mit der Frage begänne: Grundstückskauf und Theater-Neubau oder doch besser ein langfristiger Mietvertrag? „Durch die Vertragslänge kaufen wir uns eine gewisse Sicherheit ein, um dort mehrere Shows nacheinander programmieren zu können.“ Bei einem Kauf bedürfe es indes einer mittleren zweistelligen Millionensumme auf einen Schlag: eine Rechnung, die frühesten nach zehn Jahren erfolgreicher Spielzeit aufgeht.

Übersicht der Musicaltheaterbauten. Das Stage Bluemax Theater wurde 1997 als IMAX-Kino eröffnet; das Hamburger Mehr! Theater wurde 2020 für das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ umgebaut; für die Stuttgarter Häuser wurden die Baukosten nicht separat aufgeliste, da sie Teil des SI-Centrums waren.

Übersicht der Musicaltheaterbauten. Das Stage Bluemax Theater wurde 1997 als IMAX-Kino eröffnet; das Hamburger Mehr! Theater wurde 2020 für das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ umgebaut; für die Stuttgarter Häuser wurden die Baukosten nicht separat aufgeliste, da sie Teil des SI-Centrums waren.

Ausrufezeichen setzen diese eigens für den Musical-Betrieb errichteten Häuser denn auch seltener in puncto Architektur, sondern vielmehr durch ihre außergewöhnlichen Orte: Sei es in Köln, wo der Musical Dome direkt an der Rheinuferpromenade liegt; in Hamburg, wo die beiden Stage-Theater im Hafen nicht nur den Blick auf die Elbe eröffnen, sondern sich dem Besucher das Stadt-Panorama samt Elbphilharmonie in seltener Pracht bietet – oder auch in Füssen, wo sich am gegenüber liegenden Seeufer von „Ludwigs Festspielhaus“ Schloss Neuschwanstein erhebt. Eindrucksvolle (Pausen-)Ausblicke, die indes für das Spielstätten-Erlebnis allenfalls die halbe Miete sind: „Für den Zuschauer sind – neben komfortablen Foyers und gut ausgestatteten Waschräumen – die Beinfreiheit am Platz, die Sicht auf die Bühne sowie die Akustik im Saal ausschlaggebend“, konstatiert Maik Klokow, Chef der Mehr-BB Entertainment. Und natürlich auch das gastronomische Pausen-Erlebnis: „Die meisten Foyers in den jüngeren Musical-Theatern sind relativ offen gestaltet und die Blickachsen so gehalten, dass die Menschen das Gefühl haben, die Zeit dort gemeinsam zu verbringen – schließlich will man ja auch schauen, wer da ist“, beschreibt Geschäftsführer Jörn Meyer die halbe Stunde zwischen den beiden Show-Hälften in seinem Bremer Metropol Theater. Und dazu gehöre dann auch eine stilvolle Gastronomie: „Das Getränk aus der Dose hat sich hier nie durchgesetzt.“ Ebenso wenig wie die saloppe Alltagskleidung wie etwa in New York, wo die Menschen direkt vom Shopping in die Broadway-Theater und ihre oftmals engen Foyers stolpern und Jeans die Standard-Garderobe bilden.

Undenkbar hierzulande, wo die feine Abendkleidung ebenso zum Musical-Gesamterlebnis gehört wie das „Sehen und Gesehen-Werden“ in den weitläufigen Foyers und Bar-Bereichen – und im besten Fall sogar der Blick auf ein echtes Königsschloss wie in Füssen! „Unser Haus hat eine unglaubliche Fangemeinde und ist eine echte Marke geworden, ein richtiger Brand“, schwärmt Benjamin Sahler über „Ludwigs Festspielhaus“ am Forggensee. „Ich sehe uns da auf einem Level mit der Elbphilharmonie in Hamburg oder der Oper in Sydney.“

Reichlich Selbstbewusstsein schwingt in den Worten des Theaterdirektors – kein Wunder angesichts von 1,5 Millionen Besuchern, die Jahr für Jahr nach Neuschwanstein pilgern und auch auf dem Gelände des Festspielhauses für 1.500 Schaulustige pro Tag sorgen. Andernorts fehlt solch ein dekorativer Lockvogel – vielleicht auch deshalb hat Musical-Maniac van den Ende die Foyers der Stage-Theater in kleine oder große Galerien verwandelt für Gemälde und Skulpturen zeitgenössischer Künstler, die allein schon ob ihrer Dimensionen beeindrucken. „Auch hier geht es um die Trennung zwischen Alltag und der Zauberwelt des Theaters“, beschreibt Jaekel die Wirkung dieser Präsentation. Oder etwas nüchterner mit den Worten Köhnholdts formuliert: „Die Architektur soll beim Besucher mit dem Eintritt ins Theater eine Feierlichkeit hervorrufen – nicht anders funktionieren Kirchen und Tempel.“

Christoph Forsthoff

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