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Hintergrund

Der Grüne Hügel wird digital

„Diskurs Bayreuth“ in Zeiten von Corona

Es war kein leichtes Jahr für das Bayreuther Festspielhaus: Neben dem längerfristigen krankheitsbedingten Ausfall der Festspielleiterin und Geschäftsführerin Katharina Wagner seit Ende April mussten auch die Festspiele selbst unweigerlich aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie abgesagt werden. Weil die geplante Realisierung der Aufführungen nicht länger möglich war, sollte in diesem Jahr ein Hauptaugenmerk auf das Rahmenprogramm „Diskurs Bayreuth“ gelegt werden.

Diskurs an ungewöhnlichen Orten. Foto: David Sünderhauf

Diskurs an ungewöhnlichen Orten. Foto: David Sünderhauf

Das Leben auf dem Grünen Hügel stand also nicht gänzlich still: Das Programm „Diskurs Bayreuth“ wurde online präsentiert und brachte einige Ereignisse aus dem Festspielhaus auf den Bildschirm nach Hause. In diesem Rahmen nutzte der dänische Komponist Simon Steen-Andersen das leerstehende Gebäude für eine audiovisuelle Kunstaktion mit dem Titel „The Loop of the Nibelung“. Neben Bildern, Szenen und Motiven aus dem „Ring“ fungiert in diesem Projekt das Gebäude selbst nicht nur als Szenerie, sondern auch als Instrument: Genutzt werden verschiedenste Klänge, die in den Gängen, Räumen und Treppenhäusern des Festspielhauses zu finden sind. Wie in einer Kettenreaktion führen Kameralinse und Mikrofon von der Bühne durch den Orchestergraben bis auf das Dach des Hauses. An verschiedenen Stationen präsentieren sich Instrumentalisten und Sänger, außerdem werden Einspielungen von historischen Aufnahmen gezeigt. Mit geschickten Projektionen und sogar aus der Hundeperspektive lässt sich das Festspielhaus auf eine besondere Weise wahrnehmen, bis der Loop wieder an seinen Beginn zurückführt. Dieses Projekt bot für viele Musiker die Möglichkeit, in diesem Jahr in das Festspielhaus zurückzukehren.

Weitere Hintergründe zu dieser Installation von Steen-Andersen werden in der Einführung zum „Jahrhundert-Ring“ mit dem Titel „RING RING RING“ von Andreas Krieger behandelt. Darin wird auch der legendären Inszenierung von Patrice Chéreau (Premiere 1976) und ihren Nachwirkungen im Gespräch mit Sängern und Regisseuren nachgegangen. Mit dem „Meistersinger“-Zitat „Hier gilt’s der Kunst“ gab es im Rahmen des Diskurses Bayreuth 2020 eine Gesprächsreihe zu Wagner, Musik und Politik. Pandemiebedingt fanden die Gespräche nicht in der Villa Wahnfried in Bayreuth statt, sondern auf der leeren Bühne des Pierre-Boulez-Saals in Berlin. In einem ersten Gespräch dieser Reihe sprach Moderatorin Thea Dorn mit Daniel Barenboim, der 18 Jahre lang in Bayreuth Wagner dirigiert hat, über die politische Wirksamkeit von Kunst und seine Erfahrungen dazu. Ein zweites Gespräch mit der Autorin Julia Spinola und dem Regisseur Barrie Kosky, der als erster jüdischer Regisseur im Bayreuther Festspielhaus inszenierte, moderierte BR-Klassik-Redakteur Bernhard Neuhoff. Kosky ging hier auf die „sadomasochistische“ Beziehung zwischen dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi und Richard Wagner ein.

Bernhard Neuhoff sprach außerdem mit Dörte Schmidt und Dieter Grimm über die Autonomie von Kunst und deren gesellschaftliche Funktion. Schließlich moderierte Björn Gottstein, künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage, eine Runde mit dem Pianisten András Schiff und der Schauspielerin Martina Gedeck. Hier wurde über die freie Entwicklung der Kunst diskutiert und es wurde hinterfragt, inwiefern ein Künstler politisch Stellung nehmen muss. Die Gesprächsreihe griff damit Aspekte auf, die derzeit relevanter sind denn je: Was kann Kunst bewirken? Welche Rolle spielt sie in der Demokratie, ist sie „systemrelevant“?

Der Diskurs Bayreuth 2020 zeigt: Das Festspielhaus lebt. Als teils sehr spielerische Kunstaktion nicht nur für kundige Opernfreunde attraktiv, führte „The Loop of the Nibelung“ auf äußerst kreative Weise hinter die Kulissen, und auch die Gesprächsreihe überzeugte durch relevante Themen. Obschon das Musiktheaterfestival selbst also nicht stattfand, ging doch einiges inner- und außerhalb der Mauern auf dem Grünen Hügel vor sich.

Patrick Ohnesorg

 

 

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